UNI ESSEN: Referat am 26.11.2003
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"Wer oder was regiert das Internet"
Thema: ICANN

Referenten: Christina Brüggemann, Angela Köhler, Andreas Ernst

(WIRD NOCH ERGÄNZT !!!)

Teil 1: ICANN

Teil 2: Links

Das Referat ist nicht komplett und wird noch ergänzt !

GLIEDERUNG

1. Geschichte

1.1. DNS-Krise
1.2. Gründung der ISOC
1.3. Gebühreneinführung für Domainnamen
1.4. Gründung der IAHC
1.6. Stellung der EU
1.6. Das „Grünbuch“

2. ICANN

2.1. Aufgaben und Ziele
2.2. Aufbau
2.3. Probleme
2.4. Umbau

3. Ausblick



ICANN

1) Aufgaben und Ziele

Um es mit einem Satz zusammenzufassen: ICANN ist die Abkürzung für Internet Corporation for Assigned Names and Numbers. Ziel von ICANN ist also die Verwaltung von Namen und Nummern.
ICANN wurde am 30. September 1998 als nichtkommerzielle Gesellschaft nach kalifornischem Recht mit Sitz in Marina del Rey bei Los Angeles gegründet und bildete sich als private internationale Organisation mit quasi-staatlichen-Autoritäten heraus.
Die eigentliche Mission wurde in den sogenannten articles, also den Satzungsstatuten festgelegt. Die „Mission“, das war das Sicherung der Stabilität des Internets durch die Wahrnehmung von verschiedenen Koordinationsfunktionen.
Zu den primären Aufgaben gehörten
- die Abstimmung und Festsetzung der technischen Parameter und Protokolle des Internets
- die Aufsicht über die Internet Protokoll-Adressen
- die Aufsicht über das Domain Namen System (DNS), einschließlich der Bestimmung von Politiken zur Erweiterung des Namenraumes sowie
- die Aufsicht über das Rootserver-System.
ICANN sollte ein komplett neues Regime der Internetverwaltung auf überstaatlicher Ebene sein. Während es vorher die reine Selbstregulierung der frühen Internetgemeinschaft gab, sollte ICANN für die Form der delegierten Selbstregulierung stehen.
Nach der Gründung waren die ersten Aufgaben zum Beispiel folgende:
1) Neudefinition der Verantwortlichkeitsbeziehungen zwischen ICANN, den Regierungen und den länderspezifischen Domainregistraturen
2) Einführung eines global gültigen Streitschlichtungsverfahrens für die Beilegung von Konflikten über die Eigentumsrechte an Domain Namen
3) Einführung von sieben neuen Top Level Domains
· «.biz» (offen, in direkter Konkurrenz zu «.com», Betreiberin: NeuLevel)
· «.info» (offen, als Alternative zu den bestehenden gTLDs,, Betreiberin: Afilias)
· «.name» (offen, für individuelle Namen, Bereiberin: Global Name Registry)
· «.pro» (offen, auf bestimmte Berufsgruppen eingeschränkt, Betreiberin: Registry Pro)
· «.museum» (reserviert für Museen, Sponsorin: Museum Domain Management Association)
· «.aero» (reserviert für die Luftfahrt, Sponsorin: Societé Internationale de Télécommunications Aéronautiques)
· «.coop» (reserviert für Genossenschaften, Sponsorin: National Cooperative Business Association)

2) Aufbau

ICANN bot erstmalig die Chance, eine globale Infrastruktur erstmalig demokratisch, das heißt, unter Einbeziehung ihrer Nutzer zu verwalten. Infrastrukturen wie Telefon-, Strom- oder Kabelnetze sind große, unzugängliche Behörden, in denen niemand ein Mitspracherecht beansprucht. Das Internet ist dagegen kein neutraler Datenlieferant, sondern ein ökonomisch und politisch umkämpftes Terrain.
Oberstes ICANN-Organ sollte das
- geschäftsführende Direktorium mit 19 Mitgliedern, das seine Entscheide per Mehrheitsbestimmung verabschieden und die verbindliche Politik der Behörde formulieren sollte. Die so genannten „unterstützenden Organisationen“ (Supporting Organizations) konnten 9 Direktoren bestimmen, wiederum neun Direktoren sollten von der globalen Internetnutzerschaft als Kollektiv in direkten Wahlen erkoren werden (somit wurde die Chance auch wirklich gewährt). Das 19. Mitglied verkörperte den Präsidenten sein.
Die drei unterstützenden Organisationen sind:
1) Die „Adress Supporting Organization“ (ASO), die sich mit der Verwaltung der IP-Adressblöcke (also der Zahlenfolgen, die die Identifizierung erlauben) beschäft. Das neunköpfige Führungsgremium des ASO (Address Council, amer., europ., pazif.-asia.) durfte drei ICANN-Direktoren stellen.
2) Die „Domain Name Supporting Organization“ (DNSO), deren wichtigste Aufgabe die Ausarbeitung funktionierender Rahmenbedingungen für die Aufschaltung neuer TLDs sein. Das Führungsgremium des DNSO (Names Council) durfte ebenso drei ICANN-Direktoren benennen.
3) Die „Protocol Supporting Organization“ (PSO) war zuständig für die Zuordnung von einzelnen Parametern für die Internet-Protokolle, den technischen Standards und stellte ebenfalls drei Direktoren.
Die ersten neun berücksichtigen primär technische und kommerzielle Interessen.
Als Gegengewicht sollte eine bestimmte Anzahl von Direktoren direkt gewählt werden. Diese vertraten die große Masse der allgemeinen Internetnutzerinnen und –nutzer auf der Welt, die so genannte At-Large-Membership. Zivilgesellschaftliche Gruppen und Organisationen konnten endlich ihren Fantasien von global-demokratischen Strukturen freien Lauf lassen.
Die Regierungen waren auch beteiligt, nämlich mit einem Beratungsausschuss (Governmental Advisory Committee, GAC), die z.B. überwachen sollte, dass die Internetdienste immer sicher, zuverlässig und erschwinglich sind.
Klingt alles schön und gut, aber so ganz unabhängig war die ICANN dann doch nicht.
Die USA behielten sich ein Kontroll- und Interventionsrecht vor, musste jede Entscheidung absegnen und definierte so die Rahmenbedingungen, mit denen sich die Internetbehörde entwickelte, entscheidend mit.
Erst im Jahr 2000 – zwei Jahre nach der Einführung von ICANN – sollte ICANN in die Selbständigkeit entlassen werden.
Finanziert werden sollte ICANN durch vorgegebene Beiträge ihrer einzelnen, über den gesamten Globus verteilten Mitglieder. Eine wirtschaftliche Abhängigkeit von den Regierungen sollte unbedingt vermieden werden. Die Regierungen sollten nur über den Beratungsausschuss teilnehmen.

3) Probleme von ICANN

Durch die Gründung von ICANN hatten organisierte Interessen aus Wirtschaft und Politik erstmalig eine offizielle Anlaufstelle für ihre Forderungen. ICANN stand daher unter einem viel größeren Druck als die Vorgängerorganisation IANA. Sowohl die technische, als auch die politische und wirtschaftliche Ebene bestimmte das Geschäft von ICANN.

Zusammensetzung des Direktoriums
Zu Beginn „regierte“ ein Übergangsdirektorium, das aus Leuten bestand, die hinter verschlossenen Türen gewählt wurden.

Finanzierung
Das zusammengewürfelte Konstrukt führte zu einem Finanzproblem. Die Regierungen waren an ICANN nicht beteiligt, die Unterorganisationen wie z.B. die Länderregistratoren (ccTLD) vor allem aus Europa waren skeptisch gegenüber dem Direktorium und waren zunächst nicht zu substanziellen Zahlungen bereit. Folge: Eine Notfinanzierung mit Hilfe einiger Firmen, z.B. von IBM und anderen amerikanischen Internetfirmen. Das hinterließ natürlich den Eindruck, das ICANN von Beginn unter dem Schirm des „big business“ stand.

Schwierige Verhandlungen
Ziel war die Öffnung des Domain-Marktes. Die Eingliederung der Monopolistin „NSI“ (Network Solution Incorporated; .com) war zum Beispiel eine schwierige Aufgabe.

Schwere Entscheidungsfindung
Die große Durchmischung von ICANN mit Interessengruppen verschiedenster Art verhinderte eine effiziente Entscheidungsfindung.
1) Jede Entscheidung des Direktoriums wurde von einem bedeutenden Teil des Privatsektors nicht oder nur unter großem Protest anerkannt (ansonsten saßen ja nur die „Old boys“ des Internet in dem Gremium)
2) Die Direktoren verzögerten die Offenlegung der internen Arbeitsabläufe

Das demokratische Experiment
Was groß angekündigt wurde, fiel am Ende ernüchternd aus. Im November 2000 fanden die Wahlen statt, aber bis dahin registrierten sich nur 160.000 von zig Millionen Internet-Usern als Wahlberechtigte. Tatsächlich abgestimmt haben dann nur 24.000. Die Zahl der frei wählbaren Mitglieder war zwischenzeitlich auf fünf gesunken (einen für jeden Kontinent). Am Ende setzten sich für Europa Andy Mueller-Maguhn (6'000 Stimmen), für Nordamerika Karl Auerbach (1'000), für Afrika Nii Quaynor (67 Stimmen), für Asien/Australien/Pazifik Masanobu Katoh (14'000 Stimmen), für Lateinamerkia Ivan Moura Campos (1'000 Stimmen) durch.
Auf das größte Interesse stieß die Wahl in Deutschland und Japan, weil sie eine hohe Medienpräsenz erreichte.

Aufgrund dieser Probleme gerieten die zentralen Aufgaben von ICANN massiv in den Hintergrund. Als Erfolge konnte das Direktorium immerhin ein weitgehend selbständig funktionierendes Streitschlichtungsverfahren sowie die gut entwickelte Konkurrenz im Markt der Domainregistrierungen verbuchen.

4) Umbau

Zu Beginn des Jahres 2002 hatte der allgemeine Missmut gegenüber ICANN ein solches Ausmaß erreicht, dass eine Reaktion des Direktoriums unausweichlich wurde. Die Reihe der Kritikpunkte präsentierte sich lang und wuchs beständig! Zudem war die Öffentlichkeit mehr und mehr auf den ICANN-Prozess und die vielfältigen Missstände aufmerksam geworden.
Holitscher meint dazu: „Die private Selbstregulierung stößt dort an Grenzen, wo die Marktteilnehmer selbst die Regeln des Marktes aufstellen sollen.“
Das Problem: Eine überlebensfähige ICANN musste mindestens über ausreichend Legitimität verfügen, damit sich die über die ganze Welt verstreuten Internetakteure zur Regelung ihrer gegenseitigen Beziehungen überhaupt an die Organisation wandten und nicht autonom vorgingen. Aber gerade diese notwendige Legitimation schien ICANN vollends abhanden gekommen zu sein. Dazu kam eine existenzielle finanzielle Krise.
Folge war eine Reform und ein Umbau der ICANN und es entstand ICANN 2.0, also quasi ICANN Reloaded.
Der ICANN-Präsident Stuart Lynn forderte eine Neukonfiguration der Organisationsstruktur. Der direkten Nutzervertretung erteilte er eine Absage. In der reformierten ICANN sollten technischen Belangen verpflichtete Interessengruppen an Einfluss gewinnen, zivilgesellschaftliche Interessen aber zurückgestuft werden. Die länderspezifischen Domainverwalter sollten eine eigene Supporting Organization erhalten, die At-Large-Membership aber abgeschafft werden.
Angesichts der ernüchternden Erfahrung damit erkannte Lynn die Möglichkeit, die Regierungen verstärkt einzubeziehen. Diese seien schließlich demokratisch gewählt und könnten die Interessen der jeweiligen Nutzergemeinschaft am effektivsten vertreten.
Die wichtigsten Punkte
- Stärkung des ICANN-Direktoriums als verantwortliches Entscheidungsorgan,
- Abschaffung der direkten Nutzervertretung im Direktorium,
- Konzentration auf das Domain Name System,
- Differenzierung zwischen den Bereichen generische Namen und Ländercode-Namen (ca. 250 ccTLD-Verwaltungen) durch eigene Fachorganisationen: Generic Names Supporting Organization (GNSO) und Country Names Supporting Organization (CNSO)
- Verbreiterung der Regierungsbeteiligung durch vom Governmental Advisory Committee ausgewählte Verbindungsleute ohne Stimmrecht in allen Fachorganisationen, Ausschüssen und im Direktorium der ICANN.

Neufassung der Ziele
Organisation zur Stabilität des globalen Internets weiterhin, aber nicht mehr, um die schwerfälligen Regierungen draußen zu halten.

Die neue Organisationsform sah wie folgt aus:
14 Direktoren plus 1 stimmberechtigter Präsident
2 von der ASO (nicht mehr 3)
2 von der DNSO (nicht mehr 3)
2 von der GNSO (Generic Names Supporting Organization)
2 von der Country Code Names Supporting (CCNS)
plus
8 vom neuen ICANN Nominating Gremium (NomCom) gewählte Direktoren.
Weiterhin sind
6 nicht stimmberechtigte Direktoren dabei (u.a. die GAC/Regierung und die At-Large...)
Es wurde darauf geachtet, dass mind. 1 Direktor pro Kontinent vertreten ist.

Also:
Der Einfluss der Regierungen ist gestiegen. Sie haben viele Beobachter in den verschiedenen Unter-Organisationen und im Direktorium platziert.
Damit ist auch die Kooperationsgemeinschaft der USA gestiegen, die in Zeiten des ökonomischen Abschwungs auf die Zusammenarbeit mit anderen Staaten angewiesen ist.
Dennoch verfügt die USA aber weiterhin über die Möglichkeit, den ICANN-Prozess zu stoppen und somit über die Kontrolle.

Aus der delegierten Selbstregulierung ist eine Ko-Regulierung geworden.

Aber:
Wo sind die individuellen Nutzer hin?
Die nicht-kommerziellen Internutzerinnen und –nutzer wurden von den Umstrukturierungen am härtesten getroffen. Die „Netizens“ verfügen nur noch über ein Mitglied ohne Stimmrecht im Direktorium. Direkte in der Satzung verankerte Einflussmöglichkeiten bestehen nicht mehr.
Was lässt sich daraus lernen?
Probleme lagen z.B. im Wahlkampf. Das Wahlkreiskonzept war geographisch angelegt, so dass in den meisten Regionen nicht einmal die sprachlichen Voraussetzungen für eine Verständigung unter den Mitgliedern bestand. Eine nahe liegende Vermutung ist, dass Wahlen in transnationalen Zusammenhängen vorläufig wohl nur dann sinnvoll sind, wenn das Wahlrecht mit einer forlaufenden, verbindlichen politischen Teilhabe verknüpft ist. Es gibt wohl zurecht die Sorge, dass nach dem Wegfall demokratisch gewählter Volksvertreter gut organisierte Industrieinteressen die Kontrolle über die Belange der Internetverwaltung zu Ungunsten der globalen Allgemeinheit übernehmen werden. Und es ist bedenklich, dass aus den Schwächen der Internetwahl kein Lernprozess eingeleitet, sondern die At-Large Membership direkt aufgelöst wurde. Wohl eine verlorene Etappe auf dem Weg zur Demokratisierung.

5) Zukunft

Die Reformphase des ICANN ist noch nicht abgeschlossen, das zum einen. Wir haben noch keine Unterlagen darüber, wie gut bzw. schlecht die ICANN nach dem Umbau (beschlossen im November 2002 in Shanghai, laut Unterlagen) funktioniert.
Zum anderen muss das Domainnamensystem trotzdem noch weiter reformiert werden. Es ist nicht differenziert genug, um die vielfachen Namensgleichheiten der realen Welt angemessen widerspiegeln zu können. Es gibt eine heraufziehende Namensknappheit. Was ist, wenn jeder europäische Bürger mit seinem Namen im Netz vezeichnet sein möchte? Vertrösten wir ihn damit, dass das Alphabet noch jede Menge abenteuerlich klingender Buchstabenkombinationen zulässt?
Die Überschrift eines Textes, den wir gelesen haben, ist eine ganz spannende Frage: „ICANN - Eine Internet-UNO oder US-Kontrolle für immer?“

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LINKS

1) Textvorlage: Volker Leib: "ICANN und der Konflikt um die Internet-Ressourcen"

2) Textvorlage: Volker Kleinwächter: "ICANN - eine Internet-UNO oder US-Kontrolle für immer?"

3) Textvorlage: Marc Holitscher: "Die Regulierung des Internets zwischen technischer Koordination und politischer Steuerung"

4) Die Homepage von Frau Hofmann findet Ihr HIER

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Diese Seite wurde zuletzt geändert am 30.11.2003
Webmaster ist Andreas Ernst