Dank an meinen Kumpel Helmut, der
das Tagebuch - alles mit Duldung
seiner Freundin Tina - glücklicherweise
alles jeden Abend aktualisiert hat!
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Tag 1: Mülheim -> Trier
Eins, zwei, drei Worte
"Einmal die 'Pomm-und-Toffel-Pfanne" bitte, werfe ich beschwingt dem Kellner entgegen. "Und vorher ne Suppe. Kartoffelsuppe, mit Zwiebeln." Dann schlage ich zufrieden die Speisekarte zu, ruecke mir die Sonnenbrille zurecht, die ich nicht aufhabe, hoere CD, Discman und habe doch keinen Kopfhoerer auf. "Bite gib mir nur ein Wort", haucht Judith von Wir sind Helden. Ja, kannste haben, dir haett ich so einiges zu sagen. Und allen und jedem und sowieso - egaaaaaal ist die Welt. Vor mir liegt ein halbwegs grosser Platz irgendwo im Herzen von Trier, ich sitze in einem Restaurant, das ich stets zu besuchen pflege, sobald ich das schnuckelige Staedtchen an der Mosel bereise, nippe an meiner Cola und schaue in acht Augen. Blicke sie an und doch nicht. Mein Bruder Thommy und seine Freundin Marrit gewaehren mir eine Nacht Unterschlupf und - Ueberraschung - Marrits Bruder Arne, 34, und seine 21-jaehrige Kim, sind auch da. Frisch aus Belgien.
Unser Tisch wackelt etwas, zu fuenft packen wir an und tauschen ihn mit dem Nachbartisch aus. Fast alle anderen Gaeste schauen uns an. "Wer von Euch ist Student?", fragt der Kellner. Kim, Thommy und ich melden uns und freuen uns ueber unverhoffte 50 Prozent Rabatt. Studentag. Halb neun abends. Urlaub. Wirklich Urlaub. Dreieinhalb Wochen. Dreieinhalb Wochen weg von Muelheim. Weg von Lokalberichterstattung, weg vom VfB Speldorf, Galatasaray Muelheim, man, klingt alles wie vor einem Jahr, weg vom VfL, ein Abschied, voruebergehend (okay, das war vor einem Jahr anders, da traeumte ich noch von einem UEFA-Cup-Traumlos). Weg vom VfL, vielleicht gelingts mir in Asien, den dusseligen, schusseligen, usseligen Abstieg zu verarbeiten und wenigstens eine winzige Form der Vorfreude zu entwickeln, der Vorfreude auf die bevorstehende Zweitligasaison, auf Burghausen, Cottbus aaaaaahhhhh!! Andi, Urlaub, Urlaub, nicht Fussball, nicht Job, nicht Uni, nicht Alltag, nicht Ruhrgebiet, nicht VfL, VfB. Heute Morgen noch besorgte ich Mueckenschuty, Nasenspray, all so Zeugs, schaute mir im Muelheimer Forum alles noch einmal ganz genau an, Burger King, baeh, Mc Donalds, und tschuess, H und M, bald hab ichs viel billiger, auf Wiedersehen Muelheim, ihr koennt mich mal. Packte den letzten Rest zusammen, liess meine Wohnung im Chaos zurueck. Scheiss auf die Zeitungen, die Stapel voller WAZ, taz, Spiegel und Kicker, scheiss auf die wahllos auf den Boden geschleuderten Unterlagen fuer die seit Wochen ueberfaellige Steuererklaerung. Steuerwas? Ein Unwort aus der "Money left to burn"-Welt. Scheiss auf alles, scheiss, scheiss, scheiss, ein Lieblingswort an einem solchen Tag.
Los, los, auf nach Trier, drei Zuege, dreimal Regionalexpress, zweimal umsteigen. Umsteigen in Duisburg und Koblenz. In Koblenz steigt eine Schulklasse zu. Eine? Nee, wohl eher eine ganze Schule, Kinderfreizeit, was weiss ich (gemerkt, ich habe nicht "scheiss" geschrieben...) Kinder sprinten ueber ne Stunde im RE hin und her, ob der Halt nun Kobern-Gondorf, Treis-Karden, Bullay oder Wittlich heisst. Im RE hin. Im RE her. In meinem grossen Rucksack schlafen die Reisefuehrer. Drei von Bangkok, drei von Vietnam, huebsch verteilt. Sie schlafen noch, schlafen gut. Der Wecker steht auf Mittwochnacht.
Meine Rucksaecke sind leichter als sonst. Macht das die Erfahrung? Israel 1999, da hab ich mir den Ruecken fuer immer ruiniert, das schwoere ich bis heute. Autsch was hatte ich damals mit. Fast ne komplette Bibliothek, "Leihbuecherei" war mein Spitzname in unserer Sechsergruppe. Fast fuer jeden Tag dann noch ne andere Modekluft am Start. Modenschaumaessig, jugendlicher Schwachsinn, Frauenjagd!? Und nun ist meine kleine Arbeitstasche nicht mal voll, und meinen grossen Rucksack, Marke Jack Wolfskin, der schon Israel, Mallorca, USA und ganz Skandinavien sah, kann ich mit einer Hand tragen. Warme Klamotten? Pullover? Jacken? NULL!! Seit Wochen verraet "wetteronline.de", dass die Temperaturen in Bangkok und Vietnam nicht unter die 32-Grad-Marke sinken. Und Buecher hab ich gar nicht mit. Reisefuehrer, okay, aber das sind ja nur halbe Buecher. Ich schreib lieber selbst, hab ich so vermisst in den letzten Wochen. In den von Novellen, Textsorten, Gerichtsreportagen, Lokalsport und World Games dominierten Pflichttagen. Frei schreiben, ich muss es ernsthaft wieder lernen, ueben, raus aus dem WAZ-Schema, kreativ sein. Musik wird mein zweiter Vorname. Auf meine gebrannten CDs bin ich sehr stolz. Wenn der Urlaub nur ansatzweise so viel Spass bringt wie die Zusammenstellung der Songs fuer die kleinen silbernen Scheiben, dann wirds ein Knaller. "Bitte gib mir nur ein Wort?" Tausende werdens. Tausende.
Trier. Roemer vor paffzig Jahren, alte Stadt, Porta Nigra, Kaiserthermen - didaktisch voellig missratene Museen sind das, findet Arne. Kim studiert Kunstgeschichte. Wir reden Deutsch, Englisch, manche auch Niederlaendisch. Ich trage mein "Sverige"-Shirt. Internationale Runde, sagt man wohl dazu. Halb zehn. Die Pfanne schmeckt. Eine Gruppe Studenten kommt aus Richtung Fussgaengerzone, Studentarif eben. Morgen haette ich nochmal zur Uni gemusst, Lehrforschungsprojekt Sowi. Tschuess, dann bin ich schon im Flieger!!! Ssssstttttt... uuuuund TSCHUESS!
Ein lauer Sommerabend, ja das ist es. Eine leichte Brise, ganz leicht nur, die Sonne geht unter, langsam und hinter ein paar kleinen Wolken verborgen, und waere ich Andi Pilcher, wuerde ich in diese Kitsch-Szenerie noch eine herzzerreissende Liebesgeschichte einbauen.
Zehn Uhr abends. Marrit, Thommy und ich setzen uns in den kleinen, weissen, 20 Jahre alten Opel-Klapperkasten und legen die paar Meter vom Restaurant zu Thommys Wohnung mit dem Auto zurueck. Arne und Kim laufen. Liebesgeschichte?
"Ich hab ne Diashow vorbereitet", sagt Thommz und drueckt den "On"-Knopf seines Laptops. Zwei Stunden lang fliegen 700 Bilder aus Bangkok und Vietnam an mir, meinen Augen und vielleicht, na wahrscheinlich sogar, auch an meinem Gehirn vorbei. So viele Tempel (genannt Wats), so viel Schweiss (kein Scheiss), Can Tho, Mekong Delta, Patpong, "Andi das ist ein Muss", "Andi, das ist auch ein Muss", Saigon, Hanoi, Tipps, viele Tipps, hey, lasst mich zwischendurch mal einen Schluck Apfelschorle trinken ("Bloss keine Cola, dann kannst Du nicht schlafen", sagt Thommy. Danke, als ob ich das nicht selbst wuesste). Thommy malt in meinem Baedeker herum, es ist ein Rieseninput, der meine Festplatte bis zum Anschlag fuellt. Marrit und Thommy gehen in der Reisefuehrer-Rolle richtig auf. Ich erhalte eine Wunschliste von Thommy und Marrit. Eine Haengematte, aber aus Parachutstoff bitte, und eine Weltkarte auf Thai fuer Marrit. Thommy moechte viele Vietnam-Trikots, einen Hut, DVDs (er sagt immer DVDen, klingt total seltsam, oder?). Hat sonst noch jemand Wuensche? Bilder, Bilder, Bilder, bis 1 Uhr. Zaehne putzen und Gute Nacht. Der Wecker klingelt fuer mich um 7.15 Uhr.
Ich ruecke mir meinen Zopf fuer die Nacht zurecht, um das Haarband dann doch zu entfernen. Meine Matratze liegt im Flur. Arne und Kim pennen im Wohnzimmer, Marrit und Thommy natuerlich im Schlafyimmer. Das Kindergeschrei aus dem Regionalexpress ist verstummt, Judith von Wir sind Helden schweigt, das Essen ist verdaut, mein Ruecken schmerzt nicht. Noch nicht. Morgen vielleicht.
Das Abenteuer beginnt. Morgen, nicht mehr heute. Gute Nacht Welt! Gute Nacht Trier, Muelheim! Gute Nacht Freunde! Ich will nur weg. Ganz weit weg. Ich will raus!
Tag 2: Trier -> Frankfurt -> Moskau
Vollmond
Playlist, Song 1: "Man on the moon"
Er ist so nah, so gross. Das Flugzeug schwebt ueber den Wolken (jaja, genau da, wo die Freiheit grenzenlos ist), die weissen Wattewoelkchen wirken wie ein flauschiger, mit Perwoll gewaschener Teppich, in den hineinzuspringen ein grosses Vergnuegen ist, ganz bestimmt. Und am Horizont die ganz weisse Kugel im Nichts. Im dunklen Nichts. Von R.E.M. habe ich fast alles mit, alle grossen Hits, doch den, der jetzt so gut passen wuerde wie nie zuvor, der fehlt in meiner Sammlung. "If you believe, they put a man on the moon", oder so aehnlich roehrt Saenger Michael Stipe ins Mikrofon und ich singe es in mich hinein, ein bisschen und denke ueber den Mann auf dem Mond nach, wie er wohl aussehen wuerde. Quatsch eigentlich, aber angenehmer Quatsch. "Man on the moon". Und da waere noch Groenemeyer. Auch nicht dabei, die CD. Das Lied, das ich liebe, wenn ich mal wieder ungluecklich einer unerreichbaren Frau nachschmachte. "Vollmond, setz mich ins rechte Licht, Vollwond, ich weiss, sie will mich nicht", heisst es dort selbstverstaendlich fast unertraeglich kitschig. Aber wer "Bochum" geschrieben hat, dem sei ein solches Lied verziehen. Im Flieger sind alle Plaetze belegt. Ich versuche zu schlafen. Und das, obwohl Vadim, der Russe, links neben mir tierisch nervt. Lass mich schlafen. Bitte. Ich schnappe mir das Aeroflot-Kissen, das ich auf meinem Sitz im Flieger vorfand und quetsche mich mit dem Kopf gegen die Wand. Good night.
Playlist, Song 2: "Guten Morgen liebe Sorgen"
Noch so ein Lied, das ich nicht dabeihabe. Aber mit Bauchschmerzen, mit Sorgen, wache ich in Trier auf. Letztes Jahr, beim USA-Urlaub, hatte ich in den sieben Monaten nach der Flug-Buchung stets dieses zittrige Gefuehl im Magen, diesen Reiseschwindel im Hirn, mal wohlig, mal verdammt bedrueckend. Seien wir ehrlich, ich hatte Angst. Und diesmal? Nix, nothing. Seit Januar weiss ich, wie und wohin die Reise geht, und es liess mich kalt. Kalt. Kuehler. Kaelter. Am kuehlsten. Bis heute Morgen. Ich werde in Thommys Flur wach, mist, doch mit Rueckenschmerzen, und sie ist da, geballter denn je. Aaaaahhh!!! Nee, ich fahr nicht. Nee, ich dreh mich wieder um und schlaf. Nee, ich lass alle Tickets verfallen, baeh, mag nicht. Meine Innereien spielen American Football und keiner gewinnt. Muehsam schleppe ich mich unter die Dusche, lasse mich von Thommy zum Bahnhof kutschieren. "Tschuess!" "Viel Spass!" "Bin gespannt" "Komm gut an in New York". Eine letzte Umarmung. Jetzt noch so nah und bald sind wir Brueder so weit voneinander entfernt. Er ab dem 1. August in New York City, ich in Vietnam. Will gar nicht wissen, wie viele Flugstunden das sind.
Playlist, Song 3: "No melody"
Ein Regionalexpress bis Kobleny, diesmal ohne Kindergruppe, ein Eurocity in Schweizer Waggons Richtung Basel bis Mainy, ein Intercity bis Frankfurt Flughafen. Noch nie abgeflogen hier. Nie. Seit Koblenz begleiten mich eine unfassbar huebsche Lufthansa-Stewardess, samt Freund. Sie lassen das Bauchkribbeln, die geballte Angst ein wenig schwinden. Ist das American Football-Match in mir vorbei? Scheint so. Vielleicht doch nur ein Muedigkeitsanfall. Keine Ahnung. Das Einchecken funktioniert reibungslos, drei Stunden noch. Es beginnt wieder, das gute alte Flughafenspiel. Du stehst in einer Ecke, starrst auf die Tafel, auf der die schoensten Flugziele der Welt, von San Francisco bis Sydney verzeichnet sind und spielst mit dir selbst das Judith Hermannsche Spiel "Sich so das Leben vorstellen". Okay, etwas modifiziert meinetwegen. Sich so die Leute vorstellen. Wohin fliegt wohl der grauhaarige, schnauzbaertige 180-cm-Mann im Anzug mit der schief sitzenden Krawatte? Bernd Heynemann, ehemaliger FIFA-Fussball-Schiedsrichter, laeuft vorbei. Wohin? Ich frag nicht. Oder die junge Familie, Ehepaar, maximal Mitte 20, sie blond, er schwarzhaarig, Baby noch im Kinderwagen, gar nicht haarig. Und was ist das fuer eine Sprache links neben mir?
Im Discman laueft wieder eine gebrannte CD. "Vietnam IV" habe ich sie etwas lieblos genannt. Track? "No melody" von den Turntablerockern. Welche Melodie wird wohl meinen Urlaub am besten betiteln?
Playlist, Song 4: "Wuensch Dir was"
Von Euch waren wahrscheinlich noch nicht viele Bangkok, ich weiss. Trotzdem sei erwaehnt, wo ich gerade diese Zeilen in meinem Tagebuch verewige. Es ist mittags, vier Uhr, ueber mir brummen drei Ventilatoren. 32 Grad ists draussen. Immerhin. Links neben mir steht ein kleiner Buddha-Altar, in Gold gehalten, mit Bananen davor, vielleicht verstehe ichs in den naechsten Tagen. Neben meiner Federmappe habe ich eine 0,5-Liter-Flasche Wasser platziert, Kostenpunkt 20 Cent, habe ich schon halb geleert. Und das Treiben der Khao San Road, der Touristenstrasse Bangkoks, remember Leo di Caprio in "The beach" fasziniert mich ungemein. Stundenlang koennte ich sitzen, einkaufen, Touris, Sonne. "Es kommt die Zeit, o-ho, in der das Wuenschen wieder hilft." Meine Wuensche aus dem Flieger sind in Erfuellung gegangen.
Playlist, Song 5: "Moskau"
Ich hab lang genug gebraucht, um das zu erzaehlen, um den folgenden Satz zu verfassen. Jetzt sag ichs. Frei raus. Jetzt: Der heutige Tag war die haerteste Pruefung des Urlaubs. Ganz sicher weiss ich das schon jetzt. Erst frueh raus, und dann das. Schlimmer kanns nicht kommen. Und ich habs ueberlebt. Da ich das Ganze mit Dschingis Khans (warum eigentlich nicht Kahn...) "Moskau" betitelt habe, koennt Ihr Euch leicht vorstellen, womit das zusammenhaengt. Der Reihe nach (by the way: ach, wie schoen der Wind die 32 Grad ein wenig abkuehlt, herrlich, noch ein Wasser bitte, danke! Upps, da kniet jemand vor Buddha, was soll das denn?) Reibungslos laueft der Flug von Frankfurt nach Moskau. Erstaunlich reibungslos, dafuer, dass ich mich vor einer Woche noch rausgeschmissen waehnte.
Rausgeschmissen? WER DIE STORY KENNT, BITTE DEN FOLGENDEN ABSATZ UEBERSPRINGEN... Aufgrund einer Fehlauskunft des Auswaertigen Amtes bretterte ich unter widrigsten Bedingungen (Bahn-Verspaetung) nach Bonn-Bad Godesberg, um mir im Konsulat ein russisches Transitvisum zu besorgen. Das Amt meinte, ich braeuchte so etwas.Haette 205 Euro gekostet. Und mit dem sensationellen Spruch "Wem wollen Sie das Visum zeigen? Den anderen Fluggaesten?") entlarvte der russische Beamte die Fehlinfo des Amtes. Mir stieg die Zornesroete ins Gesicht - und das passiert nicht so oft.
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Gestaerkt mit Reis und "Chicken" (Note: 3-) lande ich am Flughafen "Moskau Sheremetyevo" mit der Aeroflot-Maschine und tatsaechlich ist mein immer noch leicht erhoehter Adrenalinspiegel fehl am Platy. Keine Sau will ein Visum sehen, selbst mein Reisepass wird nur fluechtig beaeugt. Mein Flug geht ne Stunde spaeter als geplant, es ist 19.20 Uhr Ortszeit, und ich habe 3:20 Stunden Aufenthalt im Mini-Transitbereich rund um die 21 Gates. Ich spaziere, drehe Runde um Runde, manche hats noch aerger erwischt, die pennen auf den Fluren. Ich versuche die kyrillische Schrift zu entziffern, zwecklos. Auf den Kofferwagen steht "Moscow 2012". tja, Pech, was? Der Duty-free-Shop ist unverschaemt teuer, und diesen Satz muss ich mit drei Ausrufezeichen versehen!!! Meine bei Saturn gekauften Mini-Discman-Batterien sind ein Desaster, die halten nur vier Stunden pro Par. Da muss ich wohl ordentlich nachkaufen. Russisches TV laueft ueberall, ich versteh kein Wort. Ich beobachte Leute, schreibe die Geschichte fuer Tag eins in mein Buch, dabei werde ich wiederum beobachtet. Oder machts das "Sverige"-Shirt? Keine Ahnung. Aus meiner Tasche krame ich den Reise-Know-How Bangkok, frisch in Frankfurt gekauft, hervor, und lese. Meine Angst ist schon lange futsch, meine Stimmung dreeeeht sich und dreeeeeeeht sich. Ich will mich hineinstuerzen ins Chaos der Khao San Road, will Bangkok hektisch sehen, erleben, 700 Bilder, alle wieder da.
Und dann sitzt auf einmal dieser Typ neben mir im Flieger. 22.45 Uhr russischer Zeit, 1.45 Uhr thailaendischer Zeit, 20.45 Uhr deutscher Zeit.
Playlist, Song 6: "Vollmond"
Einen Fensterplaty hat mir die nette Dame von Aeroflot Russian Airlines verschafft, besser gehts nicht. Schlafen, Musik hoeren, trauemen. Und dann die Frage "Where are you from?" Eine Wodkafahne fliegt mir entgegen, und nein, es ist nicht etwa der Englaender, der beim Einsteigen kaum noch laufen konnte und einer schoenen Frau einen Klaps auf den Hintern verpasste (sie hat nicht zurueckgeschlagen, was mich sehr verwunderte, und die Polizei hat auch nix gesagt). Eine ganze Gruppe, an der Sprache zu merken aus Russland, setzt sich neben, vor und hinter mich. "Germany", hoere ich mich sagen. "What do you think about European democracy?", fragt mein Nebenmann, der sich bald als 29-jaehriger Vadim aus Moskau vorstellt. Es entwickelt sich ein zweistuendiges, bizarres Gespraech, unser Englisch ist mehr schlecht als recht.
Vadim ist nicht dumm, studiert irgendwas mit Technik, ist weit gereist, hat gute Kenntnisse in Asien, diesmal fuehrt er seine Gruppe durch Kambodscha. Politik. Russland. Deutschland. Europa. Er liebt Russland. "Russia is interesting. Very interesting." Nur in Russland koenne er sich richtig frei fuehlen, sagt Vadim.
Nett? Alle fuenf Minuten greift er in seine Duty-free-Shop-Plastiktuete, holt eine Flasche Finlandia-Wodka heraus, 50 Prozent Alkohol, und trinkt mit seiner Gruppe. Alle fuenf Minuten. Sie werden immer besoffener und immer boeser darueber, dass ich mich beharrlich weigere, mitzutrinken. Jetzt wirds uebel. Meine Anti-Alkohol-Konditionierung klappt inzwischen so gut, dass ich bei jedem Wodka-Anstossen ein Aufstossen verspuere.
Es ist stockfinster, ooooh, der Mond, wie schoen, und mit seinem Suffkopp erzaehlt Vadim, dass seine Freundin 16 ist und er auf dicke Brueste steht. Okay, das interessiert mich nicht wirklich. "India is no good", sagt er ueber Indien. "No women, no alcohol". Mittlerweile hat er die Beruehrungskrankheit und klopft mir bei jedem Satz auf Arm oder Schulter. "Why do you drink Wodka?", frage ich. "Its tradition in Russia", lallt er. "And Wodka make me feel the long flight not so long." Im Flugzeug gibts kein TV, also keine Videoablenkung, alle Infos sind nur auf Russisch, aber was will ich bei dem Preis auch erwarten. Ich muss auf Klo, sehe zwei Sextouristen (ey, ich schwoer, hundertprozentig) und der Mikrowellengulasch, den Aeroflot als Gute-Nacht-Appetizer-Happening servierte, liegt schwer im Magen.
Als ich wiederkomme, nippe ich an meinem Colaglas und bemerke Wodka-Geschmack. Ich gebe das volle Glas einer Stewardess und ernte so bitterboese Blicke, das ich um mein Leben fuerchte. Bitterboese. "How is your girlfriend?", fragt Vadim ununterbrochen. Im 10-Sekunden-Takt. Nach fuenf Minuten kann ichs nicht mehr ertragen und erfinde irgendetwas.
"Vollmond - setz mich ins rechte Licht", wuerde ich vermutlich rufen, wenns die von mir geschilderte Frau wirklich gaebe. Vielleicht gibt es sie, vielleicht kenn ich sie, was weiss ich. Es ist hart im Flugzeug. Von Russland und Moskau habe ich keinen Eindruck bekommen. Vadim zaehlt ja nicht wirklich. Ach Vollmond, hilf mir doch, du siehst so unschuldig aus. Und genau in diesem Moment, als ich mir das wuensche, nickt Vadim ein. Eine etwas andere Urlaubsbekanntschaft. Hoffentlich sehe ich ihn in Bangkok nicht wieder.
Der
besoffene Russe
Tag 3: Moskau -> Bangkok
TOXICITY
Von oben sehen die Reisfelder riesig aus. Sind es ueberhaupt Reisfelder? "Sure, rice", sagt eine Stimme von links. Huch, Vadim, den hatte ich ja ganz vergessen. Guten Morgen, gar keinen Kater? Wir fliegen ueber Land; Indien, Myanmar, keine Ahnung, Asien jedenfalls. Fast zehn Stunden dauert der Flug, mein laengster bisher. Mein Schlafrhythmus war entgegen meiner Erwartungen erstaunlich, voellig okay geradeyu. Ich konnte sogar mal zwei Stunden am Stueck knacken, trotz Vadim, trotz aller Unwaegbarkeiten und trotz der Turbulenzen ueber was weiss ich fuer einem Land. Der Flugkaeptn hats wahrscheinlich gesagt, aber ich kann ja leider kein Russisch.
Zum Fruehstueck gegen fuenf Uhr russischer und acht Uhr thailaendischer Zeit, hilfe, immer diese Zeitspruenge, entscheide ich mich fuer Omelette. Falsche Wahl. Das sieht nicht nur so aus wie Gummikotze, es schmeckt auch so. Komischerweise werde ich schlaefrig, das Zeug hatte K.o.-Tropfen-Wirkung, und knacke zu den nicht wirklich sanften Klaengen von System of a downs "Toxicity" umso sanfter ein.
Erst als der Pilot, aeh Flugkapitaen, Bangkok ankuendigt, schnellt mein Puls wieder auf 180 hoch, meine Netto-Reisezeit ab Thommys Wohnung kratzt allmaehlich die 24-Stunden-Marke. Netto wohlgemerkt, brutto ist es inzwischen schon knapp elf. Ein Blick auf meine Lieblingsjeans vergraetzt meine Laune ein wenig. Aus keine Ahnung was fuer welchen Gruenden ist die gruene Tinte eines Stifts genau ueber dem rechten Oberschenkel ausgelaufen.
"Bangkok, thirtytwo degrees" ist alles, was ich aus dem englischen Kauderwelsch des Kaeptns aufschnappe. Hurra, 32 Grad, es ist auch noch bewoelkt. Direkt neben dem Flughafen Bangkoks befindet sich ein Golfplatz und ich frage mich besser nicht, was passiert, wenn ein Ball 'mal abrutscht... Die Abfertigung geht ruckzuck und am 21. Juli um 11.45 Uhr beginnt mein Urlaub richtig. Bangkok. Bangkok. Bangkok.
Ich fuehle mich sogar einigermassen fit, als ich mich auf die Wartesitze der Bushaltestelle fuer den "Airport bus" pflanze. Ein leichter Wind lenkt ein wenig von der drueckenden Schwuele ab. Fuer 100 Baht, umgerechnet 2,10 Euro, lasse ich mich zur Khao San Road transportieren, gemeinsam mit vielen, vielen anderen Travellern.
Ab 12.15 Uhr geht es ueber Bangkoks voellig verstopfte Highways. Wie viele Einwohner Bangkok hat? Ich schlage die Reisefuehrer auf, einen nach dem anderen. Der erste sagt fuenf, der naechste sechs, der dritte offiziell sieben, wahrscheinlich zehn. Zehn Prozent der Thai leben hier und Bangkok ist die "heisseste Hauptstadt der Welt", natuerlich nur, was die Temperatur angeht natuerlich.
"Ob du in Bangkok oder in London bist, eigentlich merkst du das gar nicht", hat Thommy mir mit auf den Weg gegeben. Ist Bangkok so westlich, so europaeisch? Auf dem Highway quaelt sich der Airportbus immer noch nur gaaaanz langsam vorwaerts. Wenigstens funktioniert die Klimaanlage, sonst waere es in dem Gemisch aus Hitze und Schweiss inmitten eines mit Reisenden und Rucksaecken gefuellten Busses total unertraeglich. Stau, dafuer ist Bangkok beruehmt, leider. Auf einmal geht nichts mehr, gar nichts mehr und der Bus steht. Minute fuer Minute verrinnt. Keiner weiss, was Sache ist. Dann steigt einer aus, schaut sich um, kehrt zurueck und verraet es auf Englisch. 200 Meter weiter ist ein Auto stehen geblieben. Passiert eben. Und das zur Mittagszeit.
Es geht vorbei an hohen Wolkenkratzern, aber weder sortiert an einem Ort wie beispielsweise in Philadelphia oder komplett in einem ganzen Stadtteil wie in New York. Nee, hier eins, da eins, ach und noch eins. Die Highways und jeweiligen Bruecken sind nicht gerade huebsch und zerschneiden so ziemlich jeden Stadtteil Bangkoks. Und dann waere da noch der Linksverkehr, der mich schon stoert, obwohl ich lediglich im Bus sitze. Doch irgendwie London?
Die Endhaltestelle liegt direkt an der Khao San Road im Stadtteil Banglamphoo. Die Scharen an Rucksackreisenden sind nicht zu uebersehen und ob aus persoenlichen oder aufgeschnappten Gespraechen erfahre ich, dass nur die wenigsten die komplette Urlaubszeit in Bangkok verbringen. Es geht weiter durch Thailand, Kambodscha, Laos, Vietnam. Bangkok ist eben einer der Verkehrsknotenpunkte Asiens, und ein Stopover "lohnt sich einfach". "Hier muss man gewesen sein", sagen alle.
Mit meinem schweren, aber doch leichten Rucksack und meiner halbvollen Arbeitstasche schlendere ich durch die Khao San Road. Sie ist nur hoechstens 500 Meter lang und doch fantastisch. Raubkopierstand reiht sich an Raubkopierstand, mal mit CDs, dann Sonnenbrille, dann Klamotten. Fantastisch? Ich bin Thommy und Marrit fuer ihre Tipps sehr, sehr dankbar. Irgendwelche Abzocker, die mich anlabern, koennen mir gar nichts anhaben. Und gelabert wird ueberall. Meinen Schweissfilm habe ich auch erwartet und mein Hotel "Sawasdee Khaosan Inn" finde ich sofort. Kostet 11 Euro die Nacht inklusive Fruehstueck, das ist fuer die Khao San Road schon luxusverdaechtig. Dass ich Klo und Dusche auf meinem Einzelzimmer habe, versteht sich hier keinesfalls von selbst. Mit allen Vieren breite ich mich auf meinem Bett aus, aaaaah, endlich duschen, und Zeeeeit, und als ich mich ohne Rucksack auf die Strasse wage, vor die Tuer, ins Getuemmel, schlaegts 15.15 Uhr.
Es beginnt wieder die Zeit der Tagesplanung. Allein zu reisen hat den unschaetzbaren Vorteil, auf lange Diskussionen verzichten zu koennen. Fuer heute habe ich mir nur die Khao San Road vorgenommen. Das reicht, damit duerfte ich ausgelastet sein. An Nummer eins steht Einkleiden. Eine Sonnenbrille fehlt mir noch, eine Hose und ein T-Shirt. Gesucht, gefeilscht (ganz wichtig hier), gefunden, alles zusammen fuer 13 Euro. Beim zweiten Blick entdecke ich neben den Verkaufsstaenden die vielen Cafes, Internet-Cafes, Hotels, Guest Houses, schwierigen Hostels und Restaurants jeglicher Couleur.
London?
Ich merke schon, dass ich woanders bin. Das Wetter, klar, der lange Flug, klar, ueberall stehen Buddhastatuen. Aber dass das Asien ist? Und Thailand speziell? Noch fehlt der direkte Bezug, vor allem hier in der Khao San Road. Ich wette, dass 85 Prozent der Leute, die gemeinsam mit mir bummeln, nicht aus Thailand kommen. Ich finds wahnsinnig spannend. Aber es stinkt. Nach Verkehr, Muell, faulem Essen.
Ist Bangkok touristisch so zweigeteilt, wie es die Reisefuehrer vermitteln wollen? Auf der einen Seite die Khao San Road, Heimat der alternativen, billigst reisenden Rucksack-Individualisten. Hier werden nachgebrannte Fake-CDs der Strokes, von Jimi Hendrix und weiteren alternativen Heroen der Gegenwart und Vergangenheit als Erstes angepriesen. T-Shirts von Bob Marley und Rastazopf-Flechten (keine Sorge, ich nicht) stehen ebenfalls ganz oben. Leute kennenlernen geht ganz furchtbar schnell. Einfach ins Cafe setzen - die meisten sind sowieso so voll, dass es nur moeglich ist, sich irgendwo dazuzusetzen - anquatschen, fertig. Jeder rechnet damit, jeder findet das okay.
Und auf der anderen Seite die Sex-Touristen? Ich moechte es nicht herausfinden. Klar werde ich mir die Highlifestrassen "Patpong 1" und "Patpong 2" anschauen. Zu befuerchten ist, dass die Vorurteile stimmen. Alle Reisefuehrer werden nicht gleichzeitig luegen. 300.000 Prostituierte leben angeblich hier. Es ist dieselbe Stadt: Geliebte Traveller-Stadt, verhasste Sextouri-Stadt, Smog-Stadt, Buddha-Stadt, ruhige Tempelanlagen (Wat heissen die hier). Und alles wahllos irgendwo hingestellt. Das verstehe ich unter "Toxicity".
Im Internet-Cafe verbringe ich zwei Stunden, um die ersten beiden Tagebucheintraege abzutippen, die Geraete sind scheinbar aus den beginnenden 90ern. Aber auch das laesst mich kalt - noch so eine nuetzliche Vorwarnung von Marrit und Thommy. Richtig aergerlich wird es erst, als ich eine Minute, nachdem ich die letzte Mail an die Ruhr geschickt habe, ein DSL-Internet-Cafe zwei Meter weiter entdecke. Na egal, fuer die zwei Stunden habe ich 1,80 Euro bezahlt, in Boston waeren das um die 30 Dollar gewesen.
22.20 Uhr, und nun hocke ich in der angrenzenden Bar meines Hotels, geniesse sensationelle Fruchtcocktails, erst Ananas, dann Banane, schaue einem Oasis-Konzert auf MTV Bangkok zu und spuere die Muedigkeit in meinen Knochen. Vorhin habe ich den Tagesplan fuer morgen entworfen (den ich noch mit mir selbst diskutieren muss) und wieder bestaetigt sich die Reiseregel: Du kannst vorher noch so viele Details planen, vor Ort schmeisst du sowieso alles wieder um.
Morgen will ich rauskommen aus diesem touristischen Sog, so verlockend er auch sein mag. Stunde um Stunde koennte ich in der Khao San Road verbringen, aber gerade das ist zu gefaehrlich und auch total falsch. Morgen will ich weitere Teile der Stadt kennenlernen. Heute aber bestimmt nicht mehr. Ich kann bestimmt gut schlafen. Ganz ohne Angst, ohne Schiss, ohne Heimweh wie noch in Boston vor einem Jahr. Jawollja. Helau. Alaaf.
Die dazu passende Foto-Tagebuch-Seite gibt es HIER !
Freitag, 22. Juli
Bangkok
SCHACH DEM KOENIG oder: ALLES IN GOLD
Dass ich auch "Don't speak" auf einer meiner CDs habe, muss im Delirium passiert sein. Ein schoenes Lied von No Doubt, zweifellos, aber zu einem falschen Zeitpunkt aufgenommen, eindeutig. 1996, viele Paare entstanden, viele zerbrachen spaeter wieder. Ich laufe durch Bangkok an einem mittelschoenen Tag (schoen aufgrund der 30 Grad, mittel aufgrund der stetigen Bewoelkung), stoepsele mir die Kopfhoerer in die Ohren, und "Don't speak" kommt. So kann's gehen. "Gold" sollte die Ueberschrift des heutigen Tages werden, das entschied ich bereits um 13 Uhr. Doch danach geschah noch etwas, was diesen Tag toppte.
Piiiiiiiep, piiiiiiiiiiep, oh jeee, Wecker, ansonsten treibst du mich zur Uni, Arbeit, zum VfL, jetzt um 8.15 Uhr klingelst du mich im Urlaub aus den Federn - naja, Federn sind das nicht gerade auf und in meinem Bett. Egal. Sightseeing-Tag. In Deutschland ist's gerade 3.15 Uhr, da gehe ich sonst ins Bett. Wahrscheinlich hat meine Dart-Runde im "Bunten Baer" oder der fantastischen Kneipe "Zum schraegen Eck" grad die letzten Pfeile ins Triple-20-Feld geschleudert. In meiner giftgruenen Decke sind etliche Loecher, kleiner Schoenheitsfleck, aber brauchen werd ich die sowieso nur kaum. Schweiss, muss ich mehr sagen? Die wirklich gute und kuehlende Klimaanlage kann da leider nichts aendern. Das wird wohl ein dreieinhalbwoechiger Dauerzustand. Und doch bin ich, ja wirklich, ich bin ausgeschlafen. Ein mordsmaessiges Gefuehl, wirklich. Und vor allem habe ich gute Laune. Ich hab wieder in Farbe getraeumt und vor allem von schoenen Dingen. Urlaub.
Das Fruehstuecksbuffet in meinem Hotel ist inklusive und vor allem umfangreich. So gross war nicht mal das Buffet in meinem Luxushotel 2004 in Philadelphia, in dem eine Nacht so teuer war wie hier eine Wocke inklusive Shopping. Gestaerkt mit Reis, Mini-Pfannekuchen, Toast mit Marmelade, Massen an Wassermelonen, Wasser und O-Saft begebe ich mich in den Tag. Meine gestern gekauften Klamotten uebergestreift, pappe ich meine Sonnenbrille (da steht - hahahahaha - Adidas drauf) auf meinen Kopf, extracool soll das aussehen, aber es wirkt bestimmt eher laecherlich.
Bangkok, was ist das? Thailand? Wie sieht die Welt aus ausserhalb der Khao San Road? Voll mit Autos jedenfalls. Zum Ueberqueren der ersten Strassenkreuzung - dreispurig in jeder Richtung, eine Fussgaengerampel gibt es nicht - benoetige ich fuenf Minuten. Ziemlich gefaehrlich, das... Es ist eine Art Lottospiel. Wohin zuerst? Mit dem Expressboot ueber den Chao Phraya, das ist der Fluss, der mitten durch die Stadt fuehrt? Mit dem Sky Train hoch oben in der Luft, die Stadt betrachten? Thommys und Marrits Tipps befolgen?
Gewuerfelt habe ich schon gestern. Ich gehe ganz wie ein Tourist vor und wandere zu den Highlights eins und zwei auf der Prioritaetenliste - allerdings auch fuer die Thai, so viel sei gesagt. Es stinkt. Wieder. Die Motoren der Motorraeder, Autos, Tuktuks (das sind Taxis mit drei Raedern) sind nicht die besten und modernsten, moechte ich sagen. Da ist es nur zu verstaendlich, dass einige Mundschutz tragen, wobei das auch wohl damit zusammenhaengt, dass Hellhaeutigkeit - so hab ichs gelesen - das Schoenheitsideal der Thai ist.
Das Gedraenge wird groesser, die goldenen Spitzen des alten Koenigspalastes ruecken naeher. Und naeher. Und Menschenkinners so wat hasse noch nich erlebt. Fuer 100 Baht betrete ich das Gebaeude des Royal Palace, zehn Fussminuten vom Hotel entfernt, gelegen in einem Teil Bangkoks, der durchaus als "Altstadt" durchgehen koennte. Kunsthistoriker wuerden bei diesem Anblick bestimmt kollabieren vor Glueck. Es ist ein unfassbar gueldenes Ensemble von Prachtbauten; maerchenhaft sagen die einen, endlos kitschig die naechsten. Ich schlendere durch die Gebaeude, fast schon gelangweilt, fotografiere das wirklich Unwirkliche. Eben noch Khao San, jetzt schon DAS. Glaeubige Thai fallen auf die Knie, vor allem vor dem Smaragdbuddha im zum Palast gehoerigen Tempel "Wat Phrahaeo". Es ist ein Hindernislauf, vorbei an Millionen von Schuhen (die sind in allen Wats verboten, ueberhaupt ist nur lange Kleidung gestattet), vorbei an Trillionen von Kerzen und Raeucherstaebchen. Der Geruch vermischt sich mit Abgasen, that's Bangkok. Es gibt Wandmalerein, mit denen ich mich nicht beschaeftigen will. Der Reisefuehrer hat bestimmt Recht. Lesen reicht mir.
Bangkok:
Royal Palace - naja, ein Teil davon
Mit den Haenden in den Hosentaschen schlendere ich gemaechlich 500 Meter weiter. Ich bin vorsichtig, denn gestern haette mich fast ein Taschendieb erwischt. Ich spuerte nur ein leichtes Schubsen von hinten, dann eine Umarmung von vorn. Zum Glueck waren alle meine Taschen leer, denn ansonsten waere es im Gewuehl der Khao San Road furchtbar schnell gegangen. Meine Batterien vom Discman sind wieder leer, aber egal, der Wat Po taucht schon direkt vor mir auf. Wats, davon gibt's 400 in Bangkok. Ueberall.
Einer davon ist besonders wichtig, denn einer nur hat eine 45 Meter lange und 15 Meter hohe Buddha-Statue. Und wow, das Teil hat's wirklich in sich und selbst ein solch schwer zu beeindruckender Kerl wie ich denkt einfach nur "wow". Gold, natuerlich, und gross und lang. Leute knien, nix Neues, Raeucherstaebchen, nix Neues. Leider ist alles eine Baustelle. Wie schon der Royal Palace. Die Bauwerke werden restauriert, das truebt den aesthetischen Blick.
Aber weswegen ich eigentlich hier bin, ich kleiner Egoist ich, das ist die traditionelle "Thai Massage School". Thai-Massage klingt zweifellos verdammt schmierig, aber bitteschoen nicht hier, nicht in einem klosteraehnlichen Tempel. Ich goenn mir fuer 300 Baht (ungefaehr 6,50 Euro) eine ganze Stunde, und das ist... ist... ist... spuert meine Entspaaaaaaannnuuuung... lasst sie auf Euch ueeeeeebergeeeehen... reckt Euch... streckt Euch... aaah... das ist sensationell! Ich schliesse die Augen, bin frei im Geiste. Waehrend der Masseur Beine, Fuesse, Arme, Ruecken, Gesicht und Schulter durchknetet und so verrenkt, dass zwischendurch in mir das Gefuehl hochsteigt, der Typ wuerde mir mit Absicht alle Knochen brechen, bin ich gluecklich, ganz weit weg, Paradies? Weiss nicht, glaub schon. Dass ich zuerst an Frauen und andere schoene Dinge denke und erst dann daran, wie Neururer haette aufstellen muessen, damit der VfL nicht absteigt, zeigt, dass ich auf einem guten Weg bin. "Fini" sagt der Masseur nach einer Stunde und entlaesst mich nach draussen. Wer nach Bangkok reist und das nicht miterlebt, der ist selbst schuld. Dafuer nehme ich jede Wartezeit in Kauf. Vor dem Massagegebaeude versammeln sich Maedchen in Schuluniform. Auch das gibt's.
Wat
Po: Liegender Buddha
Was nun? Schon 14 Uhr! Ich mache das, was ich bislang noch nie tat und laufe einen von einem Reisefuehrer (diesmal "Marco Polo") vorgegebenen Weg ab. Der fuehrt mich durch kleine Gaesschen, zwar auch mit Fresswagen, mal gut und mal schlecht riechend, aber touristenfrei. Keine laut in ihre Trillerpfeifen pustenden Polizisten (die sollen uebrigens fast alle korrupt sein, wollen die Reisefuehrer wissen), keine aufgemotzten Motorraeder, fast laermfrei. Keine Wats, die einen Souvenirozean in ihrer Naehe haben. Sondern Wats, vor denen Kinder Tischtennis spielen. Ja, es gibt ruhigere Ecken in Bangkok. Ja! Aber auch hier gibt es "7 Eleven". Eine solche Anhaeufung von Laeden dieser Kette gibt's sonst wohl nur in Stockholm.
Mein vorletztes Ziel fuer heute erreiche ich, waehrend ich "Gold" von Klee hoere, naemlich den "Golden Mount", der zweitgroesste Aussichtspunkt Bangkoks, 80 Meter hoch. Ich stapfe die Treppe hoch und ueberblicke Thailands undurchschaubare Hauptstadt. Wieder dasselbe Bild: Hochhaeuser ueberall, Tempelspitzen ueberall, Highways erst recht. Bruchbuden. Das Ganze ohne Buecher oder Tipps zu erkunden, wie das in anderen Staedten geht, ist hier schlichtweg VOELLIG UNMOEGLICH!
Auf
dem Golden Mount
Auf dem Rueckweg hocke ich mich vor dem "Democracy Monument" nieder, ein haessliches Denkmal, das auf einer Kreisverkehr-Insel an den Aufstand der Demokraten 1932 erinnern soll. Ploetzlich setzt sich ein Thai neben mich, voellig unverhofft, und ein Gespraech beginnt. Anderthalb Stunden lang geht es um dies und das und alles laesst sich gar nicht wiedergeben. In solchen Gespraechen laesst sich am besten etwas ueber Land und Leute erfahren. Seine Kenntnisse ueber Deutschland sind beachtlich. "Aaaah, Germany, beer, people are fat, Munich, sausages, Helmut Kohl." Nee, is klar. Er sagt mir seinen Namen, aber ich verstehe ihn nicht. Er erklaert mir, was ich ohnehin schon wusste: "If you see only Khao San Road, you don't see Thailand." Er verraet mir den buddhistischen Way of Life; den Glauben an die Wiedergeburt, das Leben in der Gegenwart, nicht in der Vergangenheit oder Zukunft. "Today happy", sagt er. Deshalb wuerden die Thai schnell verzeihen und waren das "Land of smile". Und Bangkok? Bangkok gefaellt ihm nicht. Weil sich alles um Geld dreht. "Wothout money, you die in Bangkok. Out of Bangkok no money, no problem." Wer nur in Bangkok war, war also nicht in Thailand. Und umgekehrt? Wer nicht in Bangkok war, war auch nicht in Thailand. Hmm...
Der Mann kennt mich keine Stunde, hat gerade ueber Kahn, Ballack und in hoechsten Toenen ueber Effenberg geredet (der hat hier eine Fussballschule eroeffnet), schon spricht er freizuegig ueber seine Sexualitaet. Nahezu im Fuenf-Sekunden-Takt redet er ueber "bumbum". Bumbum hier und dort, absolut kein Fake! Es wird ein Monolog, ein ewig langer. Details erspare ich Euch. Mitten in seinem Redefluss steht er auf. Stimmt, seit ein paar Minuten ist kein Auto mehr vorbei gekommen. "The king is coming", sagt er. Bitte?? "The king!" Und wirklich: Ich sehe Koenig Bhumipol auf dem Weg zum alten Palast in seinem Rolls Royce (glaube ich), alle stehen, winken, so etwas wie Ehrfurcht liegt in der Luft. Leider versagt meine Kamera genau in der entscheidenden Sekunde, aber ja: Es war der Koenig, der sowieso ueberall hier rumhaengt. Wenigstens zu einem Bild mit meinem thailaendischen "Kumpel" reicht's. Er verabschiedet sich zum Bier trinken. Dann will er in eine Karaokebar. Aber erst nach dem dritten oder vierten Bier traut er sich ans Mikro. Vorher ist er zu schuechtern, sagt er. Morgen faehrt er drei Stunden hin und drei Stunden zurueck nach Pattaya, an den auch in Deutschland beruechtigten Strand (kennt Ihr das Lied "Samurai" von der Ersten Allgemeinen Verunsicherung? Hab ich seit 1990 nicht mehr gehoert, aber heisst es nicht dort sinngemaess "Am Strande von Pattaya, da schwellen mir die ... Adern"). Europaeerinnen beobachten, wie er sagt. Oh je. Wie geht das alles eigentlich, unter der Woche? Alle offiziellen Stellen Thailands haben Urlaub, volle vier Tage, sagt er. Deshalb sei auch nicht so viel los in Bangkok. NICHT VIEL LOS????? Wie ist das erst pickepackevoll hier? Mehr geht doch gar nicht!
Bumbum:
Der Thai
Um 17.35 Uhr nimmt mich die Khao San Road wieder in ihre Arme und unterhaelt mich mit Internet, Cafe, thailaendischem Essen und einem leckeren Bananen-Pfannekuchen bis in die Nacht. Dabei erfahre ich, dass jemand meine Homepage in meinem Gaestebuch als "krankeste Art von neurotischer Selbstbespiegelung" bezeichnet. Mag sein, dass es das ist, wahrscheinlich sogar, mag sein, dass das "Respekt" ein ironisches Kompliment sein soll. Aber seinen Namen haette er schon nennen koennen. Anonymitaet langweilt mich. Ich denk nicht weiter drueber nach und klicks weg.
Bevor es auf die Khao San Road ging, liess ich mich noch von einem kleinen Maedchen ausnehmen, das ausnutzte, dass ich fatalerweise meine Haende nicht in meinen Hosentaschen versteckt hatte. Es legte mir Tauben-Futter-Mais in eine Hand. Ich nahm es nicht, aber der Mais fiel auf den Boden. Sie nahm die leere Packung und wollte die bezahlt haben. Leider nicht nur sie allein, sondern auch vier andere, die ploetzlich auftauchten. Schnell zueckte ich 20 Baht. Umgerechnet nur 40 Cent, aber verarscht bliebt verarscht.
Die Khao San Road ist so etwas wie die Goldmedaille fuer Traveller. Nur weiss ich nicht, ob ich froh sein soll, dass ich sie errungen habe. Die Reise tut gut, und das sage ich schon am vierten Tag. Dafuer habe ich in den USA vor einem Jahr fast zehn gebraucht. Ein war ein goldener Tag, weswegen ich Bangkok mit all seinen Facetten, Gesichtern, Seiten, sucht Euch ein Wort aus, nicht liebe. Oh nein, das nicht. Eigentlich finde ich es sogar ziemlich unsympathisch hier. Ich hab das Reisen wiederentdeckt. Der Weg ist das Ziel, hiess es am Nordkapp 2001. Die Reise ist der Reisende, so einen Spruch gibts doch auch, gell? Welten kennenlernen, Leute, Erfahrungen sammeln. Yeah, ich habs!
Die dazu passende Foto-Tagebuch-Seite gibt es HIER !
Samstag, 23. Juli 2005
Bangkok
Three Nights in Bangkok
Grad laeuft hier ein Fussballspiel im Fernsehen; irgendeine thailaendische Mannschaft, mutmasslich sogar das Nationalteam, gegen die aktuelle von Jay-Jay Okocha, keine Ahnung, in welchem Team der sich gerade rumtreibt. Fussball kommt hier direkt hinter Thai-Boxen und Golf, wie mir scheint – das sind zumindest die Top-2-Sportarten hier im Fernsehen. Beckham uebrigens haengt hier ueberall rum. Ueberall. Und nicht wenige tragen Beckham-Real-Madrid-Trikots. Vor zwei Jahren, sagte Thommy, sei das auch nicht anders gewesen.
Der gestrige Tag, so sinniere
ich beim Duschen, war irgendwie mein ruhigster. Ab morgen wird der Urlaub
eine Pack-ein-Pack-aus-Orgie. Deshalb habe ich das getan, zum letzten Mal
fuer ein paar Tage, was ich besonders gut kann: AUSSCHLAFEN! Erst um 9.45
Uhr traute ich mich aus dem warmen aeh heissen Bett, fruehstuecken ist
hier sowieso bis 11.30 Uhr moeglich. Das schmeckt heute doppelt so gut,
denn ich kann doppelt so entspannt essen. Es regnet in einer Tour. Da sich
Thailand zu Beginn der Regenzeit befindet, nicht weiter verwunderlich.
Irgendwann musste das so kommen.
Ich nutze eine kurze Regenpause,
um die oeffentliche Verkehrsmittelsituation Bangkoks kennenzulernen. Und
schon beim Blick in die Reisefuehrer stelle ich fest: Die ist hier nah
an der Perfektion. Warum gibt es bloss trotzdem Staus?? Ueber den Chao
Phraya fahren Expressboote, ich schaetze alle 15 Minuten. Dann gibt es
noch endlos viele Buslinien in einem mehr als verwirrenden Netz. Und die
Hochbahn waere da noch und seit 2004 eine U-Bahn.
Auf dem Weg zur Boothaltestelle
in meiner Naehe (zehn Fuss-Minuten) entdecke ich die Umgebung der Khao
San Road im Stadtteil Banglamphoo, laufe an der wohl angesagtesten Travellerdiscokneipe
“Bangkok Bar” vorbei und weiteren, schier endlosen Strassen voll mit Hostels,
Hotels und Guest Houses. Das Expressboot laesst nicht lange auf sich warten.
Gezahlt wird auf dem Schiff, eine Fahrt kostet unglaublich 11 Baht (25
Cent) und ich tuckere einmal flussabwaerts bis zur Endstation “Saphan Taksin”,
die gleichzeitig eine Verbindung zum Sky Train ist. Stellt Euch vor, die
Weisse Flotte wuerde in Muelheim das ganze Jahr ueber von Styrum bis Essen-Kettwig
fahren, und das im 15-Minuten-Takt und fuer 25 Cent… Eine Idee fuer Ruhrbania,
oder??
Es geht vorbei an Wats,
Hochhaeusern, der Fluss ist nicht gerade sauber und ich glaube, dass ein
Bad in ihm ueble Folgen haben koennte, wie das eben erwartbar ist in einer
Stadt wie Bangkok. Fuer Moenche (auf Englisch “monk”, hihi, bis “monkey”
fehlen nur zwei Buchstaben) gibt es Extra-Sitzplaetze und daneben den Stehbereich
“Space for monks”, und tatsaechlich nutzen das ein paar kahlrasierte Gestalten
mit orangen Umhaengen. Jeder Buddhist sollte das mal gemacht haben, sagte
der Thai gestern. Also Moench sein fuer eine gewisse Zeit.
Das Umsteigen in den Skytrain
klappt perfekt. Mein erstes Ziel ist Bangkoks suendige Meile, die jeweils
500 Meter langen Strassen “Patpong 1” und – wir raten alle zusammen – “Patpong
2”. Die Luftbahn ist sauber und herrlich klimatisiert. Fuer eine Tageskarte
loehne ich knapp 2 Euro. Meine Tour durch die Schluchten der Grossstadt
beginnt. Eng windet sich der Skytrain zwischen den Hochhaeusern und Hochhaus-Baustellen
hindurch und hier liesse sich hundertprozentig super eine duestere Zukunftsvision
drehen. Ich sehe schon Doc Brown in “Zurueck in die Zukunft 4” in seinem
fliegenden DeLorean mitten im dunkelsten Gewitter durch Bangkok duesen.
Uuuuuh…
Der Skytrain ist zwar komfortabel, aber wahnsinnig haesslich in die Landschaft gestelzt. Viele Ecken von Bangkok haben zwei Etagen. Entweder ueberdacht von einem Highway oder eben dem Zug. Das macht laut, stickig, oede, bringt aber – einziger Vorteil – Unterschlupf bei Nieselregen. Der hat naemlich wieder angefangen. An der Station “Sala Daeng” steige ich aus, alles ist auch schoen auf Englisch gehalten, da die Zuege zu 50 Prozent von Touristen frequentiert werden, heute wenigstens.
Vor mir liegen Patpong 1 und 2. Es stoesst mich ab, schon von der ersten Sekunde. Wer hat bloss im “Marco Polo” geschrieben, dass sich hier prima mit der Familie bummeln liesse?? Die Kneipen heissen zum Beispiel “Super Pussy” und schon mittags um 13 Uhr werde ich auf insgesamt 1000 Metern von fuenf (!!) aelteren Damen “ficki ficki, ladies ladies” gefragt, immer dasselbe, und immer bekomme ich entsprechende Bilder mit Details, die nichts verschweigen, praesentiert. Laut Reisefuehrer sind die ganzen Gogo-Bars in den ersten Etagen, hurra. Die Einrichtung der Kneipen erinnert mich fatal an die Schinkenstrasse in Arenal auf Malle. Die Bierbars haben offene Theken und so mancher Bierbauch hat eine in Bangkok heimische Frau im Arm. Leider kein Vorurteil. Das Nachtleben Bangkoks soll legendaer sein, gerade hier in den beiden Patpongs und Umgebung. Aber nicht einmal mit einer grossen Gruppe wuerde ich mich abends hierhin wagen oder ueberhaupt hierhin wollen. Schlimm!
Nach dem Schock glaube ich, dass ich eine Ruhepause verdient habe. Zudem regnet es mittlerweile in Stroemen, so dass ich mich im Lumphini Park, unweit von der grossen Universitaet Bangkoks, unter einem Baum niederlasse. “Gruene Lunge” wird der dem “Boston Common” von Groesse und Ausstattung aehnliche Park genannt, doch das ist stark uebertrieben. Der Verkehr, der Laerm ist einfach zu praesent. Anstelle der putzigen Eichhoernchen wie in Boston gibts Tauben und Kraehen – nervig. Naja, nett ist der Blick auf einige verliebte Paerchen und vereinzelte Tretbootfahrer doch, zudem goenne ich mir nach Patpong erstmals in diesem Urlaub meine liebsten musischen Perlen, angefangen bei “Everlong” von den Foo Fighters bis hin zu “Under the bridge” von den Red Hot Chili Peppers, “Shine on you crazy diamond” von Pink Floyd und dem unvergleichlichen “Where is my mind” von den Pixies. Anderthalb Stunden lang sitze ich auf einem Stein unter dem Baum und kriege kaum etwas mit. Wer kulturell etwas erleben moechte – Stichwort Theater, Oper, Ballett (nicht, dass ich das im Ruhrpott besuchen wuerde, aber ich haette wenigstens die Option) – das faellt hier aus. Ein Blick auf meine Finanzen erfuellt mich aber mit einem Laecheln. Ich hatte nur ein Drittel meines USA-Startkapitals dabei und musste noch nicht ein einziges Mal von meiner VISA-Karte Gebrauch machen – am fuenften Tag. Vor einem Jahr war ich schon an Tag vier faellig.
Wild lebende Katzen huepfen auf und von Baeumen, jemand setzt weshalb auch immer einen Fisch in den Parksee aus, mittlerweile sind im Wechsel Mando Diao und die Strokes in meinem Discman an der Reihe. Irgendwann hoert es kurz auf zu regnen und diese kleine Sekunde nutze ich erneut, um in das Tempo ausserhalb des Parks zurueckzukehren. Das macht mir uebrigens keine Probleme, denn in Muelheim gehe ich fast auch nur ueber Rot. Im Strassenverkehr den Discman einzuschalten, ist derweile eine unmoegliche Mission.
An “Sala Daeng” steige ich erneut in den Sky Train, um ins Viertel “Siam” zu fahren. Diesmal erwartet mich der Siam Square, das sind viele kleine Querstrassen mit unendlich vielen Hochhaeusern und Shoppingcentern. Ein paar Kinos sind hier; Burger King, Mc Donalds, KFC und 7Eleven haben sich selbstverstaendlich auch angesiedelt. Das Hauptgebaeude Siam Center wird gerade renoviert (ueberrascht mich nicht bei dem Bauwahn hier) und auf vielen, vielen Etagen shoppen Thai und Touris gleichermassen in vielen, vielen Geschaeften. Ich muss das nicht mehr haben und begebe mich wieder in den Skytrain. So langsam langweilt mich Bangkok, obwohl es eigentlich nicht unmoeglich ist, dass diese Stadt ueberhaupt anoedet.
Der Zug faehrt dieselbe Strecke zurueck, dabei an einem grossen Sportfeld vorbei, noch einmal am Park, der Patpong, durch die Hochhaus-Schlucht, an Wats vorbei. Es regnet wieder und ich denke an den Thai, der wohl heute an Pattaya Beach keine Europaeerinnen zu Gesicht bekommt.
Das war also Bangkok fuer mich, vorerst. Bei einem Italiener in der Khao San Road und im Internet-Cafe fliegt die Zeit dahin – Smalltalk mit zwei daenischen Paerchen und einer Niederlaenderin inbegriffen. Morgen folgt eine Ueberfuehrungsetappe, wie es im Tour-de-France-Jargon heisst. Tour de France? Upps, die laeuft ja noch – erst Tag fuer Tag geguckt und jetzt ist mir voellig entgangen, ob Ullrich es noch aufs Podium geschafft hat. Urlaub eben.
Beim Fussball steht es 0:0,
irgendwann in der zweiten Halbzeit, und nebenbei blaettere ich im “Reise
Know-How Vietnam”. Vor mir liegt nur noch die dritte Nacht hier und nach
three nights in Bangkok verschwinde ich. Ist es wahr? Muss ich schon zum
ersten Mal ein Fazit ziehen? Ein Bangkok-Fan bin ich sicherlich nicht geworden
und ich koennt mich nochmal wiederholen, was ich jetzt auch mache: zu laut,
zu stinkig, zu verschwitzt, zu komisch, zu viele Stadt-Gesichter, und viele
davon sind nicht einmal schoen. Aber ich ein Fan des Reisens geworden.
Diese fuenf Tage waren ein Superauftakt mit den Hoehepunkten Fruitshakes,
Thai-Massage und “Where is my mind?” im Lumphini Park. Morgen kann ich
endlich die drei Worte schreiben, die Synchronsprecher Christian Brueckner
zu Beginn des fantastischen Films “Apocalypse Now” rauchig praegte.
“Saigon – verdammte Scheisse!”
Sonntag, 24. Juli 2005
Bangkok -> Saigon
Night on Earth – Nacht in Saigon
Kennt Ihr den Film „Night on Earth“? Ein sensationeller Streifen ueber Taxifahrer, die in Grossstaedten auf der ganzen Welt die dollsten Storys erleben! Die Hauptrolle in der Rom-Episode spielt Roberto Benigni, dann gibt es zum Beispiel noch Helsinki und mein persoenliches Highlight New York City. Mit Armin Mueller-Stah als deutschem Taxi-Heini, der nicht einmal richtig fahren kann. Wuerde es eine Fortsetzung geben, dann waere mir danach, einen Drehbuch-Beitrag zum Thema Saigon aeh Ho-Chi-Minh-Stadt zu leisten.
Der Tag beginnt verschlafen
in Bangkok. Zum Flughafen muss ich schon um 12 Uhr aufbrechen, vorher noch
irgendwas hier zu tun, waere schwachsinnig. Meine verklebten Augen kriege
ich fsat gar nicht auf, deshalb lege ich meine beiden Haende hinter den
Kopf und denke darueber, was ich noch haette tun koennen. Beziehungsweise
was ich noch machen kann, denn schliesslich kehre ich noch einmal fuer
zwei Tage zurueck.
Hmm... denke ich ich und
freu mich, dass ich mein linkes Augenlid nach oben bewegen konnte... da
waere zum Beispiel eine Klong-Boot-Tour. Klongs werden die kleinen Kanaele
genannt, die vom Chao Phraya abgehen – und die sind auch gut allein auf
Mini-Booten mit einem Guide zu erkunden. Oder ins thailaendische Nationalmuseum
unweit vom Royal Palace und dem Wat Po entfernt haette ich prima gehen
koennen (oder kann ich noch). Und da waere noch ausserhalb die „Ancient
City“ mit dem thailendischen und auslaendischen Sehenswuerdigkeiten im
Mini-Format („Mini-Europe“ heisst das glaube ich in Bruessel). Oder eine
weitere Touri-Meile, die an der Sukhumvit Road liegt, das ist eine lange
Strasse, die in Bangkok beginnt – allerdings ziemlich weit von der Khao
San Road weg – die aber erst in Kambodscha aufhoert. Moeglichkeiten gaebe
es also genug, doch nichts davon geht auf die Schnelle. So klemme ich mir
mit dem Streichholz auch das zweite Auge und erledige den mehr als typischen
Traveller-Kram. Das heisst Rucksack packen, das Hotel auch fuer meine letzten
drei Tage in Bangkok buchen, Akkus aufladen, Postkarten schreiben. Kram
halt. Den 12-Uhr-Bus Richtung Flughafen verpasse ich knapp, aber um 12.30
Uhr sage ich Bangkok vorerst „Auf Wiedersehen“> In meiner Tasche lagern
noch genug Baht fuer die naechsten zwei Tage hier. Unglaublich. Dabei kann
ich doch gar nicht mit Geld umgehen.
Der Bus faehrt los und ich fass es kaum. Die Fahrt bis zum Flughafen dauert 45 Minuten und die Stadt hoert und hoert nicht auf. Bei der Abfahrt am Hotel geht der Blick auf Wats, Hochhaeuser, Autos und Wohnblocks. Und das aendert sich nicht, bis zum Flughafen. Und unterwegs gibt es ausnahmsweise keinen Stau. In Berlin ist man schon nach 15 Minuten Autobahn ausserhalb des urbanen Trabantenstadt-Wahnsinns.
Am Flughafen bin ich natuerlich
massig zu frueh und kann mich erstmal in ein Internet-Cafe begeben, das
auch direkt viermal so teuer ist wie das an der Khao San Road. Egal. Der
Passkontrolleur findet mein John-Lennon-T-Shirt unfassbar komisch und bruellt
das direkt seinen Kollegen zu. Fast alle schauen mich an. Werde ich rot?
„John Lennon good“, sagt er und schmunzelt.
An Gate 43 bin ich um 14.30
Uhr der Allererste. Abflug 16.45 Uhr. Zum Glueck kommt auf dem TV-Geraet
direkt am Gate die Zusammenfassung des gestrigen Einzelzeitfahrens bei
der „Tour de France“. Ich erfahre aus erster Hand, dass es Ullrich wenigstens
noch aufs Podium geschafft hat.
Nach der typischen Flughafen-Langeweile
betrete ich die Air-France-Maschine und staune: Die ist ja halbvoll! Ich
bin ohnehin nervoes, da ich erstmals an einem Urlaubsort ankomme, ohne
zu wissen, in welchem Hotel ich uebernachte – und das ueberfordert mich
ein wenig. Hatte ich noch nie. Doch neben mir sitzt ein mehr als typischer
Traveller. Drei-Tage-Bart, zerzauste Haare, Sandalen, schlabbrige Stoffhose,
mit drei Jongleurstaeben als Handgepaeck. Der Komfort im Flieger ist im
Vergleich zu Aeroflot unschlagbar. Bildschirme befinden sich an jedem Sitz,
und jeder einzelne kann gucken oder spielen, was er moechte. Nicht der
Einheitsbrei wie in allen meinen bisherigen Fluegen (oder etwa gar nichts,
wie bei Aeroflot). Mein Nebenmann schlaeft die ganze Zeit. Der Flieger
ist scheinbar seit 1 Uhr nachts unterwegs. Ich kann nicht knacken.
Je naeher Saigon aeh, also
seit ein paar Jahren heisst das ja Ho-Chi-Minh-Stadt, rueckt, deston mehr
– kitschig, aber wahr – fuehle ich mich wie ein US-Soldat. Genau 30 Jahre
ist es her, dass der Flughafen Saigon einer der meistangeflogensten der
Welt war. Und dass die Soldaten genau dieselbe Sicht hatten wie ich, bevor
sie anfingen, loszubomben. Das alles verraet mir der Baedeker, den ich
lese, waehrend ich den Air-France-Joghurt verschlinge. Und mein Nachbar
schlaeft. Auf der Spur des Vietnam-Kriegs, Ausloeser des Vietnam-Kongresses
in Berlin, „Ho Ho Ho Chi Minh“, „Schafft ein, zwei, viele Vietnam“ – Mitgrund
fuer den Urlaub.
18.05 Uhr, wir sind in die Daemmerung geflogen. Schon von oben erkenne ich viele Motorraeder, die Motorcycles. Thommy, Marrit und die vielen Vietnam-Dokus in den letzten Wochen haben mich vorgewarnt. Beim Ausstieg stratzt mein Sitznachbar ganz langsam vor mir her. Mein Ziel ist ein kleines Hotel in der Saigoner Touristenstrasse „Buie Vien“, die inzwischen so etwas wie die Khao San Road sein soll. Ich frage meinen immer noch nicht ganz ausgeschlafenen Nachbar, ob er auch in die Buie Vien will – wir koennten uns ja ein Taxi teilen. Er stellt sich als „Ju“ vor und bejaht. Gepaeck abhole, Pass- und Visakontrolle, Geld umtauschen, das alles dauert ein bisschen laenger als in Bangkok. Erst um 19.15 Uhr, stockfinster ist’s, erblicken wir zu zweit das Chaos vor dem Flughafen. 27 Grad sorgen fuer eine verdammt stickige Luft und wir werden von gefuehlt 1000 Leuten gleichzeitig „Taxi Taxi Taxi“ gefragt. Oh wei, wie heftig.
In eins quetschen wir uns und eine der abgefahrensten Fahrten meines Lebens beginnt. Night in Saigon. Es sind so viele Motorcycles... so viele... so viele... alle durcheinander, Verkehrsregeln gibt es fuer die Zweiraeder nicht, Gelb, Rot, alles schnuppe, alles fuern Arsch... so viele... alle zehn Sekunden droht ein Unfall, viele hupen in einer Tour... so viele... mein Mund steht offen, ich kann nichts mehr sagen. Und Ju grinst nur amuesiert. Was los sei, frage ich. Und dann erzaehlt er. Gemeinsam mit seiner Freundin arbeitet er seit November 2004 fuer ein Jahr in der kambodschanischen Hauptstadt Phnom Penh fuer eine Hilfsorganisation. Zwei Wochen lang weilte er nun auf Heimaturlaub in Paris. Er will – weil’s nicht anders passte – nur eine Nacht in Saigon bleiben und morgen mit dem Bus weiter, die paar Stunden nach Phnom Penh zuruecklegen. So viele Motorcycles... so viele... gibt es in Phnom Penh auch, sagt Ju. Viele Geschaefte sind in die buntesten Neonlichter getunkt, alles so laut, so viele hupen... sind das typische Traveller-Geschichten? Jawoll! Schnell beschliessen wir, aus Kostengruenden ein Zimmer zu teilen und bei „Linh Thu“ ist sogar eins frei. Um fast genau 20 Uhr schmeisst uns der namenlose Taxiheld raus, und um pennen zu gehen, ist es eindeutig zu frueh.
Wir gehen raus. In die Night on Earth, die Nacht in Saigon. Laufen kreuz und quer durch die Strassen, ohne Weg, ohne Ziel, so dass wir uns fast verlaufen. „It’s amazing“, sagen wir fast im Wechsel. Einfach herrlich das alles. Er, gleichalt uebrigens, entpuppt sich als Rucksackreise-Profi. Er war schon in Mali, Brasilien, Suedafrika und ueberall in Asien. Er ist auch Fussballfan, naemlich von Paris St. Germain. Vom VfL Bochum hat er noch nichts gehoert.
Wir sitzen in einer der zahlreichen Garkuechen, essen „Luc Lac“ – das ist Rindfleisch mit Pommes auf vietnamesische Art und verdammt koestlich. Die Kueche hier sei wundervoll, sagt JU. Auch in Kambodscha gibt es viel Vietnamesisches, zum Beispiel eben „Luc Lac“. Die jungen Leute haben scheinbar am Sonntag nichts zu tun, ausser mit dem Motorcycle durch die Strassen zu brettern... so laut... so viele... hupen...! In einer kleinen Klitsche in einer Nebenstrasse der Buie Vien klingt der Tag fuer uns aus. Fuer einen ersten Eindruck von Vietnam oder Saigon ist es eindeutig zu frueh. Es sei anders als ein Phnom Penh, meint Ju. Ich verstehe, als meinte er damit „reicher“ und „sauberer“. Nur eins ist klar: Die Buie Vien ist keine zweite Khao San Road. Da gibt es keine Motorcycles.
Morgen bricht der letzte Tag meiner ersten Reisewoche an, das ist tatsaechlich so schnell gegangen. Dass kurzfristig meine Internetadresse nicht abrufbar ist – was ich um Mitternacht im noch pickepackevollen Internet-Cafe bemerke – macht heute auch nichts mehr. Warum so voll? Auch in Kambodscha ist laut Ju Chatten der totale Renner.
Es scheint, als wuerde mein geplanter Abenteuerurlaub tatsaechlich einer. Sechs Tage lang unterwegs und schon so viel passiert. Vom Koenig bis Ju. Er raucht eine Zigarette, als wir zum Hotel zurueckspazieren, das um 0.20 Uhr schon abgeschlossen ist, so dass wir die Besitzer aus dem Bett klingeln muessen. Das gaebe eine schoene Schlussszene fuer „Night on Earth – Nacht in Saigon“.
Die dazu passende Foto-Tagebuch-Seite gibt es HIER !
Montag, 25. Juli 2005
Saigon
It’s amazing
Das Wort, das Ju gestern Abend eindeutig am haeufigsten sagte, war “Amazing”. Das war auch das Wort, das mir heute in vielen Situationen spontan in den Sinn kam. Und als ich dann in einer Bar sass, und mir einen leckeren Lemon-Fruitshake hinter die Binde kippte, lief im Hintergrund… - natuerlich “Amazing” von Aerosmith. Zufall?!?
Ich will gar nicht drumherum reden. Es war eine beschissene Nacht. Nachdem Ju und ich noch ein wenig geplaudert und fuer die naechsten Tage geplant hatten – er die Stunden mit seiner Freundin in Phnom Penh, ich in Cu Chi, dem Mekong Delta und ueberall sonst in Vietnam, entschlossen wir uns gegen 1.20 Uhr, das Licht auszumachen. Doch da begannen die Probleme. Ohne die Klima-Anlage, die aus einem Ventilator bestand, waere es viel zu heiss gewesen. Mit ihr war’s aber zu laut. Zudem muss ich gestehen, doch einen Tick Vorsicht in mir zu tragen. Obwohl Ju total korrekt war und nicht den geringsten Anschein eines Reiseraeubers machte, verbrachte ich die Nacht in der Hab-Acht-Stellung, also maximal im Halbschlaf. Bin ja eben doch auf mich allein gestellt hier. Und ob ich nochmal mit einem Fremden das Zimmer teilen wuerde? Um 5.20 Uhr beendete Ju das Experiment. Er zog sich was drueber und verschwand. “Have a nice trip”, hoerte ich ihn nur noch in meinem Daemmerzustand sagen. Das Erinnerungsfoto fiel damit flach. Parallel klingelte bei den Nachbarn der Wecker – und die Kinder schlugen bis 6.30 Uhr volle Lotte Alarm. Richtig eindoesen konnte ich erst richtig spaet.
Nun zeigt der Wecker 10.45 Uhr, eigentlich wollte ich die Strassen Saigons schon seit einer Stunde unsicher machen, doch noch bin ich nicht einmal geduscht – spuere eben immer noch die Folgen der kurzen Nacht. Zudem ist mein linkes Knie aus Bangkok-Zeiten ziemlich uebel zerstochen – und das juckt fuerchterlich. Naja, es ging mir schon besser.
Aber Saigon wird’s richten, der Auftakt gestern war schon sehr vielversprechend. Heute ist nach meinem Plan der einzige ganz freie Tag hier, sprich: Ich muss alles in diesen Tag reinpacken, was alle Reisefuehrer vom Baedeker bis zum Lonely Planet sowie Thommy und Marrit mir mit auf den Weg gegeben haben. Aber wie geht das bis zum Einbruch der Dunkelheit um 18 Uhr?
Ich ueberlege, dusche in Ruhe, verlasse das Hotel und weiss beim Blick auf die Strasse: Ich erkunde die Stadt so, wie sie die meisten Einwohner Tag fuer Tag selbst erleben – auf dem Motorcycle, Motorbike, Motorrad. Und ein faelliges Moorradtaxi zu finden, ist genauso leicht wie ein Yellow Cab in New York. Wer alleine als Tourist erkennbar unterwegs ist, wird garantiert spaetestens nach einer Minute angepflaumt. Ich entscheide mich fuer den Erstbesten und weiss gleich: Eine gute Wahl! Tung heisst der gute Mann und er praesentiert ein Buch, in dem angeblich alle auslaendischen Fahrgaeste in diesem Jahr unterschrieben haben. Es sind Eintraege aus Australien, Oesterreich, USA, England undsoweiter dabei. Wenns ein Fake ist – was ich nicht glaube – ist es ein verdammt guter. Wir vereinbaren vorher die Route. Vor allem das “vorher” ist wichtig, wenn man den Reisefuehrern Glauben schenken darf. Oha ist das witzig. Ich moechte Cholon, das chinesische Viertel der Stadt, sehen, dann die Notre-Dame-Kathedrale aus der franzoesischen
Kolonialzeit am Kriegsrestemuseum abgesetzt werden.
Drei klare Ansagen und Tung tuckert los. Wir sind keine 60 Sekunden unterwegs, da plant Tung mit mir den Rest des Tages. Der geht natuerlich weit ueber das eigentlich vereinbarte Museum hinaus. Hierhin noch und da und am Abend in ein Lokal mit vietnamesischer Musik und ich zahl die Getraenke. Alles klaaaar! Natuerliiiiich! Ich schuettle nur den Kopf, da beginnt es zu regnen. Super fuer Tung, der einen Kumpel ansteuert, der mir ein Wasser aufschwatzt (hab aber wirklich Durst). Nach zehn Minuten geht es wieder ab aufs Mofa und das ist wirklich eine von oben bis unten lebensmuede Mission. Wie in einem Hindernisrennen, Slalomlauf, Formel-1-Rundkurs geht es auf den Strassen Saigons zur Sache, mehr als einmal ist mir kotzuebel, und das nach der Nacht. Tung ist derjenige, er mit Abstand am haeufigsten hupt und generell JEDE Ampel bei “Rot” nimmt. Uaaaah, das ist sooo wackelig, so gefaehrliiich, helft mir, “Mamiii” wuerde ich manchmal am liebsten rufen.
Tung
Fast nebenbei – Tung nimmt natuerlich ein paar Umwege – bekomme ich die verschiedenen Teile Saigons zu sehen, welche die komplizierte Geschichte der Stadt gut zeigen. Zunaechst steuern wir Cholon an. Das chinesische ist gleichzeitig das aelteste Viertel Saigons. Wir halten bei der praechtigen Thien-Hau-Pagode (“Very beautiful” sagt Tung immer wieder), auch Chua Ba genannt, die der Goettin des Meeres gewidmet ist. Raeucherspiralen, goldene Thien-Hau-Statuen, eine 200 Jahre alte bronzene Glocke – echt nett. Danach geht es zum Binh-Tay-Markt. Wahnsinn, es ist eng, es geht ueber zwei Geschosse, es wird gefeilscht bis zum Abwinken. Tung ist immer hinter mir.
Und weiter steuert er zwischen den Stationen einige seiner Freunde an – bei den Taxifahrern ist das scheinbar ueblich. Diesmal soll ich fuer 10 Dollar ein Kilo Kaffee oder fuer 8 Dollar ein Kilo chinesischen Tee kaufen. “NO!!!”, sage ich deutlich. “No problem”, meint Tung. Uebel ist mir jetzt nicht mehr. Im Gegenteil. Ich fange an zu schmunzeln, zu lachen. Nach einer halben Stunde ist’s ein Genuss. Saigon hat sechs Millionen Einwohner und heisst seit der Wiedervereinigung 1975 offiziell “Ho-Chi-Minh-Stadt”. Bis 1954 war Saigon eine franzoesische Kolonie. Aus dieser Zeit zeugen noch einige Prachtbauten, die Vorliebe der Einwohner fuer Baguettes und eben die Kathedrale Notre-Dame, die Tung und ich ansteuern. Nach 1954 wurde Saigon dann die von den USA massiv gefoerderte Hauptstadt Sued-Vietnams. Deshalb sind die Strassen so breit, damit die amerikanischen Soldaten mit ihren dicken Autos auch genug Platz hatten. Heute ist das vor allem fuer die zahlreichen Motorcycle-Fahrer gut… Der westliche, kapitalistische Einfluss ist in Saigon immer noch sichtbar. Hochhaeuser gibt es schon und ein KFC habe ich auch gesehen. Bin mal gespannt, wie das im schon immer kommunistischen Norden ist.
Vor dem Kriegsrestemuseum wird Tung unsympathisch, weil er mir Frauen fuer “bumbum” vermitteln will. Viele Europaer springen wohl an. Ich springe ab, und zwar vom Mofa, bezahle Tung fuer die zweieinhalb saugefaehrlichen Stunden umgerechnet 10 Euro und beschaeftige mich zum ersten Mal direkt mit dem blutigsten Kapitel Vietnams und Saigons: Dem Vietnam-Krieg.
Das Museum, das ich um 15.15 Uhr betrete, ist weltberuehmt. Urspruenglich hiess es “Kriegsverbrechen-Museum”, wurde aber aufgrund der vielen US-Besucher umbenannt. Nicht nur amerikanischer Kriegsschrott, von Waffen bis zu Panzern, ist ausgestellt. Nicht nur viele, viele Fotos auch aus den anderen vietnamesischen Kriegen sind zu sehen (und es sind grausame Bilder, glaubt mir). In einem weiteren Raum stehen gestorbene Foeten, zerfetzt von Napalm. Und draussen folgt eine bis 1960 in Betrieb gebliebene Guillotine und die “Tigerkaefig” genannten Folterzellen. Ein Film rundet die erschreckende Stunde ab. Denn wer dieses Museum besucht und immer noch glaubt, Kriege seinen probate Mittel, um Konflikte zu loesen, der hat nichts kapiert.
Direkt um die Ecke steht der “Palast der Einheit”, ein modernes Gebaeude eines vietnamesischen Architekten, das bis 1975 als Palast fuer den suedvietnamesischen Praesidenten diente (das US-gesponserte Suedvietnam hiess damals “Republic of Vietnam”, der kommunistische Norden um Ho Chi Minh “Democratic Republic of Vietnam”). Der Palast stand am Ende des Krieges im Zentrum der letzten Kaempfe, und als am 30. April 1975 das Eisentor fiel, war der Krieg vorbei. Im Palast wurde die Wiedervereinigung beschlossen – daher der heutige Name. Das alles hoere in der letzten moeglichen Fuehrung des Tages auf Englisch. Es geht bis in die Kommandozentrale in den Keller, zum Hubschrauberlandeplatz auf dem Dach, den Privatgemaechern in der Mitte des Palastes. Ich unterhalte mich mit einer Franzoesin, die grad ihre vietnamesische Freundin besucht. Total witzig, beide sind 22, die Franzoesin sieht aus wie 24, die Vietnamesin wie 16… mein ganzer Koerper ist inzwischen – mal wieder – eine einzige Schweissperle, die Klimaanlage funktioniert nicht mehr. Ohne Wasser dehydrier ich bald hier.
17.25 Uhr, wieder draussen, und jetzt kriege ich genug Wasser. Aber leider von oben. REGENZEIT!!! Zwei Stunden lang giesst es und giesst es und giesst es. Furchtbar! Hilft alles nix, ich muss schnell zurueck zur Buie Vien, um noch den Tagesausflug nach Cu Chi morgen frueh zu buchen. Durch die vielen Pfuetzen wate ich, werde nasser und nasser – die Cyclofahrer sind vorbereitet und haben ruckzuck eine Regenjacke uebergezogen. Auf dem Rueckweg lande ich im Kreisverkehr “Le Loi” und tataaa, das ist die erste Strasse meines Lebens, die mich fast zum Wahnsinn treibt. In der Mitte sind eine Riesen-Tankstelle und der zentrale Busbahnhof. Viele, viele Strassen gehen vom Kreisverkehr ab und im dichten und dicksten Feierabendverkehr (es gibt keine Ampel und Fussgaenger interessieren keinen) gelingt es mir beim starken Regen erst nach einer Viertelstunde, die richtige zu finden. Fluessig komme ich trotzdem vorwaerts, das Motto fuer Fussgaenger lautet “Wer bremst verliert”. Und wer Angst hat, der bleibt bis an sein Lebensende an derselben Stelle stehen. Fussgaenger in Vietnam zu sein schult eindeutig die Aufmerksamkeit.
Eine
noch absolut durchschaubare Mofaszene
Bei Fruchtshakes (vielen), Essen (viel) und im Internetcafe beende ich meinen Saigon-Tag, an dem ich das komplette Stadtprogramm in sechs Stunden durchziehen durfte: Politik, Geschichte, verschiedenste Viertel, Sonne, heiss, starker Regen, Wind, Motorrad fahren, Feierabendverkehr, verlaufen, verschiedensts Essen. Nicht zu vergessen die zahlreichen aufdringlichen Strassenverkaeufer, die Touristen fast im Minutentakt Zigaretten, Feuerzeuge, Zeitungen und sonstigen Kram andrehen wollen. Die gehen mir fast schon so auf den Zeiger wie die Mueckenstiche und die Groesse der Tueren. Ich stoss dauernd ueberall an. Die sind halt nicht so gross hier…
Aber ich habe die erste Woche insgesamt ohne groessere Blessuren ueberstanden. Das ist doch einen Applaus von mir fuer mich selbst (Selbstbespiegler, der Kerl hatte doch Recht) wert. So gewoehnungsbeduerftig Bangkok und Saigon sind, moechte ich die Tage, die Leute, die ich kennengelernt habe und die gewonnene Erfahrung nicht missen. Das bleibt immer in mir drin, und wenn ich Vietnam ueberlebt habe, dann meistere ich meinen Alltag noch relaxter!
Doch 19 Tagen warten noch auf mich. Ab morgen ist aber hoffentlich ein bisschen mehr Ruhe angesagt. Es beginnen viele, viele Busfahrten. Eins hat mir heute richtig im Radau von Saigon gefehlt: meine Musik!
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Dienstag, 26. Juli 2005
Saigon -> Cao Dai, Cu Chi -> Saigon
Von Krieg und Kriech(en)
Es gibt Leute, die sind so irre, die wuerden sogar Mickymaus einen Tempel bauen. Es gibt Tunnel, die sind so eng, dass ich 100 Meter lang japsend auf allen Vieren kriechen muss, um gesund und munter rauszufinden. Es gibt vietnamesische Tourguides, die sich "Slim Jim" nennen und es gibt all das an nur einem einzigen Tag.
Hach tut das gut. Es war der achte Tag heute und eigentlich muesste ich mich an das tropische Klima laengst gewoehnt haben, und doch bin ich ueber jeden Hauch eines leichten Windes sehr, sehr dankbar. Ich schliesse die Augen und lasse den Ventilator meinen Kopf anvisieren. Mein Wecker fuer morgen steht schon wieder auf 7 Uhr; ich sagte es, jetzt kommen die Tage der eigentlich ruhigen Busfahrten, aber auch die Pack-ein-pack-aus-Tage. Jetzt bleibe ich vorerst in keinem Hotel laenger als zwei Naechte. Und um 22.30 Uhr, so spaet ist es schon/erst, habe ich fast ein schlechtes Gewissen, noch nicht zu schlafen. Denn morgen wird es auf der Tour ins Mekong-Delta wieder sehr hart. 22.30 Uhr, in Muelheim ist es grad 17.30 Uhr - da seht Ihr, dass mein Tagesrhythmus komplett aus den Fugen geraten ist.
Ein Morgenmuffel war ich und bin ich meistens. Ob im Alltag, am Wochenende oder im Urlaub. Und wenn ich um 7 Uhr aufstehen muss, egal wie lange ich geschlafen habe, dann bin ich grundsaetzlich sauer auf die Welt. Und deshalb freue ich mich gar nicht, dass mein erster Busmarathon waehrend des Urlaubs nicht wie angekuendigt um 8, sondern erst um 8.15 Uhr beginnt. Ich haette laenger schlafen koennen!! Naja, kann im Saigoner Morgenverkehr schon einmal passieren. Im Kleinbus - 16 Personen finden Platz - sitze ich in der mittleren Reihe in der Mitte, da kann ich nicht mal weiterschlafen. Scheisse, faengt ja gut an. Unser Tourguide nennt sich "Slim Jim", er war 20 Jahre lang im Mekong-Delta Englischlehrer, sagt er, und suchte eine Abwechslung. Nun spielt er seit sieben Jahren den Tourguide fuer englischsprachige Touristen. Ganz langsam fallen mir immer wieder die Augen zu - dabei war die Nacht in Saigon okay - doch ein Strassenhuegel Saigons zerstoert jedes Mal meinen Sekundenschlaf sofort. Auch um 8.30 Uhr vormittags scheint nichts veraendert. 60 Prozent Motorraeder ("They have no rules", sagt Slim Jim), den Rest der vollgestopften Strasse teilen sich Taxis, Busse, Autos und auch ein paar Fahrraeder. Nach einer halben Stunde gibt's den ersten Stopp, zum Fruehstueck bei einem - mutmasslich - Partner-Restaurant der Reiseagentur.
Ich belasse es bei einer Flasche Wasser und versuche mich im Gehoppel und Gehupe Saigons so gut es geht auf mein erstes vietnamesisches Ziel ausserhalb Saigons zu konzentrieren. Cao Dai. Waehrend ich in den Reisefuehrern blaettere, erzaehlt Slim Jim in einer Englisch-Mischung aus asiatischem und Suedstaaten-Dialekt (total witzig) auch ein bisschen. Es ist ein Exkurs in die Religionen Vietnams. Ein interessanter dazu. In Thailand - erinnert Euch - ist alles auf den Buddhismus ausgerichtet. Aber in Vietnam gibt es alles und nichts. Buddhisten, Islamisten, Christen, dann noch Anhaenger bestimmter Philosophen, wie zum Beispiel Daoisten und Konfuzianisten. Die Katholiken leben ueberwiegend im Sueden Vietnams, da insgesamt eine Million Katholiken 1954 nach dem Abzug der Franzosen vor den angeblich kirchenfeindlichen Kommunisten flohen - zum Beispiel auch Jim. Nebenbei erzaehlt er, dass er den Norden niemals gesehen hat ("Why? Now the communists are here!")
11.20 Uhr, wir sind da. Denn es gibt noch Cao Dai - eine Sekte, deren Tempel in allen Reisefuehrern aller Sprachen als besonders sehenswert eingestuft wird. Das Ganze liegt etwa 100 Kilometer (schaetze ich) westlich von Saigon, nahe an der Grenze zu Kambodscha. Und schon von weitem ist die Staette im Doerfchen Tay Ninh zu erkennen. Alles wird auf einmal so bunt. "Cao Dai" heisst uebersetzt "Der Hohe" oder "der grosse Palast". Die Idee haette scharlataniger nicht sein koennen. 1926 erfand Ngo Van Chien diese Sekte und manschte Lehren aus allen Religionen zusammen. Man nehme den Nirwana-Glauben des Buddhismus, vermengt den mit konfuzianischen Lehren, der Hierarchie der Katholiken (mit Papst und festgelegten Zeremonien) und wuerze das ganze mit einer Prise Islam und den Worten Victor Hugos - und fertig ist "Cao Dai". Bunt ist das Ganze, um durch die Farben die jeweiligen Herkunftsreligionen herauszustellen. Symbol von "Cao Dai" ist ein Auge in einem Dreieck.
Im
Hintergrund: Der Cao-Dai-Tempel
Kaum zu glauben, dass diesen Quatsch irgendeiner befolgt, was? Tja, in der Hoch-Zeit hatte "Cao Dai" vier Millionen Anhaenger und eine Privatarmee, die sich gleichzeitig mit Nord- und Suedvietnam anlegte und einen "Staat im Staat" bildete. Die Leiche des Papstes (der noch keinen Nachfolger hat), die in Kambodscha liegt, darf "Cao Dai" bis heute nicht beerdigen. Die Erlaubnis fehlt. Deshalb steht auf dem Gelaende ein leeres Grab rum. "Disneyworld-Religion" hat jemand "Cao Dai" mal genannt. Besser haette ich das auch nicht ausdruecken koennen.
Viermal taeglich findet eine immer gleiche Gottesdienst-Zeremonie der Umhangtraeger statt. Wir verfolgen 20 Minuten der 12-Uhr-Sitzung, und die ist an Laecherlichkeit kaum noch zu ueberbieten. Alles streng hierarchisch, eine Vierer-Musiktruppe, die immer das gleiche spielt. Und immer so wieder. Im liebsten wuerde ich in Manier von "Werner's Sportstudio" einen Fussball in die Runde werfen und laut ruelpsen.
Mickymaus
möge gnädig zu mir sein
Fuer mich bekommen die 20 Minuten dennoch einen leicht positiven Spin. Neben mir steht Hanna (ihr vietnamesischer Name laesst sich so am besten uebersetzen, sagt sie), die eine Gruppe durch Cao Dai fuehrt. Sie bezeichnet sich als Studentin (glaube ich) und 26 (glaube ich nicht, hoechstens 22) und spricht mich an. Dabei schaetzt sie mich auf 22 (!), was ich fuer ein unglaubliches Kompliment halte, da mich schon zum zweiten Mal innerhalb von drei Wochen jemand deutlich juenger eingeschaetzt hat. Irre. Und Hanna will meine Mail-Adresse. Kann sie haben. Bin gespannt, ob sie sich meldet.
Um 12.30 Uhr verlassen wir den mehr als skurrilen Ort. Da fand ich das Gefuehl schon wesentlich beeindruckender, als wir auf dem Cao-Dai-Hinweg an der Strasse vorbeifuhren, auf der das nackte Maedchen Kim Phuc fotografiert wurde, gezeichnet von einem US-Napalm-Angriff (Ihr erinnert Euch, eins der beruehmtesten Fotos des 20. Jahrhunderts).
Auf dem Rueckweg passieren wir einen weiteren wichtigen Kriegsschauplatz (hier hat sich scheinbar am Ende eine ganze Menge abgespielt): Naemlich den 986 Meter hohen "Black Lady Mountain", der nicht nur die Grenze zu Kambodscha bedeutet, sondern auch das Ende des "Ho Chi Minh Pfades" der Vietcong war. Dort fanden die nordvietnamesischen Kaempfer Unterschlupf und parallel hatten die Amis dort einen Hubschrauber-Landeplatz. Sprich: Das Gebiet war total umkaempft, vor 30 Jahren. Geschichte total real.
Und mit den Tunnelanlagen von Cu Chi wird es - nach einem Mittagessen in einem natuerlich reeeeein zufaellig angefahrenen Lokal - der Cao-Dai-Flop voll ausgeglichen. Klingt affig, das jetzt 15 Flugstunden von Euch entfernt zu sagen, aber: Dieses Gefuehl muss man selbst erlebt haben, das kann kein Foto nachstellen und kein Film zeigen. Die von den Vietcong mit einfachen Schaufeln gebuddelten Tunnel, die vom Norden bis vor die Tore Saigons reichten, hatten insgesamt 200 bis 250 Kilometer Laenge. Und Teile davon sind zu besichtigen, eben in Cu Chi.
In den Pyrenaen Suedfrankreichs unternahm ich schon einmal eine Tunnel-Kletter-und-Kriechpartie, aber das ist nichts gegen Cu Chi. Der Einstieg ist kaum zu erkennen. Wir gehen in ein Waldstueck, alles ist ganz normal bedeckt mit Muecken und Laub. Ploetzlich taucht ein vietnamesischer Soldat aus der Tiefe auf. Der Einstieg: klein und nicht zu sehen. Durch dieses kleine Tunnelstueck geht es ebenso wie durch ein zehn Meter langes nicht weiter schlimmes. Doch dann folgt das Meisterstueck. Der laengste. 120 Meter lang. Es ist eng. Sehr eng. Bueckt Euch mal, wie Fussballer auf einem Mannschaftsfoto. Und stellt Euch jetzt vor, Ihr stosst mit jedem Koerperteil an eine Wand. So eng. "No asthmatiker", hat Jim geraten. Die Luft ist schlecht, heiss, stickig, alle schwitzen. Ich auch, aber zum Glueck trage ich mein VfL-Kalla-Trikot, und die Fussballjerseys schnappen den Schweiss ziemlich gut auf. Und AUTSCH, Kopf gestossen, es wird knapper. Ich lege meine Knie auf den Boden und krieche. Anders geht's. Robben, robben, robben, bis der Ausgang am Horizont zu sehen ist. Dort steht Jim und erzaehlt. Die Tunnel sind auf Touristengroesse ausgebaut. In Wirklichkeit waren sie 60 mal 80 Zentimeter gross und bis zu 20 Meter in der Tiefe, damit sie der Bombenvibration standhalten konnten. Hammer! Hammer-Erlebnis!!
Die Amerikaner waren mit der modernsten Technologie in Vietnam, doch gegen die Tunnel, von deren Existenz sie erst spaet erfuhren, konnten sie kaum ankommen. Die Vietcong lebten darin, assen, erzogen Kinder. Wir gehen ins nachgebaute Hospital, in eine nachgebaute Kueche. Dann noch zu einem Film und einem Schiessstand mit Original-Vietcong-Waffen. Immer schoen im Hintergrund als Soundeffekt: Hubschrauber! Kurz vor dem Ende des Krieges war Cu Chi eine "free fire zone", das heisst, dass die Amerikaner jeden toeten durften - egal ob aus dem Norden oder dem verbuendeten Sueden. Cu Chi war nach 1975 eine Wueste. Heute sind die Baeume nachgewachsen. Naja, ein paar Bombenkrater sind geblieben. Und bleiben.
Auf dem holprigen Weg zurueck nach Saigon durch den schon ausfuehrlichst geschilderten Rush-Hour-Verkehr nutze ich die Gelegenheit, meine Reisegruppe naeher kennenzulernen. Es sind vier Japaner dabei, mit einem eigenen Guide, vier Franzosen im Alter meiner Eltern (zwei Paerchen) und drei weitere Paerchen. Eine junge Frau aus Kanada fragt: "Where is Bockum?" Gut, sie identifiziert mich nicht als Deutscher, sondern mutmasslich nur als verrueckten Traveller (so hoffe ich). Neben mir schlaeft ein Grieche, der aussieht wie Obelix, keinen Tunnel ersteigen konnte und staendig laut telefoniert. Ein unangenehmer Zeitgenosse. Wenigstens kann ich zwischen 16.15 Uhr und 18.05 Uhr wieder ein Paar Batterien leer hoeren. Kettcar, Weezer, Tocotronic, Tomte, R.E.M., Metallica, K's Choice, Green Day, Adam Green, Helden, Hosen, Mando Diao, Strokes, Peppers... herrlich, das hat mir gefehlt.
Direkt nach der Rueckkehr buche ich die naechste Bustour. Fuer 25 Dollar (inklusive Hotelkosten) geht es ins Mekong-Delta mit Zwischenstopp und Uebernachtung in Can Tho, der Stadt, in der Marrit wochenlang Englisch unterrichtete. Um 7 Uhr klingelt der Wecker. Ich werde wieder ein vermuffeltes Muedigkeits-Wrack sein. Doch ich hoffe, dass mich die morgige Tour auch am Ende versoehnt. Morgen geht's in den Hintern Vietnams. Denn nach langer Ueberlegungszeit ist mir aufgefallen, dass Vietnam so aussieht wie ein Seepferdchen. Saigon ist schon weit unten (bauchnabelmaessig). Und das Mekong-Delta eben ganz unten. Es soll fantastisch sein.
Waere schoen.
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Mittwoch, 27. Juli 2005
Saigon -> Can Tho (Mekong-Delta)
Mittendrin statt nur dabei
Was denkt Ihr eigentlich, wenn Ihr das Wort "Vietnam" hoert? Wuerde mich echt mal interessieren - dumm nur, dass Ihr jetzt nicht hier neben mir sitzt. Hmm... an den Vietnam-Krieg wahrscheinlich zuerst. Doch mal ehrlich: Wieviel wissen wir schon wirklich ueber Land und Leute, wenn wir unser bisheriges Wissen vor allem den amerikanischen Filmen entnehmen, die sich sowieso eher mit der eigenen amerikanischen Psyche beschaeftigen als mit dem Land, in dem heute 50 (manche Reisefuehrer nennen hoehere Zahlen) Prozent der Einwohner nach dem Krieg geboren wurden. Was lernt man ueber die Gegenwart Vietnams, wenn man "Platoon", "Full Metal Jacket", "Rambo", "Apocalypse Now" oder "Good Morning Vietnam" sieht? Nicht viel.
Goooooood morning Vietnam!! Wo wir schon beim Thema sind... Robin Williams' Weckruf koennte ich jetzt auch gut gebrauchen. Schon wieder um 7 Uhr wach werden, und das wieder einmal nach einem sehr kranken Traum (wird wohl zur Gewohnheit hier, dass sich mein Unterbewusstsein hier nur verquerte Sachen ausdenkt), ja hoert das denn nie auf? Muffelmuffelmuffel. Zum Glueck habe ich alles gestern Abend schon gepackt, so dass ich nur noch duschen und in die Klamotten schluepfen muss. Meinen dicken Rucksack kann ich ueber Nacht gluecklicherweise in meinem Saigoner Hotel "Linh Thu" lassen. Deshalb muss ich an den naechsten beiden Tagen nicht ganz so viel schleppen.
Heute geht's in die Region, die von den Amis ganz besonders zerbombt wurde. "Today we say in Vietnam 'the unlocigal war'", sagte gestern Slim Jim. Okay, zwischen Saigon und Hanoi gibt es gewisse Rivalitaeten, wie ich hier aus so mancher Aeusserung heraushoerte (aber die gibt es zwischen Berlin und Muenchen auch), aber dass sich Norden und Sueden bis vor 30 Jahren noch gegenseitig abgeschossen haben, will hier kaum noch jemand wissen. Weil es zwischen 1975 und 1991 das West-Embargo und zwei weitere Kriege (Einmarsch in Kambodscha, 16-taegiges Techtelmechtel mit China an der Nordgrenze als "Strafaktion" fuer Kambodscha) gab, zaehlte das komplett zerstoerte und wirtschaftlich total marode und korrupte Vietnam zu den zehn aermsten Laendern der Welt. Das ist erst 14 Jahre her! Seitdem hat sich viel geaendert. Der Westen - und selbst die USA - importieren wieder aus Vietnam und investieren ebenso fleissig wie andere (aus Deutschland z.B. Siemens und Mercedes), nach der Oeffnung des Landes fuer Touristen kommen inzwischen drei Millionen pro Jahr (darunter viele US-Vietnam-Veteranen - was heute nicht alles geht...), die Kredite fliessen - und zack boomt Vietnams Wirtschaft mit durchschnittlich 7 Prozent pro Jahr.
Unser Guide heute heisst Himb, geschaetzte 30 Jahre alt und 1,70 gross, faehrt sich dauernd durch die mittelgescheitelten Haare und hustet. Um 8.10 Uhr geht's los in einem gut klimatisierten Bus, ich erwische einen Platz am Fenster, allein in einer Zweier-Kombi. Optimal. Die vielen Loecher in den Strassen fallen mir kaum noch auf beim Weg aus Saigon Richtung Sueden. Ich lese ein bisschen im Teil "Geschichte" des "Reise Know-How Vietnam" (Ergebnis siehe oben). Der Bus faehrt durch verlassene Vororte Saigons, am Horizont sind fuenf Hochhaeuser vom Baustil "Marzahn" und "Maerkisches Viertel" erkennbar, davor eine grosse Rasen-/Lehmflaeche. "This is our new city", sagt Himb mit einem stolzen Unterton. Stolz? Damit meint er, dass Saigon eben eine sehr alte Stadt sei (vom Baustil). Und in eben dieser neuen Siedlung entsteht innerhalb der naechsten zehn Jahre ein ganzer Park solcher Haeuser. Eine U-Bahn soll wohl auch bald in Saigon eroeffnen, in Vietnams groesster und wohl auch westlich orientiertester Stadt. Boom, ich sag's. Fehlen nur noch Mc Donalds, Burger King und Pizza Hut (die es hier noch nicht gibt). Um welchen Preis? Manchmal habe ich das Gefuehl, als blickten die Vietnamesen neidisch nach Bangkok, ausgerechnet. Bitte nicht! Bewahrt Euch den eigenen Charme! "In 40 oder 50 years our countrys will be the same", glaubt Himb. Soso, so ist also die Planung. Wenn ich sterbe, spielen Vietnam und Deutschland in derselben Liga. Schoen waer's. Aber wird es wirklich dazu kommen?
Mal wieder ist der Verkehr, der scheinbar 24 Stunden dicht an dicht ist, verdammt nervtoetend, aber zugleich putzig. Drei Millionen Motorraeder gibt es in Saigon, erzaehlt Himb. Drei!!! Zusaetzlich zu den sieben Millionen Einwohnern (gestern bei Slim Jim waren's noch sechs oder acht, weiss nicht mehr) kommen taeglich eine Million aus den umliegenden Doerfern zur Arbeit. Kein Wunder, dass Saigon bei allem Reiz, aber der trotzdem indiskutablen Verkehrsfuehrung Tag fuer Tag zusammenbricht. Fast 24 Stunden lang. Himb ist Saigoner und er bestaetigt meine These der Konkurrenz zu Hanoi. Mehr als auffaellig weist er daraufhin, dass Hanoi zwar die Hauptstadt sei, Saigon aber die groesste Stadt mit den vielen Projekten...
Hab ich schon erzaehlt, warum Vietnam fuer Rucksackreisende wie ich einer bin als erste Wahl gilt? Es ist wie schon so oft beschrieben furchtbar interessant wegen seiner vielfaeltigen Geschichte, liegt in einem anderen Kontinent, das Wetter ist meist gut, es gibt viel zu entdecken und es ist so unschlagbar billig. Und dank der Reiseagenturen gibt es ein toll ausgebautes Bussystem. Zwischen den fuenf groessten Staedten Saigon, Nha Trang, Hoi An, Hue und Hanoi gibt es vom Sueden in den Norden und umgekehrt taegliche Verbindungen. Und alle Fahrten zusammen kosten 25 Dollar! Und von den einzelnen Staedten bieten die Reiseagenturen speziell buchbare Extratouren an. Von Saigon zum Beispiel nach Cu Chi und Cao Dai (wie gestern) oder ins Mekong-Delta, was ich heute "abhake", anstatt einer Tour von zwei waeren auch drei, vier oder fuenf moeglich gewesen. Inklusive zweier Mahlzeiten, der Nacht im Hotel und eines Shirts der Agentur "SinhCafe" kostet der zweitaegige Spass ebenfalls nur 25 Dollar. Geschenkt!
Exkurs beendet. Warum ich so viel Zeit habe, um das zu erklaeren? Der heutige Tag ist ein einziges "berieseln lassen". Ich hocke im Bus am Fenster, beobachte, wie Frauen und Maenner in den Reisfeldern Suedvietnams herumplanschen, die Frauen ganz klassisch mit den beruehmten Kegelhueten auf dem Kopf. Schaue Kleinkindern zu, die am Strassenrand stehen und vermutlich Tag fuer Tag einfach so den Touribussen zuwinken. Sehe die Verkaeufer, die an jeder Ampel (wenn es denn mal welche gibt) vor die Busse sprinten, und Gucci-Sonnenbrillen (haha!) verscheuern wollen. Betrachte die Einwohner, wie sie einfach nur vor ihren kleinen Haeusern - die meisten sind nur drei Meter breit, dafuer aber sehr tief - sitzen, sich ausruhen, spielen, kochen. Bewundere die Maerkte mit den vielen tropischen Fruechten, von Bananen, Ananas, Kokosnuessen bis zur "Dragon Fruit" und der Sternfrucht. Und vielen mehr, deren Namen ich nichtmal weiss. Und der Speichel tropft aus meinem Mund wie bei Homer Simpson. Zwischendurch hupen und ueberholen Lkw-Fahrer, Motorraeder versuchen waghalsige Manoever. Good morning Vietnam! Hier bin ich mittendrin statt nur dabei. An Thommys Bildschirm sah alles schon verrueckt aus, aber es selbst zu erleben, ist fast schon zu schoen. In meinen Ohren sitzen die Stoepsel wie angegossen. Und ich hoere "Dream now" von All About Eve und "Dreams" von den Cranberries. Hatte ich vor einem Jahr in den USA glaube ich schonmal, aber diesmal passt's besser.
Das Programm, das SinhCafe bietet, ist wirklich abwechslungsreich. Nach zweieinhalb Stunden Busfahrt geht es endlich auf ei Boot, denn wie anders ist das Mekong-Delta am besten zu erkunden!? Hier liegt Vietnam auf einem Breitengrad mit Djibouti. Der Mekong ist 4500 Kilometer lang, fliesst durch Burma, Laos und Thailand, bevor er sich in Kambodscha in zwei Arme aufteilt, in Vietnam schliesslich in acht, um dann ins Meer ueberzutreten. Mit dem Boot fahren wir durch einen kleinen "Floating Market", das sind schwimmende Maerkte, bei der die Farmer auf Booten ihre Waren anbieten und verkaufen. Danach geht's aufs Festland, um sichtlich genervten Puffreismachern bei der Arbeit zuzuschauen. Die reichen Touristen knipsen, was das Zeug haelt, und die kriegen wahrscheinlich gerade einmal den staatlich festgelegten Mindestlohn von 20 Dollar im Monat. Schrecklich!
Auf dem Boot geht die Berieselung weiter. In einem klitzekleinen Schiffchen, der Motor knattert lauter als laut, geht es ueber einen sehr, sehr breiten Mekong-Arm, der an der dicksten Stelle ein Kilometer breit ist. Verkaeufer passieren den Weg, rauchen ein Zigarettchen und halten den nackten Oberkoerper in die Bewoelkung. Ganze Familien wohnen auf den Booten im Mekong, wohlgemerkt als Farmer und nicht wirklich als Seefahrer. Viele verbringen ihr gesamtes Leben dort, sagt Himb. Schulen gibt es nur kaum.
Eine
Mekong-Szenerie
Dann passiert auch mal fuenf Minuten nichts. Keine anderen Boote, nur Palmen, ueppige Vegetation (bin kein Biologe, sonst koennte ich Euch sicherlich mehr Pflanzen und Baeume benennen). Es ist eine Apocalypse-Now-Romantik. Der Grossteil des Films spielt (obwohl - wie ich weiss - nicht hier gedreht) auf dem Mekong-Fluss in Richtug Kambodscha. Diese Region diente als prima Versteck fuer die nach Suedvietnam vergedrungenen Vietcong. Jetzt weiss ich, was mit dieser Aussage gemeint ist. Und die Amis haben vieles davon platt gemacht. In Vinh Long, einer kleinen Stadt, halten wir zum kostenlosen Mittagessen. Es gibt eine undefinierbare Suppe und undefinierbares Fleisch mit Reis - moechte gar nicht wissen, was ich da in mich reingestopft habe. Am leckersten sind eindeutig die Fruechte als Dessert! Leckerleckerlecker! Wir treffen dort andere Touristen, einer spricht mich auf mein VfL-Trikot und den Abstieg an. "Supporter from Bochum, trotz van Duijnhoven?", fragt er, waehrend wir einer kleinen, putzigen vietnamesischen Familien-Musikband lauschen (moechte wieder nicht wissen, fuer welchen Hungerlohn die sich zum Affen machen). Er ist jedenfalls Niederlaender aus Eindhoven. Shakehands.
In Vinh Long wird unsere grosse Gruppe gegen 15 Uhr schlagartig kleiner. Wie sich herausstellt, waren bis jetzt auch die dabei, die nur eine Ein-Tages-Tour gebucht haben. Sie fahren zurueck nach Saigon, und nur 14 plus Himb tuckeln weiter Richtung Can Tho, der Hauptstadt des Mekong-Delta. Der Stadt, in der Marrit Englisch unterrichtete und in der Thommy ein paar Tage wohnte. Marrit bevorzugt das Mekong-Delta als schoenste Region Vietnams, hat sie gesagt. Beide gaben mir fuer Can Tho viele, viele Tipps.
Mit einer typisch vietnamesischen Feierabend-Verkehrs-Faehre (nicht ueberall im Delta gibt es Bruecken) geht es ueber einen Mekong-Arm nach Can Tho, 310.000 Einwohner, 135 Kilometer suedwestlich von Saigon. Jetzt bin ich am weitesten von meinem Vietnam-Ziel Hanoi entfernt. Jetzt bin ich mittendrin im Uraub. Nicht mehr am Anfang, noch lange nicht am Ende. 1900 Kilometer werde ich in den naechsten zehn Tagen per Bus zuruecklegen. Um 17 Uhr betrete ich mein gebuchtes Einzelzimmer - und das ist der absolute Luxus: gross, geraeumig, grosses Badezimmer, klimatisiert auf genau 20 Grad. Da hat SinhCafe ganze Arbeit geleistet. Heute ist der erste Tag komplett ohne Schweiss: alles klimatisiert und draussen Bewoelkung.
Ich will mich flugs in die von Thommy und Marrit vorbereiteten Can-Tho-Planungen stuerzen, da - oh Schreck - stelle ich fest, dass unser Hotel auf allen Innenstadt-Karten, die ich in den Reisefuehrern habe, nicht verzeichnet ist! Scheisse, wir liegen ausserhalb. Und wie fast immer in den letzten Tagen faengt es puenktlich gegen 17.30 Uhr an zu plaestern. Und nicht zu knapp! Und die Daemmerung beginnt sowieso in diesen Minuten. Ich hocke mich ins DSL-Internet-Cafe, schreibe Mails, surfe durch die Welt, bezahle umgerechnet 30 Cent fuer anderthalb Stunden, und gebe um 19 Uhr auf. Das bringt nichts mehr, jetzt noch in die Stadt zu laufen. Jetzt, da es stockfinster ist. Und der Weckdienst klingelt schon um 6.30 Uhr morgen durch.
Ich blicke auf den ersten
langweiligen Leerlauf-Abend des Urlaubs zurueck, und das ausgerechnet in
Can Tho. Wenn das Thommy und Marrit lesen... Aus der 14er-Gruppe eignet
sich niemand zum Plauschen oder Weggehen. Die Japaner sprechen kein Englisch
und der Rest ist deutlich zu alt. Zum ersten Mal starre ich an die Decke,
hoere dem Regen zu und wuerde am liebsten siedeln, ein Fussballspiel gucken
und dabei Giovanni-Pizza essen oder bei Zarko im
Schraegen Eck ein paar Dartpfeile
werfen. Und mein Oberschenkel meldet sich mit Schmerzen nach dem Kriech-Sport
gestern in Cu Chi.
Im Hotel gibt's Essen. Reis mit so einer Art Huehnerfluegel. In so einer Stimmung geht mir sogar das Motto "alles probieren" auf den Sack. Ich habe in den neun Tagen so viel Verschiedenes in mich reingestopft - Hoehepunkte waren die Fruechte und Fruit-Shakes - schon am neunten Tag kann ich Reis kaum noch sehen. Naja, vielleicht legt sich meine Langeweiler-Miesmacher-Laune morgen wieder. Bestimmt sogar.
Denn wenn ich um 19 Uhr morgen wieder in Saigon ankomme, dann bin ich nicht ausserhalb. Dann bin ich endlich wieder mittendrin im Geschehen. Und jetzt klappe ich das Buch fuer heute zu.
Hanna hat uebrigens nicht geschrieben.
Die dazu passende Foto-Tagebuch-Seite gibt es HIER !
Can Tho (Mekong-Delta) -> Saigon
Im Bus-Kloster
Bus-Aufenthalte, zumal ein paar Stunden lang, haben in diesem Urlaub fuer mich etwas klosterhaftes. Du sitzt ganz fuer dich allein in deinem flauschigen Sesselchen, sagst nichts, lauscht nur deinen liebsten Musikstuecken und meditierst dabei fast ein bisschen. Und im Rahmen dieses nahezu zolibataeren Lebens gibt es genug Zeit, ueber die Welt und alles andere nachzudenken. In den naechsten sieben Tag werde ich 1700 Kilometer im Bus abfahren. Eine ganz schoen lange Strecke im Bus-Kloster. Heute bekam ich einen Vorgeschmack auf das, was mich erwartet. Aber nur einen kleinen.
Bei aller Liebe zum vietnamesischen Essen, das Fruehstueck bin ich allmaehlich leid. Einen Teller warme Suppe gleich zum Tagesbeginn zu essen, darin koennte ich mich nie gewoehnen. Die landestypische Suppe heisst Pho, die gibt es mit allerlei Gemuese drin und wahlweise Huhn, Rind oder keins von beidem. Zu kaufen ist Pho ueberall in Saigon und vermutlich auch dem Rest des Landes, zu jeder Tages- und Jahreszeit. Thommy und Marrit haben sie mir auch fuer frueh morgens ans Herz gelegt. Zum Fruehstueck?? Never! Aus dem Bett komme ich um 6.30 Uhr erstaunlich gut, mein innerer Wecker und mein Unterbewusstsein haben es heute gut mit mir gemeint. Das Fruehstuecksbuffet ist zwar einigermassen umfangreich, aber so gar nicht mein Ding. Pho gibt es auf Wunsch, ausserdem steht warmer O-Saft, kaltes Wasser, Reisbrei, normaler Reis (den gibt es hier halt immer), lauwarmes Gemuese, papp-trockene Mini-Pfannekuchen und viel, viel Baguette (der franzoesische Einfluss, ich sag’s ja), verfeinerbar mit einer einzigen Frucht-Marmelade. Ne richtige Schuessel Cornflakes, das waere doch was. Oder ein knuspriges Schoko-Croissant, ne Tasse Pfefferminztee. Ich fruehstuecke nie viel, aber der Geschmack muss schon stimmen.
Um 7.30 Uhr sitzen wir 14 und Himb mehr oder weniger gestaerkt im Bus, um 8 Uhr geht es zu einer ueber dreistuendigen Bootstour aufs Wasser. Ich freu mich sehr drauf. “It will be very hot”, vermutet Himb schon um 7.45 Uhr. “Don’t forget your hat.” Ich habe mein Kaeppi natuerlich in Saigon liegen. Shit! Und es wird wirklich von Sekunde zu Sekunde heisser. Himb sieht mit seiner Muetze aus wie Kermit, der Frosch. Keine Ahnung, wie mir der Vergleich eingefallen ist. Kermit halt. Wenn er etwas erklaert, ist das so witzig. Er sagt es auf Englisch, fuer die Japaner auf Zeichensprache und fuer zwei Vietnamesen auf Vietnamesisch. Und da von der franzoesischen Familie nicht alle des Englischen maechtig sind, gibt es noch Franzoesisch, also ein herrlich internationales Sprach-Spektakel.
Als wir die letzten Meter im Bus vom Hotel bis zur Anlegestelle in Can Tho zuruecklegen, spiele ich Gluecksfee und lege irgendeine CD in den Discman. Und was laeuft? Herbies “Bochum”. Haette besser zu meiner Laune gestern Abend gepasst, als ich mir ausmalte, wie Edu den VfL mit einem 30-Meter-Knaller in der letzten Minute zum Pokalsieg 2006 schiesst. Aber halt. Die Zeilen “Du bist keine Schoenheit”, “Du bist keine Weltstadt”, “Wo das Herz noch zaehlt, nicht das grosse Geld” lassen sich auch auf Can Tho anwenden, zumindest den Teil, den ich gesehen habe.
Sagte ich gestern nicht etwas von “berieseln lassen”? Ich lasse es sein, heute eine andere Formulierung suchen zu wollen. Es ist ein dreistuendiger Trip wie auf Drogen, die das Unwirkliche zur Realitaet machen. Auf den Kokosnusspalmen hangeln sich Affen von Baum zu Baum, manchmal muss das Boot durchs dickste Dschungel-Dickicht und zu vernehmen ist nur noch das Zirpen und Zwitschern der Insekten und Tiere, mal gibt es endlos weite Sicht in Gruen, Gruen und nochmals Gruen. Gut, das Wasser koennte sauberer sein, aber wen juckt das schon!?
Wir durchqueren wieder einen “Floating Market”, den Groessten im Mekong-Delta, und um 8.30 Uhr ist eindeutig mehr los als gestern um 11 auf dem anderen. Die Farmer stehen eben sehr frueh auf, erklaert Himb. Langsam tuckert unser Boot durch all die anderen, auf denen alles verscheuert wird. Wirklich alles. Ein schwimmender Frucht- und Gemuese-Supermarkt. Ein beeindruckendes Schauspiel.
Bei einem weiteren Zwischenstopp lernen wir in einer der vielen Reisfabriken des Deltas den Weg von der Reispflanze bis zum Reis, Reismehl oder Reispapier kennen. Die Reisindustrie profitiert uebrigens am meisten von der Reprivatisierung, die natuerlich – das vergass ich gestern – einen grossen Anteil am Boom Vietnams hat. Denn nicht vergessen: Vietnam ist immer noch ein kommunistisches Land mit nur einer Partei und einer nur eingeschraenkten Pressefreiheit. Auch das darf nicht unerwaehnt bleiben.
Um halb elf verschwindet die Sonne ploetzlich. Innerhalb von wenigen Minuten zieht es zu und regnet ganz heftig. “We are lucky”, sagt Himb-Kermit. Puenktlich mit dem ersten Tropfen betreten wir unser letztes, ueberdachtes Ziel, einen Garten mit tropischen Fruechten. Ein Genuss, einfach nur ein Genuss, obwohl ich laengst nicht von allem weiss, wie es genau heisst.
Um 11.15 Uhr – der Regen ist vorbei und wir haben Can Tho und den Bus wieder erreicht – ist die Tour eigentlich vorbei. Um die Zeit bis zum Abend totzuschlagen und die 135 Kilometer bis Saigon in meinem Kloster nicht zu lang werden zu lassen, gibt es noch drei Pausen. Die erste in unserem Hotel, zum Mittagessen. Ich ordere “Luc Lac”. Natuerlich mit Reis… Ist ja erst fuenf Stunden her. Ich setze mich zu einem Schweizer Paerchen, das allein an einem Sechser-Tisch hockt. Sie stellen sich als Ivan und Amelie (welch wunderbarer Name) aus Lausanne vor, koennen besser Franzoesisch als Deutsch, haben aber einen Superakzent drauf.
Die
Fähre in Can Tho
Sie sind auf der Durchreise nach Phu Quoc, das ist eine abgelegene, schwer erreichbare Insel ganz im Sueden Vietnams, vielleicht sogar der suedlichste Punkt, schon ausserhalb des Mekong-Deltas. So wie alle Reisefuehrer Phu Quoc beschreiben, ist das eine Mischung aus Karibik und Seychellen, nur noch nicht touristisch erschlossen (ist aber geplant). Sprich: Momentan kommt Phu Quoc dem Paradies sehr nahe. Vier Tage ihrer vierwoechigen Reise wollen sie dort verbringen, an menschenleeren Straenden (Achtung an Silke von der Muelheimer Woche, die Ende des Jahres Vietnam bereist: Soll gut zum Tauchen sein). Eine kluge Wahl. Leider nicht meine, keine Zeit. Um 12.30 Uhr geht ihr Bus. Tschuess! Mit den Beiden haette ich gestern gern etwas unternommen. Nur Marcel Koller kennen sie leider nicht.
Auf dem Weg zurueck nach Saigon gibt es einen Halt in Vinh Long, der zweitgroessten Delta-Stadt. Es gibt einen grossen, bunten Fruchtmarkt, doch nach einer kurzen Foto-Session ist mehr mehr nch einem Eiskakao an der Uferpromenade zumute. Es laeuft im Hintergrund “Hotel California”, was ich sehr amuesant finde. Eiskaffee (Café Da) und Eiskakao (Kakao Da) ist uebringens das Lieblingsgetraenk der Vietnamesen fuer zwischendurch. In einem 0,3-l-Glas ist 0,1 l Kakao und der Rest mit Eiswuerfeln aufgefuellt. In der Waerme zermanscht man die Wuerfel so lange, bis eine 0,25-l-Fluessigkeit entsteht. Lecker!
Um kurz vor vier geht es fuer eine Viertelstunde in den Bonsai Garden von My Tho, einer Kleinstadt am Delta-Rand, eher schon Vorort von Saigon. Neben einem Café ist ein Mini-Zoo, in dem Affen und Schlangen aber in Mini-Kaefigen untergebracht sind. Tierquaelerei pur. Ich bestelle mir im Café fuer 3000 Dong (immer noch ein Spitzenname fuer ne Waehrung) ein Kokusnuss-Gebaeckteilchen und lerne eine weitere Facette der vietnamesischen Kueche kennen: Die Mahlzeiten hier sind nie wirklich gross, es wird zwischendurch auch mal gern genascht. Fruechte eben. Oder Backwaren, die es hier ebenfalls zu Hauf gibt. Ein richtig geselliges, warmes Mittag- oder Abendessen werde ich aber wohl nicht mitbekommen. Dann stehen viele Speisen auf dem Tisch und jeder darf bei jedem probieren. Ich unterhalte mich mit Himb. Er arbeitet sieben Tage die Woche, immer neue Touren. Ganz harter Job, doch vermutlich einer der besseren in Saigon.
In den anderthalb Stunden Busfahrt zwischen den jeweiligen Pausen ziehe ich mich in mein Kloster zurueck und hoere viel. Von “Californication” (schon wieder Kalifornien!?) der Peppers bis zu K’s Choice’s “Believe”. Von Hannes Waders Arbeiterliedern (die muessen in Vietnam einfach sein; “Voelker hoeeeeeeert…”) bis zu Ton-Steine-Scherben (auch). Am Strassenrand Bilder wie gestern. Und mehr. Auf den Sand- und Lehmfeldern neben dem Asphalt bolzen Jugendliche. Oder spielen mit Murmeln. Da kommen mir fast die Traenen.
Je naeher Saigon rueckt, desto unverschaemter und zahlreiche werden die Mofafahrer. Und es wird haeufiger gehupt. Die Hupe ersetzt hier den Mittelfinger. Denn trotz aller Verkehrsprobleme habe ich noch keinen hier ausrasten sehen. Ein Wunder eigentlich.
Um 18.15 Uhr treffen wir nach einem seelenruhigen Tag in Saigon ein. “I hope you tell your friends and family good things about Vietnam”, sagt Kermit zum Schluss. Er war ein guter Guide. Wir sollten uns nicht nur an Mofafahrer und Verkehrsstaus erinnern, sondern auch an einen grossartigen Aufenthalt im Mekong-Delta. Das werde ich, Himb. Trotz des Leerlaufs gestern.
Es ist mein letzter Abend in Saigon, mein letzter und vierter Nacht-Aufenthalt bei “Linh Thu”. Eine Nacht hier im Einzelzimmer mit Bad und WC kostet 5,60 Euro; und das bei der zentralen Lage. Zum Abschluss laufe ich noch einmal durch die Gassen des Zentrums. Schade, dass ich nur einen Tag hier hatte. Schade. Morgen klingelt der Wecker um 6.30 Uhr (ausnahmsweise). Dann beginnen die 1-Tag-Bus-1-Tag-Aufenthalt-Spielchen.
Und die Daueraufenthalte im Kloster. Es heisst Abschied nehmen von Saigon. Tschuess, Du eigenwillige Metropole, Du Stadt, wie ich vorher noch keine andere erlebt habe. Behalte Deinen Charme, ein bisschen von Deinem Chaos, Deinem Stress. Behalte Deine Freundlchkeit.
Und werde bitte nicht so wie Bangkok.
Die dazu passende Foto-Tagebuch-Seite gibt es HIER !
Freitag, 29. Juli 2005
Saigon -> Nha Trang
Enjoy the silence
Als Information nebenbei wollte ich heute, da es ausser einer langen, langen, langen Busfahrt nicht viel zu erzaehlen gibt, verkaufen, dass ich bisher kaum Alleinreisende getroffen oder gesehen habe (Ju kann man ja nicht wirklich als Single bezeichnen) und (eine angenehme Ueberraschung angesichts der drastischen Zunahme von Vietnam-Dokus im TV) noch gar keine Deutschen. Und zack, als ich im Internet-Cafe gerade den Eintrag Nummer zehn abtippte und mir nebenbei Gedanken fuer Nummer elf machte, da sprach mich eine singlereisende Deutsche, grob geschaetzt Mitte 30, an. Bei einem Bananen/Papaya/Ananas-Fruchtshake unterhielten wir uns ueber Vietnam und uebers Reisen. Ich muss sagen, um Leute kennenzulernen, ist dieses Land eine echte Goldgrube. Oder ich habe bisher einfach verdammt viel Glueck gehabt.
6.30 Uhr, ey, schon wieder so frueh aufstehen, gibts doch gar nicht! Damit haette ich meinen so-oft-wie-moeglich-hintereinander-frueh-aufstehen-Rekord auf Ewigkeit getoppt. 7 Uhr, 7 Uhr, 6.30 Uhr, 6.30 Uhr; in deutscher Zeit ist das 2 Uhr, 2 Uhr, 1.30 Uhr, 1.30 Uhr, was fuer Zeiten, ich kann es nur noch einmal wiederholen. Um 7.15 Uhr soll ich in Saigon vor dem Sinhafe-Buero stehen und hey, das klappt sogar. Schlimm, aber wahr: Das fruehe Aufstehen ist schon so etwas wie eine Gewohnheit hier.
Heute beginnt die Zeit – ich muss es noch einmal wiederholen – der langen, langen, langen Busfahrten, der Einsamkeit, dem Verhaeltnis Andi und die vietnamesische Landschaft am Ende der Welt. Acht Stunden, und das ist lediglich meine drittlaengste Busfahrt, in Tour-de-France-Sprache ein Berg der zweiten Kategorie, also einer, bei dem Lance Armstrong nicht einmal schwitzt. Zu meiner Ueberraschung steht einer der beiden Sinhcafe-Busse, die heute Nha Trang ansteuern, schon vor dem Buero; naemlich der groessere. Es ist noch genau ein Platz frei. “Big man in big bus”, sagt der Fahrer und meint wohl mich. Er lotst mich auf den letzten freien Platz inmitten einer vietnamesischen Familie und neben einem schaetzungsweise achtjaehrigen Kind. Super. Die Eltern schauen sichtlich skeptisch und alle 30 Sekunden rueber, aber ihren Missmut vermag ich ihnen nicht zu nehmen. Wie auch?