WAZ: LOKALTEIL
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Einleitung

Tag für Tag stehen Zeilen in der WAZ, die aus meiner Feder stammen – na ja, zumindest fast jeden Tag. Auf dieser Seite kann ich Euch natürlich nicht alle Artikel präsentieren; schließlich erscheinen pro Monat im Durchschnitt 4000 Zeilen von mir, das macht über 240.000 Zeilen in den letzten Jahren!
Die überwiegenden Texte erschienen im Sportteil, aber seit Mitte 1999 versuche ich mein Glück ab und an auch in der Lokalredaktion. Auf dieser Seite seht Ihr nun meine Leckerbissen aus den letzten Jahren Lokalredaktion. Seit dem 26. August 2005 existiert übrigens die Jugendseite "Zoom", die einmal pro Woche erscheint. An ihrer Entstehung und Entwicklung war ich beteiligt.
Viel Vergnügen!

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22.11.1999
Mit der Pudelmütze unter die Gürtellinie
Tom Gerhardt prollt durch die Stadthalle

Tabus brechen, Gags unter der Gürtellinie - das ist sein Ding, das ist Tom Gerhardt. Mit seinem vierten Solo-Programm Au Weia machte er am Samstag Station in der Stadthalle.
Gerhardt poltert, Gerhardt prollt, Gerhardt pöbelt; ob als Türsteher Hansi, schwangere Carmen oder Heizungsmonteur. Das ist die Masche des studierten Germanisten (das ist er wirklich), und die Zuschauer kommen in Scharen. Wohlgemerkt sind das überwiegend Fans, die ansonsten wohl kaum in den gemütlichen Theatersesseln der Stadthalle Platz nehmen. Gerhardts Anhänger lieben nun einmal deftige Späße. Schließlich erreichte der 42-Jährige mit seinen Kino-Hits „Voll normal“ und „Ballermann 6“ Millionen.
Seine Solo-Auftritte? Die werden schwächer.
Gerhardt erfreut seine Zuschauer zwar mit den Erfolgsfiguren Hausmeister Krause und Pudelmützen-Tommie, doch die Ideen gehen aus, sind nicht neu. Mit Kabarett hat das wenig zu tun, lediglich als Jesus 2000, mit einem Kreuz auf dem Rücken; ein interessanter Einfall. Jesus als Proll, der sich Sprüche anhören muss wie „Hau ab, du Hänger“ und den Spitznamen Latten-Jupp trägt - typisch Gerhardt.
Über zwei Stunden verpasste er dem Publikum mit zwölf Nummern die verbale Faust, zwischendurch sorgten drei Tänzerinnen – das Ballermann-6-Image muss eingehalten werden - und ein Trommler für Stimmung. Ob das Programm schwächer war oder nicht, dem richtigen Gerhardt-Fan ist das egal. Er lacht sowieso, und wenn es nur die wirklich abgefahrenen Kostüme sind oder Gisela und Ingo. Dieses Pärchen saß in der ersten Reihe...
Seine letzten Worte als Pudelmützen-Tommie waren „Voll die Seuche“. In der letzten Zugabe trat er mit Teletubbie-Kopf auf. „Au weia!“
aer

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03.01.2000

Mit Gags und Gangs durch die Nacht
Mülheimer Silvester-Streifzug

Am Morgen danach erinnern nur noch zerfledderte rote Knaller-Überreste und zertretene Glasscherben an die durchzechte Nacht. Auch Mülheim schaffte den Sprung ins Jahr 2000.
Die irische Gruppe U 2 hat mal gesungen: „All is quiet on New Years Day.“ Alles ruhig am Neujahrstag. So ist es. Familien spazieren durch die MüGa, erzählen vielleicht vom Vorabend. Vielleicht auch nicht.
Was ist das nur ruhig gewesen um halb neun am Silvesterabend. Noch dreieinhalb Stunden bis Ultimo, bis zum Super-GAU, dem Computer-Crash, gar dem Weltuntergang, wie unverbesserliche Humoristen behauptet hatten. Und die Mülheimer feiern. Über die Straßen streunen einige jugendliche Gangs und verschießen herumalbernd erste Böller. Einige Lauschangriffe bei Privatpartys ergeben interessierte News: Bei Hinz läuft das Fernsehen. Die ZDF-Gala aus Berlin. Modern Talking singt grad vom Sexy Sexy Lover. Nebenan bei Kunz besäuft sich die Jugend. Die CD von Nirvana läuft. Was für ein Stilbruch.
Die kleinen Partys sind es, die Mülheim ausmachen. Auf den Straßen ist eigentlich gar nichts los. Schon eher bei den geplanten Feten. 21 Uhr, Wasserbahnhof. Eine romantische Stimmung. Die orangefarbenen Laternenlampen erhellen die Stadt, ein leichter Wind umweht sanft die Ohren, die Wellen der Ruhr schlagen ans Ufer. Noch drei Stunden. 120 Gäste im Franky's sind grad noch bei der Vorspeise. Irgendwas mit Hummer und Lachs. Alle haben 350 Mark für eine Karte bezahlt und werden dafür nach allen Regeln der Kunst verwöhnt. Essen, Büffet, leckere Cocktails wie zum Beispiel eine famose Virgin Pina Colada die nicht-alkoholische Version  und ein Rahmenprogramm wird hier geboten. Okay, der Zauberer kommt erst um 1 Uhr nachts. Nicht schlimm, dafür singt jetzt bereits Stargast Christian Franke, das Stimmenwunder.
Ringlokschuppen, eine knappe Stunde später.
Kirschgartenfest  das ist eine völlig andere Devise. „Es geht nicht um Silvester, sondern darum, dass wir ein Fest zusammen feiern“, verrät Schuppen-Chef Holger Bergmann. Für 99 Mark haben sich 200 Besucher sommerlich gekleidet und es sich auf grünem Teppich gemütlich gemacht. Der soll Rasen symbolisieren. In der Mitte ein Kirschbaum. Stühle? Nur am Rand! Gegessen wird ganz picknick-like. Im Tanzpavillon läuft leise Musik. Besinnlich gehts hier zu. Im Laufe des Abends verdunkeln sich die Lichter, bis nur noch Sterne sichtbar werden. Bei jeder Gartenparty wird's dunkel. Einleuchtend. Doch das bekommen wir nicht mehr mit.
Kristina Bach singt nämlich in der Stadthalle Bei der Silvester-Gala des MCC Rot-Weiß. Im Foyer und im Galasaal sind 600 Menschen versammelt; sie schunkeln, lachen und essen. 19 000 Pfennige haben sie auf den Tisch gelegt. MCC-Boss Herbert Rudolph stehen die Schweißperlen auf der Stirn, aber er ist zufrieden. Schließlich hat er diese Silvester-Gala drei Jahre geplant.
Was sind das nur für arme Schweine, die jetzt arbeiten müssen. Noch 22 Minuten bis zum großen Gong, Modern Talking sind inzwischen bei SAT 1 gelandet und haben noch immer den Sexy Lover drauf. In der DRK-Notrufmeldestelle an der Löhstraße sitzen Holger Kleinbrahm und Clifford Vogt geschniegelt und gebürstet, mit Anzug und Krawatte: „Man muss doch wenigstens ein bisschen was draus machen.“ Sagen's und schlürfen Kaffee und Wasser.
Knall  bumm  peng  zisch. Es ist 0 Uhr, Guck-Ort Schlossbrücke. Bestimmt 100 Leute stehen hier. Die Mülheimer sind ausdauernd.
Eine halbe Stunde ist der Himmel blau, rot, gelb. Vom Weltuntergang keine Spur. Auf einer Parkbank liegt eine Alkoholleiche. Auch das gab es in  d e r  Silvester-Nacht.
Andreas Ernst

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14.02.2000
Ein Hauch von Rotlicht fällt auf Ludendorff
Helmut F. Albrecht blödelte

Allo chefe? Gibbe neues Ali-Programm. Isse damit aufgetreten in Stadthalle. Alles paletti?
Vier Worte als Visitenkarte, perfekt zur Identifikation dieses Kabarettisten. Im Hirn des Düsseldorfers Helmut F. Albrecht entstand die Figur Ali Übülüd, der mediterrane Gastarbeiter, der das Chaos liebt.
600 Mal stand Albrecht mit dem ersten Programm Radio Paletti auf der Bühne. Und nun Top-Job-Profis. Wenig Neues aus Albrechts Feder, wieder zieht er Geschichtchen aus dem Alltagsleben. Ali hat sein eigenes Zeitarbeits-Büro gegründet, vermittelt Jobs an sich selbst oder andere. Dabei entstehen kleine und große Abenteuer. Kein Vorurteil wird nicht durch Alis Brille gesehen und dabei mit dem heillosen Durcheinander der Erlebnisse zu einem interessanten und amüsanten Cocktail vermengt.
Ali baut für Noah getreu dem Motto „Nach mir den Flutsint“ die Arche, verteidigt sich vor dem Sicherheitsausschuss des Kernkraftwerks Biblis, in dem er Riesenkraken gezüchtet hat, und beim Staatsbürgerschaft-Aufnahmetest hält er Ludendorff für ein Rotlichtviertel. Die Gags funkeln leicht, aber so ganz zünden sie nur bei den echten, den wahren Ali-Fans. Die Themen gehen in der Gesellschaft halt nicht aus, und sicher lässt sich nach dem Ali-Strickmuster problemlos noch ein drittes Programm schreiben.
Doch die starken Passagen des Top-Job-Profi-Programms waren die, in denen Albrecht nicht Ali war, sondern etwa der 82-jährige Rentner Günter, der eine revolutionäre Zelle gründet, Swinger-Partys veranstaltet und die Probleme des Alterns analysiert. Kein verschenkter, aber auch kein überschwänglicher Kabarett-Abend war das in der Stadthalle. Helmut F. Albrecht hat dafür ein gutes Ali-bi.
Andreas Ernst

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07.03.2000
Wenn die Muttis Lust auf Strampeln bekommen
Sportliche Damen und routinierte Herren mitten im Zug

Sie heißen Marie-Luise, Angelika, Conny, Annemie, Renate, Brigitte, Doris; sehen in ihren Verkleidungen ein wenig so aus wie der Club der Teufelinnen. Doch stopp, die Rede ist von der Müttergarde.
Ein etwas anderer Termin: Treffpunkt Parkplatz Ruhr-Sporthalle, Rosenmontag kurz vor 14 Uhr, bei den Karnevalswagen der MüKaGe. An der Kaiserstraße formieren sich die Wagen, am Horizont sind Hunderte von Narren zu sehen. Die haben Lust auf Party, Bonbons, Bier und Sekt.
Und die reiferen Damen der Müttergarde? Sie wollen strampeln! Welch eine Überraschung. Im 22-sten Jahr ihres Bestehens nehmen sie zum zweiten Mal mit einem eigenen Vehikel teil, einem Fahrrad für zehn Personen. Sportlich, sportlich. An alles ist gedacht: Geworfen werden Bälle, Mini-Frisbees, Lakritze, Weingummi und selbst gebackene Krapfen. Der Wagen ist ausstaffiert mit liebevoll aus Krepppapier gedrehten Rosen, fertig gestellt am wöchentlichen Hausfrauen-Nachmittag. Los geht's  aber in die Pedale treten die Frauen doch nicht. Das Zehner-Radl besitzt vornedran einen Motor, welch eine Schummelei ... Da können sich die Mädels aufs Schmeißen, Kaffee trinken und Singen konzentrieren. Getreu dem Motto „Und dann die Hände zum Himmel“.
Viertel nach zwei: Auf dem Präsidentenwagen der MüKaGe stehen Wolfgang Tremer, Hans Achterfeld und Manuela Holterhoff. Brumm, brumm, brumm, drei kräftige Ruckler kündigen den Start an. In Fünfer-Reihen drängeln sich die Massen an der Kaiserstraße, in der Kurve zur Leineweber sind die Reihen nicht mehr zu zählen. Helau!, Werft doch mal hierhin. Viele Süßigkeiten haben die drei nicht zur Verfügung. Rosenmontag mit Taktik: „Wieviel darf ich wo werfen, damit es bis zum Ende reicht?“ Doch Schluss mit den Gedanken. Upps, grad ist eine Mini-Frisbee am Kopf eines gierigen Erwachsenen gelandet. Sorry!
14.45 Uhr  Zeit für Melancholie. Ein leichter Wind säuselt, der Rathausturm wirkt wie eine Boje im Trubel, links und rechts Menschenmassen, selbst die Wolken scheinen sich zu Bonbons zu formen. Das muss doch für Wolfgang und Hans immer ein besonderer Moment sein. Wolfgang winkt ab, er ist seit Jahrzehnten dabei: „Alles Routine. Ich fiebere nicht mehr darauf hin. Spaß macht's trotzdem.“
„Heee-lau!“ Das ruft Manuela nebenan lauter als sonst. Sie hat ihre Oma erspäht.  Die Karawane zieht weiter, vor dem Handelshof stehen viele Jugendliche; die schmeißen gern mit Schmackes zurück. Ab in Deckung! Es geht zurück zur Leineweber, schließlich um 16.15 Uhr in die letzte Kurve vor dem Parkplatz. Wie geht's der Müttergarde? Vor dem Rathaus gab's keine Bonbons mehr, da musste nachgeladen werden. Es war nicht so aggressiv wie in den Vorjahren, strahlt Angelika. Den Rosenmontag werden die Muttis gemeinsam in einem Restaurant ausklingen lassen. Und diesen Tag bestimmt nicht vergessen. „O-la-la willst Du eine Pizza?“ Mitschunkeln zwingend erforderlich.
Das war's. Der Zug ist vorbei. Die Straßen leeren sich. Die Schallwellen des letzten Helau bahnen sich den Weg durch die Gassen.
Bis zum nächsten Jahr!
Andreas Ernst

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11.03.2000
Studenten-Motto: Wir haben Spaß, er hat Spaß
Olaf Henning und sein Fanklub blinderherzclown

Er singt von blinden Passagieren, Labyrinthen und leeren Manegen; sie beschäftigen sich mit Jura, Wirtschaftswissenschaften und Medizin. Er, das ist Olaf Henning; sie sind Mülheimer Studenten, die den Olaf-Fanklub blinderherzclown gründeten.
Studenten und die simpel gestrickte Musik des Sonnenstudio-braunen Schlagerstars; passt das zusammen? Ja, das geht, meinen Marc Horstmannshoff (22), Björn Steffen (22), Jens Steffen (25) und Björn Bremeyer (23), vier von zehn Gründungsmitgliedern des Olaf-Fanklubs. Sie verfolgen ihren Star zu Stadtteilfesten, Autogrammstunden, Jubiläumspartys von großen Kaufhäusern und in viele Ruhrgebiets-Discos.
Sie hören immer dasselbe Programm, aber echten Fans wird nicht langweilig. Björn und Jens flogen im Sommer sogar nach Mallorca, ins „riu Palace“. Zweimal pro Woche tritt Olaf in der Hochsaison dort auf. Mülheim grüßt Olaf  den Erkennungssprechchor des Fanklubs einmal auf Malle singen. Das ist fast schon ein Lebensziel, ruft Marc. Zwei Textzeilen begeisterten anfangs: „Du bist nicht mehr Herz-Dame, Du bist höchstens noch Pik-Sieben.“ Super Partymusik, meinten die Studis, erwarben Tickets für einen Henning-Auftritt. Als Gag bemalten sie T-Shirts, erfanden den Namen „blinderherzclown“, eine Collage dreier Olaf-Hits. Aus einer spontanen Laune erwuchs ein ernst gemeinter Fanklub. „Eigentlich sollten wir in die Fanklub-Zentrale in Witten eingegliedert werden. Aber von Olaf bekamen wir eine Sondergenehmigung“, blickt Björn zurück. Na klar, Olaf Henning ist ja auch gebürtiger Mülheimer.
Mittlerweile stehen in der Klub-Liste 33 Namen, auch von Nicht-Studenten. Die T-Shirts sind professionell gedruckt und jeder Olaf-Abend wird zelebriert. „Wir treffen uns vorher, trinken ein paar Bierchen, trällern auf dem Hinweg ein paar Olaf-Lieder. Vor dem Auftritt quatschen wir ab und zu noch mit ihm“, erzählt Jens. Die Niveau-Frage stellen sich die Jungs und Mädels nicht. „Wir haben Spaß. Er hat Spaß.“
Auch gestern im Ringlokschuppen. Da stand der komplette „blindeherzclown“ und rief „Mülheim grüßt Olaf.“ Der antwortete, und der Jubel war groß. Wie immer.

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19.05.2000
Open-Air-Party nach dem Elfmeter-Krimi
Hupen, Fahnen, Musik: Türkische Fans feiern

Noch fünf Schritte bis zum kollektiven Freudentaumel. Der Ball liegt auf dem Elfmeterpunkt, die Hände von Zehntausenden türkischer Fußball-Fans auf dem Globus zittern. Popescu läuft an ... und verwandelt - Galatasaray Istanbul hat den UEFA-Cup gewonnen.
Im Ruhrstadion sind die Holzbänke für 300 Zuschauer kein Hindernis  die Fans hüpfen von oben nach unten, tanzen, küssen sich. Eine Werbeagentur hatte die Party organisiert und dafür in vielen Nachbarstädten geworben. Boris Walitza, Geschäftsführer des in Styrum heimischen Fußballklubs Vatan Spor, fühlt sich pudelwohl: Ein sehr stimmungsvolles Fest. Es macht sehr viel Spaß. Der komplette Vatan-Vorstand ist ebenso anwesend wie  sechs Spieler des Landesligisten. In den Halbzeitpausen dudelt türkische Musik durch die Lautsprecher. Die Tribüne dient als Mega-Tanzfläche. Selbst Tarkan hätte nicht für bessere Stimmung gesorgt. Nach dem goldenen Schuss im Elfmeterschießen geht es von den Sitzbänken auf den Rasen  Jubelschreie en masse.
23 Uhr, die Nacht ist noch jung. Die Eppinghofer Straße wird abgesperrt. Hupende Autos fahren vorbei, die Innenstadt ist in ein rot-gelbes Farbenmeer getränkt. Galatasaray-Fahnen und Türkei-Flaggen hängen aus den Wohnungen und Autos. Minutenlang wird der Kreisverkehr blockiert. Es war eine große Party. „Wir konnten vor unserem Lokal kaum gehen“, berichtet ein Wirt des Restaurants „Zum Bürgermeister“.
Erst ab Mitternacht schallen keine Hupentöne mehr durch die Straßen. Lediglich die Fahnen lassen erahnen, was passiert ist. Im Sommer findet die Europameisterschaft statt. Auch die Türkei ist dabei. Die türkischen Fans planen die nächsten Partys.
aer

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26.06.2000
Portugiesische Titelträume und türkische Trübsal
Fußball-Fans jubeln und trauern über bekloppte Trainer, neue Nationalhelden und einen parierten Elfer

Leise betritt der Spätankömmling den Raum. Der Zigarettengeruch vermengt sich mit dem Duft des türkischen Tees zu einem orientalischen Mix. Im EM-Viertelfinale Portugal gegen Türkei sind 44 Minuten gespielt.
„Wie steht's?“ Pssssst.... 1:0 für Portugal. Gerade ist das Tor gefallen. Die Vereinsfamilie des türkischen Klubs Vatan Spor sieht sich das Spiel gemeinsam an, im Cafe von Vereinsmitglied Münir. Hier ist nicht mehr Mülheim; hier ist Istanbul. Live-Atmosphäre. Nur die deutsche Reporter-Stimme von Reinhold Beckmann stört. „Den türkischen Sender empfangen wir hier nicht“, weiß Boris. Wimpel hängen an der Wand und Fotos. Ansonsten werden hier Karten gekloppt, jetzt langweilen sich Herz-Dame und Pik-Bube. König Fußball regiert. Spieler, Fans, Vorstandsmitglieder von Vatan starren auf den Bildschirm; schweigend, wie es sonst so gar nicht türkische Fan-Art ist. Die Mienen sind so betreten wie das Wetter, also verdammt trübe. Turan kommt von rechts: „Stell Dir vor: Alpay hat 'Rot' gesehen. Jetzt haben wir Unterzahl.“ Das Leben ist kurzweilig, erst recht der Fußball. Arif dringt in den Strafraum ein, 80 Personen springen auf, Teetassen fallen um, ein portugiesischer Abwehrspieler holt die unfaire Bremse raus: Elfmeter. Ein Jubelschrei durchzieht die Sandstraße, aus dem gegenüber liegenden Cafe Marama stürmen die Fans auf die Straße. Münir ordert eine Lokalrunde. „TÜR  KI  YE! TÜR  KI YE!“ Arif schießt selbst. Vier Schritte bis zum Ausgleich. Wir holen den Titel, durchschallt es den Raum. Arif läuft an... kurze Trippelschritte... vergurkt... gibt's doch gar nicht. „Unser Trainer ist bekloppt. Arif hat vorher noch nie einen Elfmeter geschossen.“
Jetzt wird's schwer. Der Schiedsrichter pfeift ab. Fünf Handys brummen und fiepen. Halbzeit-Analyse mit der türkischen Heimat. 0:1.
1:0. Drei Straßen weiter, in der Georgstraße, liegt das portugiesische Kulturzentrum. Ein Folklore-Straßenfest hat hier stattgefunden. Es riecht nach Sardinen und Stockfischbällchen. Ein Fest ohne Teilnehmer? Nein, alle sind drinnen. Dort liegt die Spannung. Hier schweigt niemand. Wer schweigt verliert. Ein Flair à la Lissabon. Von Istanbul über Mülheim nach Lissabon. Wahnsinn. Joao hat sich in seine grün-rote portugiesische Fahne vergraben. Muss dem warm sein. Toni ruft ganz laut im Dreier-Takt: POR TU  GAL. Die Menge stimmt ein.
Die Bude ist rappelvoll. Maximal 60 passen rein. 120 sind drin. Die Hitze ist eigentlich unaushaltbar. Eigentlich... Jeder portugiesische Spieler wird gefeiert, als würde der EM-Pokal schon in Südwest-Europa stehen.
Das Leder fliegt in den Strafraum, Nuno Gomes versenkt zum 2:0.
Eine Jubelorgie ist nichts dagegen, eine deutsche Fußball-Kneipen-EM-Party ein Langweiler. Die Südländer brauchen nicht mal Alkohol. Fünf Fans stürmen nach draußen, springen in ihr Auto und hupen. Türkische Fans werden im TV gezeigt. OOhhhh..... Ein portugiesischer Fan ruft ganz laut: „Türkiye!“ Die Menge lacht. Keine Spur von Mitleid.
Noch 25 Minuten sind zu spielen. Die portugiesische Mannschaft ist klar besser, vergibt eine Großchance nach der nächsten. Die Hände sind pausenlos am Himmel. Es bedarf dazu nicht der Hilfe eines Karnevals-Schlagers.
„FIGO!“ „BAIA!“ „SA PINTO!“ Portugal hat neue Nationalhelden. Die Mülheimer Fans jubeln. Vier Minuten noch, alle zählen mit, drei, zwei, eine... AUS!
Draußen gießt es in Strömen. Egal. Eine Erkältung riskieren nur wegen eines Fußball-Siegs? Aber klar doch, kein Problem. Jetzt werden die Hupkonzerte erst richtig laut. In der Heimat ist es jetzt bestimmt viel wärmer.
Ein Blick zu Münir. Sein Cafe  hat sich geleert, das Fernsehgerät ist ausgeschaltet. Die vorbeifahrenden portugiesischen Wagen werden ignoriert. Herz ist Trumpf.
Andreas Ernst

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18.12.2000
Schlagerstar kam, sah und gewann souverän das Spiel
Olaf Henning verabschiedete sich erst nach Mitternacht

Sie ist bunt, glitzernd, dauernd partybereit und friedlich, diese Schlagerwelt. Am Freitag nahmen 900 Fans in der Ruhr-Sporthalle ein Bad in der vermeintlichen Idylle. Olaf Henning kam, sang und gewann das Spiel.
Er sei der Shooting-Star am deutschen Schlager-Himmel, sagt ZDF-Grinse- und Schlager-Fachmann Uwe Hübner gern. 20 Jahre hat Olaf Henning am Zehntweg gewohnt. Dass er seinen Wohnsitz nun nicht mehr in Mülheim hat, verschweigt er besser. Er hat ein Heimspiel. 20.45 Uhr  im Nikolaus-Kostüm betritt er die Bühne, trällert seine Hits. Blinder Passagier, Die Manege ist leer. Ein Dankeschön-Konzert soll es sein. Schließlich hat Olaf die Oktober-Hitparade gewonnen. Der Erlös geht an ein Kinderheim. Welches? „Oh, da hab' ich spontan keine Ahnung“, gibt der Manager zu. Die Werbung scheint die Hauptsache zu sein.Übrigens ließ sich der Mülheimer Fanclub „Blinderherzclown“ breitschlagen, den Security-Dienst zu übernehmen. Bunte Schlagerwelt. . .
Olaf Henning gibt den Leuten das, wonach sie gieren: einen wummernden Bass, der am nächsten Tag noch im Schädel dröhnt, eingängige Melodien, die eigentlich immer ähnlich klingen, sowie Texte, die ausnahmslos von Herzschmerz handeln und meistens jede Art von Tiefsinn vermeiden. Sein neuester Hit heißt „Dicke Eier, Weihnachtsfeier“. Zeilen in anderen Songs lauten „Komm', hol' das Lasso raus, wir spielen Cowboy und Indianer“ oder wie in seinem ersten Hit  „Du bist nicht mehr Herzdame, Du bist höchstens noch Pik Sieben.“
Seine Fans stehen auf sowas. Sie reisten gar aus Brandenburg an. Dass Olaf Henning alle Titel offensichtlich begleitet vom Halb-Playback singt  ungewöhnlich für ein Live-Konzert  finden sie nicht weiter schlimm. „Der Olaf, der kann total geil Party machen.“
Die Fanschar wird offenbar größer. Vor vier Wochen erst begann die Werbung für das Konzert, in kürzester Zeit war die Halle ausverkauft. Viele junge Mädchen kreischen. Für den Mann, der in jedem zweiten Lied auffordert: „Und jetzt alle die Hände nach oben.“ Für den Mann, der 327 Mal in diesem Jahr auftrat und seinen Anhängern überall sagte: Ihr seid die Besten. Mit „Das Spiel ist aus (Game Over)“ wurde er am Samstag übrigens Dritter der ZDF-Jahres-Hitparade. Die Fans nennen ihn dafür Schlager-Gott.
Allerdings nur in den ersten drei Stunden des Auftritts: Weit nach Mitternacht ist es, da sind von den 900 Besuchern nur noch 200 da, einige haben viel getrunken. Der Manager betritt die Bühne. Wollt Ihr noch mehr Olaf Henning? Nein danke, es reicht.
Das Spiel, äh, Konzert ist aus. Game Over.
Andreas Ernst

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13.01.2001
Plauderer mit Stethoskop
Volker Pispers schonungslos

Sein Bauch wird runder, der Vollbart ist immer noch dran. Kabarettist Volker Pispers präsentierte im Rhein-Ruhr-Zentrum sein Programm „Damit müssen Sie rechnen“.
Vorreden braucht er keine. Er platziert sich neben einem Stehtisch und plaudert. Zweieinhalb Stunden lang legt Pispers das Stethoskop auf Politik und Gesellschaft und diagnostiziert ohne Einfühlungsvermögen für den Patienten. Er wirkt, in dem, was er sagt, wie ein Anhänger der Grünen – allerdings desillusioniert, seitdem diese Partei an der Regierung beteiligt ist. Er schont niemanden. Nicht die Opposition, aber schon gar nicht die rot-grüne Koalition. Auch nicht Gerhard Schröder, Lehrer, Ärzte oder die Deutschen allgemein („Deutsch - das ist ein genetischer Defekt“).
Die Sprüche des Trägers des Deutschen Kleinkunst-Preises sind zynisch, oft makaber. Er präsentiert den Zuhörern Zahlenspiele („Jeder Bürger gibt im Monat 14 Pfennig für die Abgeordneten aus. Und was nichts kostet, ist nichts“), springt schnell von Thema zu Thema; Volker Pispers macht es den 600 Kabarett-Interessierten im Cinemaxx nicht leicht.
Aber dank seiner brillanten Mimik und Gestik wird es nicht langweilig. In den zwei Teilen des Programms streift er alle wichtigen politischen Themen, wie die BSE-Krise („die dümmsten Bauern hatten den dicksten Landwirtschaftsminister“). Auch die CDU-Spendenaffäre und die Diskussionen um eine Leitkultur und um einen Rechtsruck in der Republik geraten in den Blickfang des verbalen Wadenbeißers.
Als Pispers das Thema NATO-Einsatz im Kosovo anspricht („Rudolf Scharping - vom Waschlappen zum Staatsmann. Das ist nur im Krieg möglich.“), lachen allerdings nicht alle im Saal. Es wird ruhiger. Volker Pispers begeistert nicht jeden.

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24.06.2002
Türkische Fans im Ozean der Glückseligkeit
Türkei im Halbfinale - Türkiye yari final

Von Andreas Ernst
Von diesen Hupkonzerten werden sie noch ein Weilchen träumen! Türkische Fußball-Fans verwandelten Mülheim am Samstag in einen rot-weißen Ozean der Glückseligkeit und machten den Tag zur Nacht. Die Türkei steht im Halbfinale der Fußball-Weltmeisterschaft - Türkiye yari final!
Zum Beispiel die Ulu-Moschee an der Feldstraße. 150, vielleicht auch 200 Fans haben sich versammelt, lassen die rote Fahne mit dem weißen Stern und dem weißen Halbmond wehen. Der Grillgeruch steigt in die Nase, doch das Fleisch verbrennt fast. Na klar, auch
der Grillmeister will gucken. Gebannt starren 300, vielleicht auch 400 Augen auf den Fernseher. Es läuft nicht wie geplant. Laut feuern die Fans ihre Spieler an, wie Yildiray Bastürk, der in Leverkusen spielt. "Yürü - yürü - yürü" (lauf, lauf, lauf) rufen sie ihm aus mehreren Tausend Kilometern Entfernung zu, um nach einem dummen Ballverlust mit trapattonihaften Gesten aufzuspringen. "Hayretya!" Das darf doch nicht wahr sein! So ein Mist!
Der Vorsitzende (auf türkisch: Baskan) der Ulu-Moschee, Musa Yeter, schlendert durch die Reihen, versorgt die durstigen Kehlen mit Tee und Kaltgetränken. "So viele Chancen", murmelt er. "Das gibt's doch nicht", ergänzt Enver Sen, Vorsitzender des Ausländerbeirats. Der Ärger richtet sich auf Hakan Sükür, Stürmer außer Dienst. "Der ist so schwach wie Bierhoff", mosert Ergin Yeter. Was für eine Beleidigung ...
Es fällt und fällt kein Tor. Torwart Rüstü ist der Star. Jede noch so leicht abgefangene Flanke wird mit Beifallstornados belohnt. Torhüter als Helden - schau nach bei Olli Kahn.
Verlängerung. Schweißgeruch. Dann eine Flanke von Ümit, ein Schuss von Ilhan - TOOOOR! "TÜR-KI-YE! TÜR-KI-YE!" 1:0 gewonnen! Ein Rockkonzert ist nichts gegen dieses wilde Rumgehüpfe. Auch neutrale Beobachter werden in den Jubelsturm einbezogen, umarmt, geherzt. Die Party kann beginnen: Den fertigen Döner in die Hand (er schmeckt wirklich!) nehmen, raus auf die Straße, rein in die Autos. Jubeln bis zur Heiserkeit.
Was-kostet-die-Welt-Stimmung! Die linke Hand auf die Hupe, in der rechten eine Fahne. Türkiye yari final!

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15.03.2003
Einfühlsames Klangerlebnis mit drei Gitarren

Ein weißer Stuhl steht auf der Bühne, drei Gitarren liegen davor. Ein Mann im Nadelstreifenanzug setzt sich, begrüßt 40 Zuhörer. Tom Liwa spielt im Ringlokschuppen. Solo und unplugged.
Ein Liedermacher, der beweist, dass Rock nicht oberflächlich sein muss. Ein grummelnder Romantiker, der laut Eigenaussage Romantiker hasst. Einer, der in seinen Träumen von Jürgen Möllemann gefoltert wird. Das ist Tom Liwa. Seine Texte können Nadelstiche sein, zu Diskussionen zwingen. Sie laden den Hörer aber auch ein, die Augen zu schließen, nichts zu sagen und sich wie im siebten Himmel zu fühlen. Einst spielte der Duisburger für die "Flowerpornoes", nun ist er 42 und seit einigen Jahren solo unterwegs. In Deutschlands Künstlerszene wird er geschätzt. Sein Publikum duzt er, und unterhält es in den Pausen zwischen den Songs mit leisen Geschichten aus seinem Leben.
Der Abend beginnt politisch, mit "Kylie und Jochen". Politik und Religion ("Frag nie wieder") sind die Themen - und natürlich Liebe. Das Stück "Faultier" schrieb er für seine Frau. Er erzählt das ("Faultiere sind sehr intelligent") - und seine Fans schmunzeln. 22 Stücke spielt Tom Liwa, die melancholischen Töne dominieren. Zum Beispiel in Höhepunkten wie "Für die linke Spur zu langsam", "Eskimo" oder "Julianastraat". Dort heißt es: "Diese Welt ist ein trauriger Platz, an dem man immer wieder vergisst, wie traurig man ist." Da wippt das Publikum einen Tick heftiger mit und klatscht ein kleines bisschen lauter.
Jeder Akkord ist ein Genuss, die einschmeichelnde Stimme ein Erlebnis. "Ich sitz gleich da vorn und rauch", deutet er nach Lied Nummer 22 auf die Treppe und verabschiedet sich. Die Fans schlendern vorbei, und danken ihm mit viel Applaus für zwei schöne Stunden.

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18.10.2003
Jürgens sucht eine Nische - und versucht es mit Romantik

Der Mann ist Schauspieler, war Berliner Tatort-Kommissar, bekam Preise für "RTL Samstag Nacht". Nun versucht sich Stefan Jürgens als Musiker und Kabarettist. Zur Eröffnung der Reihe "Kabarett im Zett" präsentierte er das Programm "Langstreckenlauf".
Auf der Bühne steht ein Klavier und ein Hocker. Jürgens kommt, begrüßt im Cinemaxx die Zuschauer und spielt.
Jürgens solo? Wie soll das gehen? Standby-Comedy ist seine Sache nicht. Er sucht eine Nische in der Kabarett-Welt - und meint, sie in einer Mischung aus melancholischen Klavier-Songs und witzigen Texten aus der Alltagswelt zumeist im üblichen Mann-Frau-Familien-Schema zu finden.
Das alles ist nicht nur aneinandergereiht, sondern soll Sinn machen. Welchen? Romantische Begriffe spielen die Hauptrolle, wie "Stille". In den Liedern wie "Boot aus Schlaf" sowieso, mit eindringlichen Natur-Bildern. In den Texten geht es rasant zu - so wird er von seiner Familie einmal durch Karstadt gejagt. Auch dabei bleibt er der einsame Rufer, der der permanenten Kurzatmigkeit entflieht, das Tempo drosselt. Er singt "Leise und ruhig dreht der Wind". Sagt "Zeit ist nicht nur Einteilung des Tages, sondern auch Stille, die Fülle der Erinnerungen".
Jürgens trägt sein drittes Soloprogramm vor, das aber nur wie ein weiterer 90-minütiger Gehversuch in der Solo-Welt wirkt. Die Witze sind mal gut und mal schlecht. Sein Beitrag zum Thema Ikea lautet: "Lebst Du schon oder schraubst Du noch?" Naja. Richtig witzig ist es nicht, aber auch nicht richtig melancholisch. Sich auf das Programm einzulassen und die Schnittmenge zwischen Liedern und Texten herauszuarbeiten, ist schwer.
In der Zugabe versucht Jürgens, das Programm nach einem angespielten Klavierstück ironisch zu brechen, indem er "Mein Gott, klingt das alles melancholisch" sagt. Indes: es gelingt nicht. Ein netter Versuch, nicht mehr. Jürgens erhält Applaus - aber keine Ovationen. Beides zu Recht.

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29.11.2003
Vorleseshow mit Appendix und "Golden Goal"
Horst Evers schloss die Reihe "Lach.haft" mit 15 witzigen Geschichten aus dem Alltagsleben ab

Sein Markenzeichen ist ein rotes Cordhemd, die Frisur erinnert an Manfred Krug. Horst Evers präsentierte zum Abschluss der Reihe "Lach.haft" in der Sparkasse sein Programm "Horst Evers erklärt die Welt".
Es kommt nicht oft vor, dass ein Humorist zu Beginn erst einmal sein Programm erklärt, und nicht die Welt. "Ich weiß nicht, ob Sie wissen, was auf Sie zukommt", begrüßt er die 70 Zuhörer. Und was kommt? Zwei einstündige Teile, in denen er im Stehen insgesamt 15 Texte vom Blatt abliest. "Vorleseshow" nennt er diese etwas andere Kabarettform, die unter anderem mit dem "Salzburger Stier" und der "Tuttlinger Krähe" ausgezeichnet wurde.
Die Geschichten heißen zum Beispiel "Zwei Plätze für Scholz", "Ich war der Appendix" oder "In Würde altern". Politisch sind die nicht. Sie behandeln Alltagsthemen. Die fasst der sehr schöne Text "Das große Spiel" zusammen, der in Evers Gehirn spielt. Vor 2,5 Millarden Gehirnzellen treffen die Teams "1. FC Horst jetzt reiß dich aber mal zusammen" und "VfL boarh bin ich kaputt" aufeinander. Das "Golden Goal" schießt der Stürmer "He lass mal n' Bier trinken gehen". 1:0 für den VfL.
Wenn Horst Evers in der Pause mit den Zuhörern am Tresen gestanden hätte, es wäre nicht aufgefallen. Er verbreitet den "Er ist einer von uns"-Charme, ohne dabei prollig zu wirken. Wer ihn anschaut und anhört, kann sich sofort vorstellen, wie er in Berlin in seiner Wohnung sitzt und sein Alltagsleben in Worte fasst.
Seine Texte haben einen trockenen Humor. Sich in Horst Evers kleiner Welt zurechtzufinden - der Programmtitel ist Ironie - ist manchmal anstrengend, aber doch witzig. Nach zwei Schmunzelstunden erhält er daher viel Applaus.
aer

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22.12.2004
Wenn der Ratssaal am East River liegt
Beim Planspiel "POL&IS" dreht sich alles um die große Politik und die internationale Sicherheit

Von Andreas Ernst
Treffpunkt Ratssaal. Der Regierungschef aus Japan und der Wirtschaftsminister Arabiens sitzen an einem Tisch und verhandeln. Ein geheimes Gipfeltreffen in Mülheim? Nein! Bis morgen führt die Willy-Brandt-Schule in Zusammenarbeit mit der Bundeswehr das Simulationsspiel "POL&IS" durch.
Jürgen Wolf, Jugendoffizier der Bundeswehr, läutet eine Glocke. Es wird ruhig. "Wir sind hier am East River in New York zusammengekommen, um den Ernteertrag des nächsten Jahres zu erfahren." Elf Wirtschaftsminister gehen zum Pult, nehmen nacheinander zwei Plüsch-Würfel in die Hand und schleudern sie auf den Boden. Eine "7" für Asien. Ernte: durchschnittlich.
Klingt kompliziert - ist es aber nicht. In den 70ern wurde das Planspiel zu Politik und internationaler Sicherheit entwickelt. Die Welt besteht darin aus elf Regionen, der UNO, der Presse, der Weltbank und NGOs wie zum Beispiel Greenpeace. Jedem Schüler wird eine Aufgabe zugelost, zum Beispiel Regierungschef oder Oppositionsführer. In Mülheim sind es 44 aus zwei Erdkunde-Grundkursen der Jahrgangsstufe 11 der Willy-Brandt-Schule.
Zu Beginn bekommen alle eine Ausgangssituation mitgeteilt - und dann wird verhandelt. Gespräche über geheime Geschäfte, Waffenlieferungen, Abrüstung, Kooperationen. Am Ende eines jeden POL&IS-Jahres wird in verschiedenen Bereichen Bilanz gezogen. "Wir schaffen in drei Tagen fünf bis sieben Jahre", erklärt Benjamin Wittekind, ebenfalls Jugendoffizier. Sieger gibt es nicht. "Am Ende wird analysiert", sagt Wittekind.
Beratend dabei sind die begeisterten Lehrer Mathias Kocks und Thomas Bremkes. Der Lerneffekt ist hoch: Die Schüler können ihr Wissen über Staaten und Organisationen sowie die UNO komplettieren und anwenden. Und sie gewinnen rhetorische Fähigkeiten, durch Vorträge vor dem Plenum oder in Gesprächen. "Es treffen zig Interessen aufeinander", sagt Kocks - und begibt sich zum Ozeanien-Tisch, um sich über die Entwicklungen "down under" zu informieren. Neben der China-Flagge sitzt Mirko Schumacher. Er trägt einen Anzug. Mit Krawatte. An seinem Revers pappt das Schild "Wirtschaftsminister". "Wenn man die Welt rettet, muss man sich auch so anziehen", sagt er. Anfangs war er skeptisch, genau wie Stefan Keienburg, der Kollege von der Presse. "Ich muss alles dokumentieren", sagt er. Beide sind nun mit vollem Elan dabei - acht Stunden am Tag.
Ab heute Abend wird im Ratssaal "nur" über lokale Themen gestritten. Japan und Arabien treffen sich woanders.

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27.12.2004
Wilde Weihnacht auf der Piste
Nach der Bescherung geht´s bis frühmorgens in den Ringlokschuppen

Von Andreas Ernst
An der Theke steht Michel und bestellt ein Bier. Links daneben Björn, ebenfalls gut gelaunt. Im Hintergrund läuft "Jump" von Van Halen, ziemlich laut. Ein normaler Freitagabend im Ringlokschuppen. Und doch nicht. Auf dem Kalender steht "24. Dezember".
Die Uhr zeigt 23.45 Uhr. Eine weiße Weihnacht - das wäre schön gewesen. Es nieselt ein bisschen, der Wind weht schwach bis mäßig. Die Massen strömen Richtung MüGa, Richtung Schuppen. Ein Schock, die Schlange geht bis draußen vor die Tür. Sie wird länger, jedes Jahr. Tobi, 24, geht "schon immer" hierhin. Heute kann er aber nur eine Stunde bleiben. Morgen geht es in den Skiurlaub. "Vor drei Jahren", erinnert er sich, "da war das lustig. Da haben wir morgens um sechs eine Schneeballschlacht gemacht." Blick zum Himmel. Schneeflöckchen? Nicht in Sicht.
Eine halbe Stunde anstehen, und rein ins Vergnügen. Der Weg von der Kasse bis zur Tanzfläche beträgt geschätzte hundert Meter, eine Sache von Sekunden. Nicht so bei der "Wilden Weihnacht". Hunderte von Leuten zwängen sich den Gang entlang. Von 18 bis 30 ist jede Altersklasse vertreten, dabei sind lässig gekleidete, auch ein paar mit Anzug. Und immer wieder der Satz "Heeeeey, du auch hier?" Nadine, 26, Broicher Abiturientin von 1997 studiert in Berlin. Der Heiligabend im Schuppen ist trotzdem gebucht. Ein Beispiel von vielen.
Halb eins, die Theken sind randvoll. Zweierreihen. Ein Bier hier, ein Bier dort. Viele Mülheimer Sportler sind da. Hockeyspieler, Fußballer. Ein Uhr nachts, die Tanzfläche ist erreicht, zahlreiche Unterhaltungen später. Ein Blick hoch zum DJ-Pult. Seit fünf Jahren stehen dort die Brüder Christian und Michael Knöpfel, diesmal gemeinsam mit Markus Kesch. "Auf eine Musikrichtung festlegen können wir uns hier nicht", brüllt Michael. Er spielt hintereinander "Eine neue Liebe ist wie ein neues Leben" von Jürgen Marcus und REM's "Losing my religion". "Wie spät ist es?", fragt er. Zwei Uhr. "Zeit, um mal wieder einen Zwischenspurt einzulegen. Wenn alle mitsingen, das ist das Größte." Er schmeißt die Ärzte-CD in den Player - "Zu spät".
Halb drei, eng ist es immer noch. Das T-Shirt ist durchtränkt mit verschüttetem Bier. Auf Cola beschränken sich nur wenige. Von Geschenken spricht niemand - nur von Partyyyyy. Tanja, 26, nippt an ihrem Glas und philosophiert um drei: "Eigentlich ist es doch so wie immer. Wie in jedem Jahr. Viele Leute hier, ein bisschen was trinken." Sie besucht den Schuppen nur einmal im Jahr. Heiligabend. So geht es vielen. Noch einmal ein Blick zu den DJs. Sie bleiben bis sechs Uhr. Der 1. Weihnachtstag wird im Bett verbracht. Aber so geht das den meisten. Draußen regnet es immer noch. Von Schnee keine Spur.
Nachts in Mülheim. Die Straßen sind verlassen. So mancher Weihnachtsbaum leuchtet durch
die Fenster, ruhig fließt die Ruhr. Ein Rundgang durch das Zentrum. Vorbei geht es am "Starclub" an der Kohlenstraße. Die "Old School"-Party liegt um vier in den letzten Zügen. Noch immer ist die Tanzfläche voll. Vor dem "Ballermann" an der Sandstraße steht die Polizei, es gab eine Schlägerei. Genauso wie im Ringlokschuppen. Fest des Friedens, der Liebe?
Fünf Uhr morgens. Das Bett ruft. Noch  364 Tage bis zum nächsten Heiligabend. Dann geht es wieder um 23.45 Uhr auf die Straße, in Discos. Eine etwas andere Weihnachts-Tradition.

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9.2.2005
Ein letztes Mal "Viva Colonia"
OB Mühlenfeld findet Rathausschlüssel fix

Noch einmal hatten sich alle versammelt - ein bisschen heiser, ein bisschen müde, aber immer noch verdammt gut gelaunt. Karnevalsprinz Maik I. übergab den Rathausschlüssel zurück an Oberbürgermeisterin Dagmar Mühlenfeld.
In den Rittersaal des Schlosses Broich hat Mühlenfeld die Narren gebeten. Erstmals. "Hier ist es einfach schöner", sagt Hauptausschuss-Vorsitzender Heiner Jansen bei seiner Begrüßung. Das Ornat sitzt immer noch wie angegossen. "Es war eine sehr schöne Session, mit einem tollen Zug."
Dagmar Mühlenfeld hat die Bürgermeister Markus Püll und Renate aus der Beek mitgebracht, quasi als städtisches Dreigestirn. "Sorgen um die Schlüssel habe ich mir nicht gemacht", sagt die OB und lobt den TV-Auftritt des Teams am Rosenmontag: "Ihr habt den karnevalistischen Anspruch der Stadt gut vertreten."
Der Fanfarenzug der KG Düse marschiert ein. "Es weiß ja jeder", sagt Maik I., "die Schlüsselabgabe ist so etwas wie der Abschluss. Am liebsten würde ich ihn gar nicht abgeben." Deshalb hat er ihn mit Handschellen festgeschnallt. Den kleinen Schlüssel dafür muss Dagmar Mühlenfeld suchen. Sie findet ihn nach wenigen Sekunden. Hofmarschall Lothar Schwarze hat ihn um seinen Hals geschnallt. Auch den Kinderprinzen Patrick II. erspäht sie schnell zwischen dem Fanfarenzug und luchst ihm seinen kleinen Rathausschlüssel wieder ab.
Heiser, müde und gut gelaunt heben alle noch einmal die tolle Session hervor und hoffen auf ebenso viel Engagement in den nächsten Jahren. Ein letztes Mal stimmt der Fanfarenzug "Viva Colonia" an. Und ein letztes Mal ruft Heiner Jansen das dreifache "Uss Mölm Helau".

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17.3.2005
Gemeinsam ins Tandem-Praktikum
Remberg- und Luisenschule: Behinderte und Nichtbehinderte gehen in die Betriebe

In Raum 106 der Luisenschule pauken eigentlich Achtklässler Französisch-Vokabeln. Diesmal geht es aber nicht um die Konjugation des Verbs "regarder". Bei Saft und Keksen lernen sich die Teilnehmer des Tandem-Praktikums mit der Rembergschule für geistig Behinderte kennen.
Philipp, Moritz, Mareike, Lutz und 14 weitere Schüler sitzen rund um die Tische und hören den betreuenden Lehrern Lars Metelmann (Rembergschule) und Norbert Niechoj (Luisenschule) zu. Auch Luisenschul-Leiter Bernd Troost sagt ein paar Worte.
Zum vierten Mal gibt es diese ungewöhnliche Zusammenarbeit. Im Rahmen ihres Berufspraktikums in der Jahrgangsstufe 11 haben sich neun Luisenschüler aus drei Pädagogik-Kursen gefunden, die mit ihren gleichaltrigen Kollegen in die Betriebe gehen. "Für uns war es immer schwer, Praktikumsplätze zu finden", sagt Lars Metelmann. "Die Betriebe hielten den Aufwand für zu groß und konnten keine Assistenten stellen." Durch die Zusammenarbeit mit dem Gymnasium ist das anders.
Beim ersten Treffen finden sich neun Pärchen. Sie werden nach den Osterferien zusammenarbeiten. In diesem Jahr stehen ein Cafe´, zwei Gärtnereien, ein Kindergarten, Tengelmann, Rewe, Kaufhof, Mc Paper und die Stadtbücherei auf der Liste. In der ersten Woche des Praktikums begleiten die Gymnasiasten ihre Partner im Alltag an der Rembergschule. Dann geht es zwei Wochen lang in die Betriebe. Lars Metelmann fragt jeden einzelnen nach seinem Spezialgebiet. Pascal hat sich Rewe ausgesucht. Als Partner meldet sich Christian.
Die Resonanz war bisher stets positiv. Bei den Schülern sowieso, und auch bei den Betrieben. Das ergab eine anonyme Umfrage im letzten Jahr. Inzwischen gibt es 16, die sich bereit erklärt haben, Praktikanten aufzunehmen. "Wir haben die Auswahl", freut sich Metelmann. Die Nachbereitung ist unterschiedlich. Das Thema "Behinderung" taucht im Lehrplan erst in Jahrgangsstufe 12 des Pädagogik-Unterrichts auf. An der Rembergschule gibt es Gesprächsrunden und Praktikumsmappen.
Die Vorfreude und Spannung jedenfalls ist groß. Bei allen Schülern.
aer

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1.6.2005
Entlassungsparty endete in Untersuchungshaft
28-Jähriger ging mit Nagelschere auf seinen Vater los

Von 28 Lebensjahren verbrachte ein Mülheimer fast fünfeinhalb im Gefängnis. Nun kommen noch einmal 15 Monate hinzu - wegen schwerer Körperverletzung an seinem Vater.
Gesenkten Hauptes sitzt der große Mann auf der Anklagebank. Er trägt ein schwarzes Shirt mit der Aufschrift "Germania", seine Haare sind kurz geschoren. An Handschellen wird er in den Saal geführt. Richter Bernd Fronhoffs erkennt ihn beim zweiten Hinsehen - ein alter Bekannter.
Am 17. Dezember wurde er aus dem Gefängnis entlassen. Wieder einmal. Sein Vater und ein Freund holten ihn ab. Das Trio besorgte einen Kasten Bier und eine Flasche Jack Daniels Whisky. In der Wohnung des Vaters hörten die drei laute Musik von den Böhsen Onkelz und tranken. "Ich wollte mir einen schnasseln", bezeichnet das der Angeklagte. Sein Vater beließ es bei ein, zwei Bier und der Freund - sagt der 28-Jährige - "hat trinktechnisch früh den Geist aufgegeben". Also schüttete er sich den Alkohol fast alleine in die Kehle.
Unter anderem wegen Körperverletzung ist er vorbestraft, und genau zehn Stunden nach seiner Entlassung rastete er wieder aus. Als der Vater ihm "Mach doch mal die Musik leiser" zurief, wurde der Angeklagte gewalttätig. Er ging mit einer Nagelschere auf seinen Vater los, mit zwei Promille, wie die Blutuntersuchung ergab. Mit einer Augenhöhlen- und Halsprellung, Nasenbluten und Schürfwunden musste der Vater zur ambulanten Behandlung ins Krankenhaus. Der Sohn kam in U-Haft - eine misslungene Party. Bei der Urteilsverkündung ist der Vater auch im Saal. Seit der Tat herrscht Funkstille. "Es tut mir von ganzem Herzen Leid", sagt der 28-Jährige. Im Gefängnis habe sein Mandant geweint, sagt der Anwalt. Die Strafe von einem Jahr und drei Monaten ohne Bewährung akzeptieren sie. Hinter Gittern nimmt der Mülheimer an Sitzungen der Anonymen Alkoholiker teil. "Es liegt an ihnen", sagt Richter Fronhoffs. "Sonst sieht das bald finster aus."
aer

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4.6.2005
Die Kirche kommt zum Menschen
In der Mülheimer Fußgängerzone haben die Katholiken einen "Laden" eröffnet

ANMERKUNG:
Dieser Text erschien im WAZ-Mantelteil auf der Seite "Ruhrgebiet" im Rahmen einer Kirchen-Serie. Er wurde also von Hunderttausenden gelesen!

DIE SERIE: Nach dem überwältigenden Echo auf den Tod des alten und die  Wahl des neuen Papstes ist schon von einer "Renaissance der Religion" die Rede. Die WAZ-Serie "Kirche 2005" beleuchtet den Alltag der beiden großen Kirchen im Revier - einen Alltag, in dem es viel Schatten, aber auch viel Licht gibt.

Von Andreas Ernst
WAZ Mülheim. Mitten in der Mülheimer Innenstadt. An einem normalen Nachmittag schlendern Jung und Alt durch die Fußgängerzone. Eine Nebenstraße heißt Kohlenkamp. Und dort, zwischen einer Bank und einem Juwelier, steht ein etwas anderes Geschäft: die katholische Ladenkirche.
Ein Kirchengebäude? Ist das nicht etwas mit Turm und Glocken? An der Tür steht Hans Herbrand, einer der ehrenamtlichen Mitarbeiter. Eine Rundführung durch die 60-Quadratmeter-Kirche: Im ersten Raum gibt es Bücher, Postkarten, Snacks. Ein Bildband über Papst Benedikt XVI. liegt natürlich schon auf einem Tisch. Und dahinter ist der "Raum der Stille". Auch Stadtdechant Manfred von Schwartzenberg ist da. Eine Ausstellung in der Ladenkirche wird eröffnet. Programm gibt es also auch.
Kirchenaustritte, leere Sitzbänke bei Gottesdiensten, das ist der Alltag. "Wenn die Menschen nicht in die Kirche kommen, muss die Kirche zu den Menschen kommen" - dieses Motto ist ein schöner Satz. Aber wie lässt sich das umsetzen? Mit der Ladenkirche zum Beispiel. Herbrand, von Schwartzenberg und viele weitere aus dem "Sachausschuss Ladenkirche" stehen rund um die Büchertische. In kurzer Zeit haben alle die beiden Räume renoviert und gefüllt. Nach nur zweimonatiger Umbauzeit eröffnete die Ladenkirche am 27. November 2004 - und das ohne jegliche Unterstützung aus steuerlichen Mitteln, sondern nur mit Hilfe von Firmen und Spendern. "Das war eine Basis des absoluten Wollens", sagt von Schwartzenberg. Die Küchen-Einzelteile erstanden die Mülheimer im Internetauktionshaus Ebay, die Möbel sind secondhand, und die monatliche Miete ist günstig - der Besitzer ist katholisch. Unterstützung aus Kirchensteuermitteln gibt es immer noch nicht.
Die Ladenkirche will auch an die drei Wesensäußerungen der Kirche anknüpfen: Verkündigung, Caritas und Gottesdienst. Verkündigung bedeutet Gespräch über Gott und die Welt. Aber das alles geschieht trotz der City-Lage unaufdringlich. "Wir laufen nicht mit der Gießkanne durch die Stadt, um die Leute zu taufen", sagt von Schwartzenberg. Und Caritas? Das heißt, dass die ehrenamtlichen Helfer - im Moment sind es 40 - die Gesprächspartner an weitere Institutionen der Kirche weiterverweisen, zum Beispiel die Ehe- und Familienberatung. Berater kommen zu bestimmten Zeiten. Ein Trauercafe´ findet ebenfalls statt.
Und Andachten gibt es auch in der Ladenkirche. Werktags um 12 Uhr und zusätzlich am Donnerstag um 17 Uhr versammeln sich die Katholiken im "Raum der Stille". Eine Evangelische Ladenkirche gibt es auch in Mülheim, ein paar Straßen weiter, am Rand der Innenstadt. Die eröffnete im Juni 2004. "Vielleicht kommen einmal Zeiten", sinniert Manfred von Schwartzenberg, "in denen eine Kooperation möglich ist". Noch anderthalb Jahre läuft der Vertrag. In Zeiten von XXL-Gemeinden ist die Ladenkirche eine Art "Wohlfühl-Projekt". "Wir sind nicht bereit zu resignieren und wollen optimal mit den Zwängen umgehen", sagt der Stadtdechant.
Im abgedunkelten "Raum der Stille" stehen die Stühle im Halbkreis um die weiße Kerze, die hell leuchtet. Und rund um einen Tisch mit einem Fürbittenbuch. "Ich möchte beten für junge Leute, die Not leiden", steht darin. Oder auch: "Ich danke für das gute Gespräch." In der Fußgängerzone gehen die Leute rauf und runter. Davon ist im kleinen Raum gar nichts zu spüren.
Ladenkirche, Kohlenkamp 30, 45468 Mülheim,  0208/2999678, Öffnungszeiten: Mo. bis Fr., 10 bis 18 Uhr, Sa., 10 bis 14 Uhr, www.ladenkirche-muelheim.de

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11.6.2005
"Allein" - ein Film von großer Intensität
Thomas Durchschlag erhält den Ruhrpreis

Es ist ein schöner Vormittag in Köln, direkt am Hansaring. Eine Filmrollenlänge entfernt vom S-Bahnhof strahlt die Sonne ins Cafe? Schmitz. Thomas Durchschlag wartet schon, er schlürft einen Milchkaffee. "Im August", sagt der Mülheimer Filmemacher zur Begrüßung, "da kommt ,Allein´ ins Kino."
Im August also. Und jetzt gerade? "Im Moment schreibe ich an meinem zweiten Drehbuch." Halt, stopp, nicht so schnell. Thomas Durchschlag? Wer ist das überhaupt? Ein Mülheimer, der auf der linken Ruhrseite groß wurde. Dessen Eltern noch in Broich wohnen. Der das Gymnasium Broich besuchte, und mehr schlecht als recht mit dem Abitur im Jahre 1994 abschloss. Als er in Klasse elf war, wollte er einen Schülerstreik anzetteln. Eine von ein paar Erinnerungen, die hängen blieben.
Jetzt ist er 30, sitzt im Cafe? und putzt seine heuverschnupfte Nase. An Filme dachte er zu Oberstufenzeiten noch nicht. Schon eher ans Fotografieren. Nach einer kurzen Zeit bei Radio Essen war er außerhalb der Schule kaum einmal ohne Kamera anzutreffen. Er knipste für lokale Blättchen und begann ein Studium in Essen im Fach "Kommunikationsdesign". Dass er von der kleinen zur großen Kamera fand, lag auch am Kino Rio. Er jobbte zwei Jahre lang als Filmvorführer. Eine Arbeit, die für ihn keine Arbeit war. "Umsonst ins Kino zu gehen, das war eine tolle Zeit. Ich habe 150, 200 Filme gesehen." Und sein Entschluss stand fest.
Ab zum Film.
"Ich bin in Pressegesprächen nicht so der Erzähler", sagt Thomas Durchschlag. Er ist einer, der direkt auf den Punkt kommt und bitterernst gucken kann. Der aber auch eine durchdringende und ansteckende Lache hat. Und dann erzählt er weiter. Er kann das nämlich doch.
Er zählte zu den Fünf, die 2001 an der Kunsthochschule für Medien in Köln aufgenommen wurden, lernte bei bekannten Namen. Bei wem? Egal, Prominenz bedeutet ihm wenig. "Ich will Kinofilme machen." Ein einfaches Motto. Seine Karriere begann mit drei Kurzfilmen. "Beziehungen zwischen Menschen interessieren mich. Die will ich erzählen. Und das fand ich an den Filmen im Rio immer so toll."
In den letzten anderthalb Studienjahren schrieb er am Drehbuch von "Allein". Das wurde dann vom WDR und der Filmstiftung NRW mit insgesamt 800 000 E gefördert. "Allein" ist das einfühlsame Porträt der Studentin Marie, die am Borderline-Syndrom leidet und deren Leben geprägt ist durch die Sucht nach Nähe und durch Exzesse mit Sex, Tabletten und Alkohol. Durchschlag drehte den Film in 23 Tagen mit seinen Wunsch-Schauspielern Lavinia Wilson und Richy Müller in den Hauptrollen. Wenige Schnitte zeichnen den Film aus. "Es geht nicht darum zu zeigen, was man kann. Der Film ist reduziert auf die Geschichte und Figuren. Er hat eine große Intensität."
Durchschlag drehte überwiegend in Essen. "Eigentlich", sagt er, "könnte er in jeder Großstadt spielen. Aber das Ruhrgebiet ist nicht so designed, hat seinen eigenen Charme." Er wohnt in Köln. Mülheim nennt er aber "meine Heimat". Sein Vater hat im Film eine Nebenrolle. "Naja, Nebenrolle. Er latscht einmal durchs Bild." Da lacht der Regisseur durchdringend.
"Allein" lief bei den Filmfestivals in Hof, Saarbrücken, Rotterdam, San Francisco. Und bei der Berlinale im Beiprogramm. Bald fliegt Durchschlag nach Seattle. Landauf, landab wurde das Debüt gefeiert, zum Beispiel als "tief beeindruckend" (Saarländischer Rundfunk) oder als "schnörkellose Charakterstudie, behutsam und melodramatisch erzählt, von einer sinnlichen Eleganz" (Süddeutsche Zeitung). Berlinale, roter Teppich, Klatschblätter. Schickimicki!? "Wie, Schickimicki?" Diese Frage versteht Durchschlag nicht. Das Wort taucht in seinem Wortschatz wohl nicht auf. Er schaut ein bisschen grimmig, fast verärgert.
Kann sich ein Regisseur Ziele setzen? Zum Beispiel Preise? "Ich will einen nächsten Film machen."
Im August also kommt "Allein" ins Kino. Ins Rio auch? "Vielleicht", sagt Durchschlag. "Wäre schön." Er trinkt seinen Kaffee aus und geht. Zurück zum Drehbuch.

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Und es hat ZOOM gemacht! Die neue Jugendseite der WAZ Mülheim!

Zoom 1

26.8.2005
Eure ZOOMer: aer, km, a.ha, jul

Zoom 2

"Jetzt legt doch mal die Hände aufeinander", sagt der Fotograf. "Und guckt ein bisschen freundlicher". Julia (jul) ist ganz unten, hat bestimmt das Zahnpasta-Lächeln aufgelegt - knipsknips macht es zwischendurch - darüber Andrea (a.ha) und Kristina (km), auch mit einem fetten Lachen, ziemlich lustig geht's zu. Und ganz oben ich, Andreas (aer), naja, könnte freundlicher gucken, aber ein Grinsen muss reichen.
"Lacht doch mal, lacht doch, ist für eure erste Seite." Jaja, der Fotograf hat gut reden. Erstmals macht's "Zoom". Das e r s t e Mal. Wie sieht die Seite wohl aus, wenn sie gedruckt ist? Blau, okay. Zu blau!? Und wie kommt sie an? Interessant genug? Knipsknips macht es; Julia , Andrea und Kristina können kaum noch hocken. Wir sind's, die Zeitungsmacher, wir sind's, jene kleine Randgruppe, die Woche für Woche die besten Partys, die interessantesten Geschichten und die witzigsten Hintergründe sammelt, wir sind's, die mal heimlich, still und leise, mal neugierig und auffällig mit Block in der Hand durch die Straßen der Stadt schleichen, die Theken und Tanzflächen Mülheims verunsichern, die Preise vergleichen undundund. . . Schaut nach oben - sooooooo sehen wir aus. Der Fotograf knipst ein letztes Mal. Jetzt hat er das perfekte Bild. Julia, Andrea, Kristina, Andreas, von unten nach oben. "Wie die vier Daltons", sagt der Kerl an der Kamera und lacht laut. Mist, dann wäre ich ja Averell.
Vier sind wir. Aber alleine ganz bestimmt nicht fantastisch. Wir haben nur acht Augen, IHR, für die unsere Seite bestimmt ist, viel, viel mehr. Mailt uns, klickt auf unsere Internet-Seite, tragt euch ins Forum ein. Schickt uns eure Lieblinge, Eindrücke, Tipps, Kritik, Fotos, füllt unsere Rubriken. Sprecht uns an. Werktags, wochenends, im Laden auf der Sandstraße, im Schuppen, im AZ, im StarClub, im Festival Garden. . . info
Hier landet ihr direkt bei uns: www.waz.de/zoom-mh - redaktion.muelheim@waz.de - Eppinghofer Straße 1 bis 3 -  44 308 31.

Zoom 3

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31.8.2005
Wikinger entern die Freilichtbühne
"Wickie und die starken Männer" wird ab Freitag insgesamt sechsmal aufgeführt

Anmerkung: Das ist ein "ganz normaler" Dienstag-Text nach einer PK (Pressekonferenz)

Von Andreas Ernst
Nein, die Wikinger haben Mülheim nicht erobert. Zumindest die Freilichtbühne ist ab Freitag aber besetzt. Sechsmal heißt es dort "Wickie und die starken Männer".
Mitten auf der Ruhr. Die Crew des Westfälischen Landestheaters und Horst van Emmerich vom Verein der Freunde der Freilichtbühne schippern bei traumhaftem Sommerwetter im Boot übers Wasser. "Schön hier, oder?", fragt van Emmerich. Und alle nicken.
Auf dem Leinpfad geht eine Kindergruppe spazieren. Die Schauspielerin Mariam Kurth alias Wickie hat ihren Wikingerhelm gar nicht abgenommen, spricht sie an und plappert munter drauflos. Und Gerrit Pleuger, die Ylva und Orne spielt, steht im Pelz daneben und improvisiert mit. Am Ende erklingt das Wickie-Lied, das nun wirklich jeder kennt. "Hey hey Wickie - hey Wickie hey" - und da singt sogar die ganze Bootsbesatzung mit.
Sechsmal vom 2. bis zum 11. September wird das Stück auf der Freilichtbühne an der Dimbeck aufgeführt. Das Stück, das jeder kennt. Die Kinder, da die Serie oft wiederholt wird. Die Eltern, weil sie einst die Erstausstrahlung von "Wickie" im Fernsehen erlebten. Und die Großeltern, weil sie daneben saßen. Wickie, das ist der kleine, ein eher ängstlicher Typ inmitten der großen, starken Wikinger. Der aber mit Hilfe seiner gewitzten Einfälle den Großen und Starken trotzt. "Emanzipation gegen die Eltern, aber auf charmante Art", nennt das Dramaturg Peter-Adrian Krahl.
Horst van Emmerich freut sich auf das Stück, freut sich auf das westfälische Landestheater. Und doch verfolgt er ein Hauptziel: Er will die Freilichtbühne sechsmal so voll wie möglich sehen. "Damit das einigermaßen kostendeckend läuft", sagt er. Und dazu spricht er entlang des Leinpfads jeden an - selbst Rentner, die mit Wickie noch nie etwas zu tun hatten. "Kommen Sie! Sie sind herzlich willkommen", ruft er ihnen zu. Und sagt dann: "Ich bin so oft angerufen worden wie vor keinem anderen Stück." Hartmut Pönitz, "Mädchen für alles" in der Freilichtbühne, erzählt, dass sich Kindergeburtstage angekündigt hätten. So sieht Optimismus aus. Van Emmerich und Pönitz planen auch schon für 2006. Roberto Ciulli und das Theater an der Ruhr haben sich angekündigt. Halt, erst einmal zählt aber nur Wickie.
Das Stück ist für Kinder ab sechs gedacht. Gespielt wird auch bei Regen. Und damit es auch neben der Freilichtbühne etwas zu sehen gibt, hat Pönitz ein Wikingerlager organisiert. Aus ganz Deutschland kommen Wikingerdarsteller, die Zelte aufbauen, eine Schatzsuche veranstalten. "Die Kinder sollen nicht in erster Linie nur zum Konsumieren in die Freilichtbühne kommen", sagt Hartmut Pönitz.
"Esst immer viel Gemüse und Obst", brüllt Darstellerin Mariam Kurth einer Kindergruppe zu - und steckt sich danach eine Zigarette an. Darauf ein lautes "Hey Wickie Hey".

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16.9.2005 - für ZOOM !!
Politiker in Bedrängnis
Eine Schüler-Diskussion mit Kandidaten. Aber ohne Applaus-O-Meter

Von Andreas Ernst
An der Eingangstür hängt ein Plakat. Handgemalt, mit Edding vermutlich. "Politische Diskussion"
steht drauf, im Raum D05/D08 im Berufskolleg Lehnerstraße. Blick auf die Uhr. 9.25 Uhr,
Mist, spät dran. Vor fünf Minuten ging es los.
"Wo ist das? Wo ist der Raum?" Schnell durchgefragt, links die Treppe hoch. Klausuren werden dort sonst geschrieben, sagt mir jemand. Heute sitzen fünf Politiker bei ihrer mündlichen Prüfung. Vor 300 Schüler-Lehrern. Bestimmt 300. Wo ist noch Platz? Jemand deutet auf einen leeren Stuhl. Ach nee, von hinten ist der Blick gut. 300! Wahnsinn!Eine freiwillige Sache? Nur weil zwei Unterrichtsstunden ausfallen? Hey, es ist sogar leise. Politik an der Schule - ich hab's unterschätzt. Auf dem Podium zwei Lehrer. Rechts die schwarz-gelbe Möchtegern-Koalition mit Ulrike Flach (FDP) und Heiko Hendriks (CDU). Und links die rot-rot-grüne Podiumsfraktion mit Matthias Kokorsch (Linke), Hartmut Kremer (Grüne) und Anton Schaaf (SPD). "Wow, der Kokorsch ist wirklich von einer Partei", sagt jemand. Stimmt, sieht eher aus wie ein Schülervertreter. Maximal 25 ist der.
Rechts an der Tafel stehen weiß gekritzelt die Themen. Punkt eins läuft schon. "Arbeit". Und dann noch "Sozialpolitik", "Energie", "Familie", "Steuern". Ganz schön viel vor für zwei Stunden.
Erste Statements. Von rechts nach links. Hendriks, Flach und der Rest. "Glauben Sie keinem Politiker, der ihnen verspricht, Arbeit zu schaffen. Das können nur Unternehmer", sagt Schaaf. Applausapplausapplaus, als hätte es Kermit, der Frosch befohlen. Ein Applaus-O-Meter wäre nicht schlecht. Wer bekommt den meisten, den lautesten, den längsten? Gefühlt sind das eher die drei links der Lehrer. Rot-rot-grün quasi. "10 Prozent besitzen 65 Prozent des Volksvermögens." Die Schüler buhen!
Witzig. Nach jedem Statement Applaus. Oder nicht. Die Schüler hören zu, denken mit, reden mit. "Ich hätte gedacht, dass es langweilig wird", sagt Benedikt, ein Veranstaltungskaufmann, der die ganze Diskussion mit seinem Kurs organisiert hat. Engagement pur. Die Unterschiede der Parteien werden deutlich. Heikles Thema Studiengebühren. "Die sind asozial", sagt Kokorsch und bekommt donnernden Applaus. Frau Flach, die Bildungspolitikerin, hält ein kurzes Plädoyer für Gebühren. Naja, das Applaus-O-Meter wäre arbeitslos in diesem Moment. Stefan meldet sich. "Ich habe das CDU-Wahlprogramm gelesen. Und nur einen Punkt zur Bildung gefunden, nämlich dass Reli-Unterricht ordentliches Unterrichtsfach werden soll." Er schaut Hendriks an. "Bildungspolitik ist eben Ländersache", beginnt der seine Antwort. Am schwersten hat es Kokorsch, der Vertreter der Linkspartei, ganz links. Rhetorisch kommt er gegen die abgebrühten, erfahrenen Politiker nicht an. Und doch ist er so etwas wie der Sympathieträger des Plenums. "Einer von uns", sagt so mancher. Die nächste Meldung. Eine Schülerin. "Wenn hier geredet wird" - und deutet nach links - "dann wird dort" - und deutet nach rechts - "gelacht, vor allem bei Herrn Kokorsch. Ich finde das geschmacklos". Riesen-Applaus. Politiker in Bedrängnis.
Ein Finger nach dem anderen springt in die Höhe. Von gefühlt 15 Fragen gehen gefühlt 16 an Hendriks von der CDU. "Es ist schön, dass wir so gefragt sind", sagt der Unternehmensberater leicht ironisch. Er weiß genau, dass die meisten die CDU-Pläne eher kritisch sehen. Warum er selbst keine Azubis hat, wird er gefragt. Politiker in Bedrängnis, Teil zwei.
Was, nur noch ein paar Minuten? Und gerade hat erst Themenkomplex drei, nämlich die Energie, begonnen. Die linke Seite predigt gegen Atomenergie, weist auf den noch 100 000 Jahre strahlenden Atommüll hin. Und rechts werden die preiswerten Vorteile gelobt. "Wo bitte ist Atomenergie günstig, wenn wir 100 000 Jahre die Scheiße am Arsch haben!?", sagt einer zu Flach. Applaus!
Anderthalb Stunden sind rum. Gonggonggong. "Ich wusste schon vorher, was ich wähle", sagt Benedikt. Andere nicht. Eins ist klar: Wer glaubt, alle Jugendlichen wären nicht an Politik interessiert, der hat keine Ahnung.

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7.10.2005 - für ZOOM !!
Mein Liebling...

"Cheers", immer nachts um halb eins, direkt nach Heiner Bremer auf RTL. Eine Bar in Boston, in der sich das Leben um Besitzer "Mayday Malone", einen ehemaligen Baseball-Spieler der Red Sox drehte. Und um die Barkeeper Woody und Coach, die Kellnerinnen Carla und Diane sowie die Dauer-Gäste Norm, Cliff und Frasier. Wenn Norm die Bar betrat und mit einem lauten "NOORM!!" aus gefühlten 1000 Kehlen begrüßt wurde, dann sank ich beruhigt im Sessel zusammen und sammelte Kraft für den nächsten Schultag. Im August des letzten Jahres - so ergab die Urlaubsplanung - ging es nach Boston. In die Cheers-Stadt. INS Cheers. Ins Original. Neben der Bar ist das ein Riesen-Merchandising-Shop und ein wenig enttäuschend. Und doch fand ich etwas, was mich auf Anhieb umhaute. Einen Cheers-Baseball mit "Mayday Malone"-Autogramm. Nun liegt er auf meinem Fernseher und fast jeder, der meine Studi-Bude betritt, muss zuerst den Fang-Test bestehen. Übrigens: Cheers kommt wieder. Auf Kabel 1. Nachts um zwei.

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August / September / Oktober / Dezember
GUTEN MORGEN

ANMERKUNG: "Guten Morgen" heißt die zweispaltige Notiz auf der Lokalteil-Titelseite, die jeden Tag erscheint und redaktionsintern "Spitze" genannt wird! Jeder darf seinen Senf dazu beitragen! Der Inhalt? Ganz kleine Alltagsgeschichte plus Pointe...

WAZ / 22.8.2005
Fast 30
Oh je, es ist soweit.Ich werde ALT! Als 27-Jähriger ist die Erkenntnis womöglich verfrüht, aber das erste Zeichen bekam ich Samstag. Ich weilte im Ringlokschuppen, aber nicht zu irgendeiner Party, sondern bei der "Wilden 30". DREISSIG! Und leider fand ich den Großteil der Musik auch noch beschämend gut - war schließlich aus meiner Jugendzeit. Erst als "Summer of 69" durch die Lautsprecher dröhnte, ein Lied, in dem Bryan Adams die beste Zeit seines Lebens im Jahr 1969 gitarrenlastig besingt, fühlte ich mich besser. Denn die meisten brüllten so inbrünstig mit, als hätten sie diesen Sommer selbst erlebt. Puh... ich nicht!

WAZ / 7.9.2005
Fast 30 II
Ich habe es wieder getan. Mich zog es wieder zur "Wilden 30" in den Ringlokschuppen und dabei bin ich immer noch erst 27. Alles war wie beim ersten Mal. Die Musik (von U2 über Depeche Mode, Fury in the Slaughterhouse, AC/DC bis zu Bryan Adams - Achtziger und Neunziger eben), die Leute (etwas zu alt für mich) und mein Empfinden (uuuuaaaah, bin ich aaaaalt). Doch auch diesmal gab es die Rettung. An der Theke quatschte mich eine Mitt-Dreißigerin von der Seite an. "Also du bist doch noch lange nicht 30. Was machst du mit deinen 23 hier?", fragte sie. Und das ernsthaft. Mir kamen fast die Tränen.

WAZ / 8.12.2005
Glückskeks
Am vietnamesischen Imbissstand auf dem Weihnachtsmarkt lächelt mich das Glas mit den Glückskeksen an. 50 Cent das Stück - ach, so eine asiatische Lebensweisheit kann nicht schaden. Flugs verdrücke ich das Gebäck, krame das Papier hervor. "Sie bekommen ein verlockendes Angebot, handeln Sie!" Hmm. . . was für ein Satz. Ein Profivertrag bei Bayern München? Moderator bei Wetten, dass...? Ein Abendessen mit Heidi Klum? Ein paar Meter weiter brüllt der Bratwurstmann: "Hier! Eine Wurst! Umsonst!" Glückskekse habens wirklich in sich.

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10.10.2005
Mit Tee und Pils durch den Abend
Jubel im Starcafé. Aber Enttäuschung im Schrägen Eck an der Bruchstraße

Von Andreas Ernst
Die Eppinghofer Straße am Samstagabend. Von der Musiknacht ist hier nichts zu spüren. Die Dönerläden sind leer, das Leben spielt sich in den Caf´e´s ab. Überall läuft der Fernseher. Ist irgendetwas besonders heute? Genau, Fußball. Das Länderspiel Türkei gegen Deutschland.
Naja, ganz so wie bei der WM ist die Eppinghofer Straße nicht geschmückt. Keine überdimensionalen Fahnen. Im Starcafe´ direkt am Kreisverkehr steht der Wirt zur Begrüßung an der Tür. "Herein, herein", sagt er und serviert im Handumdrehen einen türkischen Tee. Mit Stückchen Zucker. Zehn Minuten sind gespielt, 0:0 steht's. Etwa 30 Leute sitzen vor dem Fernseher, entweder gebannt und mitgehend. Oder auch zu sechst rund um einen Tisch. Die Karten werden im Sekundentakt aufs harte Holz gekloppt, aber immer wieder geht der lünkernde Blick auf die Mattscheibe. Was passiert? Was machen die Altintops? Und Alpay? Der Ball läuft flott durch die türkischen Reihen, 19. Minute, Tümer steht frei, die Karten fliegen auf den Boden, Jubel liegt in der Luft... und... und... und... daneben! "Hayret ya!" Das darf doch nicht wahr sein. "Solch eine Chance", heißt es in der großen Runde. Da wirkt der Tee wie ein Beruhigungsmittel. Sechs Minuten später fast dieselbe Szene. Tümer trifft den Pfosten, Altintop staubt ab. 1:0. Ein Jubelschrei braust über die Eppinghofer Straße.
Halbzeitpause. Spaziergang durch Mülheim. Einige zieht es zur Musiknacht. Auf der Bruchstraße hingegen ist es ruhig. Im "Schrägen Eck" läuft der Fernseher auch. Per Beamer ist die ZDF-Übertragung sogar an die weiße Wand gebannt. Doch nur zwei, drei Leute schauen wirklich hin. An der Theke reizen ein paar Leute beim Skat. Der Fußball interessiert nicht wirklich. Horst pafft genüsslich ein paar Zigarillo-Rauchschwaden in die Luft. "Zarko, bringze ma n' Pils", ruft jemand dem Wirt zu. Der Dart-Automat ist ausgeschaltet, der Billardtisch aber wird bevölkert. Irgendwann in der 60. Minute, nach dem x-ten Pils und nach dem x-ten "Boah, is dat langweilig"-Ruf.
Eine Minute vor Schluss schießt Nuri Sahin, der Dortmunder, das 2:0. Buh-Rufe. Im "Schrägen Eck" hängt immerhin ein Gladbach-Schal an der Wand. Dass der Gladbacher Neuville
noch das 1:2 erzielt? Egal. Nimmt keiner mehr wahr. "Zarko, zahlen bitte", ruft jemand und sagt ironisch zum an der Theke sitzenden Lutz: "Dat hat sich gelohnt, wa?" Lutz schaut enttäuscht und meint nur: "Blamabel."

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31.10.2005
Aushängeschild der Alleinunterhalter

Von Andreas Ernst
Er ist der Meister der Musik, der Held der Heimorgel, das Aushängeschild der Alleinunterhalter. Er ist derjenige, der seine Fans nach jedem Lied mit "Freunde der Heimorgel" anspricht. Er ist der einzig wahre Mambo Kurt. Einen sehr, sehr kurzweiligen Samstagabend bot der Mann mit der auffälligen Sonnenbrille 100 Fans im Schifferhaus.
Einen Vollbart hat er sich stehen lassen. Sonst ist er ganz der Alte. Unter lautem Gejohle betritt er die Bühne. Auf der linken, oberen Ecke der Orgel schimmert eine Mini-Discokugel in den buntesten Farben. Ganz klar: Dieser Typ ist ein Gesamtkunstwerk. Er kann es sich erlauben, das erste Lied "Jump", im Original von Van Halen, mit dem Rücken zum Publikum sitzend vorzutragen. Schließlich sollen alle sehen, wie schwer es ist, die Heimorgel zu bedienen. Die Fans danken es mit lautem Applaus. "Danke, Freunde der Heimorgel", sagt Mambo Kurt.
Hits, Hits und nochmals Hits reiht Mambo aneinander. Mal lässt er die Finger über seine Orgel fliegen (die es heute übrigens "für unter 100 Euro bei ebay gibt", wie er sagt). Mal erhebt er seinen linken oder rechten Arm und wippt zur Musik mit. "Ich will zum partnerschaftlichen Tanz anregen", sagt er. Denn zum sich Näherkommen seien nicht immer viele Biere nötig. "Mambo! Mambo!", rufen die Fans.
Er spielt Europes "The Final Countdown", "Just can´t get enough" von Depeche Mode. Und Metallicas "Enter Sandman" im Walzer-Takt - das ist nicht verhunzt, sondern weltklasse und kultig parodiert. Einige Songs stellt er unter das Motto "Lieder, von denen ihr nicht glaubt, dass man sie auf der Heimorgel spielen kann." Er kann es sich leisten, ein Lied von "Deutschlands größter Bossanova-Band" anzukündigen und dann Rammsteins "Engel" vorzuführen. Und danach folgt "You´re my heart, you´re my soul". Super.
15 Minuten Pause. Verfliegt die Lust der Fans auf die Heimorgel? Mitnichten! Das zweite Set beginnt er mit einem "Lied über Mülheim". Und es kommt "Paradise City" von Guns´n´Roses. Aus "Thunderstruck" von AC/DC macht er "Sambastruck". Und bei "Insomnia" von Faithless stellt er zwischendurch die Begleitautomatik seiner Orgel an, springt von der Bühne und lässt sich bei seinem "Stage dive" von 20 Jungs durchs Schifferhaus tragen. Mit "Musik ist Trumpf", dem Lied, mit dem er 1982 den "Jugend musiziert"-Wettbewerb an der Heimorgel gewann, lässt er den Abend ausklingen. Vorerst.
Denn ohne Zugaben lassen ihn die Mülheimer Fans nicht nach Hause. Für drei weitere Stücke begibt sich Mambo Kurt hinter sein geliebtes Musikgerät, zunächst "Zu spät" von den Ärzten, dann Green Days "Basket Case". Der letzte ist der "Sunshine Reggae". Passend zum Herbstwetter.
Mambo Kurt ist schräg. Mambo Kurt ist witzig. Mambo Kurt ist liebevoll. Wer braucht einen Abend mit Robbie Williams oder Jennifer Lopez, wenn es auch Mambo Kurt sein kann? Nach zwei Stunden huldigen ihm seine Fans, kaufen Sonnenbrillen und CD´s und klopfen ihrem Meister auf die Schulter. "Danke, Freunde der Heimorgel", sagt Mambo Kurt ein letztes Mal.

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7.12.2005

- Anreißer auf Seite 1 -
Glühwein und Geschenke
Saarner Nikolausmarkt ist jedes Jahr ein großer Mülheimer Treffpunkt

Das Handy klingelt. Inmitten des ganzen Trubels.  Es ist laut. Schon mittags um eins strömen die Massen über den Saarner Nikolausmarkt. "Wo seid Ihr gerade? Habt Ihr bei Auto Wolf oder an der Sparkasse angefangen?", lautet die Frage. "Bei Auto Wolf." "Okay, wir kommen jetzt dorthin." Eine typische Szene an diesem Dienstagnachmittag. Typisch Markt.
Die Düsseldorfer Straße. Malerisch, Kopfsteinpflaster, schön. Alltags wird es in Hauptzeiten schon einmal eng. Heute auch. Aber nicht mit Autos. Treffpunkt Auto Wolf, an der Ecke zur Kölner Straße. "Was, auch wieder hier?" Eine Frage, die hier jeder Besucher nicht nur einmal stellt. Saarner Nikolausmarkt, das bedeutet sehen und gesehen werden. Saarner Nikolausmarkt, das bedeutet Glühwein trinken, Saarner Nikolausmarkt, das bedeutet Geschenke kaufen.
Das Handy klingelt wieder. "Hallo? Wir haben gerade jemanden getroffen und kommen später", krächzt es auf der anderen Seite des Hörers. So ist das eben in Saarn. Hier treffen sich ehemalige Schulkollegen, die sich nur einmal pro Jahr sehen - eben hier. Hier treffen sich die Saarner Vereine, Verbände und Gemeinden. Beim Glühwein ob mit oder ohne alkoholisch hochprozentige Zugabe, ob beim Kinderpunsch oder Kakao - die kleineren Streitigkeiten des Jahres sind schnell vergessen. Blick zum Himmel. Herrliches Wetter. Schade, dass kein Schnee mehr liegt, wobei das fast schon zu idyllisch gewesen wäre. Es ist knackig kalt, so dass jedes warme Getränk eine willkommene Abwechslung ist. Nur die wenigsten greifen auf kühles Bier zurück.
Nun klingelt das Handy nicht mehr. Gefunden. Bei Auto Wolf. Nun kann es losgehen. Losgehen mit der Tour auf dem Nikolausmarkt. In Richtung Sparkasse.

- Fortsetzung auf Seite 3 -
Sogar die Klostertropfen schmecken
Reichhaltiges Angebot beim Saarner Nikolausmarkt von Bäh-Broten bis zu Hutverkäufern. 320 Lichterketten beleuchteten die Düsseldorfer Straße. Letzte Glühwein-Runde um 21.30 Uhr

Von Andreas Ernst
Ein Renner ist er, dieser Saarner Nikolausmarkt. Mittags um eins, abends um neun. Am Anfang der Düsseldorfer Straße und auch am Ende.
Die ersten Meter, ab Auto Wolf. Es geht in Richtung Dorfkirche. Hier ist der erste große Markt-Schwerpunkt. Laut brüllen vier Jungs: "Die echten Saarner Klostertropfen! Immer hier!" Klostertropfen, ein Kräuterschnaps. "Die schmecken eigentlich nur auf dem Nikolausmarkt", sagt der Saarner Leo Werry. Der Spendenstand für die Gemeinde im Bistum El Quiche´ steht direkt daneben. "Wir machen das nun im 19. Jahr", sagt Elfi Lohr. Sie trägt eine rot-weiße Nikolausmütze und rührt gut gelaunt im dampfenden Kochtopf herum. Und weiter geht's. An manchen Stellen ist kaum ein Durchkommen. Treffpunkt zwei für die Besucher ist der Marktplatz. Auf dem Weg dorthin geht es vorbei an Buden, Buden und nochmals Buden. Überall gibt es Glühwein, in zahlreichen Ergänzungsvariationen. Kakao ist auch sehr beliebt. Die Marktbummler futtern Waffeln, Bäh-Brote, Würstchen, Mettwurst-Brote, Currywürste, an einem Stand gibt es sogar Eisbein. Es gibt Keramikstände, Hutverkäufer, Schmuck, Geschenke, Gebasteltes.
An der Straßenecke zur Lehnerstraße steht der Nikolaus. Diesmal im Kostüm des Bischofs von Myrna und nicht in Rot und Weiß. Da guckt so manches Kind erst einmal verdutzt. Manche Clique zieht von Stand zu Stand.Das ehrgeizige Vorhaben: überall einen Glühwein trinken. Eine wirklich unlösbare Aufgabe.
In der Dunkelheit entwickelt der Nikolausmarkt seinen ganzen Charme. Wenn der Atem sichtbar wird, wenn nur noch eine Mütze vor frierenden Ohren schützt, wenn Handschuhe kalte Finger wärmen müssen, wird der Spaziergang noch schöner. Vergessen ist die Arbeit, dass der Wecker früh klingelt. 320 Lichterketten mit 61 440 Birnen beleuchten die Straße.
Um punktgenau 21.30 Uhr ist Schluss. Wie in jedem Jahr. Doch nach dem Markt ist vor dem Markt. Und der Mittwoch, 6. Dezember 2006, ist schon jetzt bei vielen vorgemerkt - jede Wette.

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27.12.2005

'Ne Wahnsinns-Show am Heiligen Abend
"An Tagen wie diesen" drängeln sich Jugendliche und Junge Erwachsene im Schuppen zur "Time of my life" bis "Westerland"

Von Andreas Ernst
Kurz nach halb vier. Der Heilige Abend ist vorbei, Mensch, erstaunlich warm für eine Winternacht. Der Ringlokschuppen liegt zurück, vereinzelt taumeln und spazieren Leute nach Hause. Vorbei geht es an drei Polizeiwagen, auf dem Parkplatz stehen Taxis, hübsch aufgereiht, eins hinter dem anderen. "Nabend", sagt ein Fahrer. Im Radio läuft "An Tagen wie diesen" von Fettes Brot. "Absolute Wahnsinnsshow, die Sonne lacht so schadenfroh, an Tagen wie diesen", näselt der Sänger. Und der Fahrer fragt: "Wie war es?"
Ja, wie war es eigentlich? Eine schwere Frage, kurz nach halb vier. Gedanken sortieren.
Rückblick, die Uhr schlägt zwölf. Wie jedes Jahr Heilig Abend ist der Ringlokschuppen angesagt. "Die wilde Weihnacht" heißt das Spektakel, das Jahr für Jahr dieselbe Klientel anlockt. Jugendliche. Junge Erwachsene. Hunderte. Hui, Schlange bis zur Drehscheibe. In der Kälte. Inken, 27, steht drin. Zum ersten Mal. "Bin gespannt", sagt sie und wartet auf ein Vorankommen.
Zehn Minuten später, endlich drin. Jacke abgeben, durchquetschen und rein ins Getümmel. Halt, erst noch ein paar Getränke ordern. "Ein Pils, eine Cola bitte." Kostet sieben Euro. Sieben!! Warum das? "Inklusive Pfand." Ein großes Hallo. "Ach, du auch hier!? Du auch? Hey! Hallo! Alles klar!?" Herzliche Wiedersehen. Und weniger herzliche. "Und sonst?" "Muss!" Sieben Euro für ein Pils und eine Cola, manoman.
Björn, 28, seit Jahren Stammgast, kommt vorbei. Geht kurz vor ein Richtung Jacke. "Ey, das Durchschnittsalter ist 18,875 Jahre. Ich verschwinde in die Kneipe nebenan." Tschüss dann. Den neuen Diskoraum sehen viele zum ersten Mal - hat sich eben einiges geändert in 2005. Inken lehnt an der Wand. Wie findet sie's? "Geht so." Am DJ-Pult steht wie in den letzten Jahren das K&K-Projekt mit den Brüdern Christian und Michael Knöpfel. Schwierige Aufgabe, viele Musikgeschmäcker zu vereinen. Von "La Casima Negra", "Time of my life" bis zu "Westerland" - was für eine Mischung. "An Tagen wie diesen" läuft auch, den kritischen Taxt vernimmt hier keiner. Bei Westernhagens "Mit Pfefferminz bin ich dein Prinz" drehen die Knöpfels den Knopf runter. "Und jetzt ALLE!" Und alle trällern: "Mit Pfeffermiiiiinz bin ich dein Priiiiinz."
Genug gesehen. 1.45 Uhr, mal die Kneipe ausprobieren. "Ein Weizen, eine Cola bitte". 4,80 Euro kostet der Spaß. Hä? Billiger? In der Kneipe ist's leiser und das Publikum etwas älter. Björn steht dort. "Fast so, als ob man sich mit dem Alter für die Kneipe qualifiziert." Um kurz vor drei brüllt jemand: "Geeeeeil, guckt mal raus: 'ne Wemmserei." Draußen prügeln sich zwei Jungs. Die Security geht dazwischen, drei Polizeiwagen kommen angedüst.
Fünf nach halb vier. "Und? Wie war es jetzt?", fragt der Taxifahrer wieder, dreht sein Lenkrad und braust durch die Innenstadt. Im Radio ist wieder der Refrain dran: "Absolute Wahnsinnsshow." Die Sonne lacht in dieser Nacht nicht schadenfroh. "Wie es war? Wie immer!"

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6.1.2006 - für ZOOM !!
Randgruppe der Woche,
Heute: Die Sportlerin

Eine Handynummer. 0160 und so weiter, schnell gewählt. "Janet Köhler?", fragt eine Stimme am anderen Ende. Puh, endlich bekommen. Gar nicht so einfach. 18 Jahre alt sein und Badminton spielen - das können viele. Aber Jugend-Europameisterin und Mülheims Jugendsportlerin des Jahres - ausgezeichnet vor mehr als 2000 Zuschauern in der RWE Rhein-Ruhr-Sporthalle - das ist nur Janet. Wann trainiert sie eigentlich? Die Aufzählung beginnt. "Montag ab 19.30 Uhr, dienstags von 14 bis 16 und 19.30 bis 21.30 Uhr, mittwochs von 8.30 bis 11.30...", und so geht es weiter und weiter. Momeeent. Nicht so schnell. Zusammengerechnet sind's mindestens 20 Stunden pro Woche Badminton, Badminton und noch einmal Badminton. Davor, dazwischen und danach steht die Ausbildung zur Bürokauffrau an der Bochumer Be´ne´dict School der RAG Bildung im Mittelpunkt. Im "Haus des Sports" bewohnt Janet ein Zimmer. In drei Monaten zieht sie in eine Wohnung.
Das Gespräch läuft und läuft, die Handyleitung kratzt zwischendurch etwas. Nein, kontaktscheu ist Janet nicht. Sonst hätte sie am 1. September 2004 wohl einen kleinen Großstadtflash bekommen. Sie stammt aus Hoyerswerda in Sachsen, besuchte in Jena ein Sport-Internat - und dann ging's ab in den Ruhrpott. Mit-Azubis und die Mitspieler beim 1. BV Mülheim erleichterten den Einstieg. Nur die Verkehrsführung machte ihr zu schaffen. "Ich war am Anfang ziemlich oft falsch".
Nach Hause zieht es sie nur alle fünf oder sechs Monate. Nun gut, also verbringt sie auch die Wochenenden meist in Mülheim. Und wo geht die 18 Jährige hin? Freeland, Gelber Elefant, Ballermann - alles schon ausprobiert? "Nee, Freeland ist nicht so mein Ding, der Gelbe Elefant eher eine Kinderdisco." Und Ballermann? "Ja, doch, wenn ich gut gelaunt bin, einfach so zum Tanzen. . ." Aber weggehen muss nicht immer sein. Zu oft stehen samstags und sonntags Turniere im Terminkalender. "So ein chilliges Wochenende ist auch mal ganz nett", sagt sie. Chillen, ein Lieblingswort der U-19-Europameisterin. Ein bisschen chillen hier und dort, zwischen Schule und Trainingshalle - das muss schon drin sein.
Ein nettes Gespräch. Heute um 14.30 Uhr kann Janet nicht ans Handy gehen. Dann ist sie "temporary not available", weil sie den Badmintonschläger in der Hand hält, wie so oft. Im Forum steht sie für Schaukämpfe zur Verfügung. Eine Wahl-Mülheimerin auf Werbetour für ihre Lieblingssportart. Chillen muss sie ein anderes Mal.

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13.1.2006

Wim organisiert alles rund um den Schläger
WAZ-SERIE MITMENSCHEN: Karl-Wilhelm Kölsch ist einer von 65 ehrenamtlichen Helfern beim Badminton-Turnier, den "German Open"

Von Andreas Ernst
Sein Arbeitsplatz ist ein großer Schreibtisch im "Presse Center". Sein Werkzeug ist eine Woche lang eine Tastatur, auch zu Schere und Tesafilm greift er ab und zu. Wim Kölsch ist einer der 65 ehrenamtlichen Helfer des 1. BV Mülheim bei den "German Open" im Badminton.
Es klopft an der Tür. "Herein", sagt Kölsch. Jemand aus der koreanischen Delegation steht im Raum. "Eight copies, please." Kölsch antwortet auf Englisch, betätigt den Kopierer. Wieder ein Job erledigt. Auf seinem PC-Bildschirm blinkt eine Internetseite, natürlich zum Thema Badminton. Eigentlich heißt er Karl-Wilhelm Kölsch. "Wie der eine und wie der andere Opa", scherzt der 49-Jährige. Beim BVM ist er für alle "Wim".
Aus den Sporthallen der Stadt ist er kaum noch wegzudenken - wenn es ums Thema Badminton geht. Im BVM-Vorstand arbeitet der Mitarbeiter der städtischen Sozialagentur erst seit 2002. Seine Kinder Benny und Alina spielen hingegen seit 1993 beim BVM. Vater Wim schaute immer beim Training zu. "Wie es dann so ist", sagt er, "unterhält man sich mit anderen Eltern, ärgert sich über das eine oder andere. Und irgendwann habe ich gesagt: Wim, du musst aufhören zu meckern und selbst mithelfen." Seine John-Lennon-Brille liegt rechts neben dem Bildschirm. Wieder kommt jemand. Eine Akkreditierung wird verlangt. Kein Problem für Wim Kölsch.
Wieviel Prozent seiner Freizeit er mit Organisation rund um den Schläger verbringt, das muss er nicht nachrechnen. "95 Prozent", sagt er mit lauter Stimme. Beim BV ist er Pressesprecher und gestaltet die Internetseite im Alleingang. Und bei den German Open ist seine Hauptaufgabe, die Turnier-Homepage mit Texten und Ergebnissen zu füllen. Botengänge, Zeitungsartikel ausschneiden und an die Pressewand kleben - das erledigt er nebenbei. "Fünf Stunden Schlaf pro Nacht sind in dieser Woche normal. Manchmal sitzen wir bis um eins in der Nacht hier", sagt er. Alles ehrenamtlich.
Selbst nimmt er den Schläger übrigens nicht in die Hand. Und Spiele der weltbesten Badminton-Asse kann er sich nur ganz selten anschauen. So ist das eben als Mitarbeiter im "Presse Center". Extra für dieses Turnier hat er zwei Wochen Urlaub. Zwei Wochen! Denn am Wochenende nach den "German Open" richtet der BVM die Westdeutschen Schüler-Meisterschaften aus, auch in der RWE Rhein-Ruhr-Halle. Dann geht für Wim Kölsch alles wieder von vorn los. Organisieren, Internetseite aktualisieren, Artikel ausschneiden und an die Wand kleben. Aber einer wie er, der jammert nicht. "Ich bin eben mit Leib und Seele dabei." Zum Schluss setzt er seine John-Lennon-Brille auf und flitzt durch die Halle. Ein typischer Botengang."Wenn ich nach Metern bezahlt würde. . .", sagt er.

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14.1.2006

"Geißbock" zwischen den Bällen
WAZ-SERIE MITMENSCHEN: Henk Kaspers verteilte Essensmarken im "Communication Center" bei den "German Open".
Heute sitzt er im Flieger und begleitet das Fußballteam des 1. FC Köln ins Trainingslager nach Portugal

Von Andreas Ernst
Im Radio läuft "Regen und Meer" von der Band Juli. Naja, Juli ist nicht wirklich, ein Meer nicht in der Nähe - höchstens Regen trifft es etwas. An die frische Luft kommt Henk Kaspers aber fast gar nicht im Moment. Er verteilt Akkreditierungen und Essensmarken im "Communication Center" bei den "German Open" in der RWE Rhein-Ruhr-Sporthalle.
Unten, tief im Keller des Gebäudes, nimmt der 30-Jährige in der Sitzecke Platz. Eine Grünpflanze zwischen Sessel und Couch sorgt sogar für ein wenig Gemütlichkeit. "Am Montag", sagt Kaspers mit ruhiger, unaufgeregter Stimme, "da war hier am meisten los." Hier, im Kommunikations-Zentrum, erhalten alle außer Journalisten ihre Akkreditierung. Hier holen Schieds- und Linienrichter ihre Kleidung ab. Hier ordern Spieler Extra-Busse zu Hotels und Flughäfen. Hier gibt es Essensmarken für alle. Kaspers und vier Kollegen bearbeiten die Anfragen.
Seit seinem siebten Lebensjahr spielt er beim 1. BV Mülheim, mittlerweile hat es der Mitarbeiter der städtischen Sozialagentur sogar zum Geschäftsführer gebracht. "Wir hoffen, durch die Ausrichtung profitieren zu können, indem wir mehr Mitglieder und Sponsoren bekommen", sagt er und bearbeitet parallel eine Akkreditierungs-Anfrage.
Für Henk Kaspers ist es der letzte Tag im "Communication Center". Heute Mittag schon sitzt er im Flieger ins portugiesische Portimao, mit einem Schal des 1. FC Köln um den Hals. Er ist einer der größten "Eff Zeh"-Fans der Stadt - der Ober-Geißbock an der Ruhr sozusagen. Den Mülheimer Fanklub leitet er. In Portimao ist der FC ab heute im Trainingslager. Nicht viele FC-Spiele fanden in den letzten Jahren ohne Kaspers statt. "In der Bundesliga ist es aber schwierig", sagt er. "Denn am Samstag muss ich häufig Badminton spielen." Ein Sportler in der Zwickmühle. Vor ein paar Jahren zählte Kaspers noch zu den "Groundhoppern", das sind Fußballfans, die es sich zum Ziel gesetzt haben, Spiele in möglichst vielen Ländern zu sehen. 20 hat Kaspers geschafft. "Rumänien zur U21-EM war 1998 mein verrücktestes Erlebnis. Da ging es ab nach Bukarest", sagt er.
Regen gibt es in Portugal nicht. Aber Meer. Nach dem German-Open-Stress hat sich Henk Kaspers diese Ablenkung verdient.

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16.1.2006

Dscharrrko liebt seine Arbeit
WAZ-SERIE MITMENSCHEN: Kroatischer Wirt leitet das "Schräge Eck" seit 1979 und ist immer für einen Witz und eine Runde Billard zu haben.
Ob er im Rentenalter in seine Heimatstadt Split an der Adriaküste zurückkehrt, weiß er aber noch nicht

Von Andreas Ernst
Vor ihm auf der Theke liegen 15 Bierdeckel, mindestens. Alle versehen mit Strichen und Namen. Nur einer hat den Überblick im "Schrägen Eck" an der Klopstockstraße. Es ist Zarko Pulic, der Wirt. Im großen Saal der Gaststätte findet ein Darts-Bundesliga-Spieltag statt. Und zwischen Bier, Cola, Wasser und Chili con carne erzählt Zarko, sprich "Dscharrrko", aus seinem Leben.
"Seit 1979 leite ich das hier", sagt er und blickt in seiner Gaststätte herum. An der Wand hängt ein Schal von Borussia Mönchengladbach. "Und mir war kein einziges Mal langweilig." Im Nebenraum fliegen die Pfeile, wird ständig applaudiert. Als Hintergrundmusik läuft etwas von Bon Jovi. Und Zarko denkt an 1970 zurück, als er nach Deutschland kam. Er stammt aus Split an der kroatischen Adriaküste und absolvierte seine Gastronomie-Lehre in Dubrovnik. "Im ersten Haus am Platz. Tito selbst habe ich bedient. Und das Handwerk von der Pike auf gelernt."
In Deutschland wurden Gastronomie-Fachkräfte gesucht. Einer wie Zarko. Gemeinsam mit seiner Frau arbeitete er in Stuttgart, Rastatt und Leverkusen. Bis sie 1974 im Restaurant "Croatia" direkt neben dem Hotel Handelshof in Mülheim landeten. Seitdem schiebt Zarko sechsmal pro Woche Elf-Stunden-Schichten.
"Ich liebe meine Arbeit. Und meine Gäste", sagt er und hebt seine Stimme. Zarko ist ein Wirt, der immer für ein Würfelspiel oder eine Runde Skat zu haben ist. Der auch selbst am Dart-Automaten mitspielt, gern zum Billard-Queue greift und die Kugeln in den Löchern versenkt. Der immer einen Witz auf Lager hat. Und der seinen Gästen Konzerte anbietet. Er selbst griff in den Jahren mit Freunden oft zu Gitarre und Akkordeon.
Zwischendurch serviert Zarko einen Teller voll Chili. Er ist 59, in sechs Jahren geht er in Rente. Und zurück ans Meer? Zurück nach Split? Da setzt sich Zarko, lehnt sich zurück und denkt nach. "Meine Stammgäste sagen immer, dass sie sich nicht vorstellen können, dass ich abhaue", sagt Zarko schließlich. "Wir überlegen, in Kroatien alles zu verkaufen." Seine Kinder (33 und 26) sind in Mülheim zu Hause. Und sein Sohn ist in Zarkos Fußstapfen getreten - als Vereinswirt von Rot-Weiß Mülheim.

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20.1.2006 - für ZOOM !!
Randgruppe der Woche,
Heute: Der Zivi

Über dem Eingang steht "AWO, Seppl-Kuschka-Haus". Kurz klingeln und sofort öffnet sich die Tür. Wo ist Michael Mölders? In der vierten Etage. Schnell die Treppen hoch, und rein in die Schreinerei. Da ist er. Er, der Zivi.
Nein, einen Arbeitskittel trägt er nicht. Michael ist normal in Jeans gekommen. "Die Leute hier genießen das, wenn Michael da ist", sagt "Chef" Frank Greuel. Auf dem Tisch stehen Kekse mit Cappuccino-Füllung und Kaffee. Michael legt eine Pause ein und schlürft an der Tasse. Warum Zivildienst? Und nicht Bundeswehr? "Das", sagt der 21-Jährige, "war sofort klar." Und zwar nicht nur aus Gewissensgründen, sondern auch, um in Mülheim zu bleiben.
Seit dem 1. September ist er