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Tag für Tag stehen Zeilen in der WAZ,
die aus meiner Feder stammen – na ja, zumindest fast jeden Tag. Auf dieser
Seite kann ich Euch natürlich nicht alle Artikel präsentieren;
schließlich erscheinen pro Monat im Durchschnitt 4000 Zeilen von
mir, das macht über 240.000 Zeilen in den letzten Jahren!
Die überwiegenden Texte erschienen
im Sportteil, aber seit Mitte 1999 versuche ich mein Glück ab und
an auch in der Lokalredaktion. Auf dieser Seite seht Ihr nun meine Leckerbissen
aus den letzten Jahren Lokalredaktion. Seit dem 26. August 2005 existiert
übrigens die Jugendseite "Zoom", die einmal pro Woche erscheint. An
ihrer Entstehung und Entwicklung war ich beteiligt.
Viel Vergnügen!
Tabus brechen, Gags unter
der Gürtellinie - das ist sein Ding, das ist Tom Gerhardt. Mit seinem
vierten Solo-Programm Au Weia machte er am Samstag Station in der Stadthalle.
Gerhardt poltert, Gerhardt
prollt, Gerhardt pöbelt; ob als Türsteher Hansi, schwangere Carmen
oder Heizungsmonteur. Das ist die Masche des studierten Germanisten (das
ist er wirklich), und die Zuschauer kommen in Scharen. Wohlgemerkt sind
das überwiegend Fans, die ansonsten wohl kaum in den gemütlichen
Theatersesseln der Stadthalle Platz nehmen. Gerhardts Anhänger lieben
nun einmal deftige Späße. Schließlich erreichte der 42-Jährige
mit seinen Kino-Hits „Voll normal“ und „Ballermann 6“ Millionen.
Seine Solo-Auftritte? Die
werden schwächer.
Gerhardt erfreut seine Zuschauer
zwar mit den Erfolgsfiguren Hausmeister Krause und Pudelmützen-Tommie,
doch die Ideen gehen aus, sind nicht neu. Mit Kabarett hat das wenig zu
tun, lediglich als Jesus 2000, mit einem Kreuz auf dem Rücken; ein
interessanter Einfall. Jesus als Proll, der sich Sprüche anhören
muss wie „Hau ab, du Hänger“ und den Spitznamen Latten-Jupp trägt
- typisch Gerhardt.
Über zwei Stunden verpasste
er dem Publikum mit zwölf Nummern die verbale Faust, zwischendurch
sorgten drei Tänzerinnen – das Ballermann-6-Image muss eingehalten
werden - und ein Trommler für Stimmung. Ob das Programm schwächer
war oder nicht, dem richtigen Gerhardt-Fan ist das egal. Er lacht sowieso,
und wenn es nur die wirklich abgefahrenen Kostüme sind oder Gisela
und Ingo. Dieses Pärchen saß in der ersten Reihe...
Seine letzten Worte als
Pudelmützen-Tommie waren „Voll die Seuche“. In der letzten Zugabe
trat er mit Teletubbie-Kopf auf. „Au weia!“
aer
Mit Gags und Gangs durch
die Nacht
Mülheimer Silvester-Streifzug
Am Morgen danach erinnern
nur noch zerfledderte rote Knaller-Überreste und zertretene Glasscherben
an die durchzechte Nacht. Auch Mülheim schaffte den Sprung ins Jahr
2000.
Die irische Gruppe U 2 hat
mal gesungen: „All is quiet on New Years Day.“ Alles ruhig am Neujahrstag.
So ist es. Familien spazieren durch die MüGa, erzählen vielleicht
vom Vorabend. Vielleicht auch nicht.
Was ist das nur ruhig gewesen
um halb neun am Silvesterabend. Noch dreieinhalb Stunden bis Ultimo, bis
zum Super-GAU, dem Computer-Crash, gar dem Weltuntergang, wie unverbesserliche
Humoristen behauptet hatten. Und die Mülheimer feiern. Über die
Straßen streunen einige jugendliche Gangs und verschießen herumalbernd
erste Böller. Einige Lauschangriffe bei Privatpartys ergeben interessierte
News: Bei Hinz läuft das Fernsehen. Die ZDF-Gala aus Berlin. Modern
Talking singt grad vom Sexy Sexy Lover. Nebenan bei Kunz besäuft sich
die Jugend. Die CD von Nirvana läuft. Was für ein Stilbruch.
Die kleinen Partys sind
es, die Mülheim ausmachen. Auf den Straßen ist eigentlich gar
nichts los. Schon eher bei den geplanten Feten. 21 Uhr, Wasserbahnhof.
Eine romantische Stimmung. Die orangefarbenen Laternenlampen erhellen die
Stadt, ein leichter Wind umweht sanft die Ohren, die Wellen der Ruhr schlagen
ans Ufer. Noch drei Stunden. 120 Gäste im Franky's sind grad noch
bei der Vorspeise. Irgendwas mit Hummer und Lachs. Alle haben 350 Mark
für eine Karte bezahlt und werden dafür nach allen Regeln der
Kunst verwöhnt. Essen, Büffet, leckere Cocktails wie zum Beispiel
eine famose Virgin Pina Colada die nicht-alkoholische Version und
ein Rahmenprogramm wird hier geboten. Okay, der Zauberer kommt erst um
1 Uhr nachts. Nicht schlimm, dafür singt jetzt bereits Stargast Christian
Franke, das Stimmenwunder.
Ringlokschuppen, eine knappe
Stunde später.
Kirschgartenfest das
ist eine völlig andere Devise. „Es geht nicht um Silvester, sondern
darum, dass wir ein Fest zusammen feiern“, verrät Schuppen-Chef Holger
Bergmann. Für 99 Mark haben sich 200 Besucher sommerlich gekleidet
und es sich auf grünem Teppich gemütlich gemacht. Der soll Rasen
symbolisieren. In der Mitte ein Kirschbaum. Stühle? Nur am Rand! Gegessen
wird ganz picknick-like. Im Tanzpavillon läuft leise Musik. Besinnlich
gehts hier zu. Im Laufe des Abends verdunkeln sich die Lichter, bis nur
noch Sterne sichtbar werden. Bei jeder Gartenparty wird's dunkel. Einleuchtend.
Doch das bekommen wir nicht mehr mit.
Kristina Bach singt nämlich
in der Stadthalle Bei der Silvester-Gala des MCC Rot-Weiß. Im Foyer
und im Galasaal sind 600 Menschen versammelt; sie schunkeln, lachen und
essen. 19 000 Pfennige haben sie auf den Tisch gelegt. MCC-Boss Herbert
Rudolph stehen die Schweißperlen auf der Stirn, aber er ist zufrieden.
Schließlich hat er diese Silvester-Gala drei Jahre geplant.
Was sind das nur für
arme Schweine, die jetzt arbeiten müssen. Noch 22 Minuten bis zum
großen Gong, Modern Talking sind inzwischen bei SAT 1 gelandet und
haben noch immer den Sexy Lover drauf. In der DRK-Notrufmeldestelle an
der Löhstraße sitzen Holger Kleinbrahm und Clifford Vogt geschniegelt
und gebürstet, mit Anzug und Krawatte: „Man muss doch wenigstens ein
bisschen was draus machen.“ Sagen's und schlürfen Kaffee und Wasser.
Knall bumm peng
zisch. Es ist 0 Uhr, Guck-Ort Schlossbrücke. Bestimmt 100 Leute stehen
hier. Die Mülheimer sind ausdauernd.
Eine halbe Stunde ist der
Himmel blau, rot, gelb. Vom Weltuntergang keine Spur. Auf einer Parkbank
liegt eine Alkoholleiche. Auch das gab es in d e r Silvester-Nacht.
Andreas Ernst
Allo chefe? Gibbe neues
Ali-Programm. Isse damit aufgetreten in Stadthalle. Alles paletti?
Vier Worte als Visitenkarte,
perfekt zur Identifikation dieses Kabarettisten. Im Hirn des Düsseldorfers
Helmut F. Albrecht entstand die Figur Ali Übülüd, der mediterrane
Gastarbeiter, der das Chaos liebt.
600 Mal stand Albrecht mit
dem ersten Programm Radio Paletti auf der Bühne. Und nun Top-Job-Profis.
Wenig Neues aus Albrechts Feder, wieder zieht er Geschichtchen aus dem
Alltagsleben. Ali hat sein eigenes Zeitarbeits-Büro gegründet,
vermittelt Jobs an sich selbst oder andere. Dabei entstehen kleine und
große Abenteuer. Kein Vorurteil wird nicht durch Alis Brille gesehen
und dabei mit dem heillosen Durcheinander der Erlebnisse zu einem interessanten
und amüsanten Cocktail vermengt.
Ali baut für Noah getreu
dem Motto „Nach mir den Flutsint“ die Arche, verteidigt sich vor dem Sicherheitsausschuss
des Kernkraftwerks Biblis, in dem er Riesenkraken gezüchtet hat, und
beim Staatsbürgerschaft-Aufnahmetest hält er Ludendorff für
ein Rotlichtviertel. Die Gags funkeln leicht, aber so ganz zünden
sie nur bei den echten, den wahren Ali-Fans. Die Themen gehen in der Gesellschaft
halt nicht aus, und sicher lässt sich nach dem Ali-Strickmuster problemlos
noch ein drittes Programm schreiben.
Doch die starken Passagen
des Top-Job-Profi-Programms waren die, in denen Albrecht nicht Ali war,
sondern etwa der 82-jährige Rentner Günter, der eine revolutionäre
Zelle gründet, Swinger-Partys veranstaltet und die Probleme des Alterns
analysiert. Kein verschenkter, aber auch kein überschwänglicher
Kabarett-Abend war das in der Stadthalle. Helmut F. Albrecht hat dafür
ein gutes Ali-bi.
Andreas Ernst
Sie heißen Marie-Luise,
Angelika, Conny, Annemie, Renate, Brigitte, Doris; sehen in ihren Verkleidungen
ein wenig so aus wie der Club der Teufelinnen. Doch stopp, die Rede ist
von der Müttergarde.
Ein etwas anderer Termin:
Treffpunkt Parkplatz Ruhr-Sporthalle, Rosenmontag kurz vor 14 Uhr, bei
den Karnevalswagen der MüKaGe. An der Kaiserstraße formieren
sich die Wagen, am Horizont sind Hunderte von Narren zu sehen. Die haben
Lust auf Party, Bonbons, Bier und Sekt.
Und die reiferen Damen der
Müttergarde? Sie wollen strampeln! Welch eine Überraschung. Im
22-sten Jahr ihres Bestehens nehmen sie zum zweiten Mal mit einem eigenen
Vehikel teil, einem Fahrrad für zehn Personen. Sportlich, sportlich.
An alles ist gedacht: Geworfen werden Bälle, Mini-Frisbees, Lakritze,
Weingummi und selbst gebackene Krapfen. Der Wagen ist ausstaffiert mit
liebevoll aus Krepppapier gedrehten Rosen, fertig gestellt am wöchentlichen
Hausfrauen-Nachmittag. Los geht's aber in die Pedale treten die Frauen
doch nicht. Das Zehner-Radl besitzt vornedran einen Motor, welch eine Schummelei
... Da können sich die Mädels aufs Schmeißen, Kaffee trinken
und Singen konzentrieren. Getreu dem Motto „Und dann die Hände zum
Himmel“.
Viertel nach zwei: Auf dem
Präsidentenwagen der MüKaGe stehen Wolfgang Tremer, Hans Achterfeld
und Manuela Holterhoff. Brumm, brumm, brumm, drei kräftige Ruckler
kündigen den Start an. In Fünfer-Reihen drängeln sich die
Massen an der Kaiserstraße, in der Kurve zur Leineweber sind die
Reihen nicht mehr zu zählen. Helau!, Werft doch mal hierhin. Viele
Süßigkeiten haben die drei nicht zur Verfügung. Rosenmontag
mit Taktik: „Wieviel darf ich wo werfen, damit es bis zum Ende reicht?“
Doch Schluss mit den Gedanken. Upps, grad ist eine Mini-Frisbee am Kopf
eines gierigen Erwachsenen gelandet. Sorry!
14.45 Uhr Zeit für
Melancholie. Ein leichter Wind säuselt, der Rathausturm wirkt wie
eine Boje im Trubel, links und rechts Menschenmassen, selbst die Wolken
scheinen sich zu Bonbons zu formen. Das muss doch für Wolfgang und
Hans immer ein besonderer Moment sein. Wolfgang winkt ab, er ist seit Jahrzehnten
dabei: „Alles Routine. Ich fiebere nicht mehr darauf hin. Spaß macht's
trotzdem.“
„Heee-lau!“ Das ruft Manuela
nebenan lauter als sonst. Sie hat ihre Oma erspäht. Die Karawane
zieht weiter, vor dem Handelshof stehen viele Jugendliche; die schmeißen
gern mit Schmackes zurück. Ab in Deckung! Es geht zurück zur
Leineweber, schließlich um 16.15 Uhr in die letzte Kurve vor dem
Parkplatz. Wie geht's der Müttergarde? Vor dem Rathaus gab's keine
Bonbons mehr, da musste nachgeladen werden. Es war nicht so aggressiv wie
in den Vorjahren, strahlt Angelika. Den Rosenmontag werden die Muttis gemeinsam
in einem Restaurant ausklingen lassen. Und diesen Tag bestimmt nicht vergessen.
„O-la-la willst Du eine Pizza?“ Mitschunkeln zwingend erforderlich.
Das war's. Der Zug ist vorbei.
Die Straßen leeren sich. Die Schallwellen des letzten Helau bahnen
sich den Weg durch die Gassen.
Bis zum nächsten Jahr!
Andreas Ernst
Er singt von blinden Passagieren,
Labyrinthen und leeren Manegen; sie beschäftigen sich mit Jura, Wirtschaftswissenschaften
und Medizin. Er, das ist Olaf Henning; sie sind Mülheimer Studenten,
die den Olaf-Fanklub blinderherzclown gründeten.
Studenten und die simpel
gestrickte Musik des Sonnenstudio-braunen Schlagerstars; passt das zusammen?
Ja, das geht, meinen Marc Horstmannshoff (22), Björn Steffen (22),
Jens Steffen (25) und Björn Bremeyer (23), vier von zehn Gründungsmitgliedern
des Olaf-Fanklubs. Sie verfolgen ihren Star zu Stadtteilfesten, Autogrammstunden,
Jubiläumspartys von großen Kaufhäusern und in viele Ruhrgebiets-Discos.
Sie hören immer dasselbe
Programm, aber echten Fans wird nicht langweilig. Björn und Jens flogen
im Sommer sogar nach Mallorca, ins „riu Palace“. Zweimal pro Woche tritt
Olaf in der Hochsaison dort auf. Mülheim grüßt Olaf
den Erkennungssprechchor des Fanklubs einmal auf Malle singen. Das ist
fast schon ein Lebensziel, ruft Marc. Zwei Textzeilen begeisterten anfangs:
„Du bist nicht mehr Herz-Dame, Du bist höchstens noch Pik-Sieben.“
Super Partymusik, meinten die Studis, erwarben Tickets für einen Henning-Auftritt.
Als Gag bemalten sie T-Shirts, erfanden den Namen „blinderherzclown“, eine
Collage dreier Olaf-Hits. Aus einer spontanen Laune erwuchs ein ernst gemeinter
Fanklub. „Eigentlich sollten wir in die Fanklub-Zentrale in Witten eingegliedert
werden. Aber von Olaf bekamen wir eine Sondergenehmigung“, blickt Björn
zurück. Na klar, Olaf Henning ist ja auch gebürtiger Mülheimer.
Mittlerweile stehen in der
Klub-Liste 33 Namen, auch von Nicht-Studenten. Die T-Shirts sind professionell
gedruckt und jeder Olaf-Abend wird zelebriert. „Wir treffen uns vorher,
trinken ein paar Bierchen, trällern auf dem Hinweg ein paar Olaf-Lieder.
Vor dem Auftritt quatschen wir ab und zu noch mit ihm“, erzählt Jens.
Die Niveau-Frage stellen sich die Jungs und Mädels nicht. „Wir haben
Spaß. Er hat Spaß.“
Auch gestern im Ringlokschuppen.
Da stand der komplette „blindeherzclown“ und rief „Mülheim grüßt
Olaf.“ Der antwortete, und der Jubel war groß. Wie immer.
Noch fünf Schritte
bis zum kollektiven Freudentaumel. Der Ball liegt auf dem Elfmeterpunkt,
die Hände von Zehntausenden türkischer Fußball-Fans auf
dem Globus zittern. Popescu läuft an ... und verwandelt - Galatasaray
Istanbul hat den UEFA-Cup gewonnen.
Im Ruhrstadion sind die
Holzbänke für 300 Zuschauer kein Hindernis die Fans hüpfen
von oben nach unten, tanzen, küssen sich. Eine Werbeagentur hatte
die Party organisiert und dafür in vielen Nachbarstädten geworben.
Boris Walitza, Geschäftsführer des in Styrum heimischen Fußballklubs
Vatan Spor, fühlt sich pudelwohl: Ein sehr stimmungsvolles Fest. Es
macht sehr viel Spaß. Der komplette Vatan-Vorstand ist ebenso anwesend
wie sechs Spieler des Landesligisten. In den Halbzeitpausen dudelt
türkische Musik durch die Lautsprecher. Die Tribüne dient als
Mega-Tanzfläche. Selbst Tarkan hätte nicht für bessere Stimmung
gesorgt. Nach dem goldenen Schuss im Elfmeterschießen geht es von
den Sitzbänken auf den Rasen Jubelschreie en masse.
23 Uhr, die Nacht ist noch
jung. Die Eppinghofer Straße wird abgesperrt. Hupende Autos fahren
vorbei, die Innenstadt ist in ein rot-gelbes Farbenmeer getränkt.
Galatasaray-Fahnen und Türkei-Flaggen hängen aus den Wohnungen
und Autos. Minutenlang wird der Kreisverkehr blockiert. Es war eine große
Party. „Wir konnten vor unserem Lokal kaum gehen“, berichtet ein Wirt des
Restaurants „Zum Bürgermeister“.
Erst ab Mitternacht schallen
keine Hupentöne mehr durch die Straßen. Lediglich die Fahnen
lassen erahnen, was passiert ist. Im Sommer findet die Europameisterschaft
statt. Auch die Türkei ist dabei. Die türkischen Fans planen
die nächsten Partys.
aer
Leise betritt der Spätankömmling
den Raum. Der Zigarettengeruch vermengt sich mit dem Duft des türkischen
Tees zu einem orientalischen Mix. Im EM-Viertelfinale Portugal gegen Türkei
sind 44 Minuten gespielt.
„Wie steht's?“ Pssssst....
1:0 für Portugal. Gerade ist das Tor gefallen. Die Vereinsfamilie
des türkischen Klubs Vatan Spor sieht sich das Spiel gemeinsam an,
im Cafe von Vereinsmitglied Münir. Hier ist nicht mehr Mülheim;
hier ist Istanbul. Live-Atmosphäre. Nur die deutsche Reporter-Stimme
von Reinhold Beckmann stört. „Den türkischen Sender empfangen
wir hier nicht“, weiß Boris. Wimpel hängen an der Wand und Fotos.
Ansonsten werden hier Karten gekloppt, jetzt langweilen sich Herz-Dame
und Pik-Bube. König Fußball regiert. Spieler, Fans, Vorstandsmitglieder
von Vatan starren auf den Bildschirm; schweigend, wie es sonst so gar nicht
türkische Fan-Art ist. Die Mienen sind so betreten wie das Wetter,
also verdammt trübe. Turan kommt von rechts: „Stell Dir vor: Alpay
hat 'Rot' gesehen. Jetzt haben wir Unterzahl.“ Das Leben ist kurzweilig,
erst recht der Fußball. Arif dringt in den Strafraum ein, 80 Personen
springen auf, Teetassen fallen um, ein portugiesischer Abwehrspieler holt
die unfaire Bremse raus: Elfmeter. Ein Jubelschrei durchzieht die Sandstraße,
aus dem gegenüber liegenden Cafe Marama stürmen die Fans auf
die Straße. Münir ordert eine Lokalrunde. „TÜR KI
YE! TÜR KI YE!“ Arif schießt selbst. Vier Schritte bis
zum Ausgleich. Wir holen den Titel, durchschallt es den Raum. Arif läuft
an... kurze Trippelschritte... vergurkt... gibt's doch gar nicht. „Unser
Trainer ist bekloppt. Arif hat vorher noch nie einen Elfmeter geschossen.“
Jetzt wird's schwer. Der
Schiedsrichter pfeift ab. Fünf Handys brummen und fiepen. Halbzeit-Analyse
mit der türkischen Heimat. 0:1.
1:0. Drei Straßen
weiter, in der Georgstraße, liegt das portugiesische Kulturzentrum.
Ein Folklore-Straßenfest hat hier stattgefunden. Es riecht nach Sardinen
und Stockfischbällchen. Ein Fest ohne Teilnehmer? Nein, alle sind
drinnen. Dort liegt die Spannung. Hier schweigt niemand. Wer schweigt verliert.
Ein Flair à la Lissabon. Von Istanbul über Mülheim nach
Lissabon. Wahnsinn. Joao hat sich in seine grün-rote portugiesische
Fahne vergraben. Muss dem warm sein. Toni ruft ganz laut im Dreier-Takt:
POR TU GAL. Die Menge stimmt ein.
Die Bude ist rappelvoll.
Maximal 60 passen rein. 120 sind drin. Die Hitze ist eigentlich unaushaltbar.
Eigentlich... Jeder portugiesische Spieler wird gefeiert, als würde
der EM-Pokal schon in Südwest-Europa stehen.
Das Leder fliegt in den
Strafraum, Nuno Gomes versenkt zum 2:0.
Eine Jubelorgie ist nichts
dagegen, eine deutsche Fußball-Kneipen-EM-Party ein Langweiler. Die
Südländer brauchen nicht mal Alkohol. Fünf Fans stürmen
nach draußen, springen in ihr Auto und hupen. Türkische Fans
werden im TV gezeigt. OOhhhh..... Ein portugiesischer Fan ruft ganz laut:
„Türkiye!“ Die Menge lacht. Keine Spur von Mitleid.
Noch 25 Minuten sind zu
spielen. Die portugiesische Mannschaft ist klar besser, vergibt eine Großchance
nach der nächsten. Die Hände sind pausenlos am Himmel. Es bedarf
dazu nicht der Hilfe eines Karnevals-Schlagers.
„FIGO!“ „BAIA!“ „SA PINTO!“
Portugal hat neue Nationalhelden. Die Mülheimer Fans jubeln. Vier
Minuten noch, alle zählen mit, drei, zwei, eine... AUS!
Draußen gießt
es in Strömen. Egal. Eine Erkältung riskieren nur wegen eines
Fußball-Siegs? Aber klar doch, kein Problem. Jetzt werden die Hupkonzerte
erst richtig laut. In der Heimat ist es jetzt bestimmt viel wärmer.
Ein Blick zu Münir.
Sein Cafe hat sich geleert, das Fernsehgerät ist ausgeschaltet.
Die vorbeifahrenden portugiesischen Wagen werden ignoriert. Herz ist Trumpf.
Andreas Ernst
Sie ist bunt, glitzernd,
dauernd partybereit und friedlich, diese Schlagerwelt. Am Freitag nahmen
900 Fans in der Ruhr-Sporthalle ein Bad in der vermeintlichen Idylle. Olaf
Henning kam, sang und gewann das Spiel.
Er sei der Shooting-Star
am deutschen Schlager-Himmel, sagt ZDF-Grinse- und Schlager-Fachmann Uwe
Hübner gern. 20 Jahre hat Olaf Henning am Zehntweg gewohnt. Dass er
seinen Wohnsitz nun nicht mehr in Mülheim hat, verschweigt er besser.
Er hat ein Heimspiel. 20.45 Uhr im Nikolaus-Kostüm betritt er
die Bühne, trällert seine Hits. Blinder Passagier, Die Manege
ist leer. Ein Dankeschön-Konzert soll es sein. Schließlich hat
Olaf die Oktober-Hitparade gewonnen. Der Erlös geht an ein Kinderheim.
Welches? „Oh, da hab' ich spontan keine Ahnung“, gibt der Manager zu. Die
Werbung scheint die Hauptsache zu sein.Übrigens ließ sich der
Mülheimer Fanclub „Blinderherzclown“ breitschlagen, den Security-Dienst
zu übernehmen. Bunte Schlagerwelt. . .
Olaf Henning gibt den Leuten
das, wonach sie gieren: einen wummernden Bass, der am nächsten Tag
noch im Schädel dröhnt, eingängige Melodien, die eigentlich
immer ähnlich klingen, sowie Texte, die ausnahmslos von Herzschmerz
handeln und meistens jede Art von Tiefsinn vermeiden. Sein neuester Hit
heißt „Dicke Eier, Weihnachtsfeier“. Zeilen in anderen Songs lauten
„Komm', hol' das Lasso raus, wir spielen Cowboy und Indianer“ oder wie
in seinem ersten Hit „Du bist nicht mehr Herzdame, Du bist höchstens
noch Pik Sieben.“
Seine Fans stehen auf sowas.
Sie reisten gar aus Brandenburg an. Dass Olaf Henning alle Titel offensichtlich
begleitet vom Halb-Playback singt ungewöhnlich für ein
Live-Konzert finden sie nicht weiter schlimm. „Der Olaf, der kann
total geil Party machen.“
Die Fanschar wird offenbar
größer. Vor vier Wochen erst begann die Werbung für das
Konzert, in kürzester Zeit war die Halle ausverkauft. Viele junge
Mädchen kreischen. Für den Mann, der in jedem zweiten Lied auffordert:
„Und jetzt alle die Hände nach oben.“ Für den Mann, der 327 Mal
in diesem Jahr auftrat und seinen Anhängern überall sagte: Ihr
seid die Besten. Mit „Das Spiel ist aus (Game Over)“ wurde er am Samstag
übrigens Dritter der ZDF-Jahres-Hitparade. Die Fans nennen ihn dafür
Schlager-Gott.
Allerdings nur in den ersten
drei Stunden des Auftritts: Weit nach Mitternacht ist es, da sind von den
900 Besuchern nur noch 200 da, einige haben viel getrunken. Der Manager
betritt die Bühne. Wollt Ihr noch mehr Olaf Henning? Nein danke, es
reicht.
Das Spiel, äh, Konzert
ist aus. Game Over.
Andreas Ernst
Sein Bauch wird runder,
der Vollbart ist immer noch dran. Kabarettist Volker Pispers präsentierte
im Rhein-Ruhr-Zentrum sein Programm „Damit müssen Sie rechnen“.
Vorreden braucht er keine.
Er platziert sich neben einem Stehtisch und plaudert. Zweieinhalb Stunden
lang legt Pispers das Stethoskop auf Politik und Gesellschaft und diagnostiziert
ohne Einfühlungsvermögen für den Patienten. Er wirkt, in
dem, was er sagt, wie ein Anhänger der Grünen – allerdings desillusioniert,
seitdem diese Partei an der Regierung beteiligt ist. Er schont niemanden.
Nicht die Opposition, aber schon gar nicht die rot-grüne Koalition.
Auch nicht Gerhard Schröder, Lehrer, Ärzte oder die Deutschen
allgemein („Deutsch - das ist ein genetischer Defekt“).
Die Sprüche des Trägers
des Deutschen Kleinkunst-Preises sind zynisch, oft makaber. Er präsentiert
den Zuhörern Zahlenspiele („Jeder Bürger gibt im Monat 14 Pfennig
für die Abgeordneten aus. Und was nichts kostet, ist nichts“), springt
schnell von Thema zu Thema; Volker Pispers macht es den 600 Kabarett-Interessierten
im Cinemaxx nicht leicht.
Aber dank seiner brillanten
Mimik und Gestik wird es nicht langweilig. In den zwei Teilen des Programms
streift er alle wichtigen politischen Themen, wie die BSE-Krise („die dümmsten
Bauern hatten den dicksten Landwirtschaftsminister“). Auch die CDU-Spendenaffäre
und die Diskussionen um eine Leitkultur und um einen Rechtsruck in der
Republik geraten in den Blickfang des verbalen Wadenbeißers.
Als Pispers das Thema NATO-Einsatz
im Kosovo anspricht („Rudolf Scharping - vom Waschlappen zum Staatsmann.
Das ist nur im Krieg möglich.“), lachen allerdings nicht alle im Saal.
Es wird ruhiger. Volker Pispers begeistert nicht jeden.
Von Andreas Ernst
Von diesen Hupkonzerten
werden sie noch ein Weilchen träumen! Türkische Fußball-Fans
verwandelten Mülheim am Samstag in einen rot-weißen Ozean der
Glückseligkeit und machten den Tag zur Nacht. Die Türkei steht
im Halbfinale der Fußball-Weltmeisterschaft - Türkiye yari final!
Zum Beispiel die Ulu-Moschee
an der Feldstraße. 150, vielleicht auch 200 Fans haben sich versammelt,
lassen die rote Fahne mit dem weißen Stern und dem weißen Halbmond
wehen. Der Grillgeruch steigt in die Nase, doch das Fleisch verbrennt fast.
Na klar, auch
der Grillmeister will gucken.
Gebannt starren 300, vielleicht auch 400 Augen auf den Fernseher. Es läuft
nicht wie geplant. Laut feuern die Fans ihre Spieler an, wie Yildiray Bastürk,
der in Leverkusen spielt. "Yürü - yürü - yürü"
(lauf, lauf, lauf) rufen sie ihm aus mehreren Tausend Kilometern Entfernung
zu, um nach einem dummen Ballverlust mit trapattonihaften Gesten aufzuspringen.
"Hayretya!" Das darf doch nicht wahr sein! So ein Mist!
Der Vorsitzende (auf türkisch:
Baskan) der Ulu-Moschee, Musa Yeter, schlendert durch die Reihen, versorgt
die durstigen Kehlen mit Tee und Kaltgetränken. "So viele Chancen",
murmelt er. "Das gibt's doch nicht", ergänzt Enver Sen, Vorsitzender
des Ausländerbeirats. Der Ärger richtet sich auf Hakan Sükür,
Stürmer außer Dienst. "Der ist so schwach wie Bierhoff", mosert
Ergin Yeter. Was für eine Beleidigung ...
Es fällt und fällt
kein Tor. Torwart Rüstü ist der Star. Jede noch so leicht abgefangene
Flanke wird mit Beifallstornados belohnt. Torhüter als Helden - schau
nach bei Olli Kahn.
Verlängerung. Schweißgeruch.
Dann eine Flanke von Ümit, ein Schuss von Ilhan - TOOOOR! "TÜR-KI-YE!
TÜR-KI-YE!" 1:0 gewonnen! Ein Rockkonzert ist nichts gegen dieses
wilde Rumgehüpfe. Auch neutrale Beobachter werden in den Jubelsturm
einbezogen, umarmt, geherzt. Die Party kann beginnen: Den fertigen Döner
in die Hand (er schmeckt wirklich!) nehmen, raus auf die Straße,
rein in die Autos. Jubeln bis zur Heiserkeit.
Was-kostet-die-Welt-Stimmung!
Die linke Hand auf die Hupe, in der rechten eine Fahne. Türkiye yari
final!
Ein weißer Stuhl
steht auf der Bühne, drei Gitarren liegen davor. Ein Mann im Nadelstreifenanzug
setzt sich, begrüßt 40 Zuhörer. Tom Liwa spielt im Ringlokschuppen.
Solo und unplugged.
Ein Liedermacher, der beweist,
dass Rock nicht oberflächlich sein muss. Ein grummelnder Romantiker,
der laut Eigenaussage Romantiker hasst. Einer, der in seinen Träumen
von Jürgen Möllemann gefoltert wird. Das ist Tom Liwa. Seine
Texte können Nadelstiche sein, zu Diskussionen zwingen. Sie laden
den Hörer aber auch ein, die Augen zu schließen, nichts zu sagen
und sich wie im siebten Himmel zu fühlen. Einst spielte der Duisburger
für die "Flowerpornoes", nun ist er 42 und seit einigen Jahren solo
unterwegs. In Deutschlands Künstlerszene wird er geschätzt. Sein
Publikum duzt er, und unterhält es in den Pausen zwischen den Songs
mit leisen Geschichten aus seinem Leben.
Der Abend beginnt politisch,
mit "Kylie und Jochen". Politik und Religion ("Frag nie wieder") sind die
Themen - und natürlich Liebe. Das Stück "Faultier" schrieb er
für seine Frau. Er erzählt das ("Faultiere sind sehr intelligent")
- und seine Fans schmunzeln. 22 Stücke spielt Tom Liwa, die melancholischen
Töne dominieren. Zum Beispiel in Höhepunkten wie "Für die
linke Spur zu langsam", "Eskimo" oder "Julianastraat". Dort heißt
es: "Diese Welt ist ein trauriger Platz, an dem man immer wieder vergisst,
wie traurig man ist." Da wippt das Publikum einen Tick heftiger mit und
klatscht ein kleines bisschen lauter.
Jeder Akkord ist ein Genuss,
die einschmeichelnde Stimme ein Erlebnis. "Ich sitz gleich da vorn und
rauch", deutet er nach Lied Nummer 22 auf die Treppe und verabschiedet
sich. Die Fans schlendern vorbei, und danken ihm mit viel Applaus für
zwei schöne Stunden.
Der Mann ist Schauspieler,
war Berliner Tatort-Kommissar, bekam Preise für "RTL Samstag Nacht".
Nun versucht sich Stefan Jürgens als Musiker und Kabarettist. Zur
Eröffnung der Reihe "Kabarett im Zett" präsentierte er das Programm
"Langstreckenlauf".
Auf der Bühne steht
ein Klavier und ein Hocker. Jürgens kommt, begrüßt im Cinemaxx
die Zuschauer und spielt.
Jürgens solo? Wie soll
das gehen? Standby-Comedy ist seine Sache nicht. Er sucht eine Nische in
der Kabarett-Welt - und meint, sie in einer Mischung aus melancholischen
Klavier-Songs und witzigen Texten aus der Alltagswelt zumeist im üblichen
Mann-Frau-Familien-Schema zu finden.
Das alles ist nicht nur
aneinandergereiht, sondern soll Sinn machen. Welchen? Romantische Begriffe
spielen die Hauptrolle, wie "Stille". In den Liedern wie "Boot aus Schlaf"
sowieso, mit eindringlichen Natur-Bildern. In den Texten geht es rasant
zu - so wird er von seiner Familie einmal durch Karstadt gejagt. Auch dabei
bleibt er der einsame Rufer, der der permanenten Kurzatmigkeit entflieht,
das Tempo drosselt. Er singt "Leise und ruhig dreht der Wind". Sagt "Zeit
ist nicht nur Einteilung des Tages, sondern auch Stille, die Fülle
der Erinnerungen".
Jürgens trägt
sein drittes Soloprogramm vor, das aber nur wie ein weiterer 90-minütiger
Gehversuch in der Solo-Welt wirkt. Die Witze sind mal gut und mal schlecht.
Sein Beitrag zum Thema Ikea lautet: "Lebst Du schon oder schraubst Du noch?"
Naja. Richtig witzig ist es nicht, aber auch nicht richtig melancholisch.
Sich auf das Programm einzulassen und die Schnittmenge zwischen Liedern
und Texten herauszuarbeiten, ist schwer.
In der Zugabe versucht Jürgens,
das Programm nach einem angespielten Klavierstück ironisch zu brechen,
indem er "Mein Gott, klingt das alles melancholisch" sagt. Indes: es gelingt
nicht. Ein netter Versuch, nicht mehr. Jürgens erhält Applaus
- aber keine Ovationen. Beides zu Recht.
Sein Markenzeichen ist ein
rotes Cordhemd, die Frisur erinnert an Manfred Krug. Horst Evers präsentierte
zum Abschluss der Reihe "Lach.haft" in der Sparkasse sein Programm "Horst
Evers erklärt die Welt".
Es kommt nicht oft vor,
dass ein Humorist zu Beginn erst einmal sein Programm erklärt, und
nicht die Welt. "Ich weiß nicht, ob Sie wissen, was auf Sie zukommt",
begrüßt er die 70 Zuhörer. Und was kommt? Zwei einstündige
Teile, in denen er im Stehen insgesamt 15 Texte vom Blatt abliest. "Vorleseshow"
nennt er diese etwas andere Kabarettform, die unter anderem mit dem "Salzburger
Stier" und der "Tuttlinger Krähe" ausgezeichnet wurde.
Die Geschichten heißen
zum Beispiel "Zwei Plätze für Scholz", "Ich war der Appendix"
oder "In Würde altern". Politisch sind die nicht. Sie behandeln Alltagsthemen.
Die fasst der sehr schöne Text "Das große Spiel" zusammen, der
in Evers Gehirn spielt. Vor 2,5 Millarden Gehirnzellen treffen die Teams
"1. FC Horst jetzt reiß dich aber mal zusammen" und "VfL boarh bin
ich kaputt" aufeinander. Das "Golden Goal" schießt der Stürmer
"He lass mal n' Bier trinken gehen". 1:0 für den VfL.
Wenn Horst Evers in der
Pause mit den Zuhörern am Tresen gestanden hätte, es wäre
nicht aufgefallen. Er verbreitet den "Er ist einer von uns"-Charme, ohne
dabei prollig zu wirken. Wer ihn anschaut und anhört, kann sich sofort
vorstellen, wie er in Berlin in seiner Wohnung sitzt und sein Alltagsleben
in Worte fasst.
Seine Texte haben einen
trockenen Humor. Sich in Horst Evers kleiner Welt zurechtzufinden - der
Programmtitel ist Ironie - ist manchmal anstrengend, aber doch witzig.
Nach zwei Schmunzelstunden erhält er daher viel Applaus.
aer
Von Andreas Ernst
Treffpunkt Ratssaal.
Der Regierungschef aus Japan und der Wirtschaftsminister Arabiens sitzen
an einem Tisch und verhandeln. Ein geheimes Gipfeltreffen in Mülheim?
Nein! Bis morgen führt die Willy-Brandt-Schule in Zusammenarbeit mit
der Bundeswehr das Simulationsspiel "POL&IS" durch.
Jürgen Wolf, Jugendoffizier
der Bundeswehr, läutet eine Glocke. Es wird ruhig. "Wir sind hier
am East River in New York zusammengekommen, um den Ernteertrag des nächsten
Jahres zu erfahren." Elf Wirtschaftsminister gehen zum Pult, nehmen nacheinander
zwei Plüsch-Würfel in die Hand und schleudern sie auf den Boden.
Eine "7" für Asien. Ernte: durchschnittlich.
Klingt kompliziert - ist
es aber nicht. In den 70ern wurde das Planspiel zu Politik und internationaler
Sicherheit entwickelt. Die Welt besteht darin aus elf Regionen, der UNO,
der Presse, der Weltbank und NGOs wie zum Beispiel Greenpeace. Jedem Schüler
wird eine Aufgabe zugelost, zum Beispiel Regierungschef oder Oppositionsführer.
In Mülheim sind es 44 aus zwei Erdkunde-Grundkursen der Jahrgangsstufe
11 der Willy-Brandt-Schule.
Zu Beginn bekommen alle
eine Ausgangssituation mitgeteilt - und dann wird verhandelt. Gespräche
über geheime Geschäfte, Waffenlieferungen, Abrüstung, Kooperationen.
Am Ende eines jeden POL&IS-Jahres wird in verschiedenen Bereichen Bilanz
gezogen. "Wir schaffen in drei Tagen fünf bis sieben Jahre", erklärt
Benjamin Wittekind, ebenfalls Jugendoffizier. Sieger gibt es nicht. "Am
Ende wird analysiert", sagt Wittekind.
Beratend dabei sind die
begeisterten Lehrer Mathias Kocks und Thomas Bremkes. Der Lerneffekt ist
hoch: Die Schüler können ihr Wissen über Staaten und Organisationen
sowie die UNO komplettieren und anwenden. Und sie gewinnen rhetorische
Fähigkeiten, durch Vorträge vor dem Plenum oder in Gesprächen.
"Es treffen zig Interessen aufeinander", sagt Kocks - und begibt sich zum
Ozeanien-Tisch, um sich über die Entwicklungen "down under" zu informieren.
Neben der China-Flagge sitzt Mirko Schumacher. Er trägt einen Anzug.
Mit Krawatte. An seinem Revers pappt das Schild "Wirtschaftsminister".
"Wenn man die Welt rettet, muss man sich auch so anziehen", sagt er. Anfangs
war er skeptisch, genau wie Stefan Keienburg, der Kollege von der Presse.
"Ich muss alles dokumentieren", sagt er. Beide sind nun mit vollem Elan
dabei - acht Stunden am Tag.
Ab heute Abend wird im Ratssaal
"nur" über lokale Themen gestritten. Japan und Arabien treffen sich
woanders.
Von Andreas Ernst
An der Theke steht Michel
und bestellt ein Bier. Links daneben Björn, ebenfalls gut gelaunt.
Im Hintergrund läuft "Jump" von Van Halen, ziemlich laut. Ein normaler
Freitagabend im Ringlokschuppen. Und doch nicht. Auf dem Kalender steht
"24. Dezember".
Die Uhr zeigt 23.45 Uhr.
Eine weiße Weihnacht - das wäre schön gewesen. Es nieselt
ein bisschen, der Wind weht schwach bis mäßig. Die Massen strömen
Richtung MüGa, Richtung Schuppen. Ein Schock, die Schlange geht bis
draußen vor die Tür. Sie wird länger, jedes Jahr. Tobi,
24, geht "schon immer" hierhin. Heute kann er aber nur eine Stunde bleiben.
Morgen geht es in den Skiurlaub. "Vor drei Jahren", erinnert er sich, "da
war das lustig. Da haben wir morgens um sechs eine Schneeballschlacht gemacht."
Blick zum Himmel. Schneeflöckchen? Nicht in Sicht.
Eine halbe Stunde anstehen,
und rein ins Vergnügen. Der Weg von der Kasse bis zur Tanzfläche
beträgt geschätzte hundert Meter, eine Sache von Sekunden. Nicht
so bei der "Wilden Weihnacht". Hunderte von Leuten zwängen sich den
Gang entlang. Von 18 bis 30 ist jede Altersklasse vertreten, dabei sind
lässig gekleidete, auch ein paar mit Anzug. Und immer wieder der Satz
"Heeeeey, du auch hier?" Nadine, 26, Broicher Abiturientin von 1997 studiert
in Berlin. Der Heiligabend im Schuppen ist trotzdem gebucht. Ein Beispiel
von vielen.
Halb eins, die Theken sind
randvoll. Zweierreihen. Ein Bier hier, ein Bier dort. Viele Mülheimer
Sportler sind da. Hockeyspieler, Fußballer. Ein Uhr nachts, die Tanzfläche
ist erreicht, zahlreiche Unterhaltungen später. Ein Blick hoch zum
DJ-Pult. Seit fünf Jahren stehen dort die Brüder Christian und
Michael Knöpfel, diesmal gemeinsam mit Markus Kesch. "Auf eine Musikrichtung
festlegen können wir uns hier nicht", brüllt Michael. Er spielt
hintereinander "Eine neue Liebe ist wie ein neues Leben" von Jürgen
Marcus und REM's "Losing my religion". "Wie spät ist es?", fragt er.
Zwei Uhr. "Zeit, um mal wieder einen Zwischenspurt einzulegen. Wenn alle
mitsingen, das ist das Größte." Er schmeißt die Ärzte-CD
in den Player - "Zu spät".
Halb drei, eng ist es immer
noch. Das T-Shirt ist durchtränkt mit verschüttetem Bier. Auf
Cola beschränken sich nur wenige. Von Geschenken spricht niemand -
nur von Partyyyyy. Tanja, 26, nippt an ihrem Glas und philosophiert um
drei: "Eigentlich ist es doch so wie immer. Wie in jedem Jahr. Viele Leute
hier, ein bisschen was trinken." Sie besucht den Schuppen nur einmal im
Jahr. Heiligabend. So geht es vielen. Noch einmal ein Blick zu den DJs.
Sie bleiben bis sechs Uhr. Der 1. Weihnachtstag wird im Bett verbracht.
Aber so geht das den meisten. Draußen regnet es immer noch. Von Schnee
keine Spur.
Nachts in Mülheim.
Die Straßen sind verlassen. So mancher Weihnachtsbaum leuchtet durch
die Fenster, ruhig fließt
die Ruhr. Ein Rundgang durch das Zentrum. Vorbei geht es am "Starclub"
an der Kohlenstraße. Die "Old School"-Party liegt um vier in den
letzten Zügen. Noch immer ist die Tanzfläche voll. Vor dem "Ballermann"
an der Sandstraße steht die Polizei, es gab eine Schlägerei.
Genauso wie im Ringlokschuppen. Fest des Friedens, der Liebe?
Fünf Uhr morgens. Das
Bett ruft. Noch 364 Tage bis zum nächsten Heiligabend. Dann
geht es wieder um 23.45 Uhr auf die Straße, in Discos. Eine etwas
andere Weihnachts-Tradition.
Noch einmal hatten sich
alle versammelt - ein bisschen heiser, ein bisschen müde, aber immer
noch verdammt gut gelaunt. Karnevalsprinz Maik I. übergab den Rathausschlüssel
zurück an Oberbürgermeisterin Dagmar Mühlenfeld.
In den Rittersaal des Schlosses
Broich hat Mühlenfeld die Narren gebeten. Erstmals. "Hier ist es einfach
schöner", sagt Hauptausschuss-Vorsitzender Heiner Jansen bei seiner
Begrüßung. Das Ornat sitzt immer noch wie angegossen. "Es war
eine sehr schöne Session, mit einem tollen Zug."
Dagmar Mühlenfeld hat
die Bürgermeister Markus Püll und Renate aus der Beek mitgebracht,
quasi als städtisches Dreigestirn. "Sorgen um die Schlüssel habe
ich mir nicht gemacht", sagt die OB und lobt den TV-Auftritt des Teams
am Rosenmontag: "Ihr habt den karnevalistischen Anspruch der Stadt gut
vertreten."
Der Fanfarenzug der KG Düse
marschiert ein. "Es weiß ja jeder", sagt Maik I., "die Schlüsselabgabe
ist so etwas wie der Abschluss. Am liebsten würde ich ihn gar nicht
abgeben." Deshalb hat er ihn mit Handschellen festgeschnallt. Den kleinen
Schlüssel dafür muss Dagmar Mühlenfeld suchen. Sie findet
ihn nach wenigen Sekunden. Hofmarschall Lothar Schwarze hat ihn um seinen
Hals geschnallt. Auch den Kinderprinzen Patrick II. erspäht sie schnell
zwischen dem Fanfarenzug und luchst ihm seinen kleinen Rathausschlüssel
wieder ab.
Heiser, müde und gut
gelaunt heben alle noch einmal die tolle Session hervor und hoffen auf
ebenso viel Engagement in den nächsten Jahren. Ein letztes Mal stimmt
der Fanfarenzug "Viva Colonia" an. Und ein letztes Mal ruft Heiner Jansen
das dreifache "Uss Mölm Helau".
In Raum 106 der Luisenschule
pauken eigentlich Achtklässler Französisch-Vokabeln. Diesmal
geht es aber nicht um die Konjugation des Verbs "regarder". Bei Saft und
Keksen lernen sich die Teilnehmer des Tandem-Praktikums mit der Rembergschule
für geistig Behinderte kennen.
Philipp, Moritz, Mareike,
Lutz und 14 weitere Schüler sitzen rund um die Tische und hören
den betreuenden Lehrern Lars Metelmann (Rembergschule) und Norbert Niechoj
(Luisenschule) zu. Auch Luisenschul-Leiter Bernd Troost sagt ein paar Worte.
Zum vierten Mal gibt es
diese ungewöhnliche Zusammenarbeit. Im Rahmen ihres Berufspraktikums
in der Jahrgangsstufe 11 haben sich neun Luisenschüler aus drei Pädagogik-Kursen
gefunden, die mit ihren gleichaltrigen Kollegen in die Betriebe gehen.
"Für uns war es immer schwer, Praktikumsplätze zu finden", sagt
Lars Metelmann. "Die Betriebe hielten den Aufwand für zu groß
und konnten keine Assistenten stellen." Durch die Zusammenarbeit mit dem
Gymnasium ist das anders.
Beim ersten Treffen finden
sich neun Pärchen. Sie werden nach den Osterferien zusammenarbeiten.
In diesem Jahr stehen ein Cafe´, zwei Gärtnereien, ein Kindergarten,
Tengelmann, Rewe, Kaufhof, Mc Paper und die Stadtbücherei auf der
Liste. In der ersten Woche des Praktikums begleiten die Gymnasiasten ihre
Partner im Alltag an der Rembergschule. Dann geht es zwei Wochen lang in
die Betriebe. Lars Metelmann fragt jeden einzelnen nach seinem Spezialgebiet.
Pascal hat sich Rewe ausgesucht. Als Partner meldet sich Christian.
Die Resonanz war bisher
stets positiv. Bei den Schülern sowieso, und auch bei den Betrieben.
Das ergab eine anonyme Umfrage im letzten Jahr. Inzwischen gibt es 16,
die sich bereit erklärt haben, Praktikanten aufzunehmen. "Wir haben
die Auswahl", freut sich Metelmann. Die Nachbereitung ist unterschiedlich.
Das Thema "Behinderung" taucht im Lehrplan erst in Jahrgangsstufe 12 des
Pädagogik-Unterrichts auf. An der Rembergschule gibt es Gesprächsrunden
und Praktikumsmappen.
Die Vorfreude und Spannung
jedenfalls ist groß. Bei allen Schülern.
aer
Von 28 Lebensjahren verbrachte
ein Mülheimer fast fünfeinhalb im Gefängnis. Nun kommen
noch einmal 15 Monate hinzu - wegen schwerer Körperverletzung an seinem
Vater.
Gesenkten Hauptes sitzt
der große Mann auf der Anklagebank. Er trägt ein schwarzes Shirt
mit der Aufschrift "Germania", seine Haare sind kurz geschoren. An Handschellen
wird er in den Saal geführt. Richter Bernd Fronhoffs erkennt ihn beim
zweiten Hinsehen - ein alter Bekannter.
Am 17. Dezember wurde er
aus dem Gefängnis entlassen. Wieder einmal. Sein Vater und ein Freund
holten ihn ab. Das Trio besorgte einen Kasten Bier und eine Flasche Jack
Daniels Whisky. In der Wohnung des Vaters hörten die drei laute Musik
von den Böhsen Onkelz und tranken. "Ich wollte mir einen schnasseln",
bezeichnet das der Angeklagte. Sein Vater beließ es bei ein, zwei
Bier und der Freund - sagt der 28-Jährige - "hat trinktechnisch früh
den Geist aufgegeben". Also schüttete er sich den Alkohol fast alleine
in die Kehle.
Unter anderem wegen Körperverletzung
ist er vorbestraft, und genau zehn Stunden nach seiner Entlassung rastete
er wieder aus. Als der Vater ihm "Mach doch mal die Musik leiser" zurief,
wurde der Angeklagte gewalttätig. Er ging mit einer Nagelschere auf
seinen Vater los, mit zwei Promille, wie die Blutuntersuchung ergab. Mit
einer Augenhöhlen- und Halsprellung, Nasenbluten und Schürfwunden
musste der Vater zur ambulanten Behandlung ins Krankenhaus. Der Sohn kam
in U-Haft - eine misslungene Party. Bei der Urteilsverkündung ist
der Vater auch im Saal. Seit der Tat herrscht Funkstille. "Es tut mir von
ganzem Herzen Leid", sagt der 28-Jährige. Im Gefängnis habe sein
Mandant geweint, sagt der Anwalt. Die Strafe von einem Jahr und drei Monaten
ohne Bewährung akzeptieren sie. Hinter Gittern nimmt der Mülheimer
an Sitzungen der Anonymen Alkoholiker teil. "Es liegt an ihnen", sagt Richter
Fronhoffs. "Sonst sieht das bald finster aus."
aer
ANMERKUNG:
Dieser Text erschien im WAZ-Mantelteil
auf der Seite "Ruhrgebiet" im Rahmen einer Kirchen-Serie. Er wurde also
von Hunderttausenden gelesen!
DIE SERIE: Nach dem überwältigenden Echo auf den Tod des alten und die Wahl des neuen Papstes ist schon von einer "Renaissance der Religion" die Rede. Die WAZ-Serie "Kirche 2005" beleuchtet den Alltag der beiden großen Kirchen im Revier - einen Alltag, in dem es viel Schatten, aber auch viel Licht gibt.
Von Andreas Ernst
WAZ Mülheim. Mitten
in der Mülheimer Innenstadt. An einem normalen Nachmittag schlendern
Jung und Alt durch die Fußgängerzone. Eine Nebenstraße
heißt Kohlenkamp. Und dort, zwischen einer Bank und einem Juwelier,
steht ein etwas anderes Geschäft: die katholische Ladenkirche.
Ein Kirchengebäude?
Ist das nicht etwas mit Turm und Glocken? An der Tür steht Hans Herbrand,
einer der ehrenamtlichen Mitarbeiter. Eine Rundführung durch die 60-Quadratmeter-Kirche:
Im ersten Raum gibt es Bücher, Postkarten, Snacks. Ein Bildband über
Papst Benedikt XVI. liegt natürlich schon auf einem Tisch. Und dahinter
ist der "Raum der Stille". Auch Stadtdechant Manfred von Schwartzenberg
ist da. Eine Ausstellung in der Ladenkirche wird eröffnet. Programm
gibt es also auch.
Kirchenaustritte, leere
Sitzbänke bei Gottesdiensten, das ist der Alltag. "Wenn die Menschen
nicht in die Kirche kommen, muss die Kirche zu den Menschen kommen" - dieses
Motto ist ein schöner Satz. Aber wie lässt sich das umsetzen?
Mit der Ladenkirche zum Beispiel. Herbrand, von Schwartzenberg und viele
weitere aus dem "Sachausschuss Ladenkirche" stehen rund um die Büchertische.
In kurzer Zeit haben alle die beiden Räume renoviert und gefüllt.
Nach nur zweimonatiger Umbauzeit eröffnete die Ladenkirche am 27.
November 2004 - und das ohne jegliche Unterstützung aus steuerlichen
Mitteln, sondern nur mit Hilfe von Firmen und Spendern. "Das war eine Basis
des absoluten Wollens", sagt von Schwartzenberg. Die Küchen-Einzelteile
erstanden die Mülheimer im Internetauktionshaus Ebay, die Möbel
sind secondhand, und die monatliche Miete ist günstig - der Besitzer
ist katholisch. Unterstützung aus Kirchensteuermitteln gibt es immer
noch nicht.
Die Ladenkirche will auch
an die drei Wesensäußerungen der Kirche anknüpfen: Verkündigung,
Caritas und Gottesdienst. Verkündigung bedeutet Gespräch über
Gott und die Welt. Aber das alles geschieht trotz der City-Lage unaufdringlich.
"Wir laufen nicht mit der Gießkanne durch die Stadt, um die Leute
zu taufen", sagt von Schwartzenberg. Und Caritas? Das heißt, dass
die ehrenamtlichen Helfer - im Moment sind es 40 - die Gesprächspartner
an weitere Institutionen der Kirche weiterverweisen, zum Beispiel die Ehe-
und Familienberatung. Berater kommen zu bestimmten Zeiten. Ein Trauercafe´
findet ebenfalls statt.
Und Andachten gibt es auch
in der Ladenkirche. Werktags um 12 Uhr und zusätzlich am Donnerstag
um 17 Uhr versammeln sich die Katholiken im "Raum der Stille". Eine Evangelische
Ladenkirche gibt es auch in Mülheim, ein paar Straßen weiter,
am Rand der Innenstadt. Die eröffnete im Juni 2004. "Vielleicht kommen
einmal Zeiten", sinniert Manfred von Schwartzenberg, "in denen eine Kooperation
möglich ist". Noch anderthalb Jahre läuft der Vertrag. In Zeiten
von XXL-Gemeinden ist die Ladenkirche eine Art "Wohlfühl-Projekt".
"Wir sind nicht bereit zu resignieren und wollen optimal mit den Zwängen
umgehen", sagt der Stadtdechant.
Im abgedunkelten "Raum der
Stille" stehen die Stühle im Halbkreis um die weiße Kerze, die
hell leuchtet. Und rund um einen Tisch mit einem Fürbittenbuch. "Ich
möchte beten für junge Leute, die Not leiden", steht darin. Oder
auch: "Ich danke für das gute Gespräch." In der Fußgängerzone
gehen die Leute rauf und runter. Davon ist im kleinen Raum gar nichts zu
spüren.
Ladenkirche, Kohlenkamp
30, 45468 Mülheim, 0208/2999678, Öffnungszeiten: Mo. bis
Fr., 10 bis 18 Uhr, Sa., 10 bis 14 Uhr, www.ladenkirche-muelheim.de
Es ist ein schöner
Vormittag in Köln, direkt am Hansaring. Eine Filmrollenlänge
entfernt vom S-Bahnhof strahlt die Sonne ins Cafe? Schmitz. Thomas Durchschlag
wartet schon, er schlürft einen Milchkaffee. "Im August", sagt der
Mülheimer Filmemacher zur Begrüßung, "da kommt ,Allein´
ins Kino."
Im August also. Und jetzt
gerade? "Im Moment schreibe ich an meinem zweiten Drehbuch." Halt, stopp,
nicht so schnell. Thomas Durchschlag? Wer ist das überhaupt? Ein Mülheimer,
der auf der linken Ruhrseite groß wurde. Dessen Eltern noch in Broich
wohnen. Der das Gymnasium Broich besuchte, und mehr schlecht als recht
mit dem Abitur im Jahre 1994 abschloss. Als er in Klasse elf war, wollte
er einen Schülerstreik anzetteln. Eine von ein paar Erinnerungen,
die hängen blieben.
Jetzt ist er 30, sitzt im
Cafe? und putzt seine heuverschnupfte Nase. An Filme dachte er zu Oberstufenzeiten
noch nicht. Schon eher ans Fotografieren. Nach einer kurzen Zeit bei Radio
Essen war er außerhalb der Schule kaum einmal ohne Kamera anzutreffen.
Er knipste für lokale Blättchen und begann ein Studium in Essen
im Fach "Kommunikationsdesign". Dass er von der kleinen zur großen
Kamera fand, lag auch am Kino Rio. Er jobbte zwei Jahre lang als Filmvorführer.
Eine Arbeit, die für ihn keine Arbeit war. "Umsonst ins Kino zu gehen,
das war eine tolle Zeit. Ich habe 150, 200 Filme gesehen." Und sein Entschluss
stand fest.
Ab zum Film.
"Ich bin in Pressegesprächen
nicht so der Erzähler", sagt Thomas Durchschlag. Er ist einer, der
direkt auf den Punkt kommt und bitterernst gucken kann. Der aber auch eine
durchdringende und ansteckende Lache hat. Und dann erzählt er weiter.
Er kann das nämlich doch.
Er zählte zu den Fünf,
die 2001 an der Kunsthochschule für Medien in Köln aufgenommen
wurden, lernte bei bekannten Namen. Bei wem? Egal, Prominenz bedeutet ihm
wenig. "Ich will Kinofilme machen." Ein einfaches Motto. Seine Karriere
begann mit drei Kurzfilmen. "Beziehungen zwischen Menschen interessieren
mich. Die will ich erzählen. Und das fand ich an den Filmen im Rio
immer so toll."
In den letzten anderthalb
Studienjahren schrieb er am Drehbuch von "Allein". Das wurde dann vom WDR
und der Filmstiftung NRW mit insgesamt 800 000 E gefördert. "Allein"
ist das einfühlsame Porträt der Studentin Marie, die am Borderline-Syndrom
leidet und deren Leben geprägt ist durch die Sucht nach Nähe
und durch Exzesse mit Sex, Tabletten und Alkohol. Durchschlag drehte den
Film in 23 Tagen mit seinen Wunsch-Schauspielern Lavinia Wilson und Richy
Müller in den Hauptrollen. Wenige Schnitte zeichnen den Film aus.
"Es geht nicht darum zu zeigen, was man kann. Der Film ist reduziert auf
die Geschichte und Figuren. Er hat eine große Intensität."
Durchschlag drehte überwiegend
in Essen. "Eigentlich", sagt er, "könnte er in jeder Großstadt
spielen. Aber das Ruhrgebiet ist nicht so designed, hat seinen eigenen
Charme." Er wohnt in Köln. Mülheim nennt er aber "meine Heimat".
Sein Vater hat im Film eine Nebenrolle. "Naja, Nebenrolle. Er latscht einmal
durchs Bild." Da lacht der Regisseur durchdringend.
"Allein" lief bei den Filmfestivals
in Hof, Saarbrücken, Rotterdam, San Francisco. Und bei der Berlinale
im Beiprogramm. Bald fliegt Durchschlag nach Seattle. Landauf, landab wurde
das Debüt gefeiert, zum Beispiel als "tief beeindruckend" (Saarländischer
Rundfunk) oder als "schnörkellose Charakterstudie, behutsam und melodramatisch
erzählt, von einer sinnlichen Eleganz" (Süddeutsche Zeitung).
Berlinale, roter Teppich, Klatschblätter. Schickimicki!? "Wie, Schickimicki?"
Diese Frage versteht Durchschlag nicht. Das Wort taucht in seinem Wortschatz
wohl nicht auf. Er schaut ein bisschen grimmig, fast verärgert.
Kann sich ein Regisseur
Ziele setzen? Zum Beispiel Preise? "Ich will einen nächsten Film machen."
Im August also kommt "Allein"
ins Kino. Ins Rio auch? "Vielleicht", sagt Durchschlag. "Wäre schön."
Er trinkt seinen Kaffee aus und geht. Zurück zum Drehbuch.
26.8.2005
Eure ZOOMer: aer, km,
a.ha, jul
"Jetzt legt doch mal die
Hände aufeinander", sagt der Fotograf. "Und guckt ein bisschen freundlicher".
Julia (jul) ist ganz unten, hat bestimmt das Zahnpasta-Lächeln aufgelegt
- knipsknips macht es zwischendurch - darüber Andrea (a.ha) und Kristina
(km), auch mit einem fetten Lachen, ziemlich lustig geht's zu. Und ganz
oben ich, Andreas (aer), naja, könnte freundlicher gucken, aber ein
Grinsen muss reichen.
"Lacht doch mal, lacht doch,
ist für eure erste Seite." Jaja, der Fotograf hat gut reden. Erstmals
macht's "Zoom". Das e r s t e Mal. Wie sieht die Seite wohl aus, wenn sie
gedruckt ist? Blau, okay. Zu blau!? Und wie kommt sie an? Interessant genug?
Knipsknips macht es; Julia , Andrea und Kristina können kaum noch
hocken. Wir sind's, die Zeitungsmacher, wir sind's, jene kleine Randgruppe,
die Woche für Woche die besten Partys, die interessantesten Geschichten
und die witzigsten Hintergründe sammelt, wir sind's, die mal heimlich,
still und leise, mal neugierig und auffällig mit Block in der Hand
durch die Straßen der Stadt schleichen, die Theken und Tanzflächen
Mülheims verunsichern, die Preise vergleichen undundund. . . Schaut
nach oben - sooooooo sehen wir aus. Der Fotograf knipst ein letztes Mal.
Jetzt hat er das perfekte Bild. Julia, Andrea, Kristina, Andreas, von unten
nach oben. "Wie die vier Daltons", sagt der Kerl an der Kamera und lacht
laut. Mist, dann wäre ich ja Averell.
Vier sind wir. Aber alleine
ganz bestimmt nicht fantastisch. Wir haben nur acht Augen, IHR, für
die unsere Seite bestimmt ist, viel, viel mehr. Mailt uns, klickt auf unsere
Internet-Seite, tragt euch ins Forum ein. Schickt uns eure Lieblinge, Eindrücke,
Tipps, Kritik, Fotos, füllt unsere Rubriken. Sprecht uns an. Werktags,
wochenends, im Laden auf der Sandstraße, im Schuppen, im AZ, im StarClub,
im Festival Garden. . . info
Hier landet ihr direkt bei
uns: www.waz.de/zoom-mh - redaktion.muelheim@waz.de - Eppinghofer Straße
1 bis 3 - 44 308 31.
Anmerkung: Das ist ein "ganz normaler" Dienstag-Text nach einer PK (Pressekonferenz)
Von Andreas Ernst
Nein, die Wikinger haben
Mülheim nicht erobert. Zumindest die Freilichtbühne ist ab Freitag
aber besetzt. Sechsmal heißt es dort "Wickie und die starken Männer".
Mitten auf der Ruhr. Die
Crew des Westfälischen Landestheaters und Horst van Emmerich vom Verein
der Freunde der Freilichtbühne schippern bei traumhaftem Sommerwetter
im Boot übers Wasser. "Schön hier, oder?", fragt van Emmerich.
Und alle nicken.
Auf dem Leinpfad geht eine
Kindergruppe spazieren. Die Schauspielerin Mariam Kurth alias Wickie hat
ihren Wikingerhelm gar nicht abgenommen, spricht sie an und plappert munter
drauflos. Und Gerrit Pleuger, die Ylva und Orne spielt, steht im Pelz daneben
und improvisiert mit. Am Ende erklingt das Wickie-Lied, das nun wirklich
jeder kennt. "Hey hey Wickie - hey Wickie hey" - und da singt sogar die
ganze Bootsbesatzung mit.
Sechsmal vom 2. bis zum
11. September wird das Stück auf der Freilichtbühne an der Dimbeck
aufgeführt. Das Stück, das jeder kennt. Die Kinder, da die Serie
oft wiederholt wird. Die Eltern, weil sie einst die Erstausstrahlung von
"Wickie" im Fernsehen erlebten. Und die Großeltern, weil sie daneben
saßen. Wickie, das ist der kleine, ein eher ängstlicher Typ
inmitten der großen, starken Wikinger. Der aber mit Hilfe seiner
gewitzten Einfälle den Großen und Starken trotzt. "Emanzipation
gegen die Eltern, aber auf charmante Art", nennt das Dramaturg Peter-Adrian
Krahl.
Horst van Emmerich freut
sich auf das Stück, freut sich auf das westfälische Landestheater.
Und doch verfolgt er ein Hauptziel: Er will die Freilichtbühne sechsmal
so voll wie möglich sehen. "Damit das einigermaßen kostendeckend
läuft", sagt er. Und dazu spricht er entlang des Leinpfads jeden an
- selbst Rentner, die mit Wickie noch nie etwas zu tun hatten. "Kommen
Sie! Sie sind herzlich willkommen", ruft er ihnen zu. Und sagt dann: "Ich
bin so oft angerufen worden wie vor keinem anderen Stück." Hartmut
Pönitz, "Mädchen für alles" in der Freilichtbühne,
erzählt, dass sich Kindergeburtstage angekündigt hätten.
So sieht Optimismus aus. Van Emmerich und Pönitz planen auch schon
für 2006. Roberto Ciulli und das Theater an der Ruhr haben sich angekündigt.
Halt, erst einmal zählt aber nur Wickie.
Das Stück ist für
Kinder ab sechs gedacht. Gespielt wird auch bei Regen. Und damit es auch
neben der Freilichtbühne etwas zu sehen gibt, hat Pönitz ein
Wikingerlager organisiert. Aus ganz Deutschland kommen Wikingerdarsteller,
die Zelte aufbauen, eine Schatzsuche veranstalten. "Die Kinder sollen nicht
in erster Linie nur zum Konsumieren in die Freilichtbühne kommen",
sagt Hartmut Pönitz.
"Esst immer viel Gemüse
und Obst", brüllt Darstellerin Mariam Kurth einer Kindergruppe zu
- und steckt sich danach eine Zigarette an. Darauf ein lautes "Hey Wickie
Hey".
Von Andreas Ernst
An der Eingangstür
hängt ein Plakat. Handgemalt, mit Edding vermutlich. "Politische Diskussion"
steht drauf, im Raum D05/D08
im Berufskolleg Lehnerstraße. Blick auf die Uhr. 9.25 Uhr,
Mist, spät dran. Vor
fünf Minuten ging es los.
"Wo ist das? Wo ist der
Raum?" Schnell durchgefragt, links die Treppe hoch. Klausuren werden dort
sonst geschrieben, sagt mir jemand. Heute sitzen fünf Politiker bei
ihrer mündlichen Prüfung. Vor 300 Schüler-Lehrern. Bestimmt
300. Wo ist noch Platz? Jemand deutet auf einen leeren Stuhl. Ach nee,
von hinten ist der Blick gut. 300! Wahnsinn!Eine freiwillige Sache? Nur
weil zwei Unterrichtsstunden ausfallen? Hey, es ist sogar leise. Politik
an der Schule - ich hab's unterschätzt. Auf dem Podium zwei Lehrer.
Rechts die schwarz-gelbe Möchtegern-Koalition mit Ulrike Flach (FDP)
und Heiko Hendriks (CDU). Und links die rot-rot-grüne Podiumsfraktion
mit Matthias Kokorsch (Linke), Hartmut Kremer (Grüne) und Anton Schaaf
(SPD). "Wow, der Kokorsch ist wirklich von einer Partei", sagt jemand.
Stimmt, sieht eher aus wie ein Schülervertreter. Maximal 25 ist der.
Rechts an der Tafel stehen
weiß gekritzelt die Themen. Punkt eins läuft schon. "Arbeit".
Und dann noch "Sozialpolitik", "Energie", "Familie", "Steuern". Ganz schön
viel vor für zwei Stunden.
Erste Statements. Von rechts
nach links. Hendriks, Flach und der Rest. "Glauben Sie keinem Politiker,
der ihnen verspricht, Arbeit zu schaffen. Das können nur Unternehmer",
sagt Schaaf. Applausapplausapplaus, als hätte es Kermit, der Frosch
befohlen. Ein Applaus-O-Meter wäre nicht schlecht. Wer bekommt den
meisten, den lautesten, den längsten? Gefühlt sind das eher die
drei links der Lehrer. Rot-rot-grün quasi. "10 Prozent besitzen 65
Prozent des Volksvermögens." Die Schüler buhen!
Witzig. Nach jedem Statement
Applaus. Oder nicht. Die Schüler hören zu, denken mit, reden
mit. "Ich hätte gedacht, dass es langweilig wird", sagt Benedikt,
ein Veranstaltungskaufmann, der die ganze Diskussion mit seinem Kurs organisiert
hat. Engagement pur. Die Unterschiede der Parteien werden deutlich. Heikles
Thema Studiengebühren. "Die sind asozial", sagt Kokorsch und bekommt
donnernden Applaus. Frau Flach, die Bildungspolitikerin, hält ein
kurzes Plädoyer für Gebühren. Naja, das Applaus-O-Meter
wäre arbeitslos in diesem Moment. Stefan meldet sich. "Ich habe das
CDU-Wahlprogramm gelesen. Und nur einen Punkt zur Bildung gefunden, nämlich
dass Reli-Unterricht ordentliches Unterrichtsfach werden soll." Er schaut
Hendriks an. "Bildungspolitik ist eben Ländersache", beginnt der seine
Antwort. Am schwersten hat es Kokorsch, der Vertreter der Linkspartei,
ganz links. Rhetorisch kommt er gegen die abgebrühten, erfahrenen
Politiker nicht an. Und doch ist er so etwas wie der Sympathieträger
des Plenums. "Einer von uns", sagt so mancher. Die nächste Meldung.
Eine Schülerin. "Wenn hier geredet wird" - und deutet nach links -
"dann wird dort" - und deutet nach rechts - "gelacht, vor allem bei Herrn
Kokorsch. Ich finde das geschmacklos". Riesen-Applaus. Politiker in Bedrängnis.
Ein Finger nach dem anderen
springt in die Höhe. Von gefühlt 15 Fragen gehen gefühlt
16 an Hendriks von der CDU. "Es ist schön, dass wir so gefragt sind",
sagt der Unternehmensberater leicht ironisch. Er weiß genau, dass
die meisten die CDU-Pläne eher kritisch sehen. Warum er selbst keine
Azubis hat, wird er gefragt. Politiker in Bedrängnis, Teil zwei.
Was, nur noch ein paar Minuten?
Und gerade hat erst Themenkomplex drei, nämlich die Energie, begonnen.
Die linke Seite predigt gegen Atomenergie, weist auf den noch 100 000 Jahre
strahlenden Atommüll hin. Und rechts werden die preiswerten Vorteile
gelobt. "Wo bitte ist Atomenergie günstig, wenn wir 100 000 Jahre
die Scheiße am Arsch haben!?", sagt einer zu Flach. Applaus!
Anderthalb Stunden sind
rum. Gonggonggong. "Ich wusste schon vorher, was ich wähle", sagt
Benedikt. Andere nicht. Eins ist klar: Wer glaubt, alle Jugendlichen wären
nicht an Politik interessiert, der hat keine Ahnung.
"Cheers", immer nachts um halb eins, direkt nach Heiner Bremer auf RTL. Eine Bar in Boston, in der sich das Leben um Besitzer "Mayday Malone", einen ehemaligen Baseball-Spieler der Red Sox drehte. Und um die Barkeeper Woody und Coach, die Kellnerinnen Carla und Diane sowie die Dauer-Gäste Norm, Cliff und Frasier. Wenn Norm die Bar betrat und mit einem lauten "NOORM!!" aus gefühlten 1000 Kehlen begrüßt wurde, dann sank ich beruhigt im Sessel zusammen und sammelte Kraft für den nächsten Schultag. Im August des letzten Jahres - so ergab die Urlaubsplanung - ging es nach Boston. In die Cheers-Stadt. INS Cheers. Ins Original. Neben der Bar ist das ein Riesen-Merchandising-Shop und ein wenig enttäuschend. Und doch fand ich etwas, was mich auf Anhieb umhaute. Einen Cheers-Baseball mit "Mayday Malone"-Autogramm. Nun liegt er auf meinem Fernseher und fast jeder, der meine Studi-Bude betritt, muss zuerst den Fang-Test bestehen. Übrigens: Cheers kommt wieder. Auf Kabel 1. Nachts um zwei.
ANMERKUNG: "Guten Morgen" heißt die zweispaltige Notiz auf der Lokalteil-Titelseite, die jeden Tag erscheint und redaktionsintern "Spitze" genannt wird! Jeder darf seinen Senf dazu beitragen! Der Inhalt? Ganz kleine Alltagsgeschichte plus Pointe...
WAZ / 22.8.2005
Fast 30
Oh je, es ist soweit.Ich
werde ALT! Als 27-Jähriger ist die Erkenntnis womöglich verfrüht,
aber das erste Zeichen bekam ich Samstag. Ich weilte im Ringlokschuppen,
aber nicht zu irgendeiner Party, sondern bei der "Wilden 30". DREISSIG!
Und leider fand ich den Großteil der Musik auch noch beschämend
gut - war schließlich aus meiner Jugendzeit. Erst als "Summer of
69" durch die Lautsprecher dröhnte, ein Lied, in dem Bryan Adams die
beste Zeit seines Lebens im Jahr 1969 gitarrenlastig besingt, fühlte
ich mich besser. Denn die meisten brüllten so inbrünstig mit,
als hätten sie diesen Sommer selbst erlebt. Puh... ich nicht!
WAZ / 7.9.2005
Fast 30 II
Ich habe es wieder getan.
Mich zog es wieder zur "Wilden 30" in den Ringlokschuppen und dabei bin
ich immer noch erst 27. Alles war wie beim ersten Mal. Die Musik (von U2
über Depeche Mode, Fury in the Slaughterhouse, AC/DC bis zu Bryan
Adams - Achtziger und Neunziger eben), die Leute (etwas zu alt für
mich) und mein Empfinden (uuuuaaaah, bin ich aaaaalt). Doch auch diesmal
gab es die Rettung. An der Theke quatschte mich eine Mitt-Dreißigerin
von der Seite an. "Also du bist doch noch lange nicht 30. Was machst du
mit deinen 23 hier?", fragte sie. Und das ernsthaft. Mir kamen fast die
Tränen.
WAZ / 8.12.2005
Glückskeks
Am vietnamesischen Imbissstand
auf dem Weihnachtsmarkt lächelt mich das Glas mit den Glückskeksen
an. 50 Cent das Stück - ach, so eine asiatische Lebensweisheit kann
nicht schaden. Flugs verdrücke ich das Gebäck, krame das Papier
hervor. "Sie bekommen ein verlockendes Angebot, handeln Sie!" Hmm. . .
was für ein Satz. Ein Profivertrag bei Bayern München? Moderator
bei Wetten, dass...? Ein Abendessen mit Heidi Klum? Ein paar Meter weiter
brüllt der Bratwurstmann: "Hier! Eine Wurst! Umsonst!" Glückskekse
habens wirklich in sich.
Von Andreas Ernst
Die Eppinghofer Straße
am Samstagabend. Von der Musiknacht ist hier nichts zu spüren. Die
Dönerläden sind leer, das Leben spielt sich in den Caf´e´s
ab. Überall läuft der Fernseher. Ist irgendetwas besonders heute?
Genau, Fußball. Das Länderspiel Türkei gegen Deutschland.
Naja, ganz so wie bei der
WM ist die Eppinghofer Straße nicht geschmückt. Keine überdimensionalen
Fahnen. Im Starcafe´ direkt am Kreisverkehr steht der Wirt zur Begrüßung
an der Tür. "Herein, herein", sagt er und serviert im Handumdrehen
einen türkischen Tee. Mit Stückchen Zucker. Zehn Minuten sind
gespielt, 0:0 steht's. Etwa 30 Leute sitzen vor dem Fernseher, entweder
gebannt und mitgehend. Oder auch zu sechst rund um einen Tisch. Die Karten
werden im Sekundentakt aufs harte Holz gekloppt, aber immer wieder geht
der lünkernde Blick auf die Mattscheibe. Was passiert? Was machen
die Altintops? Und Alpay? Der Ball läuft flott durch die türkischen
Reihen, 19. Minute, Tümer steht frei, die Karten fliegen auf den Boden,
Jubel liegt in der Luft... und... und... und... daneben! "Hayret ya!" Das
darf doch nicht wahr sein. "Solch eine Chance", heißt es in der großen
Runde. Da wirkt der Tee wie ein Beruhigungsmittel. Sechs Minuten später
fast dieselbe Szene. Tümer trifft den Pfosten, Altintop staubt ab.
1:0. Ein Jubelschrei braust über die Eppinghofer Straße.
Halbzeitpause. Spaziergang
durch Mülheim. Einige zieht es zur Musiknacht. Auf der Bruchstraße
hingegen ist es ruhig. Im "Schrägen Eck" läuft der Fernseher
auch. Per Beamer ist die ZDF-Übertragung sogar an die weiße
Wand gebannt. Doch nur zwei, drei Leute schauen wirklich hin. An der Theke
reizen ein paar Leute beim Skat. Der Fußball interessiert nicht wirklich.
Horst pafft genüsslich ein paar Zigarillo-Rauchschwaden in die Luft.
"Zarko, bringze ma n' Pils", ruft jemand dem Wirt zu. Der Dart-Automat
ist ausgeschaltet, der Billardtisch aber wird bevölkert. Irgendwann
in der 60. Minute, nach dem x-ten Pils und nach dem x-ten "Boah, is dat
langweilig"-Ruf.
Eine Minute vor Schluss
schießt Nuri Sahin, der Dortmunder, das 2:0. Buh-Rufe. Im "Schrägen
Eck" hängt immerhin ein Gladbach-Schal an der Wand. Dass der Gladbacher
Neuville
noch das 1:2 erzielt? Egal.
Nimmt keiner mehr wahr. "Zarko, zahlen bitte", ruft jemand und sagt ironisch
zum an der Theke sitzenden Lutz: "Dat hat sich gelohnt, wa?" Lutz schaut
enttäuscht und meint nur: "Blamabel."
Von Andreas Ernst
Er ist der Meister der Musik,
der Held der Heimorgel, das Aushängeschild der Alleinunterhalter.
Er ist derjenige, der seine Fans nach jedem Lied mit "Freunde der Heimorgel"
anspricht. Er ist der einzig wahre Mambo Kurt. Einen sehr, sehr kurzweiligen
Samstagabend bot der Mann mit der auffälligen Sonnenbrille 100 Fans
im Schifferhaus.
Einen Vollbart hat er sich
stehen lassen. Sonst ist er ganz der Alte. Unter lautem Gejohle betritt
er die Bühne. Auf der linken, oberen Ecke der Orgel schimmert eine
Mini-Discokugel in den buntesten Farben. Ganz klar: Dieser Typ ist ein
Gesamtkunstwerk. Er kann es sich erlauben, das erste Lied "Jump", im Original
von Van Halen, mit dem Rücken zum Publikum sitzend vorzutragen. Schließlich
sollen alle sehen, wie schwer es ist, die Heimorgel zu bedienen. Die Fans
danken es mit lautem Applaus. "Danke, Freunde der Heimorgel", sagt Mambo
Kurt.
Hits, Hits und nochmals
Hits reiht Mambo aneinander. Mal lässt er die Finger über seine
Orgel fliegen (die es heute übrigens "für unter 100 Euro bei
ebay gibt", wie er sagt). Mal erhebt er seinen linken oder rechten Arm
und wippt zur Musik mit. "Ich will zum partnerschaftlichen Tanz anregen",
sagt er. Denn zum sich Näherkommen seien nicht immer viele Biere nötig.
"Mambo! Mambo!", rufen die Fans.
Er spielt Europes "The Final
Countdown", "Just can´t get enough" von Depeche Mode. Und Metallicas
"Enter Sandman" im Walzer-Takt - das ist nicht verhunzt, sondern weltklasse
und kultig parodiert. Einige Songs stellt er unter das Motto "Lieder, von
denen ihr nicht glaubt, dass man sie auf der Heimorgel spielen kann." Er
kann es sich leisten, ein Lied von "Deutschlands größter Bossanova-Band"
anzukündigen und dann Rammsteins "Engel" vorzuführen. Und danach
folgt "You´re my heart, you´re my soul". Super.
15 Minuten Pause. Verfliegt
die Lust der Fans auf die Heimorgel? Mitnichten! Das zweite Set beginnt
er mit einem "Lied über Mülheim". Und es kommt "Paradise City"
von Guns´n´Roses. Aus "Thunderstruck" von AC/DC macht er "Sambastruck".
Und bei "Insomnia" von Faithless stellt er zwischendurch die Begleitautomatik
seiner Orgel an, springt von der Bühne und lässt sich bei seinem
"Stage dive" von 20 Jungs durchs Schifferhaus tragen. Mit "Musik ist Trumpf",
dem Lied, mit dem er 1982 den "Jugend musiziert"-Wettbewerb an der Heimorgel
gewann, lässt er den Abend ausklingen. Vorerst.
Denn ohne Zugaben lassen
ihn die Mülheimer Fans nicht nach Hause. Für drei weitere Stücke
begibt sich Mambo Kurt hinter sein geliebtes Musikgerät, zunächst
"Zu spät" von den Ärzten, dann Green Days "Basket Case". Der
letzte ist der "Sunshine Reggae". Passend zum Herbstwetter.
Mambo Kurt ist schräg.
Mambo Kurt ist witzig. Mambo Kurt ist liebevoll. Wer braucht einen Abend
mit Robbie Williams oder Jennifer Lopez, wenn es auch Mambo Kurt sein kann?
Nach zwei Stunden huldigen ihm seine Fans, kaufen Sonnenbrillen und CD´s
und klopfen ihrem Meister auf die Schulter. "Danke, Freunde der Heimorgel",
sagt Mambo Kurt ein letztes Mal.
- Anreißer auf Seite
1 -
Glühwein und Geschenke
Saarner Nikolausmarkt ist jedes Jahr
ein großer Mülheimer Treffpunkt
Das Handy klingelt. Inmitten
des ganzen Trubels. Es ist laut. Schon mittags um eins strömen
die Massen über den Saarner Nikolausmarkt. "Wo seid Ihr gerade? Habt
Ihr bei Auto Wolf oder an der Sparkasse angefangen?", lautet die Frage.
"Bei Auto Wolf." "Okay, wir kommen jetzt dorthin." Eine typische Szene
an diesem Dienstagnachmittag. Typisch Markt.
Die Düsseldorfer Straße.
Malerisch, Kopfsteinpflaster, schön. Alltags wird es in Hauptzeiten
schon einmal eng. Heute auch. Aber nicht mit Autos. Treffpunkt Auto Wolf,
an der Ecke zur Kölner Straße. "Was, auch wieder hier?" Eine
Frage, die hier jeder Besucher nicht nur einmal stellt. Saarner Nikolausmarkt,
das bedeutet sehen und gesehen werden. Saarner Nikolausmarkt, das bedeutet
Glühwein trinken, Saarner Nikolausmarkt, das bedeutet Geschenke kaufen.
Das Handy klingelt wieder.
"Hallo? Wir haben gerade jemanden getroffen und kommen später", krächzt
es auf der anderen Seite des Hörers. So ist das eben in Saarn. Hier
treffen sich ehemalige Schulkollegen, die sich nur einmal pro Jahr sehen
- eben hier. Hier treffen sich die Saarner Vereine, Verbände und Gemeinden.
Beim Glühwein ob mit oder ohne alkoholisch hochprozentige Zugabe,
ob beim Kinderpunsch oder Kakao - die kleineren Streitigkeiten des Jahres
sind schnell vergessen. Blick zum Himmel. Herrliches Wetter. Schade, dass
kein Schnee mehr liegt, wobei das fast schon zu idyllisch gewesen wäre.
Es ist knackig kalt, so dass jedes warme Getränk eine willkommene
Abwechslung ist. Nur die wenigsten greifen auf kühles Bier zurück.
Nun klingelt das Handy nicht
mehr. Gefunden. Bei Auto Wolf. Nun kann es losgehen. Losgehen mit der Tour
auf dem Nikolausmarkt. In Richtung Sparkasse.
- Fortsetzung auf Seite
3 -
Sogar die Klostertropfen
schmecken
Reichhaltiges Angebot beim Saarner
Nikolausmarkt von Bäh-Broten bis zu Hutverkäufern. 320 Lichterketten
beleuchteten die Düsseldorfer Straße. Letzte Glühwein-Runde
um 21.30 Uhr
Von Andreas Ernst
Ein Renner ist er, dieser
Saarner Nikolausmarkt. Mittags um eins, abends um neun. Am Anfang der Düsseldorfer
Straße und auch am Ende.
Die ersten Meter, ab Auto
Wolf. Es geht in Richtung Dorfkirche. Hier ist der erste große Markt-Schwerpunkt.
Laut brüllen vier Jungs: "Die echten Saarner Klostertropfen! Immer
hier!" Klostertropfen, ein Kräuterschnaps. "Die schmecken eigentlich
nur auf dem Nikolausmarkt", sagt der Saarner Leo Werry. Der Spendenstand
für die Gemeinde im Bistum El Quiche´ steht direkt daneben.
"Wir machen das nun im 19. Jahr", sagt Elfi Lohr. Sie trägt eine rot-weiße
Nikolausmütze und rührt gut gelaunt im dampfenden Kochtopf herum.
Und weiter geht's. An manchen Stellen ist kaum ein Durchkommen. Treffpunkt
zwei für die Besucher ist der Marktplatz. Auf dem Weg dorthin geht
es vorbei an Buden, Buden und nochmals Buden. Überall gibt es Glühwein,
in zahlreichen Ergänzungsvariationen. Kakao ist auch sehr beliebt.
Die Marktbummler futtern Waffeln, Bäh-Brote, Würstchen, Mettwurst-Brote,
Currywürste, an einem Stand gibt es sogar Eisbein. Es gibt Keramikstände,
Hutverkäufer, Schmuck, Geschenke, Gebasteltes.
An der Straßenecke
zur Lehnerstraße steht der Nikolaus. Diesmal im Kostüm des Bischofs
von Myrna und nicht in Rot und Weiß. Da guckt so manches Kind erst
einmal verdutzt. Manche Clique zieht von Stand zu Stand.Das ehrgeizige
Vorhaben: überall einen Glühwein trinken. Eine wirklich unlösbare
Aufgabe.
In der Dunkelheit entwickelt
der Nikolausmarkt seinen ganzen Charme. Wenn der Atem sichtbar wird, wenn
nur noch eine Mütze vor frierenden Ohren schützt, wenn Handschuhe
kalte Finger wärmen müssen, wird der Spaziergang noch schöner.
Vergessen ist die Arbeit, dass der Wecker früh klingelt. 320 Lichterketten
mit 61 440 Birnen beleuchten die Straße.
Um punktgenau 21.30 Uhr
ist Schluss. Wie in jedem Jahr. Doch nach dem Markt ist vor dem Markt.
Und der Mittwoch, 6. Dezember 2006, ist schon jetzt bei vielen vorgemerkt
- jede Wette.
'Ne Wahnsinns-Show am
Heiligen Abend
"An Tagen wie diesen" drängeln
sich Jugendliche und Junge Erwachsene im Schuppen zur "Time of my life"
bis "Westerland"
Von Andreas Ernst
Kurz nach halb vier. Der
Heilige Abend ist vorbei, Mensch, erstaunlich warm für eine Winternacht.
Der Ringlokschuppen liegt zurück, vereinzelt taumeln und spazieren
Leute nach Hause. Vorbei geht es an drei Polizeiwagen, auf dem Parkplatz
stehen Taxis, hübsch aufgereiht, eins hinter dem anderen. "Nabend",
sagt ein Fahrer. Im Radio läuft "An Tagen wie diesen" von Fettes Brot.
"Absolute Wahnsinnsshow, die Sonne lacht so schadenfroh, an Tagen wie diesen",
näselt der Sänger. Und der Fahrer fragt: "Wie war es?"
Ja, wie war es eigentlich?
Eine schwere Frage, kurz nach halb vier. Gedanken sortieren.
Rückblick, die Uhr
schlägt zwölf. Wie jedes Jahr Heilig Abend ist der Ringlokschuppen
angesagt. "Die wilde Weihnacht" heißt das Spektakel, das Jahr für
Jahr dieselbe Klientel anlockt. Jugendliche. Junge Erwachsene. Hunderte.
Hui, Schlange bis zur Drehscheibe. In der Kälte. Inken, 27, steht
drin. Zum ersten Mal. "Bin gespannt", sagt sie und wartet auf ein Vorankommen.
Zehn Minuten später,
endlich drin. Jacke abgeben, durchquetschen und rein ins Getümmel.
Halt, erst noch ein paar Getränke ordern. "Ein Pils, eine Cola bitte."
Kostet sieben Euro. Sieben!! Warum das? "Inklusive Pfand." Ein großes
Hallo. "Ach, du auch hier!? Du auch? Hey! Hallo! Alles klar!?" Herzliche
Wiedersehen. Und weniger herzliche. "Und sonst?" "Muss!" Sieben Euro für
ein Pils und eine Cola, manoman.
Björn, 28, seit Jahren
Stammgast, kommt vorbei. Geht kurz vor ein Richtung Jacke. "Ey, das Durchschnittsalter
ist 18,875 Jahre. Ich verschwinde in die Kneipe nebenan." Tschüss
dann. Den neuen Diskoraum sehen viele zum ersten Mal - hat sich eben einiges
geändert in 2005. Inken lehnt an der Wand. Wie findet sie's? "Geht
so." Am DJ-Pult steht wie in den letzten Jahren das K&K-Projekt mit
den Brüdern Christian und Michael Knöpfel. Schwierige Aufgabe,
viele Musikgeschmäcker zu vereinen. Von "La Casima Negra", "Time of
my life" bis zu "Westerland" - was für eine Mischung. "An Tagen wie
diesen" läuft auch, den kritischen Taxt vernimmt hier keiner. Bei
Westernhagens "Mit Pfefferminz bin ich dein Prinz" drehen die Knöpfels
den Knopf runter. "Und jetzt ALLE!" Und alle trällern: "Mit Pfeffermiiiiinz
bin ich dein Priiiiinz."
Genug gesehen. 1.45 Uhr,
mal die Kneipe ausprobieren. "Ein Weizen, eine Cola bitte". 4,80 Euro kostet
der Spaß. Hä? Billiger? In der Kneipe ist's leiser und das Publikum
etwas älter. Björn steht dort. "Fast so, als ob man sich mit
dem Alter für die Kneipe qualifiziert." Um kurz vor drei brüllt
jemand: "Geeeeeil, guckt mal raus: 'ne Wemmserei." Draußen prügeln
sich zwei Jungs. Die Security geht dazwischen, drei Polizeiwagen kommen
angedüst.
Fünf nach halb vier.
"Und? Wie war es jetzt?", fragt der Taxifahrer wieder, dreht sein Lenkrad
und braust durch die Innenstadt. Im Radio ist wieder der Refrain dran:
"Absolute Wahnsinnsshow." Die Sonne lacht in dieser Nacht nicht schadenfroh.
"Wie es war? Wie immer!"
Eine Handynummer. 0160 und
so weiter, schnell gewählt. "Janet Köhler?", fragt eine Stimme
am anderen Ende. Puh, endlich bekommen. Gar nicht so einfach. 18 Jahre
alt sein und Badminton spielen - das können viele. Aber Jugend-Europameisterin
und Mülheims Jugendsportlerin des Jahres - ausgezeichnet vor mehr
als 2000 Zuschauern in der RWE Rhein-Ruhr-Sporthalle - das ist nur Janet.
Wann trainiert sie eigentlich? Die Aufzählung beginnt. "Montag ab
19.30 Uhr, dienstags von 14 bis 16 und 19.30 bis 21.30 Uhr, mittwochs von
8.30 bis 11.30...", und so geht es weiter und weiter. Momeeent. Nicht so
schnell. Zusammengerechnet sind's mindestens 20 Stunden pro Woche Badminton,
Badminton und noch einmal Badminton. Davor, dazwischen und danach steht
die Ausbildung zur Bürokauffrau an der Bochumer Be´ne´dict
School der RAG Bildung im Mittelpunkt. Im "Haus des Sports" bewohnt Janet
ein Zimmer. In drei Monaten zieht sie in eine Wohnung.
Das Gespräch läuft
und läuft, die Handyleitung kratzt zwischendurch etwas. Nein, kontaktscheu
ist Janet nicht. Sonst hätte sie am 1. September 2004 wohl einen kleinen
Großstadtflash bekommen. Sie stammt aus Hoyerswerda in Sachsen, besuchte
in Jena ein Sport-Internat - und dann ging's ab in den Ruhrpott. Mit-Azubis
und die Mitspieler beim 1. BV Mülheim erleichterten den Einstieg.
Nur die Verkehrsführung machte ihr zu schaffen. "Ich war am Anfang
ziemlich oft falsch".
Nach Hause zieht es sie
nur alle fünf oder sechs Monate. Nun gut, also verbringt sie auch
die Wochenenden meist in Mülheim. Und wo geht die 18 Jährige
hin? Freeland, Gelber Elefant, Ballermann - alles schon ausprobiert? "Nee,
Freeland ist nicht so mein Ding, der Gelbe Elefant eher eine Kinderdisco."
Und Ballermann? "Ja, doch, wenn ich gut gelaunt bin, einfach so zum Tanzen.
. ." Aber weggehen muss nicht immer sein. Zu oft stehen samstags und sonntags
Turniere im Terminkalender. "So ein chilliges Wochenende ist auch mal ganz
nett", sagt sie. Chillen, ein Lieblingswort der U-19-Europameisterin. Ein
bisschen chillen hier und dort, zwischen Schule und Trainingshalle - das
muss schon drin sein.
Ein nettes Gespräch.
Heute um 14.30 Uhr kann Janet nicht ans Handy gehen. Dann ist sie "temporary
not available", weil sie den Badmintonschläger in der Hand hält,
wie so oft. Im Forum steht sie für Schaukämpfe zur Verfügung.
Eine Wahl-Mülheimerin auf Werbetour für ihre Lieblingssportart.
Chillen muss sie ein anderes Mal.
Wim organisiert alles
rund um den Schläger
WAZ-SERIE MITMENSCHEN: Karl-Wilhelm
Kölsch ist einer von 65 ehrenamtlichen Helfern beim Badminton-Turnier,
den "German Open"
Von Andreas Ernst
Sein Arbeitsplatz ist ein
großer Schreibtisch im "Presse Center". Sein Werkzeug ist eine Woche
lang eine Tastatur, auch zu Schere und Tesafilm greift er ab und zu. Wim
Kölsch ist einer der 65 ehrenamtlichen Helfer des 1. BV Mülheim
bei den "German Open" im Badminton.
Es klopft an der Tür.
"Herein", sagt Kölsch. Jemand aus der koreanischen Delegation steht
im Raum. "Eight copies, please." Kölsch antwortet auf Englisch, betätigt
den Kopierer. Wieder ein Job erledigt. Auf seinem PC-Bildschirm blinkt
eine Internetseite, natürlich zum Thema Badminton. Eigentlich heißt
er Karl-Wilhelm Kölsch. "Wie der eine und wie der andere Opa", scherzt
der 49-Jährige. Beim BVM ist er für alle "Wim".
Aus den Sporthallen der
Stadt ist er kaum noch wegzudenken - wenn es ums Thema Badminton geht.
Im BVM-Vorstand arbeitet der Mitarbeiter der städtischen Sozialagentur
erst seit 2002. Seine Kinder Benny und Alina spielen hingegen seit 1993
beim BVM. Vater Wim schaute immer beim Training zu. "Wie es dann so ist",
sagt er, "unterhält man sich mit anderen Eltern, ärgert sich
über das eine oder andere. Und irgendwann habe ich gesagt: Wim, du
musst aufhören zu meckern und selbst mithelfen." Seine John-Lennon-Brille
liegt rechts neben dem Bildschirm. Wieder kommt jemand. Eine Akkreditierung
wird verlangt. Kein Problem für Wim Kölsch.
Wieviel Prozent seiner Freizeit
er mit Organisation rund um den Schläger verbringt, das muss er nicht
nachrechnen. "95 Prozent", sagt er mit lauter Stimme. Beim BV ist er Pressesprecher
und gestaltet die Internetseite im Alleingang. Und bei den German Open
ist seine Hauptaufgabe, die Turnier-Homepage mit Texten und Ergebnissen
zu füllen. Botengänge, Zeitungsartikel ausschneiden und an die
Pressewand kleben - das erledigt er nebenbei. "Fünf Stunden Schlaf
pro Nacht sind in dieser Woche normal. Manchmal sitzen wir bis um eins
in der Nacht hier", sagt er. Alles ehrenamtlich.
Selbst nimmt er den Schläger
übrigens nicht in die Hand. Und Spiele der weltbesten Badminton-Asse
kann er sich nur ganz selten anschauen. So ist das eben als Mitarbeiter
im "Presse Center". Extra für dieses Turnier hat er zwei Wochen Urlaub.
Zwei Wochen! Denn am Wochenende nach den "German Open" richtet der BVM
die Westdeutschen Schüler-Meisterschaften aus, auch in der RWE Rhein-Ruhr-Halle.
Dann geht für Wim Kölsch alles wieder von vorn los. Organisieren,
Internetseite aktualisieren, Artikel ausschneiden und an die Wand kleben.
Aber einer wie er, der jammert nicht. "Ich bin eben mit Leib und Seele
dabei." Zum Schluss setzt er seine John-Lennon-Brille auf und flitzt durch
die Halle. Ein typischer Botengang."Wenn ich nach Metern bezahlt würde.
. .", sagt er.
"Geißbock" zwischen
den Bällen
WAZ-SERIE MITMENSCHEN: Henk Kaspers
verteilte Essensmarken im "Communication Center" bei den "German Open".
Heute sitzt er im Flieger und begleitet
das Fußballteam des 1. FC Köln ins Trainingslager nach Portugal
Von Andreas Ernst
Im Radio läuft "Regen
und Meer" von der Band Juli. Naja, Juli ist nicht wirklich, ein Meer nicht
in der Nähe - höchstens Regen trifft es etwas. An die frische
Luft kommt Henk Kaspers aber fast gar nicht im Moment. Er verteilt Akkreditierungen
und Essensmarken im "Communication Center" bei den "German Open" in der
RWE Rhein-Ruhr-Sporthalle.
Unten, tief im Keller des
Gebäudes, nimmt der 30-Jährige in der Sitzecke Platz. Eine Grünpflanze
zwischen Sessel und Couch sorgt sogar für ein wenig Gemütlichkeit.
"Am Montag", sagt Kaspers mit ruhiger, unaufgeregter Stimme, "da war hier
am meisten los." Hier, im Kommunikations-Zentrum, erhalten alle außer
Journalisten ihre Akkreditierung. Hier holen Schieds- und Linienrichter
ihre Kleidung ab. Hier ordern Spieler Extra-Busse zu Hotels und Flughäfen.
Hier gibt es Essensmarken für alle. Kaspers und vier Kollegen bearbeiten
die Anfragen.
Seit seinem siebten Lebensjahr
spielt er beim 1. BV Mülheim, mittlerweile hat es der Mitarbeiter
der städtischen Sozialagentur sogar zum Geschäftsführer
gebracht. "Wir hoffen, durch die Ausrichtung profitieren zu können,
indem wir mehr Mitglieder und Sponsoren bekommen", sagt er und bearbeitet
parallel eine Akkreditierungs-Anfrage.
Für Henk Kaspers ist
es der letzte Tag im "Communication Center". Heute Mittag schon sitzt er
im Flieger ins portugiesische Portimao, mit einem Schal des 1. FC Köln
um den Hals. Er ist einer der größten "Eff Zeh"-Fans der Stadt
- der Ober-Geißbock an der Ruhr sozusagen. Den Mülheimer Fanklub
leitet er. In Portimao ist der FC ab heute im Trainingslager. Nicht viele
FC-Spiele fanden in den letzten Jahren ohne Kaspers statt. "In der Bundesliga
ist es aber schwierig", sagt er. "Denn am Samstag muss ich häufig
Badminton spielen." Ein Sportler in der Zwickmühle. Vor ein paar Jahren
zählte Kaspers noch zu den "Groundhoppern", das sind Fußballfans,
die es sich zum Ziel gesetzt haben, Spiele in möglichst vielen Ländern
zu sehen. 20 hat Kaspers geschafft. "Rumänien zur U21-EM war 1998
mein verrücktestes Erlebnis. Da ging es ab nach Bukarest", sagt er.
Regen gibt es in Portugal
nicht. Aber Meer. Nach dem German-Open-Stress hat sich Henk Kaspers diese
Ablenkung verdient.
Dscharrrko liebt seine
Arbeit
WAZ-SERIE MITMENSCHEN: Kroatischer
Wirt leitet das "Schräge Eck" seit 1979 und ist immer für einen
Witz und eine Runde Billard zu haben.
Ob er im Rentenalter in seine Heimatstadt
Split an der Adriaküste zurückkehrt, weiß er aber noch
nicht
Von Andreas Ernst
Vor ihm auf der Theke liegen
15 Bierdeckel, mindestens. Alle versehen mit Strichen und Namen. Nur einer
hat den Überblick im "Schrägen Eck" an der Klopstockstraße.
Es ist Zarko Pulic, der Wirt. Im großen Saal der Gaststätte
findet ein Darts-Bundesliga-Spieltag statt. Und zwischen Bier, Cola, Wasser
und Chili con carne erzählt Zarko, sprich "Dscharrrko", aus seinem
Leben.
"Seit 1979 leite ich das
hier", sagt er und blickt in seiner Gaststätte herum. An der Wand
hängt ein Schal von Borussia Mönchengladbach. "Und mir war kein
einziges Mal langweilig." Im Nebenraum fliegen die Pfeile, wird ständig
applaudiert. Als Hintergrundmusik läuft etwas von Bon Jovi. Und Zarko
denkt an 1970 zurück, als er nach Deutschland kam. Er stammt aus Split
an der kroatischen Adriaküste und absolvierte seine Gastronomie-Lehre
in Dubrovnik. "Im ersten Haus am Platz. Tito selbst habe ich bedient. Und
das Handwerk von der Pike auf gelernt."
In Deutschland wurden Gastronomie-Fachkräfte
gesucht. Einer wie Zarko. Gemeinsam mit seiner Frau arbeitete er in Stuttgart,
Rastatt und Leverkusen. Bis sie 1974 im Restaurant "Croatia" direkt neben
dem Hotel Handelshof in Mülheim landeten. Seitdem schiebt Zarko sechsmal
pro Woche Elf-Stunden-Schichten.
"Ich liebe meine Arbeit.
Und meine Gäste", sagt er und hebt seine Stimme. Zarko ist ein Wirt,
der immer für ein Würfelspiel oder eine Runde Skat zu haben ist.
Der auch selbst am Dart-Automaten mitspielt, gern zum Billard-Queue greift
und die Kugeln in den Löchern versenkt. Der immer einen Witz auf Lager
hat. Und der seinen Gästen Konzerte anbietet. Er selbst griff in den
Jahren mit Freunden oft zu Gitarre und Akkordeon.
Zwischendurch serviert Zarko
einen Teller voll Chili. Er ist 59, in sechs Jahren geht er in Rente. Und
zurück ans Meer? Zurück nach Split? Da setzt sich Zarko, lehnt
sich zurück und denkt nach. "Meine Stammgäste sagen immer, dass
sie sich nicht vorstellen können, dass ich abhaue", sagt Zarko schließlich.
"Wir überlegen, in Kroatien alles zu verkaufen." Seine Kinder (33
und 26) sind in Mülheim zu Hause. Und sein Sohn ist in Zarkos Fußstapfen
getreten - als Vereinswirt von Rot-Weiß Mülheim.
Über dem Eingang steht
"AWO, Seppl-Kuschka-Haus". Kurz klingeln und sofort öffnet sich die
Tür. Wo ist Michael Mölders? In der vierten Etage. Schnell die
Treppen hoch, und rein in die Schreinerei. Da ist er. Er, der Zivi.
Nein, einen Arbeitskittel
trägt er nicht. Michael ist normal in Jeans gekommen. "Die Leute hier
genießen das, wenn Michael da ist", sagt "Chef" Frank Greuel. Auf
dem Tisch stehen Kekse mit Cappuccino-Füllung und Kaffee. Michael
legt eine Pause ein und schlürft an der Tasse. Warum Zivildienst?
Und nicht Bundeswehr? "Das", sagt der 21-Jährige, "war sofort klar."
Und zwar nicht nur aus Gewissensgründen, sondern auch, um in Mülheim
zu bleiben.
Seit dem 1. September ist
er