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MONA LISA
Mülheimer Woche
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Links:
MONA LISA
Einleitung
Dies ist der Name der Schülerzeitung
des Gymnasiums Broich, das ist vom Sommer 1988 bis zum Juni 1997 besuchte.
Durch meinen Bruder, der bereits in der
Redaktion eben jener „MONA LISA“ tätig war, stieß ich bereits
im 5. Schuljahr auf die Journalismus-Fährte, zunächst allerdings
nur als Teilnehmer an den wöchentlichen Redaktionssitzungen im Raum
der Schülervertretung (SV). Im 6. Schuljahr (1989/1990) erstellte
ich mit drei Klassenkameraden die Klassenzeitung „KLASSE AKTUELL“, während
ich bei der ML als fleißiges Lieschen beim Lay-Out mithalf (6./7.
Schuljahr), um ab Beginn des 8. Schuljahrs als „echter“ Redakteur einzusteigen.
„Chef“ war damals kein Geringerer als
die Koryphäe Dirk von Gehlen, der nach dem Abi erfolgreich die Journalistenschule
in München abschloss und heute bei der Online-Redaktion des JETZT-Magazins
der Süddeutschen Zeitung tätig ist.
Ab dem Ende des 10. Schuljahr – also ab
Mai 1994 – als die Redaktion um Dirk
von Gehlen das Abitur hinter sich gebracht hatte, fungierte ich als
stolzer Chefredakteur.
Die Bilanz:
Vier Ausgaben erschienen
unter meiner Federführung, wir beleuchteten das schulische und das
gesellschaftliche Leben – für Schülerzeitungen typisch mit Interviews
mit neuen Lehrern, Live-Reportagen vom letzten Schultag der Abiturienten
sowie Kino- und CD-Vorstellungen und (nicht zu vergessen) Unmengen an Lehrer-Zitaten.
Aber uns zeichnete nicht der „übliche Kram“ aus, nein, einige Text-Perlen
waren gewiss dabei und es gab eine Situation, in der mein kongenialer Kumpan
Eike Lürig und ich die ganze Schüler- und Lehrerschaft gegen
uns hatten. Eine Situation, die prägte, keine Frage! Der Preis blieb
übrigens konstant bei 1 Mark und wir wirtschafteten die MONA LISA
weeeeeit in die schwarzen Zahlen!
MONA LISA Nummer 22 (Februar
1995):
Diese Ausgabe in “giftgrün”
erschien im Februar 1995, hatte einen Umfang von 40 Seiten. Neben mir war
auch Andreas Knechten auf dem Papier „Chefredakteur“. In den Winterferien
1994/1995 veranstalteten wir in den Katakomben unseres Finanzchefs Robert
Morgenthaler ein denkwürdiges „LayOut“, mit täglichem Mittagessen
in der Pommesbude "Gyros-Grill"... In dieser Ausgabe stand der Artikel
„Die
seltsamen Ideen der Frau Luhr-Kloos“, der heftigste
Reaktionen hervorrief (siehe unten).
MONA LISA Nummer 23 (Juli 1995):
Aber wir ließen uns
nicht abschrecken und erstellten in den Osterferien 1995 gleich die nächste
Ausgabe. Im Deutsch-Leistungskurs der 11. Jahrgangsstufe (2. Halbjahr)
beim Schulleiter Herrn Metzing hatte ich zu dieser Zeit nicht gerade die
besten Karten und nahm selbst eine ignorierende Haltung ein. Was mir keine
tollen SoMi-Noten einbrachte (für Sonstige Mitarbeit). Die Seitenzahl
steigerten wir auf 60, die Auflagenzahl von 500 auf 600 – und wieder war
die Ausgabe bereits in der zweiten großen Pause ausverkauft! Wirklich!
Die Umschlagfarbe: Blau!
MONA LISA Nummer 24 (Dezember
1995):
In den Herbstferien 1995
erstellten wir – mittlerweile in die 12. Klasse aufgerückt – traditionell
bei Robert Morgenthaler die 24. Ausgabe. Mit Herrn Metzing hatten wir uns
inzwischen versöhnt, und einmal im Monat kam es in einer großen
Pause zu fast schon legendären Interview-Szenen, die in einem einzigen
Gelächter endeten. Die Seitenzahl stieg auf 72 Seiten (das bedeutete
die Einstellung des MONA LISA-Rekords), die Artikel wurden – wie wir fanden
– immer frecher. Aber es gab einfach keine Einwände mehr – war der
Respekt vor uns schon so groß? Mit dabei: Ein Schuljubiläums-Sonderteil.
MONA LISA Nummer 25 (Juni 1996):
Kurz vor dem Ende unseres
12. Schuljahrs erstellten wir unser 104-seitiges Meisterwerk – mit Zitate-Sonderteil
und einigen richtig guten Glossen (fanden wir zumindest), mit denen wir
die Lehrer und einige Methoden ziemlich gut bloß stellen konnten.
August 1996 bis Juni 1997:
Da „man“ aufhören soll,
wenn es am schönsten ist, beendeten wir unsere MONA LISA-Karriere
im Sommer 1996. Kurz vor dem Jahreswechsel 1996/1997 übergaben wir
den Staffelstab an ein Mädel-Trio aus der 11. Klasse. Heute soll es
– so hörte ich – die MONA LISA immer noch geben.
Die MONA LISA war mir –
ich muss es zugeben – wichtiger als meine eigene Schul-Laufbahn. Sie kostete
viel Kraft, viele Diskussionen und es gab auch richtig Ärger; aber
ich habe die Arbeit gerne erledigt. Sie hat ungeheuer viel Spaß gemacht.
Meine Oberstufen-Zeit ist mir deshalb in so guter Erinnerung, weil ich
dazu beitragen konnte, dass sich etwas verändert, das Leben in der
Bude ist, dass ernsthaft diskutiert wird. Es war mein Beitrag zu einem
interessanten, aktiven, streitbaren und nachdenkenswerten Schulleben.
Andi zwischen August 1996 und
Juni 1997:
Für die MONA LISA hätte
ich auch keine Zeit mehr gehabt. Ich war mit dem ABI-BUCH beschäftigt,
für das ich allein das LayOut machte; nicht, weil mir keiner geholfen
hätte, nein, ich wollte es so. Mit 188 Seiten wurde das ABI-BUCH zum
dicksten der Schul-Geschichte. Daraus werde ich Euch aber keine Texte von
mir vorlegen; die meisten waren sowieso nicht von mir – das LayOut und
die Korrektur der eingegangenen Zeilen kosteten schon genug Zeit.
Geschichten:
1) Die „Frau Luhr-Kloos“-Story
lernt Ihr unten kennen. Noch ein paar Anmerkungen: Nachdem der Artikel
erschien, hing kurze Zeit später eine Gegenreaktion der Lehrer neben
dem Vertretungsplan. Er war von über 50 Prozent der Lehrerschaft unterzeichnet.
Frau Luhr-Kloos – pikanterweise meine Erdkunde-Lehrerin – meldete sich
zwei Tage krank, in jedem Kurs wurde über den Bericht diskutiert (und
wir waren die Ärsche), und Eike und ich mussten zum Rapport zu Herrn
Metzing. Dieser – sagen wir mal, etwas cholerisch veranlagt – machte uns
eine halbe Stunde lang so was von zur Sau, dass uns Hören und Sehen
verging („Ich lass mir doch meine Lehrer nicht krank schreiben“ usw.).
Eine harte Zeit!
2) Die Umfrage: Wir wollten
eine Umfrage durchführen, in der Lehrer benotet werden sollten. Gemeinsam
mit einem Lehrer (Peter Leitzen) erstellten wir einen Fragebogen, befragten
Schulleiter, Eltern und Schüler, die diese Idee sehr gut fanden, und
schickten den Bogen zum Düsseldorfer Kultusministerium. Doch unser
Vorschlag wurde unverschämterweise abgelehnt. Aus Platzgründen
möchte ich den ganzen Briefwechsel nicht hier abdrucken; aber auf
Anfrage gebe ich gerne Auskunft. Ich sage nur so viel: Die Fragebogen-Aktion
hat mächtig viele Stunden gekostet.
3) Und dann war da noch
das Schuljubiläum im Herbst 1995. Die inzwischen verstorbene Frau
Pröpper hatte mit ihrer 8. Klasse das Projekt „Mit Frau Pröpper
im alten Rom“ vorbereitet und wollte dieses am „Tag der offenen Tür“
präsentieren. Doch vieles lief schief und einige Schüler der
Klasse verfassten einen kritischen Artikel. Das bekam Frau Pröpper
mit und stellte Eike und mich zur Rede. Mehrmals schrie (wirklich ziemlich
laut) sie die Worte: „DER ARTIKEL WIRD NICHT ERSCHEINEN!“ Eike und ich
guckten uns staunend an – und wollten uns die Zensur nicht gefallen lassen.
Auf die Schüler hatte das „Verbot“ aber Wirkung: Sie zogen den Text
zurück. Das fanden wir schade und formulierten folgende Worte:
„Guten Tag Frau Pröpper!
Wie Sie ja wissen, sollte an dieser Stelle der Artikel „Mit Frau Pröpper
im alten Rom“, der vom Schulfestprojekt Ihrer Klasse berichtete, erscheinen.
Sollte!
Doch nachdem Sie den beiden
Verfasser/innen (die beiden sind ja schließlich Schüler/innen
Ihrer Klasse und werden noch ca. anderthalb Jahre in den Genuss Ihres Unterrichts
und Ihrer Notengebung kommen) nahegelegt hatten, diesen zurückzunehmen,
da der Bericht nicht ihrem „Geschmack“ entsprach, haben wir uns entschlossen,
den Artikel nicht abzudrucken, um die beiden vor Repressalien zu schützen.
Aber denken sie nicht, dass wir uns von einem Lehrkörper, der seinen
Bildungsauftrag offenbar missverstanden hat (oder ist ein Pädagoge,
der versucht, seine Schüler durch lautes Geschrei und Beleidigungen
zu manipulieren und einzuschüchtern, für Sie normal?) den Mund
verbieten zu lassen.
Auch sollte ein Mensch mit
Ihrer Erfahrung und Ihrem Wissen sich eigentlich darüber im klaren
sein, dass Grundrechte unantastbar sind! Hier wurde das Recht auf Meinungsfreiheit
von Ihnen aufgehoben, was eigentlich sofort rechtliche Schritte nach sich
ziehen sollte!
Wir betonen mit Nachdruck,
dass der von Ihnen beanstandete Artikel absolut harmlos war und einen solchen
Aufstand unverständlich macht!
Die wahren Gründe,
die Sie übrigens nicht ein einziges Mal vor einem Redaktionsmitglied
geäußert haben, sind zwar nachvollziehbar, wir sind aber nicht
bereit, Ihre Probleme, die Sie mit Kollegen haben, auf unserem Rücken
austragen zu lassen.
Aber Ihnen sei gesagt: MONA
LISA bleibt, wie sie ist. Wie lassen uns von niemandem einschüchtern.
Übrigens – der Ton macht die Musik!
Die Re(d)aktion der MONA
LISA“
Vielleicht wisst Ihr jetzt, warum wir vielen
Lehrern ein Dorn im Auge waren.
4) Wir schafften es, erstmals
in elf Jahren MONA LISA einen eigenen „ML-Raum“ im Keller der Schule zu
besorgen. Wir nutzten ihn für Redaktionssitzungen, diverse Videoaufnahmen
für den LITERATUR-Kurs oder nur als ruhigen Ort für stressige
große Pausen.
5) „ML goes Multimedia“
– noch eine Neuerung: Die 24. und 25. Ausgabe erschienen nicht nur auf
Papier, sondern auch auf Diskette!
Ausgabe
22, Februar 1995:
„Die seltsamen Ideen
der Frau Luhr-Kloos“
von Eike Lürig und Andreas Ernst
Normalerweise sind Schüler
für jeden abwechslungsreichen Ausflug dankbar und gerne zu haben.
Dies war auch beim Erdkunde-Grundkurs der 11. Jahrgangsstufe so. Warum
dies eine Geschichte in der MONA LISA wert ist, werdet Ihr fragen... Ganz
einfach: Was sich am 16.12. beim angekündigten „Ausflug zu einem zweistündigen
Vortrag über die Neue Mitte“ in Oberhausen abspielte, war die Spitze
eines Eisbergs von Kuriositäten während des Unterrichts.
Als am Anfang des Schuljahrs
circa 20 Schüler der Klasse 11 erfuhren, dass sie im Fach „Erdkunde“
eine gewisse Frau Luhr-Kloos als Alleinunterhalterin erhalten, ahnten sie
nicht Böses... Doch schon nach wenigen Stunden wurde vielen der Albtraum
bewusst. Eine Mischung aus Hammer, Tempelhoff und Pfohl stand am Pult.
Das geht nicht, sagt ihr? Ooooh doch, und wie das geht!
„Überprüfung der
Hausaufgaben durch Abfragung an der Tafel“. Dieses „Hammersche Phänomen“
ist vielen Broicher Chemikern bekannt. Dass es nun zusätzlich noch
bei den Geographen zu erkennen ist, ist eine der vielen von Luhr-Kloos
eingeführten Neuerungen. Auch das „Tempelhoffsche Piepen“ fünf
Minuten vor Unterrichtsende wurde in leicht geänderter Form übernommen
– bei der Ex-OP-Schwester fällt nur das Piepen weg. Notizen über
die Leistung eines jeden Einzelnen wurden so genau aufgeschrieben, dass
fünf Jahre nach dem Weggang von Frau Jansen als Rektorin über
eine neue „Broicher Stasi“ gemunkelt wird. Bleiben nur noch die Gemeinsamkeiten
mit Herrn Pfohl, womit wir beim eigentlichen Thema wären: in Sachen
Organisation und Koordination schlägt sie den eben genannten Leerkörper
um Längen. Was beim ersten Ausflug zur Ausstellung „Feuer und Flamme“
im Gasometer Oberhausen noch ganz manierlich anfing, wurde beim zweiten
und bis jetzt – zum Glück – letzten Unterrichtsgang so katastrophal
kurios fortgesetzt, dass die betroffenen Schüler für die Verfilmung
der Story eine sechsstellige Summe verlangen. Fangen wir harmlos an: Der
Vortrag über die Neue Mitte (Centro) Oberhausen war von der Leerperson
als zweistündiger, informativer Beitrag zum aktuellen Unterrichtsthema
angekündigt worden. Als dann eine Sekretärin des Centro-Büros
nicht mal von unserem Kommen unterrichtet war, fragten wir uns schon, ob
wir im falschen Film wären. Dennoch war die junge, hübsche (?)
und völlig überforderte Frau so gütig, fünf Minuten
an uns zu verschwenden, indem sie einen Kurzvortrag über ein ausgestelltes
Modell der „Neuen Mitte“ hielt. Problem für uns: unseren Wissenstand
konnte sie damit nicht groß verändern. Etwas verdutzt verließen
wir nach zehn Minuten (und nicht nach zwei Stunden!) wieder das Gebäude
– ohne Frau Luhr-Kloos, die verzweifelt versuchte, noch mehr Informationen
für die Schüler herauszuschlagen. Dieser Versuch misslang, aber
Frau Luhr-Kloos hatte noch weitere Peinlichkeiten auf Lager: ein Technisches
Zentrum neben dem Centro-Gebäude durfte sich über unser „Gastspiel“
freuen. Leider blieb uns von diesem Besuch nur die interessante Drehtür
in Erinnerung, mit der wir das Gebäude betraten und sofort wieder
verließen. Zwei Schüler bekamen diese leider nicht zu sehen,
da sie unterwegs verloren gingen, von Frau Luhr-Kloos gänzlich unbemerkt.
Fazit: diesen Ausflug hätte man sich getrost sparen können –
wenigstens fiel der Nachmittagssport aus.
Auch aus dem Unterricht
gibt es einige Geschichten zu berichten: Während des Unterrichts wurde
(zur Freude vom Hausmeister Herrn Berberich) eine Mandarinenschalenschlacht
veranstaltet, bei der Frau Luhr-Kloos vergnügt eine Zuschauerrolle
einnahm. Als in der letzten Stunde vor Weihnachten eine Weihnachtsliederorgie
nicht enden wollte, brach sie in schallendes Gelächter aus. Für
weitere Geschichten reicht der Platz nicht, zum Abschluss wollen wir (die
Erdkunde abgewählt haben) nur Goethe zitieren: „Wie froh bin ich,
dass ich weg bin!“
Ausgabe
23, Juli 1995:
„Lehrer-Reaktion auf
den oben stehenden Artikel“
Federführung: Frau Dähnhardt-Weyel
(Deutsch, Ev. Religion)
Nach Lektüre dieses
Artikels verstehe ich (fast) die Welt nicht mehr.
Hier wird einer Kollegin
mangelnde Organisation und Planung vorgeworfen, weil bei einem Unterrichtsgang
nicht alles so verlief, wie es offenbar gewünscht war. Könnte
es nicht vielleicht so sein, dass dies ein Versagen der Verantwortlichen
in Oberhausen war und nicht der Lehrerin? Wurde von Eurer Seite ein klärendes
Gespräch mit der betroffenen Lehrerin gesucht?
Nun zu den im Artikel letztgenannten
„Episoden“, die ich in Eurer Bewertung nicht nachvollziehen kann.
Man stelle sich vor, eine
gewisse Anzahl postpubertierender Jugendlicher bei Mandarinenschlacht und
Liedergegröhle: Wie soll ein erwachsener Mensch damit umgehen? Schön
oder gar amüsant findet er dieses alberne Verhalten bestimmt nicht.
Soll er (der erwachsene
Mensch) sein Missfallen deutlich äußern und „einschreiten“?
Euer Urteil: humorlos, Pauker,
intolerant, Tyrann usw.
Soll er (der erwachsene
Mensch) dieses Verhalten sehen als das, was es ist: übermütiges,
pubertäres Verhalten, über das man wirklich nur lachen kann,
weil es keinen Zornesausbruch wert ist?
Euer Urteil: Man kann es
in der MONA LISA Nummer 22 nachlesen.
Mich interessiert, was Ihr
eigentlich von einem akzeptablen Lehrer erwartet.
Nach der Lektüre dieses
Artikels habe ich den Eindruck, Ihr wisst es selbst nicht. Vielmehr habe
ich den Eindruck, als haben man noch einen „kritischen“ Artikel für
die Zeitung gebraucht und sich dann irgendjemanden vorgeknöpft, zu
dem einem gerade etwas einfiel und von dem man keine bösen, nachteiligen
Reaktionen erwartete.
Wenn meine Kollegin das
alberne Verhalten von Euch (mit dem Ihr Euch eigentlich von vornherein
als ernstzunehmende Gesprächspartner disqualifiziert habt) nur mit
einem Lächeln oder herzhaftem Lachen kommentierte, zeigt das nicht,
dass sie unfähig zum „Durchgreifen“ ist, denn wer schmeißt schon
gerne im Unterricht mit Handgranaten auf Schüler. Vielmehr wird daran
deutlich, dass sie sich noch Humor und Verständnis für Schüler
bewahrt hat, was Ihr aber offensichtlich nicht verstehen könnt.
Oder wolltet Ihr vielleicht
durch Euer Verhalten einmal einen sonst eher gelassenen Lehrer provozieren,
sich gehen zu lassen und den sprichwörtlichen „wilden Mann“ hervorzukehren
– was dann danebenging? Dann wäre Euer Artikel nur die Trotzreaktion
eines beleidigten Kindes.
Oder wolltet Ihr mit Eurem
Verhalten im Unterricht und dem Artikel ernstzunehmende Kritik üben,
was offenbar auch daneben ging?
Ich denke, Kritik sollte
nicht derart wahllos und stillos ausgeschüttet werden, dass sich der
Leser doch nur ärgern kann – abgesehen vielleicht von den Kleingeistern,
die jetzt daheim sitzen und sich hämisch die Hände reiben und
meinen, sie hätten es den Lehrern einmal richtig heimgezahlt.
Wenn ein solcher Artikel
über mich in der Schülerzeitung stünde, wäre ich sehr
herb betroffen, weil ich meine, Schüler wie Lehrer sollten zuerst
das Gespräch mit demjenigen suchen, mit dessen Verhalten sie nicht
einverstanden sind. Vielleicht erübrigt sich dann in der Folge eine
solch lächerliche Schmähschrift wie der genannte Artikel von
Euch.
Ausgabe
23, Juli 1995:
„ML-Reaktion auf die
Lehrer-Reaktion“
1. Reaktion (Aushang neben dem Vertretungsplan):
Schade, dass Ihr Brief die
bei den Autoren angemahnte Objektivität vermissen lässt. Damit
wurde zunächst die Chance vertan, die satirische Überzeichnung
in dem Artikel auf das normale Maß zurückzuführen.
Wir bedauern sehr, dass
sich Frau Luhr-Kloos durch unseren Artikel so stark getroffen fühlt.
Dies ließ sich so nicht voraussehen, zumal Frau Luhr-Kloos bereits
vor dem Erscheinen des Artikels von uns informiert worden war.
Wir würden uns sehr
freuen, wenn nun bald alle Beteiligten zusammenkommen würden, um die
Wogen in einer Aussprache glätten zu können.
2. Reaktion (in der nächsten Ausgabe):
Die seltsamen Ideen...
... von Eike Lürig und Andreas
Ernst
In der letzten MONA LISA
erschien ein Artikel, den wir „Die seltsamen Ideen der Frau Luhr-Kloos“
nannten. Diesen Text verfassten wir in der Absicht, die Geschehnisse in
dem betroffenen Erdkunde-Kurs der Jahrgangsstufe 11 so darzustellen, dass
sie für jeden verständlich und durchschaubar waren.
Zwei Tage nach dem Erscheinen
dieses Artikels jedoch erreichten uns erste Zweifel (fast) ausschließlich
von Lehrerseite, ob es sich a) wirklich um Tatsachen handele und b) wenn
ja, ob Frau-Luhr-Kloos wirklich die volle Schuld treffe. Generell herrschte
die Meinung vor, dass man dies SO NICHT BRINGEN KÖNNE. Sprich: Die
scharfe Tonart des Artikels wurde als unverschämt, beleidigend und
verletzend empfunden. Den vorläufigen Endpunkt bildete der Leserbrief
Frau Dähnhardt-Weyels, der eine Woche neben dem Vertretungsplan hing,
große Beachtung von Lehrer- und Schülerseite fand – wobei einige
Lehrer offenbar der Meinung waren, mit ihren Unterschriften wesentlich
zur Lösung des Problems beizutragen. Dass neben der Schulleitung auch
die Vertrauenslehrer zu den Unterzeichnern gehörten, war für
uns eher enttäuschend, da wir uns von ihnen eigentlich Neutralität
oder sogar Hilfe bei der Klärung dieser prekären Situation erhofft
hatten.
Aber nicht nur Frau Dähnhardt-Weyel
machte sich Gedanken zu diesem Thema, sondern auch in vielen Klassen und
Kursen wurde über diesen Text diskutiert.
Als Frau Luhr-Kloos nach
überstandener Krankheit in die Schule zurückkehrte, einigte sie
sich mit der Schulleitung auf einen Gesprächstermin, zu dem wir auch
eingeladen wurden. Herr Metzing stellte seine Rolle vorher als Gesprächsleiter
dar, die von Herrn Gottschlich als Beobachter. Zusätzlich beteiligt
war noch das Schülersprecher-Duo mit Simone Bruns und Christian Boeing.
Die Realität sah jedoch – in unseren Augen – anders aus: Während
sich Frau Luhr-Kloos zurückhielt, kamen die Vorwürfe vorwiegend
aus dem Munde der Schulleitung. Unser Artikel wurde Satz für Satz
betrachtet und so verrissen, dass wir uns sehr in die Ecke gedrängt
fühlten und aus unserer Sicht die Chance vertan wurde, eine vollständige
Klärung herbeizuführen.
Unsere Schlüsse aus
dieser Geschichte sind folgende: Der schwerwiegendste Fehler, den wir gemacht
haben, war nicht der, dass wir zu hart oder zu gemein formuliert haben
(was sicherlich ein Fehler war), sondern der, dass wir – ohne es zu wollen
– die falsche Lehrergruppe provozierten. Wurden in den Jahren zuvor über
Kloppenburg, Pfohl etc. weitaus härtere Artikel mit schweren Vorwürfen
verfasst, so hatten wir diesmal die gesamte linke Lehrerfront (gemeint
sind natürlich die Lehrer, die sich vorwiegend im linksseitigen Lehrerzimmer
aufhalten) gegen uns aufgebracht.
Es ist zu fragen, ob sich
die Lehrer, die mit dem erhobenen Zeigefinger dastanden und uns Taktlosigkeit
vorwarfen, niveauvoller verhielten als wir. Ihre Rechtfertigung: „Wieso
sollen wir uns nicht so verhalten dürfen wie Ihr?“ zeigt unserer Meinung
nach, dass sie es versäumt haben, sich uns überlegen zu zeigen.
Ausgabe
24, Dezember 1995:
„Reformiert...“
von Eike Lürig und Andreas Ernst
Man stelle sich folgende
Situation vor: Es ist kurz nach der Sommerpause, wie gewohnt versammeln
sich alle Schüler einer Jahrgangsstufe mit ihrem Trainer, der auch
liebevoll Beratungslehrer genannt wird, zur Einsatzbesprechung in einem
Kursraum. Nach circa 15 Minuten sind auch wirklich alle Schüler erschienen,
so dass mit der Vergabe der neuen Einsatzpläne begonnen werden kann.
Alles scheint normal-langweilig-bieder wie immer abzulaufen, doch halt:
Dem aufmerksamen Schüler ist längst aufgefallen, dass etwas nicht
stimmt. Die sonst so normale Lehrer-Miene des Beratungslehrers Willi K.
– ja, genau der Mann, mit dem jeder von Euch gerne mal lateinisch essen
gehen würde... – ist aufgehellt. Angesichts dieses seltenen Tatbestands
ist zu vermuten, dass sich nun ein bedeutsames Ereignis abspielt: Lehrer
hatten sich für Schüler einen leider wahren April-Scherz ausgedacht.
Doch zunächst nimmt keiner die Anzeichen ernst und der Jubel über
die neuen Blockungsraster kennt keine Grenzen. Da deutet Willi K. an, dass
er noch einen Trumpf im Ärmel hat und neben den aufmerksamen merken
auch die in der Überzahl vorhandenen unaufmerksamen Schüler,
dass eine Nachricht folgen wird, die sich auf die Freizeit eines jeden
beschneidend auswirken wird. Diese Nachricht schlägt ein wie eine
Bombe: DAS ENTSCHULDIGUNGSSYSTEM WURDE REFORMIERT!
Zunächst kann es keiner
glauben, doch nach und nach stellt sich heraus, dass Kurt Felix NICHT reaktiviert
wurde und die Ungläubigkeit weicht blankem Entsetzen. Zum Beispiel
beim gemütlichen Pizza-Kurier, der bisher eigentlich nur nebenbei
die Schule besuchte. Für ihn heißt es ab sofort: Erst zur Schule,
dann zur Arbeit – dass dies zu Gehaltseinbußen führt, ist ihm
schlagartig bewusst und die aus dieser Erkenntnis resultierende Wut für
jeden nachvollziehbar. Konnte man sich früher noch sein Entschuldigungsformular
selbst gestalten, nach Lust und Laune mit Unterschriften versehen und hinterher
verschwinden lassen (auf dem Zeugnis eines jeden prangte unter der Rubrik
„Fehlstunden“ sowieso eine fette 0), so ist es auf dem nun tabellarisch
angeordneten Zettel unmöglich geworden, Unterschriften zu fälschen,
da diese jederzeit dem wirklich Erziehungsberechtigten vorgelegt werden
können. Auch das Bläuen einzelner Stunden wird sofort auffällig,
da man dann entweder unentschuldigt oder registriert ist.
Ob dieses neue System allerdings
wirklich das Gelbe vom Ei ist, erscheint fragwürdig, denn: Nur die
wirklich Entschuldigten werden registriert, die Unentschuldigten bleiben
weiterhin unauffällig in den Kursmappen verborgen. Da die Kontrolle
eben jener Kursmappen mit mehr Arbeit verbunden wäre, wird die nämlich
sowieso keiner durchsehen! Eine endgültige Beurteilung kann man allerdings
nach der nächsten Zeugnisausgabe vornehmen, wenn es heißt: Zu
oft gefehlt – kein Extra-Zwanni vonne Oma!
Wir behielten übrigens recht: Auf jedem
Zeugnis blieb es bis zum Abi unter der Rubrik „Fehlstunden“ bei der „0“,
obwohl manche drei volle Zettel verbrauchten...
Ausgabe
25, Juni 1996:
„Neues aus dem Zirkus
Broich“
von Eike Lürig und Andreas Ernst
Es begab sich aber zu der
Zeit, als ein Gebot aus dem Raum 101 ausging, dass das Entschuldigungssystem
reformiert werden würde. Und diese Reform war die Allererste und geschah
zu der Zeit, da Frau Thoren die Oberaufsicht über die Oberstufe hatte.
Und jeder Schüler trauerte, dass er von nun an regelmäßig
zur Schule gehen musste und über die Stunden, in denen er fehlte,
Rechenschaft ablegen musste. Da machte sich auf ein Glücklicher (Name
der Redaktion bekannt) aus der Jahrgangsstufe X (Jahrgangsstufe der Redaktion
bekannt), der seine Sache besonders gut machen wollte. Es kam nämlich
die Zeit, in der er fehlen musste. Und er fehlte, besorgte sich den noch
jungfräulichen Entschuldigungszettel und trug die erste Begründung
ein. Da wurde ihm klar, dass man doch etwas tun könnte gegen die Tristesse
der üblichen Begründungen „Grippe“, „Krankheit“ oder sonstiges
„Aua“. Und er dachte sich Geschichten aus, sozusagen aus „Einhundertundeiner
Nacht“. Doch Storys wie „Mord am Weihnachtsmann“, „Bin vor die Tür
gerannt und war acht Stunden bewusstlos“ oder „Hausarrest“ sind nicht willkommen.
Sie waren sogar höchst
unwillkommen, zumal alle Lehrer ihr Signum und damit ihr Verständnis
für das Fehlen und die dazugehörige Begründung gaben. Nach
einigen Wochen entwickelte sich dieser Zettel jedoch zum Bumerang. Er fiel
nämlich dem Schulhöchsten in die Hände und der konnte gar
nicht darüber lachen. Im Gegenteil: Eine Kopie des Zettels an alle
Lehrer war die Folge mit der Bitte, künftig mehr auf die Begründungen
zu achten.
Und die Moral von der Geschicht:
Aus der Reihe tanzen lohnt sich nicht! Immer schön dasselbe schreiben!
Ausgabe
25, Juni 1996:
„Über das Zitat
an sich“
von Eike Lürig und Andreas Ernst
VORGESCHICHTE (die nicht in der Mona Lisa stand):
Das Zitat von Herrn Dr. Booms, der bei Hausmeister
Berberich einen Schwamm holen wollte und bölkte: „Uli, gib mir mal
einen Schwamm. Die Mädels wollen mir nicht ihre Binden geben zum Wischen!“
Das bekamen zwei Schüler mit, schrieben es auf und wir druckten es
ab. Herr Booms durfte sich einen fürchterliches Trara von der Lehrerinnen-Fraktion
anhören (zurecht) mit dem Sexismus-Vorwurf. Daraufhin fing er (Selbstauskunft)
nach 12 Jahren wieder an zu rauchen – und die Schüler, die mitgehört
hatten, nahmen das Zitat zurück; getreu dem Motto: „Wir haben etwas
dazu erfunden“, um ihren Lieblingslehrer zu schützen.
Nachdem in älterer und
jüngerer Vergangenheit der MONA LISA-Geschichte immer wieder Zweifel
an der Echtheit und Salonfähigkeit einiger aufgeschnappter Lehrersprüche
aufkamen, haben wir uns nach 25 Ausgaben endlich ein bombensicheres System
ausgedacht, nach dem nur noch stilvoll-einprägsame Philosophien unserer
Pauker herausgefiltert und abgedruckt werden.
Wir möchten das Ganze
an einem Beispiel demonstrieren, wie ein Lehrer aus der Bredouille kommen
kann, wenn er auch nur zwei harmlos anmutende Wörtchen von sich gibt.
Es war ein normaler Montagmorgen,
die Schüler trotteten müde-gelangweilt nach einem harten Wochenende
ins Klassenzimmer, als in einem unbedachten Moment Lehrer X (Name geändert,
aber der Redaktion bekannt) gut gelaunt den Raum betrat und eben diese
zwei unbedachten, aber gleichermaßen verhängnisvollen Worte
aussprach:
„GUTEN MORGEN!“
- Gerade an einem Montagmorgen
kann das „Guten“ nur ironisch gemeint sein.
- Da sich manche Schüler
vor der Schule Waschen, Duschen, Umziehen UND (!!!) Frühstücken,
sollte man den fortgeschrittenen Zeitraum nach dem ganz frühen Aufstehen
beachten. Da diese Schüler teilweise schon zwei Stunden auf den Beinen
sind, ist das „Morgen“ eine absolut unverschämte Schmähung!
- Durch die systematisierte
Identifikationsproblematik und die integrierte Aktionsflexibiliät
geht dieser Spruch eindeutig unter die Gürtellinie.
- Der Spruch „Guten Morgen“
ist zudem mittlerweile total verschlissen. Jeder kennt ihn, jeder sagt
ihn, jeder hasst ihn. Der Lehrer, der diesen Spruch von sich gibt, kommt
seiner Pflicht einer individuellen, variablen und flexiblen Ausbildung
eines jeden Schülers noch nicht einmal mehr mangelhaft nach.
Was also tun gegen derartig
hemmungslose Zitate?
Auf gar keinen Fall darf
ein Abdruck in der MONA LISA erfolgen. Zumindest nicht in dieser Form.
Ab sofort werden wir nämlich, wenn wir einen solchen Spruch in die
Finger bekommen, einen absolut lückenlosen und bombensicheren Prozess
in Gang setzen:
1) Zunächst erfolgt
die Untersuchung des abgegebenen Zitatezettels auf Fingerabdrücke.
Damit können wir im Falle einer Unregelmäßigkeit den „Einreicher“
des Zitats sofort zur Rechenschaft ziehen!
2) Die ganze ML-Redaktion
wird über die Existenz des Spruchs in Kenntnis gesetzt und in geheimer
Wahl über den Abdruck abstimmen.
3) Sollte das Ergebnis einen
Abdruck negieren, erfolgt eine sofortige Übermittlung per Fax zum
Kultusministerium, zum Schloss Bellevue und zum Kanzler-Bungalow. Hierzu
wurden eigens Stand-Leitungen eingerichtet. Über weitere Folgen entscheiden
die Minister persönlich.
Nun zurück zu unserem
Beispiel: Jedem Leser dürften wir unmissverständlich klargemacht
haben, dass dieses Zitat auf keinen Fall abgedruckt werden darf, da gegen
Lehrer X sofort Disziplinarmaßnahmen eingeleitet werden oder gar
eine Suspendierung folgen könnten.
Da wir aber jedes eingehende
Zitat benötigen, werden wir uns in Zukunft gezwungen sehen, einige
Modifikationen am Corpus Delicti vorzunehmen. Ein Alternativ-Zitat zu unserem
Beispiel sähe deshalb wie folgt aus:
„ICH WÜNSCHE EUCH AN
DIESEM VORMITTAG NICHT NUR EINE AKTIVE FLUKTUATIONSPOTENZ, SONDERN AUCH
EINE SYNCHRONE ORGANISATIONSFLEXIBILITÄT.“
- Das Wort „Morgen” wurde
durch den harmonisch anmutenden „Vormittag“ ersetzt.
- Unter den Begriffen „aktive
Fluktuationspotenz” und „synchrone Organisationsflexibilität” darf
sich jeder Schüler seine eigenen Wünsche vorstellen und ist so
von Anfang an wach, konzentriert und motiviert. Da wird jeder noch so verregnete
Montagmorgen zu einem Ereignis.
- Über die veränderte
Länge der Begrüßungsformel kann man sagen, dass es nach
den modernen Ergebnissen der pädagogisch-philosophisch-biologischen
Drittgenerationskonzeption erwiesen ist, dass längere Sätze besser
verständlich sind als kurze.
Nach unserem neuen System
braucht sich also kein Lehrer mehr Gedanken über einige unbedacht
getätigten Äußerungen machen – wir kriegen das schon wieder
hin.
MÜLHEIMER
WOCHE
(23. November 1993 –
31. August 1996):
Als Vorbemerkung muss ich erwähnen,
dass ich Berichte verfasse, seitdem ich schreiben kann. Meistens trafen
meine geistigen Ergüsse Fußballspiele; ob mit oder ohne eigene
Beteiligung. Die zahlreichen ausgedruckten Texte füllten Aktenordner
um Aktenordner; irgendwann bastelte ich eigene Zeitungen (zumeist Stadionmagazine
für den VfL Bochum und den VfB Speldorf, weil ich schon als 8-Jähriger
die Meinung hatte, dass könne ich besser).
Als ich als gerade einmal 15-jähriger
Bubi Ende November 1993 erneut einen Artikel über ein VfB-Speldorf-Landesliga-Spiel
(1:0 gegen Tura 88 Duisburg, ich weiß es noch genau) verfasst hatte,
geschah etwas Seltsames. Mein Bruder
nahm diesen Text mit in die Schule (ohne es mir zu sagen), und gab ihn
weiter an seinen Stufenkollegen Thomas Durchschlag, der für das Anzeigenblättchen
„Mülheimer Woche“, das in 90.000-facher Auflage im Stadtgebiet zweimal
wöchentlich kostenlos verteilt wird, fotografierte. Thommy D. sorgte
dafür, dass die Zeilen im Blatt erschienen und ich ganz baff Donnerstags
die „Mülheimer Woche” aufschlug. Völlig stolz über die ersten
verdienten Pfennige (zu Beginn gab es 20 Pfennig pro Zeile; lang lang ist´s
her, heute würde ich bei dieser Summe heulen...) intensivierte ich
die Arbeit – und war bereits Anfang 1994 ein festes Mitglied der Redaktion
und kümmerte mich alleine um den Sport.
Das tat ich, bis ich das Angebot der WAZ/NRZ-Lokalsportredaktion
im Sommer 1996 annahm. Zur MW-Redaktion stehe ich aber bis zum heutigen
Tag (22.01.2002) in ständigem Kontakt. Einerseits, weil ich die Mitarbeiter
sehr gut kenne und gut leiden kann, zweitens, weil mein Bruder Thommy zwischendurch
dort arbeitete und ich die Disketten ablieferte und drittens, weil ich
in Ausnahmefällen heute noch der „Mülheimer Woche“ Texte anbiete.
Ich bin jedenfalls häufiger in den Redaktionsräumen anzutreffen,
und wenn es nur zum „Hallo“ sagen ist.
Natürlich darf ich nicht unerwähnt
lassen, dass die „Mülheimer Woche“ ein reines Anzeigenblatt ist, in
der sich eigentlich jede Tiefgründigkeit verbietet und die in weiten
Teilen der Stadt als „Käseblatt“ verschrien ist. Doch im Sport ist
das eine oder andere kritische Wort durchaus möglich... Die MW-Zeit
möchte ich jedenfalls nicht missen; sie war für einen Einstieg
perfekt geeignet.
Wöchentlich erscheinen drei bis vier
Texte von mir mit einem Umfang von insgesamt etwa 200 Zeilen. Also knapp
800 Zeilen im Moment (das machte am Anfang knapp 175 Mark für mich
– ein toller Nebenverdienst für mich).. Das Zeilengeld wurde erst
Anfang 1996 auf 0,35 Mark angehoben.
Mein Kürzel: andre.
Redakteure:
1) Die erste Redaktionscrew
zwischen 1993 und 1996 bestand aus Dirk Bütefür (einem entfernten
Verwandten von mir), Martin Dubois (ein fähiger und witziger Typ)
und Margret Emirli (bei der WAZ - so wie ich hörte - rausgeekelte
Kultur-Fachfrau). Von diesem Trio lernte ich die Basis der journalistischen
Recherche und erste Kniffe. Ich lernte soviel, dass ich bei der WAZ im
Sommer 1996 keine Grundlagen mehr brauchte, sondern übergangslos einsteigen
konnte.
2) Das zweite Team besteht
– bis heute – aus Dirk Bütefür, Silke
Brembt sowie den freien Mitarbeitern Heinz Haas, Nicoletta Goldack
und Mirjam Bleck, die inzwischen beide auch für die WAZ tätig
sind. Es ist einfach immer lustig bei der „Mülheimer Woche“ – aber
wenn ihr mich fragt: Fast schon zu lustig...
Geschichten:
1) Meinen ersten Pressetermin
überhaupt werde ich nie vergessen. Es war am 3.12.1993; ich stapfte
nebst Thomas Durchschlag zum Tischtennis-Bundesligaspiel Post SV Mülheim
gegen Borussia Düsseldorf (mit Jörg Roßkopf). Morgens noch
war ich ein Kind, das gerade in die 10. Klasse gekommen war – und abends
durfte ich auf einmal den bekanntesten Tischtennisspieler Deutschlands
interviewen (was ich auch prompt tat). Der Wahnsinn! Es lief ab wie im
Traum!
2) Im Sommer 1994 nahm ich
– als gerade einmal 16-Jähriger – am bisher einzigen Prominenten-Fußballspiel
meines Lebens teil. Da sich Martin Dubois drückte, durfte ich ran
und spielte u.a. mit Ex-Nationalspieler Hans-Günter Bruns in einer
Presse-Mannschaft, die sich gegen eine Beamtenauswahl der Stadt amüsierte
und diese mit 9:1 wegfegte.
3) Ein Klasse-Gefühl
war es, beim Hockey-Europapokal der Landesmeister, der 1995 in Mülheim
ausgetragen wurde (jaja, die alten Zeiten...) eine VIP-Karte auf der Sitzplatz-Tribüne
zu haben. Als 17-Jähriger pflanzte ich mich direkt neben die Bonzen,
Bundestags- und Landtags-Abgeordneten sowie die renommierten Journalisten.
Mein eigenes „Andreas Ernst / Mülheimer Woche“-Fach, in das die neuesten
Presse-Mitteilungen gelegt wurden, lag zwischen dem der „WAZ“ und des „Sport-Informations-Dienstes“
(sid). Witzig, oder?
4) Meine Lieblings-Serie
„erfand“ ich Mitte 1995, als ich unter dem Namen „Wir stellen vor... Die
Pfeifen“ drei junge Schiedsrichter vorstellte, nämlich Jörg Hegmann
(American Football), Jochen Rahmfeld (Handball) und Andreas Knechten (Hockey).
Das Beste: Hegmann war damals mein Fußball-Co-Trainer und Rahmfeld
und Knechten ebenfalls auf dem Gymnasium Broich... wusste ja keiner!
5) Und da wären noch
einige wirklich nette Termine, wie zum Beispiel die Reportage über
die Mitglieder von Vatan Spor bei einem EM-Spiel 1996. Oder der kauzige
Pferdehof-Inhaber Paul Neuhaus, der in seiner eigenen Welt in Mülheim-Mintard
lebt. Oder die Reportage über die F-Jugend (die ich selbst trainierte...)
in der Umkleidekabine nach einem Spiel. Oder der erste Ärger, als
ich Anfang 1994 das Leichtathletik-Talent Anika Kolleker porträtierte,
aber ziemlich viele Fehl-Informationen einbaute, weil ich noch nicht zu
recherchieren wusste... Oder die Geschichte über die Neuzugänge
von Blau-Weiß Mintard (dazu zählte mein Bruder), die ich der
WAZ/NRZ-Sportredaktion vor der Nase wegschnappte (Mai 1996). Oder der Report
über den damaligen Bundesligaspieler Raffael Tonello aus Mülheim
(April 1996). Es war wirklich eine geile Zeit, keine Frage.
Mülheimer
Woche, 2.12.1993:
„Verdienter Erfolg der
Grün-Weißen“
Das Landesliga-Team des
VfB Speldorf konnte den erwarteten Pflichtsieg gegen den Tabellenletzten
Tura 88 Duisburg einfahren. Nach einem Treffer von Ralf Brücks in
der 78. Minute gewann die Bruns-Truppe mit 1:0 (0:0) Toren.
Die 0:7-Schlappe beim Tabellenführer
VfB Lohberg und der ungewohnte Samstags-Termin hatten auch bei den Zuschauern
Wirkung hinterlassen: Gerade 150 Besucher wollten das Spiel des Tabellenachten
bei Minustemperaturen sehen. In der 1. Halbzeit zeigten die Grün-Weißen
den „Treuesten der Treuen“ dann aber, dass sie einiges wiedergut zu machen
hatten. Mit sehenswerten Spielzügen, gutem Zweikampfverhalten und
vielen herausgearbeiteten Torchancen imponierten sie den Fans. Riesenchancen
für den VfB hatten Roenz (17.), Bertold (22./26.), Bonetzki (23./32.),
der einmal den Außenpfosten traf. Was fehlte, war ein Torerfolg gegen
einen sehr schwachen Tabellenletzten, der sich stur auf die Defensive beschränkte
und sehr viel Glück hatte, dass die Speldorfer mit ihren Chancen zu
leichtfertig umgingen. Ex-Profi Dietmar Schacht, der als Mittelstürmer
agierte und von Markus Langen zugedeckt wurde, fiel nur durch eine rüde
Attacke gegen Michael Loth auf, für die er von Schiedsrichter Martin
Krämer (Solingen) prompt die gelbe Karte bekam. Zur Pause eines Spiels
auf ein Tor stand es also 0:0. Nach der Pause sahen die Zuschauer dann
ein katastrophales Spiel. In der 46. Minute hatte Sven Bertold aus zwei
Metern freistehend nur drüber geschossen und danach wurden die Grün-Weißen
sehr nervös. Sie verloren durch unnötige Fehlpässe und durch
verlorene Zweikämpfe viele Bälle. Doch da die Spieler von der
Lotharstraße zu unfähig waren, die Speldorfer Nervosität
auszunutzen, und selber nur auf Unentschieden spielten, war es ein niveauarmes
Gekicke, in dem nun „Not gegen Elend“ spielte.
Der Führungstreffer
in der 78. Minute fiel so zwar nicht unverdient, aber doch aus heiterem
Himmel.
Durch diesen Sieg rückte
der VfB in der Tabelle auf den siebten Tabellenrang vor, die Duisburger
blieben Tabellenletzter und müssen nun langsam die Pläne für
die Bezirksliga aus der Schublade holen, denn die Leistung war nicht landesligareif.
Beste Speldorfer waren Langen
und Roenz, aus der homogen schlechten Tura-Truppe ragten höchstens
Libero Jansen und Manndecker Wasserkamp hervor.
Mülheimer
Woche, 13.4.1996:
„Bundesliga-Star begann
Karriere bei Union 09“
21 Jahre ist er jung,
zehn Fußball-Bundesligaspiele hat er absolviert und dabei bemerkenswerte
drei Tore erzielt: Raffael Tonello, Spieler von Fortuna Düsseldorf.
Dass er seine Karriere im zarten Alter von acht Jahren bei Union 09 begann
und er ein „Mölmsche Jung“ ist, wissen nur wenige.
Schon als Junge hatte Tonello
viel Spaß am Fußball. Auf der Straße kickte er oft mit
Freunden bis spät in die Nacht. Mit acht Jahren meldeten ihn die italienischen
Eltern bei Union 09 an; in der E-Jugend begann seine Karriere.
„Der Platz von Union liegt
nicht weit von unserer Wohnung weg“, begründet er die Vereinswahl.
Schnell schoss er im Sturm seine ersten Tore. Im C-Jugend-Alter kickte
er mit Union in der Niederrheinliga und wurde in die Kreisauswahl berufen.
Bei einem Turnier wurde er von Talentspähern der Düsseldorfer
Fortuna entdeckt. Als 16-jähriger wechselte er in die A-Jugend der
Fortuna und sein Aufstieg begann.
Viermal in der Woche ging
es zum Training; der Sprung in die Niederrheinauswahl ließ nicht
lange auf sich warten. 1994 gelang ihm mit diesem Team der Gewinn der Deutschen
Meisterschaft.
„Als ich in den Seniorenbereich
wechselte, war mein, in der ersten Mannschaft“ zu spielen“, berichtet Tonello.
Noch mit 18 Jahren drückte er in der Oberliga-Amateurmannschaft nur
die Ersatzbank. „Doch dann begann so langsam meine Zeit“, beschreibt er
seinen Weg. In der Saison 1994/95 stand die Amateurmannschaft, die in die
Verbandsliga abgestiegen war, auf dem ersten Platz und Tonello hatte in
16 Spielen 16 Tore dazu beigetragen. Die Belohnung kam von Trainer Ristic:
In der 2. Bundesliga durfte er fünfmal kurz ran, in Meppen gelang
ihm das Tor zum 4:1 – sein erstes Tor im Profibereich. Die Krönung
jedoch folgte in dieser Saison: Nachdem Raffael Tonello einen Bänderriss
auskuriert hatte, empfahl er sich in der Nachwuchsrunde für Einsätze
im Bundesligateam und Trainer Ristic gab ihm Chancen. Tonello nutzte sie:
Das für sein Team eher unwichtige Tor zum 1:4 in Hamburg war sein
Weg zum Stammplatz.
Drei Spiele bestritt er
von Beginn an, zwei weitere Tore sprangen dabei heraus, aus Tonello wurde
To(r)nello. Bevor er jedoch weitere Abwehrreihen der ersten Liga durcheinander
wirbeln konnte, zog er sich eine Verletzung zu: Die Diagnose lautete „Außenmeniskus-Einriss“
– ein herber Schlag für die Fortuna. „Am 4. Mai möchte ich wieder
spielen und in der Endphase noch einmal eingreifen“, so sein Ziel.
Aus Raffael, dem Jugendspieler
bei Union 09, ist also Tonello, der Bundesliga-Star geworden. Dennoch hat
sich in seinem privaten Umfeld nicht viel verändert. „Ich weiß,
wer meine Freunde sind und auf wen ich mich verlassen kann.“ Kontakte zu
Mannschaftskollegen aus früheren Zeiten bei Union 09 bestehen immer
noch. Er hat jedoch keine Zeit mehr, sich ein Spiel seines alten Vereins
anzusehen: „Wir trainieren ein- oder zweimal täglich und sind am Wochenende
meist im Trainingslager. Dennoch aber blicke ich gerne auf diese schöne
Zeit zurück.“ Der Presserummel ist für ihn „zwar ungewohnt, stört
aber auch nicht besonders.“ Zeit für seine früheren Hobbys wie
Tennis und Basketball hat er kaum noch. „Sehr selten spiele ich mit meiner
Freundin Tennis“, sagt er. Zeit, sich um seine Zukunft nach dem Profi-Fußball
zu kümmern, nimmt er sich. „Ich studiere in Essen Sport und Sozialwissenschaften“,
erzählt Tonello, der 1993 auf der Luisenschule Abitur machte. Zunächst
konzentriert er sich aber auf seine fußballerische Entwicklung, die
Trainer Ristic und Co-Trainer Wojtowicz prägten. Sein nächstes
Ziel: „Den endgültigen Durchbruch in der Bundesliga schaffen und Stammspieler
werden – am liebsten bei Fortuna Düsseldorf.“
Heute ist Raffael Tonello 27 und kickt in
der Regionalliga Süd bei Kickers Offenbach. In der Winterpause 2001/2002
wurde er im „Kicker“ in die „Elf der Hinrunde“ gewählt.
Mülheimer
Woche, 20.4.1996:
„Auch hinter dem Tor
geht’s beim VfB rund“
Seit 84 Minuten steht er
auf den ramponierten Stehrängen am Blötter Weg und schimpft:
Der Mann mit dem Schnurrbart ist wieder einmal nicht zufrieden mit der
Leistung „seines“ VfB Speldorf, dem Landesliga-Spitzenreiter. Der „Schnurrbart“
kennt sich aus, hat schon viele Heimspiele erlebt. Immer hinter dem gegnerischen
Tor. Heute aber ist es schlimm, muss er besonders lange schimpfen. Endlich,
in der 85. Minute fällt das erlösende 1:0 gegen Sterkrade. Das
Gesicht des Schnurrbarts entspannt. Gemütlich lehnt er sich zurück
– Zeit für die Fachsimpelei mit den Kumpels.
Die Zuschauer des VfB Speldorf
sind ein eigenes „Völkchen“. Schon vor dem Spiel, vorbei an den zehn,
fünfzehn Meter langen Schlangen vor den Kassenhäuschen, sieht
man, wo die Treuesten der Treuen stehen: rechts vor der Pommesbude. Unter
ihnen manch alter Aktiver, viele eingefleischte Grün-Weiße.
Man kennt sich hier, kennt die Mannschaft, die Gegner. Experten sind sie
alle, auch die Hutträger. Jede Aktion auf dem Platz erhält die
passenden Kommentare.
Am heutigen Spieltag birgt
das Fangemisch Spannung: Da es gegen Sterkrade-Nord geht, haben sich auch
etliche Oberhausener auf den Weg nach Mülheim gemacht, mischen sich
unter das Speldorfer „Volk“.
An der Pommesbude vorbei
in der Kurve stehen die „Halbzeit-Fans“: Sie wechseln in jeder Pause hinter
das Tor des Gegners – als Gäste-Torwart hat man es in Speldorf schwer.
Die Spiel ist angepfiffen,
jetzt wird schnell deutlich, wie die Speldorfer Kicker drauf sind: Spielen
sie gut, gibt es für die grün-weißen Akteure reichlich
Beifall und Schulterklopfen. Dem Gegner geht es dann schlecht. Besonders
die Grüppchen hinter dem Tor machen den Verteidigern das Leben schwer.
Hat derselbe Spieler das Unglück begangen, zweimal innerhalb kurzer
Zeit foul gespielt zu haben – angenommen, er trägt die Nummer fünf
– kann er sich von „Schiri, immer der Fünfer“-Rufen aus dem Publikum
kaum retten. Nicht selten fliegt der Übeltäter vom Platz oder
wird ausgewechselt.
Gegen Sterkrade-Nord haben
die Grün-Weißen eher einen schlechten Tag. Von Beginn an merkt
man der Mannschaft Unsicherheiten an, die sich auch im Publikum breit machen.
Nicht selten bleibt den Zuschauern nach einem dummen Fehlpass die Currywurst
im Hals stecken.
Und dann kommen die kleinen
Kinder: Heute sind es E-Jugendliche des VfB, und die wollen eine Spende.
Schnell ein paar Groschen und Markstücke aus der Tasche gekramt, und
die Augen blicken wieder aufs Spielgeschehen.
Halbzeit – 0:0. Zeit für
ein kühles Bier, die Temperaturen sind hoch für diesen Monat.
Außerdem Zeit für Jugendergebnisse: Der erste Sieg der A-Jugend
löst ein leichtes Raunen in der Menge aus.
Zweite Halbzeit, und es
wird immer knapper: Der Schiedsrichter verweigert den Sterkradern einen
Elfmeter, die Gäste-Fans schreien wild auf. Halb so wild, denken die
Speldorfer, und reagieren mit entsprechenden Sprüchen. „Guck dir die
Sterkrader an“. „Gelbe Karte für den Schwalbenkönig“.
Nach 84 Minuten steht es
noch immer 0:0, gelangweilt überlegen die Zuschauer, ob sie schon
früher die Sportstätte verlassen wollen, als doch noch ein Tor
fällt: 1:0 durch Maertin. Der Jubel hält sich in Grenzen. Einmal
kurz den Arm gehoben und weiter geht’s. Zwei Minuten später 2:0 durch
Roenz, der mit ausgestreckten Armen fast eine Ehrenrunde dreht. Der Aufschrei
der Erleichterung ist am lautesten, als der Schiedsrichter die Partie abpfeift.
Am morgigen Sonntag wird
er dann wieder da sein: Der Mann mit dem Schnurrbart – an der „Blötte“
geht es dann gegen Essen 10/21. Ob er auch diesmal Grund hat, zu meckern?
Mülheimer
Woche, 13.3.2001:
„Ein Mülheimer
Junge in Wuppertal“
Diesen Text über einen meiner guten Bekannten
„verkaufte“ ich der „Mülheimer Woche“ im März 2001!
Es war einmal eine Tischtennis-Hochburg.
Die Mannschaft wurde Deutscher Vize-Meister, lockte einige Fans in die
Ruhr-Sporthalle. In der Jugendabteilung reiften viele Talente. Diese Hochburg
hieß Mülheim, bis Mitte 1998 spielte der Post SV in der Bundesliga.
Doch mittlerweile ist die Hochburg einer Wüste gewichen: Der PSV schlägt
nur noch in der fünften Klasse auf, alle Stars und Talente sind abgewandert.
Auch Henning Waldeck.
Ob zunächst als kleiner
Fan, der den großen Idolen nacheifert oder später als Reservist
für die Bundesliga-Mannschaft – alle Höhen und Tiefen des Post
SV gingen an Henning Waldeck nicht vorbei, selbst der schmerzhafte Rückzug
aus dem Profi-Tischtennis 1998. Nach zwei weiteren Abstiegen bis in die
Verbandsliga machte selbst der, der eigentlich nicht aus der Mülheimer
Zelluloid-Szene wegzudenken war, halt. Der sympathische Student mit den
langen Haaren, seinem charakteristischen Zopf und dem Stirnband, verließ
die Ruhr und wechselte in die Regionalliga zum ASV Wuppertal.
Neben Christian Strack (TTSC
71) war Waldeck das einzige Talent mit Perspektiven, das noch in Mülheim
spielte. Waldeck ging weg, ob Strack an der Ruhr bleibt, ist fraglich.
Dass der PSV im Mittelfeld der Verbandsliga versunken ist, beobachtet Waldeck
mit weinenden Augen: „Für mich ist ziemlich bitter, was aus dem großen
Klub geworden ist. Der PSV liegt mir am Herzen, es tut richtig weh.“
Trotz seines jungen Alters
(24) ist der Student (Wirtschaftswissenschaften und Chinesisch in Duisburg
und Essen), der in Mülheim wohnt und häufig im Ringlokschuppen
anzutreffen ist, ein „alter Tischtennis-Hase“. Als er acht Jahre alt war,
kam er zum PSV, wechselte zur Saison 1993/94 – im Alter von 16 – in die
2. Bundesliga zu Borussia Aachen-Brand. Zuvor zählte er zu den besten
acht Spielern seines Jahrgangs in Deutschland, absolvierte einen C-Kader-Lehrgang,
stand Tag und Nacht an der Platte. Den Wechsel in die 2. Bundesliga betrachtet
Waldeck im Rückblick als Knackpunkt seiner Karriere. „Im ersten Jahr
spielte ich durch und auch gar nicht so schlecht, dann gab es Probleme
mit dem Verein. Ich wollte einfach nur noch weg. Das war eine schlimme
Erfahrung“, erinnert er sich. Logisch kam die Rückkehr zum PSV, er
spielte in der Reserve, aber mehr schlecht als recht. Seine Leistungen
wurden erst wieder besser, als er mit den Profis Chen Zhibin und Chan Kong
Wah trainierte. Waldeck: „In dieser Zeit lernte ich am meisten. Kong Wah
habe ich viel zu verdanken.“ Er ist sogar ein Freund von Henning Waldeck
geworden, der inzwischen er auf ein Bundesligaspiel zurückblickt und
die zweite Bundesliga wieder im Blick hat.
Doch das ist seine persönliche
Perspektive. In Mülheim ist eine Besserung nicht in Sicht. Jörg
Roßkopf und Timo Boll werden wohl nie mehr in die Ruhr-Sporthalle
kommen. „Der damalige Erfolg hing zu 80 Prozent von einer Person ab“, analysiert
Waldeck. Er meint Dr. Bernd Witthaus, den damaligen PSV-Manager. Heute
steht der ehemalige Vizemeister in einer Reihe von Mülheimer Traditionsklubs,
die in ihren Sportarten – wenn überhaupt – nur noch eine Nebenrolle
spielen. Neben dem PSV sind dies der 1. BV Mülheim (Badminton), der
BC Ringfrei (Boxen), der SC Hot Socks (Squash) und auch der HTC Uhlenhorst
(Hockey) erlebte schon bessere Tage. Irgendwann wird Henning Waldeck zurückkehren
– aber wohl nicht in seiner aktiven Zeit. Der Trainer-Job reizt ihn. „Ich
war schon Trainer und es ist ein Bedürfnis, den psychologischen Druck,
den ich hatte, den Kindern zu ersparen und meine Erfahrungen weiterzugeben“,
sagt er. Die Kinder werden sich freuen.
Mülheimer
Woche, 24.6.2002:
„Wir werden Weltmeister!"
Zur Aufklärung: Der Termin kam so spontan
zustande (die "Mülheimer Woche" hatte größte Personal-Not),
dass ich natürlich nicht ins Forum gehen konnte, zumal ich schon bei
Freunden (Hallo Tina! Hallo Helmut!) eingeladen war. Also saugte ich mir
was aus den Fingern... aber keiner merkte was! Schließlich stammten
alle Sprüche von Helmut, der auch mit Vornamen Erwähnung fand!
Freitagmittag, 14.08 Uhr:
In Südkorea versenkt Michael Ballack einen Kopfball zum 1:0-Siegtreffer
gegen die USA im Netz, auf der ganzen Welt freuen sich die Fans der deutschen
Fußball-Nationalmannschaft. Auch in Mülheim war das WM-Viertelfinale
gestern Gesprächsthema Nummer eins.
Was waren die 23 von Rudi
Völler auserwählten vor Wochen noch für Deppen: "Die überstehen
doch niemals die Vorrunde", lautete das Credo; auch von Norbert, Peter
und Helmut. Um 13.30 Uhr sitzen sie im Forum, umringt von zahlreichen Schülern,
und starren gebannt auf die große Leinwand.
"Die Amerikaner mauern",
vermutet Norbert, Typ heimlicher Bundestrainer. "Das wird hart", fügt
Peter hinzu. Das Spiel beginnt, das Zittern auch. Auf der Schlossstraße
könnte Kylie Minogue ein Gratiskonzert geben - keiner würde zuschauen.
Die Deutschen - egal, ob Fußball-Fans oder nicht - haben sich zurückgezogen.
Auf die heimische Couch, in des Nachbars Garten, in Kneipen. Im "Marktplatz"
beispielsweise ist kaum noch ein Platz frei. Dicht an dicht drängeln
sich die Leute, schlürfen schon am frühen Nachmittag frisches
Alt.
Doch zurück ins Forum.
Lau beginnt das Spiel. Stimmung kommt nicht auf - kein Wunder. Super-Olli
Kahn rettet mehrfach in höchster Not. "Schlimmer als gegen Paraguay",
urteilt Norbert. Es läuft die 36., 37., 38. Minute. Dann eine Freistoßflanke,
ein Kopfball von Ballack - drin das Ding. Ganz Mülheim springt auf,
jubelt, setzt sich hin und schüttelt den Kopf. "Was haben wir bloß
für ein Glück", spricht Norbert allen aus der Seele.
Halbzeit. Durchschnaufen.
Analysieren. Was Kühles trinken. Gut, dass im "Marktplatz" die Gläser
voll sind. Das Spiel ist nüchtern kaum zu ertragen. Und es wird noch
schlimmer. Zweite Halbzeit. Die deutsche Elf mauert. Stellt sich hinten
rein. "Das Geklüngels geht weiter", sagt Helmut. "Wir haben Kahn und
sonst nichts", mault Peter. Norbert redet pausenlos, um sich abzulenken.
Er würde am liebsten selbst mit Rudi Völler telefonieren, um
ihm die richtige Taktik zu verraten. Noch 15 Minuten, noch zehn, noch fünf.
Die Nachspielzeit wird angezeigt. Eine große "3" leuchtet auf. Helmut
mag kaum noch hinsehen: "Das ist schlimm, was die sich wieder zusammengurken."
Im "Marktplatz", im "Forum" und in ganz Deutschland wird es leiser und
leiser. Reicht das eine Tor?
Dann der entscheidende Augenblick.
Schiedsrichter Dallas pustet in seine Pfeife. Abpfiff - 1:0! Deutschland
steht im Halbfinale. "Jetzt werden wir auch Weltmeister", glaubt Norbert,
der ausgelaugter zu sein scheint als die Spieler. Peter hat da eine ganz
andere Meinung: "Die sollten nicht mehr trainieren gehen, sondern nur noch
beten!" Helmut ist sofort nach dem Abpfiff gegangen - kommentarlos.
Auf den Straßen ist
wieder Bewegung. Aus den Häusern kommen Fans in Deutschland-Trikots.
Schwarz-rot-goldene Fahnen hängen aus den Fenstern, vereinzelt hupen
Autofahrer. Dienstag ist das nächste Spiel. Halbfinale. Geht das Gegurke
dann weiter?
Diese
Seite wurde zuletzt geändert am 9.7.2002.
Webmaster ist Andreas
Ernst