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Meine Volo-Stationen
und -seminare
im Juli 2007: 1. Grundseminar:
Layout- und Technik-Schulung (5 Tage, in der WAZ-Zentrale in Essen)
1. Juli bis 27. September 2007:1.
STATION: WAZ/WR-Lokalredaktion Castrop-Rauxel
August 2007: "Informationen erfolgreich
beschaffen" - Recherchetechniken, Gesprächsführung (3 Tage, in
der Journalistenschule Ruhr bei M. Brendel)
September 2007: 2. Grundseminar
"Markt, Mächte und Medienpolitik" (in der JSR, u. a. Exkursion zum
WDR nach Köln / Gespräch mit B. Hombach)
September 2007: 3. Grundseminar
"Polizeiberichterstattung" (in der JSR, dazu Exkursionen ins Polizeipräsidium
Essen und in die JVA Werl)
28. September 2007 bis 30. November
2007: 2. STATION: WAZ-Lokalredaktion Essen (zuständig für
die Stadtteilausgabe Essen-Nord und im November auch Essen-Süd)
11. bis 13. Oktober 2007: Seminar
"Rechtsextremismus und Medien" (in Wuppertal, mit Exkursion ins Innenministerium
nach Düsseldorf)
1. Dezember 2007 bis 31. Januar 2008:
3. STATION: WAZ-Lokalredaktion Duisburg-Nord
Januar 2008: 4. Grundseminar: "Reportage"
(5 Tage, in der Journalistenschule Ruhr, Seminarleiter: U. Fey)
Januar 2008: "Kommentartraining"
(2 Tage, in der Journalistenschule Ruhr, Seminarleiter: A. Marinos)
1. Februar bis 29. Februar 2008:
4. STATION: ONLINE - DerWesten.de (internes WAZ-Praktikum)
März 2008: 5. Grundseminar
"Politikberichterstattung" (5 Tage, davon drei in Brüssel, u.a. mit
Besuch der Europäischen Kommission und des EU-Parlaments)
1. April bis 30. April 2008:
5. STATION: ONLINE - www.jetzt.de, München (externes Praktikum)
1. Mai bis 31. Mai 2008: 6.
STATION: WAZ-Lokalredaktion "Unser Vest" (Redaktionssitz Recklinghausen
- Termine in Marl, Waltrop, Datteln, Herten, Recklinghausen - "Foto-Monat"
- Fotoproben darf ich Euch leider nicht auf dieser Seite anbieten)
1. Juni bis 30. Juni 2008: 7.
STATION: WAZ-Mantel - Hauptsport, EM-Team
1. Juli bis 31. Juli 2008: 8.
STATION: WAZ-Lokalsportredaktion Oberhausen
11. bis 13. Juli 2008: Teilnahme
am "J-Cup 2008", Fußball-DM der Journalistenschulen - in Berlin (Endstand:
3. von 13)
seit 1. August 2008: 9. STATION:
WAZ-Lokalredaktion Velbert (1. Woche: Velbert-Mitte, danach Velbert-Langenberg)
Blog aus Castrop-Rauxel,
Teil 1 - 12.7.2007
Mein erster Tag
Castrop-Rauxel also. Elf
Jahre als freier Mitarbeiter bei der WAZ Mülheim sind ‘rum – und nun
soll ich als Volontär in die ganz andere Ecke des Ruhrgebiets. Da
war ich doch noch niiiie! Schließe die Wohnungstür ab, steige
in Mülheim ins Auto, früh am Morgen, 45 lange Kilometer liegen
vor mir. 45! Zur Mülheimer Redaktion waren’s 500 Meter.
Hab’ die Mail im Kopf, die
mir mein Bruder gestern noch schickte. Er zitierte Sibylle Berg. „Ich weiß
nicht, was für einen Scheiß ich gebaut habe, denn nach Castrop-Rauxel
zu müssen ist so was, wie nach Sibirien ins Gulag zu müssen.
(...) Überall, wo nicht Castrop-Rauxel ist, ist Castrop-Rauxel das
Synonym für Hässlichkeit und Beschränktheit”, schrieb Frau
Berg einst – und ich weiß nicht, ob ich lachen oder weinen soll.
Ist so früh am Morgen, ich brauche feinsten 90er-Jahre-Punkrock der
Band Blink 182, um die Augen offen zu halten. Und ‘ne Dose Redbull zum
Frühstück.
Die neuen Arbeitskollegen
empfahlen die A 40 bis Dortmund-Lütgendortmund als kürzesten
und schnellsten Weg. So soll es sein. Doch ab Mülheim-Winkhausen ist
die A 40 gesperrt. Ich denke über Frau Bergs Worte nach. Scheiß
gebaut? Castrop-Rauxel? Was weiß ich über diese Stadt? Dortmund
ist in der Nähe, Bochum, Herne und – bei Wikipedia nachgeschlagen
– sie hat 77 263 Einwohner. Mülheim ist doppelt so groß! Mülheim!!!
Blink 182 hämmern gerade „What’s my age again?” (mein Alter? 29!)
durch meine Boxen, als ich nach einem Umweg über die A 52 erreiche
ich am Dreieck Essen-Ost die A 40. Puh, kein Stau. Kommt selten vor auf
dieser Strecke.
Die Autobahnausfahrten ziehen
vorbei. Essen-Kray, Gelsenkirchen-Süd, Bochum-Zentrum, Bochum-Ruhrstadion
(als VfL-Fan kenne ich diese Ausfahrt ziemlich genau!) und immer weiter
und weiter. Boah, wie lange dauuuert das denn noch? Nachdenken. Kannte
ich vor meinem Ausflug in die virtuellen „Vereinigten Einträge von
Wikipedia” irgendeinen Stadtteil? Sheriff, ich gestehe: nein! Ickern, Henrichenburg
– das kann ich mir merken. Schwerin, genau, das auch – aber nur, weil ich
das prima mit einer Stadt im Osten verbinden kann.
Endlich, Ausfahrt Lütgendortmund.
Rechts geht’s nach Bochum-Langendreer, Richtung Opel-Werk und „Matrix”
(’ne Disco) und links nach Castrop-Rauxel. „7 km” steht auf einem gelben
Schild. 7000 Meter trennen mich von einem völlig neuen Teil meines
Berufslebens. Ich zähl nicht mit, weil ich richtigrichtig aufmerksam
sein muss. „Pass auf”, sagten die neuen Kollegen am Telefon, „da sind ein
paar Blitzer versteckt.” Also nicht mit über 70 km/h ins Unheil stürzen,
sondern brav „50” fahren. Durchquere Lütgendortmund, Bövinghausen
(hier war ich wirklich noch nie), und dann ist’s soweit. Tataaaaa: „Castrop-Rauxel.
Stadtteil Merklinde” steht schwarz auf gelb. Nicht weit dahinter: Ein Blitzer
– gerade nochmal gut gegangen. Städtepartnerschaften hat Castrop-Rauxel,
ich kann mir spontan nur das finnische Kuopio merken. Warum auch immer.
. .
Links irgendwann in die
Wittener Straße einbiegen. Da soll dann die Redaktion liegen. Die
Punkrock-CD liegt inzwischen brav in der Hülle, höre nichts,
nicht einmal Radio. Will nur noch ankommen, muss schließlich in zehn
Minuten da sein. Am ersten Tag zu spät kommen – das will keiner. Abfahrt
gefunden, Fußgängerzone in Sichtweite. „Parken am Brückenweg”,
rieten die Kollegen. Rechts abbiegen, einparken, abschließen, Luft
holen. Angekommen.
Hole noch einmal die Mail
meines Bruders hervor. Ausgedruckt. Sibylle Berg hat noch etwas geschrieben.
Über die Einwohner Castrop-Rauxels. Und das geht so: „Keiner will
hier weg. Weder in eine Großstadt noch nach Amerika. (...) Auf einmal
bin ich neidisch auf die Leute.” Ich werde versuchen, es in den nächsten
Tagen herauszufinden.
Auf einem kleinen Türschild
steht „WAZ-Redaktion”. Ich drücke auf den Klingelknopf.
Copyright liegt bei der WAZ Mediengruppe
Wissen Sie, was eine meiner Lieblings-TV-Serien ist? Naja, blöde, weil rhetorische Frage. Die Antwort lautet „Scrubs”, ein schräger Comedy-Klamauk rund um junge Ärzte. In einer Folge beschäftigen sich alle Hauptdarsteller mit der zentralen Frage „Was war dein schönster Moment als Arzt?” Ich will das für meinen zweiten Tag in Castrop etwas umdeuten.
Was war mein schönster
Moment des Tages?
Mein imaginärer Castrop-Rauxel-Kalender
zeigt „2”. Day number two. Aufgalopp gestern, Stadtluft schnuppern heute.
„Komm mit”, sagt der Fotograf und lädt mich in sein Auto. Der Auftrag
lautet „Straßen-Umfrage” Bin gespannt.
Der schönste Moment
des Tages. . . vielleicht mein erster richtig dicker Regenschauer in Castrop-Rauxel?
Na gut, das allein ist kein tolles Erlebnis – aber: Das Angebot eines Passanten,
mit unter seinen Schirm zu hüpfen – toll!
Sein Auto hat der Fotograf
hinter dem Bahnhof „Castrop-Rauxel Süd” geparkt. Selbst für einen
Mülheimer sieht der miniminimini aus. Hier hält wirklich ein
RICHTIGER Zug?? Wo lassen sich außerhalb der Innenstadt am besten
Castroper für eine Umfrage auftreiben? „Wir machen jetzt eine Stadtrundfahrt”,
sagt der Fotograf. Los geht’s. Radio im Hintergrund, lässig gucken,
fehlt nur noch die Sonnenbrille. Tja, das Wetter. . . ich spreche lieber
nicht drüber.
„Da hinten, bei den Fahnen,
da ist das Mannschaftshotel des VfL Bochum”, merkt der Fotograf an. Hurra,
er weiß schon am zweiten Tag, dass ich zu den VfL-Fans gehöre.
Wir fahren durch Schwerin bis zum dortigen Marktplatz. Hier eine Umfrage
zu starten, wäre sehr schwierig. Ist niemand auf der Straße.
Sommerferien eben. Danach weiter bis Habinghorst. Parken. Die Lange Straße
am Nachmittag: Auch hier: wenig los. Siesta? Nur wenige Spaziergänger
schauen in die – oft – leeren Schaufenster. Hier steht wohl auch einiges
leer, das ist kein Mülheimer Problem.
Der schönste Moment des Tages. . . vielleicht die erste Sekunde meiner ersten Suche nach einem Snack? Quer durch die – zugegeben – sehr kleine Fußgängerzone ging meine Tour. Und doch registrierte ich hocherfreut: Hier werde ich in den nächsten Wochen den einen oder anderen Kaffee trinken!
Wo ist eigentlich der Hauptbahnhof? „Außerhalb”, ist die Antwort. Heißt: Ziemlich weit von der Redaktion am Münsterplatz und damit der Innenstadt entfernt. Wer hat das geplant? Dabei will ich in der nächsten Woche ‘mal mit der Bahn anreisen! Wir verlassen Habinghorst nach einem Bummel vorbei an Pizzeria, Dönerbude und Spielothek. Ab ins Auto. Quer durch Deininghausen schleichen wir mit 20 km/h. Der Fotograf verrät noch einige Kneipen zur Abendgestaltung. Dazu gibt es dann in den kommenden Tagen mehr. Es bleibt eine halbe Stadtrundfahrt. Denn die Redaktion verlangt die Rückkehr nach knapp einer Stunde. Schade.
Der schönste Moment des Tages. . . jetzt weiß ich es! Es ist der letzte Augenblick des Tages, nach Feierabend, beim Anlassen des Autos. Ich bin angekommen in Castrop-Rauxel. Am zweiten Tag! Und Sibylle Berg kann mich mal.
Copyright liegt bei der WAZ Mediengruppe
Die Hauptdarstellerin ist
klein. Sie passt in jede Hand. Noch ist sie nicht hübsch. Nein, die
Kartoffel aus dem Feld der Kirchhelles trägt ein erdiges Kleid. "Lass
mich durch, lass mich durch", brüllt Felix. Er schiebt die anderen
Kinder beiseite und schmeißt die Kartoffel beschwingt in einen Korb.
Acht Kinder, ein riesiger Bauernhof, viele Tiere: Das war gestern der nächste
Teil der WAZ-Sommeraktion.
Weit geht der Blick. Weit
hinein in die Felder. Ein Traktor ist ein paar hundert Meter entfernt.
Ein kräftiger Wind lässt die Haare im Wind flattern. Richtig
romantisch. Im Mittelpunkt der Runde: Birgit Kirchhelle. "Wir sind mitten
in der Ernte", sagt sie, blickt in die große, staunende Kinderrunde.
Dann schnappt sie sich eine Forke, tritt das Werkzeug einmal ganz, ganz
kräftig in den Boden, kippt eine Kartoffelpflanze um, und - tataa
- zehn, zwölf, 14 Kartoffeln kullern auf den Boden. "Ich weiß,
was man aus Kartoffeln machen kann: Einen Kartoffelkönig. Dazu braucht
man gelbes Papier, in das man Zacken schneiden muss", weiß Felix.
Lea meldet sich, will auch etwas beitragen. "Meine Kartoffel", sagt sie,
"sieht aus wie ein Papageienkopf." Danach lacht sie. Und lacht und lacht.
Die Kinder verstehen sich
gut, spazieren interessiert von Station zu Station. Es gibt mehr als Kartoffeln
auf dem Feld der Kirchhelles, zum Beispiel Hafer. "Wollt ihr den Mähdrescher
sehen oder Tiere?" Nein, der Mähdrescher ist out. Zu Fuß geht's
zurück zum Hof. Putzig: Felix und Julia tragen zu zweit den Kartoffelkorb
zurück. Arbeit getan?
Oh nein! Angekommen am Hof.
"Erst trinken oder erst arbeiten?", fragt Birgit Kirchhelle. Trinken? Wozu?
Widerspruchslos waschen die acht Kinder die Kartoffeln, an diesem Sommertag
ist selbst Küchenarbeit spitze. Die vom Feld mitgebrachten Hafer-
und Rapskörnchen liegen auf der großen grünen Wiese.
Die Kartoffeln sind sauber,
da locken die Kaninchen. Doch nicht nur die. Das große Bauernhaus
ist voll. Voller Tiere. Es ist laut, stickig, der Geruch ist streng. Eine
fast morsche Holztreppe geht's hinauf in den ersten Stock. Psst. . . es
läuft ein Riesen-Gackerkonzert des Hühner-Orchesters. Jan Kirchhelle,
der Sohn des Hauses, sucht nach frisch gelegten Eiern - und präsentiert
sie stolz. Jeden Morgen ab vier Uhr "quatschen" die 200 Hühner. "Da
schlaft ihr noch", sagt Birgit Kirchhelle. Noch lauter, stickiger und strenger
ist's im Schweinestall. Gerade war die große Fütterung. Die
Tour endet bei den Gänsen. Die halten sich gerade im Freien auf.
Schluss? Noch nicht ganz.
Die am Anfang geernteten Kartoffeln hat Birgit Kirchhelle klammheimlich
in einen Topf auf den Herd gestellt. Nach absolvierter Arbeit und spannender
Hoftour gibt's für Felix, Julia und Co. Getränke. Und Kartoffeln!
Copyright liegt bei der WAZ Mediengruppe
Helft mir, heute wurde ich von der Polizei abgeholt… Keine Sorge, ich habe keine Bank überfallen. Es war eine abgesprochene Fahrt auf Castrop-Rauxeler Autobahngebiet.
... helft mir alle, ich bin
heute von der Polizei abgeholt worden. Und saß hinten in diesem großen
grünen Wagen. Und konnte nicht raus!!!
Neeein, keine Sorge. Ich
habe keine Bank überfallen, nein, ich bin nicht als Kleindieb in der
Altstadt aufgefallen, nein, ich habe mit meinem Auto keine Dummheiten angestellt.
Es war alles ein “gewolltes” Polizei-Manöver.
Okay, der Reihe nach!
Schon gestern Abend erfuhr
ich, dass ich heute einen etwas anderen Anfahrtsweg wählen muss. Nicht
über die A 40 und die B 235 soll es gehen. Sondern über die nördliche
Variante der Anfahrt. Über die A 2. An der Stadtgrenze zwischen meiner
Heimatstadt Mülheim und Duisburg fahre ich also zu Beginn der Fahrt
am Autobahnkreuz Kaiserberg auf die A 3. In Oberhausen teilt sie sich in
A 2 und A 3. Ich nehme die “Zwei” und faaahre und faaaahre und faaaaahre.
Es ist dreispurig und die Strecke ziiiiieht sich. Nacheinander fliegen
die Ausfahrten an mir vorbei. “Oberhausen-Königshardt”, “Bottrop”,
“Kreuz Bottrop”, “Gladbeck-Ellinghorst”, “Essen/Gladbeck”, “Gelsenkirchen-Buer”
(hier geht’s doch zur Arena ab, zu einem Fußballverein, aber zu welchem?
Mir fällt’s gerade nicht ein...), “Herten”, “Kreuz Recklinghausen”,
“Recklinghausen-Süd”, “Recklinghausen-Ost” und dann ENDLICH folgt
“Henrichenburg”.
Direkt an der Ausfahrt liegt
ein Imbiss. Dort warten die Polizisten Christoph Becker und Uwe Senkel.
Der eine - Becker - ist Verkehrssicherheitsberater des Polizeipräsidiums
Münster, der andere - Senkel - arbeitet beim Verkehrsdienst der Autobahnpolizei.
Die beiden liefern eine Live-Reportage. Sie fahren auf der A2 zwischen
der Castrop-Rauxeler Auffahrt “Henrichenburg” und dem inzwischen stillgelegten
Rastplatz “Hohenhorst” auf und auf der anderen Seite wieder ab und kontrollieren
Reisebusse. Eine halbe Stunde stehen wir auf der A2 Richtung Duisburg zunächst
am Fahrbahnrand in einer Einbuchtung. Weil kein Bus kommt. Eigentlich ungewöhnlich
an einem Nachmittag kurz vor Ferienende. Becker und Senkel erklären
das Konzept. “Man darf nicht vergessen, dass ein Bus ein sicheres Reisemittel
ist”, sagt Becker. “Aber es gibt ein riesiges Gefahrenpotenzial.” Seit
dem 1. Januar ist es Pflicht, einen Beckengurt anzulegen. Das wissen nur
wenige. Bei den Kontrollen geben die Beiden nicht nur Tipps, sondern prüfen
auch den Busfahrer, die Reifen und den allgemeinen Zustand.
Wir warten und warten und
warten. Christoph Becker schaut immer wieder in seinen Außenspiegel.
Nichts. Ich überlege, wie viele Autobahnen das Castroper Stadtgebiet
eingrenzen. Im Norden die A 2, in der Mitte die A 42, im Süden die
A 40. Das ist wirklich sehr übersichtlich und leicht zu merken. Ausfahrten
mit dem Stadtnamen gibt es nur drei, alle an der A 42, nämlich “Castrop-Rauxel-Bladenhorst”,
“Castrop-Rauxel” und “Kreuz Castrop-Rauxel-Ost”. Da hat wohl jede andere
Ruhrgebiets-Stadt einen besseren Wert… Die B 235 verbindet jedenfalls alle
Autobahnen und ist so etwas wie die Hauptschlagader der Stadt. Das habe
ich jetzt geschnallt.
Wir sitzen immer noch im
Polizeiwagen. Kommt jetzt endlich ein Bus?? Plötzlich tritt Christoph
Becker auf das Gaspedal. “Da is’ einer”, sagt er. Becker überholt
einen Bus aus “PE” (heißt Peine), drückt auf den Knopf, der
das “Bitte folgen"-Schild auf dem Wagen blinken lässt. Es geht auf
den Rastplatz. Busfahrer Gerd Förster öffnet die Tür. Becker
ruft laut “Hallo zusammen” und beruhigt die Reisegruppe. Es ist eben “nur”
eine ganz normale Kontrolle. Die Gruppe kommt aus Braunschweig und besteht
aus 6- bis 12-jährigen Kindern, die den “Movie Park” in Bottrop-Kirchhellen
sehen wollen. Christoph Becker redet ruhig und verteilt Flyer. “Wir wollen,
dass Sie sicher reisen! Ihre Sicherheit liegt uns am Herzen!”, steht drin.
Uwe Senkel befragt den Busfahrer, überprüft den Führerschein,
die Scheibe mit den Angaben der Lenkzeiten und die Reifen. “Alles vorbildlich”,
sagen beide nach ein paar Kontrollminuten. “Die Polizei ist sehr zufrieden.”
Der Bus fährt weiter, die Kinder freuen sich nicht nur auf den Movie
Park, sondern auch darüber, dass sie zu Hause in Braunschweig eine
schöne Polizei-Geschichte erzählen können. Wir fahren wieder
zurück zur Pommesbude, zu den dort geparkten Autos. “Wir wollen in
die Köpfe der Leute rein”, sagt Christoph Becker. Vor allem die Anschnallpflicht
ist ihm sehr wichtig. Und dass jeder Mitreisende vor der Abfahrt den Bus
überprüft - auf Reifenprofil, Gesamtzustand, Alter. “Im Notfall
die Polizei rufen”, ergänzt Uwe Senkel.
Ja, auch die Autobahnen
zählen zur Stadt, und auch die dürfen bei meiner “Expedition
durch Castrop-Rauxel” nicht fehlen. In Richtung Redaktion, also in die
Altstadt, fahre ich natürlich über die B 235. Aber erstmals aus
der anderen, also nördlichen, Richtung. Und jetzt begreife ich noch
viel mehr über die Struktur der Stadt. Ich durchquere zunächst
Henrichenburg, dann geht’s durch Habinghorst, vorbei an Industrie und Feldern.
Schließlich weist ein Schild den Weg zum “Hauptbahnhof” - diese Tour
steht mir noch bevor. Ein paar Ampeln später folgt dann die Altstadt.
Rein in die Wittener Straße, wie immer parken am Brückenweg.
In der Konferenz erzähle ich von meinem Vormittag. 26 Tage Volontär
- und schon im Polizeiwagen…
Jetzt fahre ich nach Hause
und gucke “Popstars”. Mit dem tanzenden Schüler Mehdi aus Castrop-Rauxel.
Diese Stadt verfolgt mich sogar bis auf die Couch!
PS: Auch heute hörte
ich wieder von einem Zitat über Castrop-Rauxel. Ein Kollege rief mich
deshalb sogar an. Fips Asmussen, der immer so fuuuurchtbar schlechte und
platte Dönekes von sich gibt, soll einmal gesagt haben: “Wenn du in
Castrop-Rauxel einatmest, dann spuckst du Briketts aus.”
Noch so einer, der ein bisschen
Nachhilfe nötig hat.
Copyright liegt bei der WAZ Mediengruppe
Es ist ein heißer Kampf,
die Schweißperlen rinnen von der Stirn. Andres Martinez und Alexander
Lücke pumpen, wie sie zuvor noch nie pumpten. Bei der deutschen Meisterschaft
im Plattenflicken haben sie es ins Finale geschafft. Siegen kann nur einer.
Lücke schraubt den Reifen als erster zu, reißt die Arme hoch.
Martinez folgt Sekunden später. Die Entscheidung ist nur fünf
Minuten entfernt. So lange muss die Luft im Reifen bleiben.
Andrea Friese von Zweirad
Sümpelmann hatte die Idee zur deutschen Meisterschaft. Sie lud zu
den Insel-Terrassen auf der Wartburginsel. "Das war ein Geistesblitz, als
ich selbst einen Platten hatte", sagt Andrea Friese. Die 20 Teilnehmer
kamen aus Castrop-Rauxel, Herne, Recklinghausen - etliche sind Mitglied
beim Ruderverein Rauxel.
Zum Beispiel Alexander Lücke.
Er ist der Trainer. Die fünf Minuten vergehen nur ganz langsam. Seine
Schützlinge klopfen ihrem Coach auf die Schulter, sagen "Bravo". Doch
noch ist's nicht geschafft. Verfolgt wird das Geschehen von zwei Fernsehteams
und Moderator Jan Plonta. Große Sprüche entlockte der den Teilnehmern.
Ein Vorrunden-Teilnehmer versprach am Mikro: "Ich werde die Anderen in
Grund und Boden flicken." Doch der Flicken hielt nicht. Mike Selke, der
trotz Bewölkung eine Sonnenbrille trug ("Das ist mein Doping"), sagte
nach dem Finaleinzug: "Das war ein Quickie-Flick."
Die fünf Minuten sind
rum. Alexander Lückes Reifen ist wieder platt. Das Aus. Andres Martinez
reißt die Arme. Der 21-jährige Werkzeugmacher aus Habinghorst
hat ein Mountain-Bike gewonnen. "Endlich ein neues Rad", sagt er. "Mein
altes ist drei Jahre alt." Seine größten Fans sind seine Eltern
und die zwei Geschwister. "Seitdem er klein ist, fährt er Fahrrad",
sagt der stolze Papa Santiago. Mike Selke landet auf Platz zwei. Im Finale
trug er die Brille nicht. "Mein Doping fehlte eben."
Martinez saust derweil mit
seinem neuen Rad auf und davon. Von der Tour de France sprach an diesem
Nachmittag niemand. Warum auch? In Castrop-Rauxel war alles echt und ehrlich.
Copyright liegt bei der WAZ Mediengruppe
Blog aus Castrop-Rauxel, Blog 12 - 30.7.2007Pfffschschpffffschschpfff… okay, mein erstes Wort der Woche ist eigentlich kein Wort. Aber wer während einer Radtour wegen eines Plattens halten muss, der kennt dieses Geräusch zu genau. In Castrop-Rauxel fand die deutsche Meisterschaft im Plattenflicken statt. Und ich war mittendrin.
Heute ist Samstag.
Was könnte ich heute
für herrliche Dinge unternehmen!? Mein VfL Bochum bestreitet heute
ein Testspiel gegen Borussia Mönchengladbach (und wird gewinnen, natürlich!),
der Simpsons-Film ist endlich, endlich in den Kinos, in meiner Heimatstadt
Mülheim läuft ein Reggae-Festival und das Wetter erst… Wobei:
So doll sieht’s gar nicht aus und deshalb steuere ich mein Auto gar nicht
einmal so schlecht gelaunt durch die Bewölkung Richtung Autobahn.
Wie sieht es wohl in Castrop-Rauxel
am Wochenende aus? Okay, sooo typisch ist das diesmal nicht, immerhin sind
noch Ferien und die Innenstadt wird nach wie vor ausgestorben sein. Aber
in der Innenstadt halte ich mich heute auch gar nicht auf. Der erste Termin,
den ich mir notiert habe, lautet: “Deutsche Meisterschaft im Plattenflicken”.
Das Ganze soll stattfinden
auf der Wartburginsel. Ein Redakteur hat mir am Freitag den Weg erklärt.
Er stellte sich mit mir vor den Stadtplan und sagte: Da und da und da -
und dann bist du da. Ich bin gespannt. Nach einer kurzen Fahrt über
die A 2 lande ich auf der Henrichenburger Straße. Ja und dann? “I’m
a Mülheim man in Castrooop”, trällere ich frei nach Sting - und
bin froh, dass mich keiner hört. Ich biege ab in eine Querstraße
und lande auf der Wartburgstraße. Kann ja so falsch nicht sein. Aber
wohin jetzt? Ich fahre blind nach links und rechts und stehe schließlich
auf einem riesigen, aber leeren Parkplatz vor einem großen Geschäft.
Keiner steht mehr vor der Imbissbude und die Mitarbeiter packen schon zusammen.
“Ähem”, setze ich an. “Wo isn hier die Wartburginsel?” “Oh, ganz einfach”,
antwortet ein junger Mann. “Wieder zurück auf die Hauptstraße,
dann rechts und kurze Zeit später wieder rechts. Einen ganz kleinen
Weg hinunter. Du musst aufmerksam fahren.” Okay, dann fahre ich eben aufmerksam,
obwohl ich vor lauter rechts und links kaum noch klar denken kann. Trotz
allem: Straße und Weg finde ich in Rekordgeschwindigkeit. Ich parke
mein Auto zwischen Stock und Stein.
Nach einer deutschen Meisterschaft
sieht es hier wirklich nicht aus. Ist aber nicht schlimm. Denn Plattenflicken
ist keine Trendsportart und nicht einmal auf dem Weg dorthin. Denn es ist
eine Schöpfung von Andrea Friese aus dem Castrop-Rauxeler Fahrradgeschäft
“Zweirad Sümpelmann”. Zweifellos eine gute Idee. Langsam nähere
ich mich der “Wettkampfstätte” - das ist der Außenbereich der
Gaststätte “Inselterrassen”. Scheinbar trainiert der Ruderverein Rauxel
in der Nähe, denn die Ruderinnen und Ruderer sind deutlich in der
Überzahl. 20 Teilnehmer, ein paar Fans und… sogar zwei Kamerateams!
Kellnerinnen schleppen Teller mit Currywurst/Pommes/Majo und ein paar Bierchen.
Moderator Jan Plonka beobachtet die ersten Flicker.
20 Teilnehmer - macht fünf
Runden á vier Personen, die Sieger erreichen das Finale. So weit,
so einfach. Doch: einfach? Jedem stehen ein paar Utensilien zur Verfügung.
Das sind ein löchriger Schlauch, ein Eimer Wasser (um das Loch im
Schlauch zu entdecken), Kleber, Flicken, eine Felge und natürlich
eine Luftpumpe. Erste Aufgabe: flicken. Zweite Aufgabe: aufpumpen. Dritte
Aufgabe: 5 Minuten warten. Runde eins geht vorbei. In Runde zwei versuchen
Malte, Leonie, Mike und Oliver ihr Glück. Mikes bester Kumpel trägt
ein großes Schild “Du schaffst es Mike”. Der trägt eine Sonnenbrille.
“Mein Doping”, sagt Mike. Jan Plonka entgegnet: “Ich glaube, das ist die
einzige dopingfreie Veranstaltung mit Fahrrädern.” Mike ist schnell
fertig, erklärt seine schnelle Runde zu einem “Quickie-Flick”. Danach
hilft er Leonie. “Da nutzt er die Chance”, sagt der Moderator, “zu einem
kleinen Flirt.” Es ist eine sehr kurzweilige Veranstaltung. Wirklich! Zwischendurch
erklärt Andrea Friese, wie sie auf den Geistesblitz kam: “Ich hatte
selbst einen Platten.” In Runde fünf verspricht jemand, die anderen
“in Grund und Boden zu flicken”. Doch nur zwei Minuten später muss
der kleinlaut gestehen: “Kleber und Flicken wollen nicht halten.” Nach
anderthalb Stunden ist’s geschafft. Die Finalteilnehmer stehen fest.
Das entscheidende Zeitfahren
der Tour de France läuft parallel. Doch in der Pause zwischen Vorrunde
und Endpump kommt niemand auf die Idee, zum TV-Gerät zu rennen. Warum
das Gelbe Trikot, wenn es auch der Goldene Schlauch sein kann? Es wird
ernst. Ein Fernsehteam hat Mike zum Favoriten erklärt und ihn verkabelt.
Die Sonnenbrille trägt er nicht mehr. Es ist einfach zu bewölkt.
Auf die Plätze, fertig, flick! Schiedsrichter Marcel Schwandt eröffnet
das Finale mit einem Startklingeln. Mike ist schnell abgeschlagen. “Mein
Doping fehlt”, sagt er. Um den Sieg pumpen Alexander Lücke, Trainer
des Rudervereins, und Andres Martinez. Alexander Lücke hat Erfahrung
mit Rädern. Am Streckenrand fährt er oft parallel zu seinen Schützlingen
- und zu oft liegen Scherben im Weg. Andres Martinez ist “nur” Hobby-Mountain-Biker.
Er ist mit geballter familiärer Unterstützung anwesend. Seine
Eltern sowie seine zwei Geschwister drücken die Daumen. Ein Zweikampf
bis zum letzten Lufthauch.
Alexander Lücke ist
schneller. Er schraubt den Reifen zu, hebt die Hand, legt die Luftpumpe
weg. Gewonnen. Die Ruderer jubeln, erster Preis ist nicht nur der Schlauch,
sondern auch ein Mountain-Bike. “Jungs, ihr könnt stolz sein auf euren
Trainer”, brüllt Jan Plonka. Der geschlagene Andres Martinez schaut
etwas bedröppelt. Doch fünf Minuten sind’s noch. Noch vier, drei,
zwei, eins. Und? Der Schiri muss die Ruderfraktion enttäuschen. Der
Reifen ist wieder platt. Das Aus für Alexander. Andres hingegen hat
ohne Fehl, Tadel und Doping geflickt. Erster Platz, Goldener Schlauch,
neues Fahrrad. “Endlich”, sagt er, “mein altes war schon drei Jahre alt.”
Papa Santiago klatscht begeistert in die Hände. 21 Jahre ist Andres
alt und bald Werkzeugmacher. Als sich alles beruhigt hat, zieht Andrea
Friese Bilanz. “Eine runde Sache”, sagt sie. Ob es 2008 eine zweite Auflage
gibt, will sie in Ruhe entscheiden.
So war das mit den Plattenflickern.
Danach ging mein Samstagmittag
noch weiter. Aber für heute habe ich Euch schon genug Zeilen zugemutet.
Von Pöppinghausen erzähle
ich Euch dann morgen.
Copyright liegt bei der WAZ Mediengruppe
Pöppinghausen heißt wirklich so, hat 900 Einwohner und liegt seeeehr abgeschieden. Was das mit U2 zu tun hat, erfuhr ich im Nirgendwo.
Es soll ja auch einige Nicht-Castrop-Rauxeler geben, die meine Zeilen Tag für Tag lesen. Für diejenigen sind meine ersten Sätze des Tages: Es gibt selbst hier viele, viele Stadtteile. Etliche habe ich Euch schon vorgestellt, einige nicht. Da sind Henrichenburg (mit der Autobahnausfahrt der A2), Ickern (folgt morgen), Habinghorst (mit der Langen Straße, siehe “Meine erste Stadtrundfahrt"), Rauxel (mit dem Hauptbahnhof und der Europahalle, da war ich noch nicht), Bladenhorst (mit dem Schloss), Castrop (hier sind die Redaktion und die Altstadt), Schwerin (bin ich bisher nur durchgefahren), Frohlinde (wo isn das?) und Merklinde (an der B 235, grenzt an Dortmund-Bövinghausen).
Und dann ist da noch Pöppinghausen.
Lest Euch bitte zur Einstimmung
noch einmal den gestrigen Blog-Eintrag durch. Plattenflicken. Deutsche
Meisterschaft. Verfahren. Wartburginsel.
Seid Ihr wieder im Film?
Gut!
Ich verlasse die Wartburginsel,
biege ab auf die Wartburgstraße und folge einem Schild Richtung Pöppinghausen
- ja, jetzt nicht so ungläubig auf den Bildschirm starren - der Stadtteil
heißt wirklich so. Im Internet habe ich mich ausgiebig informiert.
Und auch eifrig die erfahrenen Kollegen befragt. Ich fahre mitten durch
die Natur und merke schnell: Pöppinghausen (ich schreib das so gern)
liegt außerhalb. Es ist nicht mehr wirklich Castrop-Rauxel, aber
auch noch nicht Herne. Der Stadtteil hat nur 900 Einwohner. Wirklich. Mehr
dürfen es nicht werden, Pöppinghausen verfügt über
keine Wohnbaulandreserven mehr. Auf dem Stadtplan nimmt Pöppinghausen
kaum mehr als wenige Quadratzentimeter ein. Ich wechsle im Auto noch schnell
die CD - mir steht der Sinn nach “Where the streets have no name” von U2
(warum wohl?) - und denke an meine Worldwideweb-Recherche vom Vormittag.
Eine Internetseite des WDR verrät, dass ein Ahnherr namens Poppo dem
Dorf zu seinem Namen verhalf. Na ob das wohl stimmt… Im Frühmittelalter
soll er der Gründer oder Dorfälteste der Siedlung gewesen sein.
Eine Siedlung, das ist Pöppinghausen bis heute. Der Redakteur erzählte
erstaunliche Dinge: “Es gibt dort keine Einkaufsmöglichkeit.” Vor
vielen Jahren schloss der letzte Supermarkt. Die Einwohner müssen
nach Habinghorst fahren. Mit dem Bus ist Pöppinghausen sehr schwer
zu erreichen. Eine Kneipe gibt es auch nicht mehr. Die letzte ging vor
ein paar Jahren K.o. und ist inzwischen längst in eine Wohnung umfunktioniert.
Selbst Kabelfernsehen gab es hier nicht. In Zeiten von Sat-TV und DVB-T
ist wenigstens das kein Nachteil mehr.
Mittlerweile habe ich das
Ortsschild erreicht und biege ab in den Ringelrodtweg. Ich suche einen
kleinen Teich hinter dem Umspannwerk in der Nähe des Rhein-Herne-Kanals.
Es bleibt noch ein wenig Zeit, über meine Recherchen nachzudenken.
Auf der städtischen Homepage führt ein Link zu Gesprächen
des “Zukunftsprojektes Castrop-Rauxel”. “Der dörfliche und ländliche
Charakter des Ortsteils wird überstimmend als besondere Qualität
benannt. Wald, Felder und die Lage am Kanal machen das Einzigartige aus.
Die Abgeschiedenheit wird von vielen geschätzt, aber auch kritisch
betrachtet. Weil der Ortsteil “am Ende der Welt” liegt und sehr klein ist,
haben viele das Gefühl, dass ihr Ortsteil nur der Wurmfortsatz von
Habinghorst sei und deshalb oft von der Politik nicht ernst genommen werde”,
steht dort zum Beispiel. Am Ende der Welt also. Im WDR-Artikel heißt
das Wort “Kuhkaff”.
Was gibt es denn nun in
Pöppinghausen außer Umspannwerk und Wohnhäusern? Ein Jugendzentrum,
einen eingruppigen Kindergarten (aufgefüllt mit Kindern aus Herne),
eine Kirche (die aber nur noch für Hochzeiten genutzt wird) und den
Sportplatz von SuS Pöppinghausen (Spitzen-Vereinsname). Der Platz
ist in Sichtweite, als ich die maximal marode Wewelingstraße befahre
und befürchte, dass mein Auto in irgendeinem Schlagloch versinkt.
Vor dem Sportplatz muss
ich liiiiiiinks ganz scharf um die Kurve, wurde mir gestern so mitgeteilt.
Gesagt, getan. Ich biege ab, mein Auto freut sich mit, durchquere eine
Tor-Einfahrt und lande tatsächlich an einem Teich. Wahnsinn, das sieht
hier wirklich unglaublich idyllisch aus. Es ist ein toller Ort, um Ruhrgebietsfeinde
zu beruhigen. 22.000 Quadratmeter Wasser, große Bäume ringsum,
dazu noch grüne Wiesen und vor allem: Ruhe. Grenzenlose, endlose Ruhe.
Kein Auto stört. Keine Autobahn. Kein Fußgängerzonen-Gebrüll.
Ein Anglerverein aus Recklinghausen, der sich Früh Auf 80 nennt, hat
sich hier niedergelassen und fischt regelmäßig Hechte, Zander
und Schleie aus dem ruhigen Wasser. “Der Teich ist bestimmt 4,30 Meter
tief. Ich habe das noch nie getestet”, sagt Vorstandsmitglied Uwe Unger.
Gemeinsam mit seinen Vereinskollegen hat er ein Insektenhotel gebaut und
am Rand des Teichs auf einer großen Wiese aufgebaut. Ein Insektenhotel
mit Holz, Ziegelsteinen und Ästen für Käfer, Spinnen und
Fliegen. Ich trinke eine Cola, lasse mir ausgiebig das etwas andere Hotel-Konzept
erklären (es gibt keine Sterne, keinen Portier, keinen Zimmerservice
- und doch gefällt’s den “Touristen") und reise schließlich
weiter.
Der Rhein-Herne-Kanal durchquert
Pöppinghausen - und als ich daran denke, fällt mir etwas ein,
was ich noch vergessen habe: Hier in diesem kleinen Vorörtchen gibt
es einen gut frequentierten Yachthafen, wenigstens das. Bezeichnend: Dieser
Hafen ist über die A42-Ausfahrt “Herne-Horsthausen” bestens zu erreichen.
Hier ist nirgendwo. Where the streets have no name. Hier ist irgendwie
Herne, aber auch Castrop-Rauxel und ein Klub aus Recklinghausen ist hier
heimisch. Auf dem Rückweg befahre ich noch einmal nahezu alle Straßen
des Stadtteils, kurve extra langsam mit 20 km/h herum. Wohnbebauung, sonst
nichts. Spielt sich hier das wahre Leben in aller Abgeschiedenheit ab?
Ist das hier die Chillout-Zone Castrop-Rauxels? Oder ist’s hier einfach
nur öd und leer? Die Antwort liegt wahrscheinlich irgendwo in der
Mitte.
Ende der Nachhilfestunde
zu Pöppinghausen. Aber noch nicht Ende des Unterrichts.
Morgen geht’s nach Ickern
in den Nordosten der Stadt.
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WAZ Castrop-Rauxel - 1.8.2007 - Serie: Melanie kommt in die Schule (Teil 2)Gar nicht schüchtern
sitzt Melanie Piskorz auf dem Schoß ihrer Gruppenleiterin Annelie
Knop. Selbstbewusst und laut rattert sie die Zahlen runter, die sie schon
kennt. "Eins, zwei, drei, vier. . .", sagt sie, zählt bis 25, ohne
dabei Luft zu holen. Melanie ist sechs Jahre alt. Zum letzten Mal läuft
sie heute durch die Tageseinrichtung Villa Kunterbunt in Ickern. Nächste
Woche kommt sie in die Schule.
Auf ihrem Kopf trägt
sie ein selbst gebasteltes, rotes Stirnband. Ganz vorn steht "Melanie",
angeklebt ist ein rotes Herz. "Heute Morgen", sagt Melanie, "habe ich Nudeln
mitgebracht." Kochen zum Abschied. Spagetti morgens um 10.15 Uhr. Für
insgesamt 26 von 76 Kindern der Villa Kunterbunt beginnt nächste Woche
ein neues Leben. Und auch für zwei Erzieherinnen. Die gehen ebenfalls
am 31. Juli. Puh, ganz oft "Tschüss" sagen an diesem Dienstag.
Mit dem Stirnband auf dem
Kopf spaziert Melanie zurück in ihren Gruppenraum, lässt sich
Geschichten erzählen. Villa-Leiterin Carmen Ziegler schaut ein wenig
traurig hinterher. Bereits Melanies älteren Geschwister besuchten
die Villa Kunterbunt. "Für uns", sagt Carmen Ziegler, "geht deshalb
eine Ära zu Ende."
Bereits im letzten Jahr
nahmen die "Schulkinder" an Projekten teil. "Die Angebotsstruktur ist natürlich
ganz anders als für 3-Jährige", erklärt Ziegler. Jedes Schulkind
bekam ein 3-jähriges Patenkind an die Hand. Außerdem ging es
zum Beispiel für Melanie mit dem All-Projekt ins Planetarium. Und
die Verkehrserzieher der Polizei kamen.
Mars, Venus, Saturn und
Polizei sind diesmal kein Thema. Melanie zieht sich ihre kleinen Schuhe
an, legt das Stirnband ab, zieht sich ihre Jacke über und stürmt
nach draußen. Innerhalb von Sekunden stürmt sie die Kletterwand
hinauf und sprintet weiter zur Rutsche. "Auf die Pause in der Grundschule
freue ich mich besonders", sagt sie und tobt mit ihren Gruppenkameraden
herum. Annelie Knop zählt zwischendurch immer wieder die Kinder -
damit auch keins verloren geht.
Ein letztes Mal läuft
Melanie zum Noah-Teich. Noah, weil ein Junge namens Noah der erste war,
der ins knietiefe Wasser fiel. "Hier", sagt ihre Gruppenleiterin Annelie
Knop, "du darfst sie noch einmal füttern." Melanie nimmt die große
Packung Futter und schmeißt den Goldfischen und Kois ein paar Körner
zu. Melanie und ihre Freunde halten ihre Finger ins Wasser. Brr. . . ist
ganz schön kalt.
Es dauert nicht mehr lange
bis zum großen Tag.
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Blog aus Castrop-Rauxel, Blog 19 - 10.8.2007I can’t wait for the weekend to begin. Ich kann nicht abwarten, bis das Wochenende beginnt. Und JETZT beginnt’s. Am Freitag lernte ich alle weiterführenden Schulen Castrop-Rauxels auswendig.
Es gibt da dieses eine Lied.
Es kommt jeden Montag, jeden Morgen, gefühlt jedes Mal während
des Frühstücks. Die Melodie geht etwa so: “Diiidippdippdidiiiiidippdippdidiii”
undsoweiterundsoweiter. Und dann kommt dieser Refrain: “I can’t wait for
the weekend to begin”. Ich kann nicht abwarten, bis das Wochenende beginnt.
An einem stinknormalen Montagmorgen ist dieser Song selbstverständlich
der blanke Horror. Du hast gerade einen wunderschönen Samstag hinter
dir, in der Bundesliga hat der VfL Bochum triumphal gewonnen (leider kommt
das viel zu selten vor). Am Sonntag folgen Treffen mit Freunden, die während
der Woche viel zu kurz kommen, dann schaue ich mir meistens die Spiele
des Mülheimer Fußball-Oberligisten VfB Speldorf an, herrlich.
Und dann am Montagmorgen dieses Lied. Horror, ich sag’s ja.
Damit der Song nicht nur
negativ konnotiert, also mit dem Wort “miiiies” verbunden ist, habe ich
ihn mir auf eine CD gebrannt. Und höre es heute. Auf dem Weg zur Redaktion.
Auf dem Weg in die Castrop-Rauxeler Altstadt. Immer und immer wieder. Na
klar bin freue ich mich auf Samstag (Saisonstart! VfL Bochum gegen SV Werder
Bremen) und Sonntag (Oberliga, Revierderby! VfB Speldorf gegen ETB Schwarz-Weiß
Essen), aber heute ist Freitag - und für mich wird es endlich Zeit
für eine weitere Nachhilfestunde in Sachen Castrop-Rauxel.
Die weiterführenden
Schulen sind heute an der Reihe. Schon vorgestern (gestern nicht: REGEN!)
ist’s mir aufgefallen. Vermehrt laufen junge, ganz junge Menschen mit Rucksäcken
durch die Altstadt. Das heißt: Die Schule hat begonnen. Seit ich
selbst das Abizeugnis in Mülheim in Empfang nahm, sausen die Ferienzeiten
in Formel-1-Tempo an mir vorbei. Jedenfalls unterrichten die Lehrer wieder
- und es wird Zeit für Schulthemen in unserer Lokalausgaben. Ich nutze
die Gelegenheit, um herauszufinden, wie viele weiterführende Schulen
es hier überhaupt gibt. Schnell gecheckt… und die richtige Zahl lautet:
“8” - zwei jeder Schulform, alle sind nach berühmten Personen benannt.
Soll ich alle aufzählen? Nein? Ätsch, ich mach’s trotzdem: Da
wären das ASG (Adalbert-Stifter-Gymnasium), das Ernst-Barlach-Gymnasium,
die Fridtjof-Nansen-Realschule, die 2005 eröffnete Johannes-Rau-Realschule,
die Willy-Brandt-Gesamtschule, die Janusz-Korczak-Gesamtschule, die Franz-Hillebrand-Hauptschule
und die Schillerschule. Puh, geschafft.
Seit Anfang der Woche -
pünktlich zum Schulbeginn - wird darüber diskutiert, ob der Unterricht
am Samstag wieder eingeführt werden soll. Im Moment ist’s ruhig auf
den Schulhöfen in NRW am sechsten Tag der Woche, also auch in Castrop-Rauxel.
Ändert sich das? Was denken die Beteiligten? Direkt in der Altstadt
soll ein Gymnasium sein, komisch, das ist mir noch nie aufgefallen. Der
Fotograf und ich ziehen los, und tatsächlich, kurz hinter dem Marktplatz,
stehen die Gebäude des Adalbert-Stifter-Gymnasiums, kurz ASG. Ach
daaaaas ist eine Schule. Wir kommen zu einer ungünstigen Zeit, im
Moment ist keine Unterrichtspause. Dennoch begegnen wir vier Schülern
der Jahrgangsstufe zwölf. Wir überraschen sie in einer Freistunde.
Mathias mampft Nudeln aus einem Plastikteller. Er und seine Freunde Janis,
Patrick und Tobias weisen die Idee der Schulministerin Barbara Sommer strikt
zurück. “Ich brauche den Samstag zum Ausschlafen”, sagt der eine.
“Wir können ruhig während der Woche länger machen. Das ist
Gewohnheit. Da brauchen wir keine Entlastung”, meint der zweite. “Wir haben
hier immer den Tag der offenen Tür am Samstag, drei Stunden lang.
Das geht gaaaaar nicht”, erklärt der dritte der Gruppe. Matthias legt
kurz die Gabel zur Seite und merkt ganz trocken an: “Sollen sie das ruhig
einführen. Aber erst in zwei Jahren, denn da mache ich Abi.” Wo sind
eigentlich die jungen Frauen der Stufe zwölf? “Bestimmt im Café
Balzac am Markt”, sagt Mathias. Stimmt, darauf bin ich noch gar nicht gekommen.
Von unserem Café-Test meiner ersten Woche in Castrop-Rauxel sind
mir die verschiedenen Möglichkeiten in der Altstadt noch gut bekannt.
Hier gibt es verlockende Möglichkeiten, die Freistunde auszudehnen.
Meine Ex-Schule in Mülheim steht auf einem Hügel, ziemlich weit
von der City weg, überhaupt weit von jeglicher Art von Café
entfernt.
Wir verlassen den Schulhof,
lassen die Jungs weiter entspannen. Ich selbst hatte bis zur Jahrgangsstufe
elf noch Unterricht am Samstag, alle zwei Wochen. Zwei Stunden Religion
in der 3. und 4. Stunde, also bis 11.25 Uhr - und direkt danach ab zum
VfL. Lustig war das nicht. Egal. Wir laufen durch die Altstadt zurück
zur Redaktion, vorbei an zahlreichen Schülerinnen und Schülern
(heute fallen die mir - komisch - ganz besonders auf). Mal schauen, was
die übrigen Beteiligten in Castrop-Rauxel so glauben. Ich setze mich
ans Telefon und führe Gespräche. Eins nach dem anderen. Mit Schulleitern,
einer Elternvertreterin. Die Meinungen sind eindeutig: Niemand plädert
für die Wiedereinführung einer Sechs-Tage-Woche. Ich nehme den
Hörer ab, wähle eine Nummer, spreche, lege auf - und wieder von
vorn. So geht das den ganzen restlichen Tag. Aber das macht nichts. Mit
dem Wochenende am Horizont lässt sich’s doch viel leichter arbeiten,
viel leichter eintippen.
I can’t wait for the weekend
to begin.
Notiert meinen Tipp: VfL
Bochum - SV Werder Bremen 2:1. Schließlich bereitet sich der VfL
in der Nacht von Freitag auf Samstag in Castrop-Rauxel im “Hotel Goldschmieding”
in Altstadt-Nähe vor. Und da ist’s ruhig, ich weiß es. Die Castroper
Luft wird’s richten!
Jetzt habe ich “weekend”.
Wochenende. Doch ich komme wieder, keine Frage!
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WAZ Castrop-Rauxel - 18.8.2007Verärgert blickt Jürgen
Kahl auf den Messenkamp. Vor jedem Haus in seiner Straße stehen die
Gelben Tonnen. Mittwoch schon hätten sie geleert werden müssen.
Doch jetzt ist Freitagmittag. "Das passiert jetzt zum zweiten oder dritten
Mal. Was machen wir, wenn es stürmt und die Tonnen kippen um? Dann
liegt der Müll auf der Straße verteilt." Jürgen Kahl ist
nicht der einzige mit einem Müll-Problem. Auch Bewohner der Viktoria-
und Cottenburgstraße sowie des Bookenweg meldeten gestern noch volle
Tonnen.
Viele Beschwerden gehen
beim EUV ein. Doch die Stadtbetriebe sind für die Leerung der Gelben
Tonne gar nicht zuständig - sondern seit dem 1. Januar 2007 die Firma
Remondis. "Beschwerden gibt es aber bei uns immer wieder", sagt EUV-Mitarbeiter
Thorsten Werth-von Kampen.
Die Firma Remondis bekam
den Auftrag der Tonnen-Leerung von der Duales System Deutschland GmbH (DSD).
Die ist für die Kommunen zuständig und schrieb den Auftrag zum
1. Januar neu aus. Unter den Bewerbern: Remondis, ein weltweit operierendes
Unternehmen, und der EUV. Den Zuschlag bekam Remondis. "Mein Appell ist",
sagt Daniel Molloisch (SPD) aus dem Umweltausschuss, "dass der DSD versuchen
soll, es bei den Kommunen anzusiedeln. Die kennen den Ort." Sein Vater
Holke, ehemaliger Vorsitzender des Umweltausschusses, zählt zu den
betroffenen Bürgern. "Das ist ein Ausdruck des Privatisierungswahns
und ein Todesurteil für die stadteigenen Betriebe." Die DSD GmbH erklärt
die Auswahl der Firma nüchtern. "Wir stimmen uns mit den Kommunen
ab. Entscheidend ist die Wirtschaftlichkeit", sagt Mitarbeiter Norbert
Völl. "Von Beschwerden habe ich nichts gehört." Die landen eben
beim EUV - nur sind sie dort völlig falsch.
Was sind die Gründe
für die verspätete Leerung? Auch das Hotel Residenz in der Altstadt
hat Probleme. "Uns wurde am Mittwoch an der Hotline mitgeteilt, dass es
Fahrzeugschäden gab", sagt eine Mitarbeiterin. Nach mehrfacher Anfrage
unserer Redaktion an zwei Tagen äußerte sich Jutta Kersting
aus der Remondis-Kommunikationsabteilung gestern um 14.35 Uhr schriftlich:
"Am 15.08. kam es urlaubsbedingt zu einer Nichtleerung der gelben Tonnen.
Die Leerung wurde heute nachgeholt. Andere Störungen sind uns nicht
bekannt."
Der Vertrag mit Remondis
läuft noch bis Ende 2009. Dann wird neu verhandelt. Michael Werner,
Vorstandsvorsitzender des EUV, will alle Beschwerden an den DSD weiterleiten.
Er kann Remondis nicht verstehen: "Nach mindestens einem Quartal sollten
doch die Probleme abgestellt sein."
Bürgern wie Jürgen
Kahl sind die Hintergründe egal. Sie wollen einfach nur eine pünktliche
Leerung.
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WAZ Castrop-Rauxel - 24.8.2007Einer der langen Flure im
WLT: Kurz vor dem Ende, hinten im Eck, liegt Raum 51. "Fundus" steht ganz
klein auf dem Türschild unter der Zahl "51". Kostümschneiderin
Maud Herrlein schließt auf und deutet auf einen Ständer. "Diese
Sachen", sagt sie, "werden wir verkaufen." Und zwar im Rahmen von "Bühne
raus" auf dem Altstadtmarktplatz im Pavillon am Eingangsbereich (31. August
bis 2. September).
Wuchtig schiebt Maud Herrlein
die Kostüme hin und her. Wie viele es sind, kann sie nicht schätzen.
Sie zeigt auf ein blau leuchtendes Kostüm. "Das hier gehörte
zum Stück ,Der kleine Wassermann.' Da war ich selbst beteiligt." Sie
schaut weiter und weiter, staunt selbst oft über die Angebote und
murmelt dann: "Die hier sind wirklich ewig alt, die kann ich gar nicht
mehr zuordnen." Sie entdeckt eine mühsam genähte Jacke aus dem
Stück "Der kleine dicke Ritter". Maud Herrlein legt ihre Stirn in
Falten. "Das war eine Mordsarbeit", sagt sie und hängt das kostbare
Stück zurück auf den Ständer.
Die WLT-Mitarbeiterinnen
Elena Peeva und Pia Krug kommen in Raum 51. Sie spielen die Models und
probieren ein paar Kostüme an. Für kurze Zeit verwandelt sich
Elena Peeva in einen kleinen dicken Ritter. Pia Krug trägt erst das
Wassermann-Blaue und dann eins aus einem Jahrhundertwende-Stück. Welches
genau? Herrlein zuckt mit den Schultern. Die Preise liegen zwischen fünf
und 40 Euro.
Der Fundus ist riesengroß
und völlig überfüllt. "Alles geben wir natürlich nicht
weg", sagt Maud Herrlein. Sie zeigt auf verschiedenste Mäntel, Kleider,
Westen, Anzüge und Fantasie-Kostüme aus allen Epochen. Dazu kommen
Massen an Stiefeln und Schuhen. Ein Paar Motorradstiefel - genannt Bikerboots
- kostete einst 300 Euro. Das bleibt in einem Fundusschrank.
Viele Interessierte haben
sich schon angemeldet - denn der letzte Verkauf dieser Art fand vor etlichen
Jahren statt. "Viele suchen nach Kostümen für Karneval, aber
manche Frauen können einige Kleider auch bei einer Cocktailparty nutzen",
erzählt Herrlein.
Einige WLT-Mitarbeiterinnen
werden im Pavillon am Markt auf Wunsch die Kostüme und Kleider anprobieren.
So wie Elena Peeva und Pia Krug. Und das alles für ein bisschen Platz
im Fundus in Raum 51.
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WAZ Castrop-Rauxel - 19.9.2007Das sieht ja lecker aus.
. . Backfisch oder Currywurst? Waffel am Stiel oder Zuckerwatte? Auto-Scooter
oder Breakdance? Glaubensfragen auf kirmisch. Die Castroper Herbstkirmes
- seit gestern zu Ende - hat so viel mit der Cranger Kirmes zu tun wie
Dosenwerfen mit Playstation-Spielen. Sie ist klein. Aber auch fein? Wie
lief sie 2007?
Schnell ein Crepe mit weißer
Schokolade probieren: schön heiß, süß und lecker.
Eine Umfrage unter den Schaustellern: Beim Pfeilewerfen steht niemand.
"Hier", sagt der Verkäufer, "ist es nicht so gut gelaufen." Schräg
gegenüber dröhnt das "New York Höllentaxi". Die Geräuschkulisse
erinnert nicht an kleine, gelbe Autos, sondern an die New Yorker U-Bahn.
Es klickt und klackt mit gefühlten 180 Dezibel, Unterhaltungen fallen
schwer. Der Mann an der Kasse beantwortet die Bilanz-Frage mit den Fingern:
Daumen hoch! Danach spielt er die Techno-Version von Nenas "99 Luftballons".
Hast du etwas Zeit für mich?
Die Zeit verrinnt, zurück
geht's Richtung Marktplatz, vorbei an allerlei leckeren Sachen und an einem
Stand, der "Glücksreis - Ihr Name auf einem Reiskorn" heißt.
Sachen gibt's. Der Schüttelklassiker "Breakdance No. 2" ist nach wie
vor Treff- und Höhepunkt. "Es läuft besser als in den Vorjahren",
sagt die Verkäuferin und nennt gleich ihre Vermutung: "Weil zwei Fahrgeschäfte
weniger hier sind, verteilt sich das Geld auf die anderen." Diesen Grund
nennt auch Dieter Krieger, der Organisator aus dem Ordnungsamt. Auch er
drehte am letzten Tag eine Runde. "Mir haben die Händler gesagt, dass
sie zufrieden sind", sagt er. "Samstag normal, Sonntag gut, Montag sehr
gut." Die Meinungsverschiedenheiten mit dem Altstadt-Marketingverein Cityring
sind nicht neu. "Ich glaube, dass der Cityring auch mit der Veranstaltung
werben könnte. Die würde dadurch aufgewertet", sagt Krieger.
Den Vorschlag des Cityring-Chefs Daniel Borgerding, die Kirmes in den Erin-Park
zu verlegen, weist Krieger zurück. "Die Fläche ist nicht geeignet,
es müsste erst eine Infrastruktur geschaffen werden. Außerdem
ist die freie Fläche für Industrieansiedlung gedacht."
Altstadt oder nicht Altstadt
- noch so eine Glaubensfrage auf kirmisch.
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18 Tage nicht in Castrop-Rauxel - dann komm’ ich wieder und was sehe ich? Die Herbstkirmes in der Altstadt! Lecker, lecker, lecker!
Komisch. Es ist wie das Gefühl,
nach einem dreiwöchigen Urlaub die heimische Wohnung zu betreten.
Oder nach der Sommerpause das erste Bundesligaspiel des VfL Bochum zu besuchen.
18 Tage betrat ich nicht mehr Castrop-Rauxel. Mehr als die tägliche
Lektüre der WAZ-Ausgabe bekam ich nicht mit vom Leben in der Stadt,
die mir ans Herz gewachsen ist. Den Weg über die Autobahn finde ich
noch, weiß sogar noch, wo die Blitzer stehen. Ich könnte zum
Dichter werden und Verse unter dem Titel „Coming home” oder „Zu Hause”
kreieren, Musik: Blues.
Was ist passiert in Castrop-Rauxel,
was geschieht heute, wo darf ich hin? Diese Entscheidung fällt schnell:
Herbstkirmes! Habe noch keinen Blick in die Altstadt gewagt am heutigen
Tag. Dann wär’s mir sofort aufgefallen. Lese noch schnell meinen Blog-Eintrag
über die Castroper Gastronomie-Familie Wachsmann auf der Cranger Kirmes.
. . okaaaay, fertig! Und los. Ja jetzt bin ich aber richtig gespannt!
Laufe die Obere Münsterstraße
entlang, sonst nur, um belegte Brötchen und Schoko-Croissants zu holen.
Süß ist auch das, was sich jetzt hier abspielt. „Schlemmerhaus”
heißt das erste Gebäude, das verdammt nach Kirmes aussieht.
Wow, es geht also schon hier los. Ich dachte, dass sich die Kirmes auf
den Marktplatz beschränkt. Könnte jetzt schon so viel in mich
reinwuchten. Bratwurst, Zuckerwatte, Currywurst, Schokobanane, Backfisch.
Hurra, eine Crepe-Bude. „Einmal mit weißer Schokolade bitte.” Zweifuffzig
kostet der Spaß. Schmeckt. Gut.
Stehe mitten auf dem Marktplatz.
Sonst parken hier Autos, jetzt blicke ich mich um, sehe viele Buden, aber
mittags um drei noch nicht viele Besucher. Die meisten stehen – welch Wunder
– am Breakdance No. 2, der Klassiker unter allen Mir-wird-übel-ich-hätte-gerade-doch-noch-nichts-essen-sollen-Geräten.
„Der Renner, auch in diesem Jahr”, haben mich die Kollegen schon vorgewarnt.
Mein Kirmesherz schlägt höher, auch wenn es natüürlich
nur ein Rummel im Miniminiformat ist. Eine Formulierung fällt mir
ein, ich hebe sie für den Zeitungstext auf. „Die Herbstkirmes hat
so viel mit Crange zu tun wie. . .” Lest selbst nach!
Crepe zu Ende gegessen,
der Losverkäufer langweilt sich, Auto-Scooter fahren will auch noch
niemand. „Es läuft wie immer”, sagt der Verkäufer. Ach, was hat
mir dieser Geräuschpegel gefehlt. Jugendliche flüstern, schreien
und lachen an der einen Ecke, Familien werfen Dosen, die Breakdance-Gondeln
sausen im Orkantempo vorbei – und überall der Kirmes-Techno, vornehmlich
Pop-Schlager a´ la „Das rote Pferd” oder Techno a´ la Scooter.
Scooter, immer wieder Scooter. Utzutzutzutz, gebrannte Mandeln kitzeln
die Nase. Leeecker.
Marktplatz, war das etwa
schon alles? Nein, in Richtung Stadtgarten stehen auch noch ein paar Buden.
Die Herbstkirmes ist klein, aber größer, als ich dachte. 2007
fehlen – erfahre ich von einem Verkäufer – sogar noch zwei Fahrgeschäfte.
„Glücksreis” nennt sich ein Stand. Auf einem Schild auf dem Tisch
steht „Ihr Name auf einem Reiskorn”. Aha. Der Renner sind Simpsons-Plüschfiguren.
Homer und Bart fürs Regal. Beim Dosenwerfen kosten drei Wurf zwei
Euro. Teuer. Das letzte klassische Fahrgeschäft heißt „New York
Höllentaxi” und klack-klackert wie eine U-Bahn. Nenas „99 Luftballons”
dröhnen aus dem Lautsprecher. Hast Du etwas Zeit für mich, dann
schreibe ich einen Text für Dich! Der Kirmes-Biergarten wirbt mit
Altbierbowle, Berliner Weiße und Weißbier.
Ich zweifle, kämpfe,
will zuschlagen – und doch kann mich keine Versuchung besiegen. Gemütlich
schlendere ich zurück zur Redaktion, vorbei an Wiener Mandeln und
frisch gehackten Kokosnüssen. Mir fallen viele Sachen ein, die fehlen,
von der Achterbahn bis zum Riesenrad, dem Kirmesboxen und dem Kamelrennen.
Erfahrene Cranger könnten die Liste wahllos ergänzen.
Sammeln. Und telefonieren.
So richtig unumstritten ist die Herbstkirmes bei aller Tradition nicht.
Die Einzelhändler der Altstadt sind strikt dagegen. Erzählen,
dass der Umsatz sinkt, dass die Herbstkirmes keinen Stellenwert mehr hat.
Die Kirmesbesucher wünschen sich mehr Geräte, halten sie aber
für „besser als nichts”. Der Organisator der Stadt betrachtet die
Kirmes als Erfolg, die Schausteller sind mehrheitlich zufrieden. Einen
alternativen Standort gibt es laut Organisator nicht.
Alle prallen aufeinander.
Die Texte werden schön. Kirmes schreibt sich wie von allein.
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WAZ Mülheim - 6.10.2007 (für das Thema der Woche "Mülheim gastronomisch")Anmerkung: Jaja, eigentlich bin ich weg aus Mülheim. Aber einen Text durfte ich dann doch noch schreiben...
Ein normaler Dienstagabend,
kurz vor neun. Fußball läuft. Champions League, Stuttgart gegen
Barcelona. Zu Hause gucken ist unmöglich, kommt nur im Pay-TV. Wird
Zeit für einen Besuch in der Stammkneipe. Die Tür aufdrücken,
ganz sanft. Hier ist es, das "Schräge Eck" an der Klopstockstraße,
eine ganz normale Eckkneipe, wie sie immer seltener werden in Mülheim.
Das Schräge Eck: Dat is Eppinghofen pur.
"Psst", sagt jemand, "Bazza
greift an." Bazza heißt Barcelona. Warum richtig aussprechen, wenn's
auch einfach geht!? In einer Kneipe leise: haha und drauf gepfiffen! Erst
die Leute begrüßen. Die Stammgäste, die in den letzten
Jahren zu Würfelfreunden geworden sind. Zu Dartkumpanen. Zu Billard-Kontrahenten.
Der erste Weg führt zum Wirt, der im "Schrägen Eck" Zarko Pulic
heißt. Manche sprechen ihn richtig aus, also "Dscharrko", manche
einfach "Jacko". "Hallo Dscharrrko". Der antwortet stets: "Hallo mein lieber
Freund." Das passende Getränk steht bereit. Er kennt seine Stammgäste.
Lust auf Fußball gucken,
aber auch Lust auf Billard. Ein Euro gleich ein Spiel. "Hier wird nach
Zarkos Regeln gespielt." "Ach so", sagt Micha, der Gegner. Hier ist die
Vornamen-Welt. Nachnamen interessieren nicht. "Where everybody knows your
name", heißt es im Titelsong der US-Serie "Cheers". Passt.
Micha erkundigt sich, wie
Zarkos Regeln sind und stößt. Klick und Klack macht's auf dem
Tisch. Dieser Geräuschpegel. . . Billardkugeln hier, die Dudelei des
Dartautomaten dort, die Stimme des Kommentators im Hintergrund. Am Nebentisch
wird gar nicht geredet. Doch, halt, jetzt ganz kurz. "Pik Solo", sagt Conny
- keine Ahnung, wie sein richtiger Vorname lautet. Ach sooo, hier wird
Skat gekloppt.
Halbzeit im Fußball,
ein Billardspiel vorbei. An der Theke hocken Wanna und Bernd. "Wir", sagt
Wanna jedem, der an der Theke vorbei zum Klo geht, "wir haben zusammen
auf dem Schulhof gespielt." Dann deutet er auf Bernd. "Und heute hier nach
zehn Jahren wiedergetroffen." Die Tür geht auf, jemand brüllt
laut "TAXIIII!" Wanna steht auf, nimmt seine Jacke, bezahlt seinen Deckel
und geht. "Tschüss Wanna, mein lieber Freund", sagt Zarko, der Wirt.
Der Kommentator analysiert "Bazza spielt sehr, sehr provokant, sehr, sehr
lässig." Dann fällt das erste Tor, das zweite, 2:0. Für
Bazza. "Maaaan", heißt's laut. Eigentlich gibt es hier nur Gladbach-,
Schalke-, BVB- und Bochum-Fans. Heute sind alle für Stuttgart. Vergeblich.
Das Spiel ist vorbei, eine
Minute später betritt Kläusken den Raum. Zarko stellt den Fernsehton
leise, erfüllt nun jeden Musikwunsch. "Another brick in the wall"
von Pink Floyd ist der erste. Ja, das weckt Erinnerungen. Jede Altersgruppe
ist vertreten, von 18 bis 70. Die Skatrunde kloppt weiter. "Jacko, machze
'ma noch n' Ründken", brüllt Conny quer durch den Raum. Und Jacko
zapft vier Pils.
Die 70er sind angesagt,
zum Beispiel "Bobby Brown" von Frank Zappa. Dann die 80er. "Sex Bomb" von
Tom Jones. "Kläusken, sie spielen dein Lied", brüllt Micha aus
dem Hintergrund. Gelächter an der Theke. Kläusken, 67, schmunzelt
mit, flüstert dann aber lieber: "Spiel doch 'mal Musik für 'nen
alten Mann." Zarko weiß genau, was sein Stammgast hören will
und wenige Sekunden später ertönt "For the good times" von Kenny
Rogers aus den Lautsprechern. Kläusken singt leise mit, haucht den
Refrain "Lay your head on my pillow. . ." Er schließt seine Augen,
zieht an einer Zigarette, pustet den Rauch in die Luft, nimmt einen Schluck
aus seinem Bierglas und haucht weiter: "Hear the whisper of the raindrops,
beating soft against the window." Alle lauschen andächtig. Kneipen-Romantik.
Kurz nach zwölf ist
es inzwischen, wieder so ein Eckkneipen-Abend, der ruck, zuck vorbei geht.
Kurz nach Mitternacht schmettert John Denver "All my bags are packed. .
.", den Rest kennt jeder. "I'm leaaaaving on a jetplane", brüllen
alle, ob 18 oder 70. Und Zarko mittendrin!
Auf die Uhr schauen. Ups,
kurz vor eins. "Gute Nacht Freunde" in die Runde brüllen. Wie hat
Reinhard Mey noch gedichtet: ". . . dass man von draußen meint, dass
in euren Fenstern das Licht wärmer scheint." Sieben Euro auf dem Deckel,
einmal Billard für einen Euro. Das ist doch billig.
Die einen schunkeln nach
Hause. Treffen Lutz und Wilfried vor der Tür. Die kommen gerade. Um
eins. Die Nacht in der Eckkneipe hat begonnen.
Copyright liegt bei der WAZ Mediengruppe
Von Andreas Ernst
Schonnebeck obenauf: Kai
Suelmann köpft den Ball aus der Gefahrenzone. Der SV Schonnebeck bezwang
den FC Kray mit 2:0 und verteidigte die Tabellenspitze der Landesliga erfolgreich.
Vor vier Jahren spielte der SV noch in der Kreisliga A. Fotos: Walter Fischer/wafi-Bild
Von Andreas Ernst
Schonnebeck. Noch wenige
Sekunden. Trainer Harry Kügler vom Fußball-Landesligisten SV
Schonnebeck reckt beide Arme in die Höhe, fordert den Abpfiff. Dann
ist Schluss. 2:0 gewonnen im Derby am Sonntag gegen den FC Kray, 700 Zuschauer
applaudieren. Der SV bleibt Spitzenreiter.
Rückblick. Zwei Tage
vorher. Auf dem Ascheplatz am Schetters Busch spielen ein paar Kinder,
kein Zuschauer steht am Rand. Die "Macher" des SV Schonnebeck sind im Klubhaus
versammelt, reden über den bisherigen Erfolg und das bevorstehende
Derby. "Da ist bestimmt Emotion drin", sagt der Abteilungsleiter Jürgen
Lohkamp. Jahrelang bewegte sich der SV im Niemandsland des Amateurfußballs.
Oft Bezirksliga, zwischendurch Kreisliga A. Weit entfernt vom großen
Fußball.
Nun sind die Kreisliga-A-Zeiten
vorbei und der SV ist Tabellenführer der Landesliga. Rund um den Tisch
sitzen die verantwortlichen Personen, die nacheinander zum Schetters Busch
kamen. Jürgen Lohkamp und Stellvertreter Dieter Herche erlebten auch
die bittere Zeit der jüngeren Vereinsgeschichte mit. Dann traf Herche,
vor Jahrzehnten bei Rot-Weiß Essen tätig, seinen Ex-RWE-Schützling
Michael Tönnies wieder. Genau der Tönnies, der beim MSV Duisburg
zur Legende wurde. Der Tönnies, dem der schnellste Hattrick der Bundesligageschichte
gelang.
Der sitzt jetzt mit am Tisch
der "Macher". Den Abstieg in die Kreisliga A konnte Trainer Tönnies
nicht verhindern. Der ganze Verein war zu dieser Zeit ein Scherbenhaufen.
Die Lösung: Tönnies wurde Sportlicher Leiter, holte Uwe Poßberg
zum Schetters Busch. Beide setzten auf den eigenen Nachwuchs. Der SV blieb
59 Spiele ohne Niederlage, schaffte den Durchmarsch bis in die Landesliga.
Jetzt ist der Trainer ein
anderer. Seit Beginn der Saison hat Harry Kügler an der Seitenlinie
das Sagen. Tönnies und Kügler spielten zusammen bei RWE, Kügler
nennt seinen ehemaligen Teamkollegen "Charly": "Ein Spitzname, der von
damals übriggeblieben ist. Den kennt kaum jemand." Michaels Bruder
Dirk Tönnies ist nach vielen Jahren bei verschiedenen Oberliga-Klubs
ebenfalls zu einem Heimatklub heimgekehrt - als Kapitän und Co-Trainer.
Das Ziel vor der Saison:
sehr bescheiden "eine gute Saison" spielen. Aus einer guten Saison wurde
der erste Platz nach acht Spieltagen. Sechs Siege, ein Unentschieden, eine
Niederlage. "Alle Spieler kommen aus Essen, zwölf davon aus Schonnebeck",
sagt Dieter Herche. Mit 300 Zuschauern im Schnitt liegt der SV laut Jürgen
Lohkamp "ganz gut". 15 Jugendmannschaften teilen sich den Platz am Schetters
Busch. "Die Mannschaft ist bei uns der Star", sagt Kügler. Millionär
wird hier keiner. "Wir haben", sagt Tönnies, "alles in den Trainer
gesteckt." Alle am Tisch blicken auf Kügler und lachen danach laut.
Spaß beim Spitzenreiter!
Zwei Tage später: Das
Klubhaus ist rappelvoll. Die Schonnebecker bejubeln den Sieg durch zwei
Dirk-Tönnies-Tore. Der Vorstand und Trainer Kügler klopfen sich
auf die Schulter. Weiter ganz oben!
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Von Andreas Ernst
Katernberg. An der
Wand hängen Bilder. Von früher. Aus dem Schalthaus Beisen der
Zeche Zollverein während der Arbeitszeit. Und während der Ruinenzeit.
Vor neun Jahren entstand im Zechengebäude dann eine Kindertagesstätte.
Die darf sich seit dem 1. August sogar "Awo-Familienzentrum" nennen.
In der großen Eingangshalle
hängt ein Basketballkorb. Yussuf kommt vorbei, trägt keinen Ball,
sondern eine große Plastikschüssel in der Hand. "Für die
Wäsche", sagt er und geht zu seinem Gruppenraum. Fünf Gruppen
mit 100 Kindern besuchen das Schalthaus Beisen, davon 70 Prozent aus Migrantenfamilien.
15 festangestellte Mitarbeiter sowie etliche Honorarkräfte und Praktikanten
kümmern sich um die kleinen Kinder, die bis zu sechs Jahre alt sind.
Am Computer in ihrem Arbeitszimmer
sitzt Andrea Brieger, die stellvertretende Leiterin. Sprachförderung
ist ein großes Thema. "Wir unterstützen die Eltern darin, die
Kinder erst einmal in ihrer Muttersprache aufzubauen. Sonst entsteht eine
beidseitige Halbsprachigkeit", sagt Brieger. Nachteil: Wenn die Kinder
mit drei in die Kita kommen, sprechen sie kein Wort deutsch. Kinder aus
zwölf Nationen müssen Andrea Brieger und ihre Mitarbeiter gemeinsam
beschäftigen. "Bei den Kindern ist das kein Problem."
Doch bei den Familien? "Freundschaften
entstehen fast nur innerhalb der Kulturgruppen. Aber alle tolerieren sich
gegenseitig", erklärt Andrea Brieger. Damit die Akzeptanz noch besser
wird, gibt es seit der Eröffnung der Kita das Konzept "Familienzentrum".
"Von Anfang an haben wir die Eltern mit eingebunden", sagt sie. Zum Beispiel
gibt es Deutschkurse für Mütter - mit sehr hohen Teilnehmerzahlen.
Das gilt auch für das Elterncafe´ einmal pro Monat und die Elternbücherei.
Brieger: "Hier kennen die Eltern das Umfeld, kennen die Mitarbeiter, da
ist die Hemmschwelle deutlich niedriger." Weitere Projekte: Mutter/Kind-Gruppen
für die ganz Kleinen bis zu drei Jahren und Sport mit Müttern
- eine Zusammenarbeit besteht mit der Sportabteilung der DJK Katernberg.
Im vergangenen Jahr bewarb
sich das Schalthaus Beisen um den Titel "Familienzentrum" - und bekam den
Zuschlag. Damit verbunden ist eine Förderung in Höhe von 12 000
Euro. Mit dem Geld wollen die Mitarbeiter des Zentrums Familien aus Schonnebeck,
Katernberg und Gelsenkirchen-Rotthausen ansprechen, deren Kinder nicht
das Schalthaus Beisen besuchen. Ein Faltblatt mit etlichen Informationen
ist in Planung und soll in der Nachbarschaft verteilt werden.
Am 30. August 2008 feiert
das Team den zehnten Geburtstag. Doch schon zehn Monate gab es ein großes
Fest. Mit einer Familienrallye feierten Eltern, Mitarbeiter und Kinder
den neuen Titel. "Gemeinschaftlich haben wir den Stadtteil erkundet", erzählt
Andrea Brieger. Rallye-Stationen waren unter anderem ein neuer Spielplatz,
die Stadtteilbücherei, das Schwimmbad und der Förderturm der
Zeche Zollverein.
Der liegt direkt neben dem
Schalthaus Beisen. Ein Blick aus fast jedem Fenster bietet Ruhrgebiets-Industriekultur
pur. Die wurde vor allem am Anfang auch in der Kita thematisiert - in Kohle-Kursen.
Vereinzelt kommen auch heute Fragen. Andrea Brieger und ihre Mitarbeiterinnen
beantworten jede einzelne ausführlich. Und verweisen stets auf die
Bilder an der Wand.
Bilder von früher.
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Von Andreas Ernst
Münster. Es klack,
klack, klackt im Prinzipalsaal in Münster. In Schuhe mit hohen Absätzen
hat Sarah Kuttner ihre kleinen Füße gepresst, die Zehennägel
rot lackiert. In 45 Minuten wird sie hier aus ihrem aktuellen Buch "Die
anstrengende Daueranwesenheit der Gegenwart" lesen. Sie setzt sich auf
einen Stuhl auf der Bühne. "Ich hab' hier ganz viel Kram auf dem Tisch.
Stört das? Bin ich auch zu sehen?" Ja, ja, ja. Lichtprobe für
die Queen des Schnellsprechens, für eine der umstrittensten Figuren
der Popkultur.
Noch 40 Minuten. Probe vorbei.
Sie ist die Sarah, siezen unmöglich. Die Zeit bis zum Auftritt verbringt
die 28-Jährige in einem kleinen Zimmer in der ersten Etage, mit Blick
auf den Saal. Säfte, Wasser, eine Dose Red Bull stehen auf einem Tisch.
Sarah setzt sich auf eine Couch, kramt eine Schachtel Zigaretten aus der
Tasche. Vor 80 000 moderierte sie im August in Rostock das "Deine Stimme
gegen Armut"-Konzert. In Münster werden's 500, im Zimmer ist sie allein.
Der Saal füllt sich, Sarahs Fans sind überwiegend unter 30. Ist
sie, die 1,60 Meter kleine Plaudertasche, eine Leitfigur?
Sie zieht lang an ihrer
Zigarette. "Ich hab' mir das nicht ausgesucht", sagt sie. Bei Viva und
MTV bestimmte die Sarah zwischen 2001 und 2006 die Trends der alternativen
Jugend mit. Doch jetzt? "Ich bewege mich in einem musikalischen Dämmerschlaf."
Die Ballade "Hey there Delilah" von den Plain White T's hörte sie
neulich im Radio, kaufte sich den Song im Internet. Und stellte erst dann
fest, dass er seit Wochen in den Charts ganz oben steht. Sarah ist im Moment
raus aus dem Geschäft. Im August 2006 lief ihre eigene Show bei MTV
aus. Sie hält sich außerhalb des Bildschirms fit. Auf Bühnen.
Denn trotz ihrer TV-Abstinenz
ist sie populär. Pop. "Ich bin so Pop, wie man Pop sein kann. Und
weniger indie als alle glauben." Indie heißt Independent, das steht
für kreative Ausdrucksformen aller Art. Sarah kann kreativ reden.
Schlagfertig quatschen, labern. Labern und labern und sabbeln und immer
schnell, schneller, am schnellsten. Ist die Kamera aus oder liegt eine
Etage zwischen dem Publikum und Sarah, überlegt sie, was sie sagt.
Zieht an der nächsten Zigarette vor der Antwort. "Ich mache erst wieder
TV, wenn ich glaube, dass es gut wird - ich bin da pingelig", sagt sie.
Sie taucht vergleichsweise selten auf. Zum Beispiel wenn es um ihr Buch
geht.
Das ist kein Roman, sondern
eine Kolumnensammlung. "Eine ganz gute S-Bahn- und Klo-Lektüre." Sagt
Sarah selbst. Es geht um Mode, Musik, Menschen. Sie redet viel von Liebeskummer,
von eigenen Erfahrungen - nennt aber keine Namen. Sie ist privat, aber
nicht persönlich. Es bleibt oberflächlich, meist ohne Tiefsinn.
Sie verstelle sich vor der Kamera nicht. Nur wenn es ihr persönlich
schlecht ginge . . .
Schlecht kommt bei Sarah
das Ruhrgebiet weg. "Liegt Mannheim dort? Mir ist das Ruhrgebiet egal."
Am 30. Oktober liest sie in der Essener Zeche Carl und verschwindet schnell
wieder. Zurück nach Berlin, in ihre Heimat. "Ich bin froh, dass wir
die Loveparade abgegeben haben."
Wir heißt Berlin.
Geboren ist die Tochter des Radioreporters Jürgen Kuttner 1979 im
Osten Berlins, in einem "intellektuell-alternativen Elternhaus". Kolumnen
über diese Zeit würde sie nicht hinbekommen. Weil sie sich nicht
für eine Romanschreiberin hält. Und weil sie kaum noch Erinnerungen
hat. Nur eine - an den Frühstückstisch einer Freundin. "Mir lief
einmal", erzählt sie, "vom Toast der Honig runter. Da habe ich gesagt:
Der läuft nach Hamburg." Der Vater ihrer Freundin schaute böse.
"Höchstens nach Dresden", sagte er. - "Dabei haben die West-Fernsehen
geguckt."
Zu sehen ist sie erst einmal
nicht. Aber ab 9. November zu hören - mit ihrem Vater in der Radiosendung
"Kuttner und Kuttner" im RBB. Die beiden reden übers Leben. Reden
hat sie beliebt gemacht. Und unbeliebt. "50 Prozent finden mich top. Die
andere Hälfte hasst mich aus Leidenschaft. Ich weiß nicht, was
ich gemacht habe, habe es nie drauf angelegt. Ich bin nicht unanständig
gekleidet, ich provoziere nicht bewusst."
Noch fünf Minuten.
Sie drückt die letzte Zigarette aus, setzt ihre Sarah-Öffentlichkeits-Popmine
auf, klackt Richtung Bühne. Der Prinzipalsaal ist pickepackevoll.
Bis auf den letzten Platz.
Spot an.
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Infobox
Lesung am 30. Oktober
in der Zeche Carl
Nach ihrem Abi am Berliner
John-Lennon-Gymnasium 1999 absolvierte Sarah Kuttner mehrere Praktika bei
Zeitungen und Radiostationen, bevor sie im November 2001 als Moderatorin
zu VIVA ging. Von August 2004 bis August 2006 moderierte sie erst bei VIVA,
dann bei MTV ihre eigene Show, organisierte zweimal die Musikshow "Kuttner
on ice" in der Berliner Columbiahalle. Nebenbei verfasste Sarah Kuttner
Kolumnen für die Süddeutsche Zeitung und den Musikexpress, die
in zwei Bücher gepackt wurden. Seit ihrem TV-Ausstieg tourt sie durch
Deutschland - und macht am 30. Oktober in der Essener Zeche Carl Station.
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Von Andreas Ernst
Kindernotaufnahme in Altenessen
hat Tag und Nacht geöffnet und bietet 20 Kindern Platz. Die kommen
überwiegend aus dem Essener Norden. „Im Süden sind die Mauern
dicker”, glaubt Leiterin Martina Heuer
Altenessen. Beruhigend wirkt
der gemalte Delfin, der von der Wand grüßt. Ein kleiner Jungesitzt
an einem kleinen Tisch davor und erledigt seine Hausaufgaben. „Fertig”,
sagt er, steht auf, geht zu seinem Schrank und präsentiert Poster
von Kinofilmen. „Simpsons”, „Ratatouille”, eben die Hits des Spätsommers.
Eine Familien-Idylle!? Nein.
Der kleine sechsjährige Junge hat schon viel erlebt. Zu viel. Seit
einem Jahr schon verbringt er Tag für Tag im „Spatzennest”, der Kindernotaufnahmedes
Kinderschutzbundes an der II. Schichtstraße in Altenessen. Im Erdgeschoss
steht MartinaHeuer am Herd. Die Leiterin kocht höchstpersönlich.
Spagetti stehen heute auf demSpeiseplan. Es ist sehr leise, eigentlich
ungewohnt. Warum? Die meisten sind natürlich noch in der Schule. „Wir
renovieren gerade”, sagt Heuer und überprüft die Wassertemperatur.
Aus einem Bürowird gerade ein Schularbeitenraum.
Viel kann Martina Heuer
erzählen. Es kommen Kinder von Alkoholikern; Kinder, die bei
einem schweren Verkehrsunfall Vater und Mutter verloren haben und Kinder,
die sexuellmisshandelt wurden. „Jedes Mal”, verrät Martina Heuer,
„ist es wieder schwer.” Oft werden Kinder von Amt und Polizei gebracht,
manchmal klopfen sie auch selbst an. Tag und Nacht. Die meisten kommenaus
dem Essener Norden, manchmal auch aus Borbeck oder Kray. Doch eine Tendenz
muss das nicht sein. „Im Süden sind die Mauern dicker”, lautet Heuers
mutige Behauptung. Sie schmeißt die Spagetti ins heiße Wasser
und redet kurz mit dem Zivildienstleistenden. Der braucht ein bisschen
Kleingeld für den Bauern, der Obst und Gemüse anliefert. „Wir
versorgen uns hierselbst”, sagt Martina Heuer, bezahlt und bittet zu einem
kleinen Rundgang.
Sie öffnet eine Tür
und präsentiert den Spendenschrank mit Anziehsachen, Handtüchern,
Tornistern, Spielzeug. Oft kommen die Kinder nur mit einer Plastiktüte
in der Hand. „Leiderverwechseln uns die Leute oft mit einem Recyclinghof.
Wir müssen viel wegschmeißen”,erzählt Martina Heuer. Vor
allem Spielzeug wie Puzzle kann das Spatzennest-Team immergebrauchen. Manche
Kinder seien aggressiv, sagt Heuer auf dem Weg in den kleinen Garten.„Sie
gehen teilweise robust miteinander um. Zu Hause wurde ihnen viel abverlangt,
manchmal nehmen sie uns Erwachsene als Stellvertreter. Sie spucken und
schlagen.” Draußen schlagen nur Hasen. Und zwar Haken. Und sie blicken
in die Herbstsonne.
Im Holzschuppen liegen Inliner.
Sport ist sehr wichtig. Zwei der Jungen spielen Fußball bei einemAltenessener
Verein. Noch sind die Spagetti nicht fertig. Im Obergeschoss befinden sich
die Schlafräume der Kinder. „Manche bleiben eine Woche, manche länger.”
Martina Heuer öffnet eine Zimmertür. Kontakte zu den Eltern sind
durchaus vorhanden. „Die meisten Eltern sind einsichtigund Besuchskontakte
deshalb möglich.” Aber nicht alle. Auch Freundschaften sollen bleiben:
Wenn möglich besuchen die Kinder weiter ihren Kindergarten und ihre
Grundschulklasse – ob in Kupferdreh oder Katernberg. Offiziell 5,2 Personen
kümmern sich um den hilfsbedürftigen Nachwuchs – aufgeteilt auf
viele halbe Stellen. „Nicht üppig”, sagt Martina Heuer.
Im Delfinraum sitzt der
kleine Junge mit den beiden Postern und lacht. „Zu Weihnachten”, erzählt
er begeistert, „kriege ich bestimmt einen Nintendo.” Im Erdgeschoss sind
die Spagetti fertig. Gleich ist Schulschluss. Die Spatzennest- Kinder kommen
nach Hause. Und haben Hunger.Das ist Alltag an einem nicht alltäglichen
Ort.
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Von Andreas Ernst
Dortmund. Ein riesiger
schwarzer Vorhang verdeckt die Bühne. Ein weißes "a" mit drei
Punkten kündigt "Die Ärzte" an. Dreimal füllte das Berliner
Punkrock-Trio von Freitag bis Sonntag die Dortmunder Westfalenhalle, bespaßte
insgesamt 37 500 Fans. 37 500! Die ersten Gitarrenklänge, die erste
Zeile von "Himmelblau", Opener des aktuellen Albums. Nach einer Minute
fällt der Vorhang, und Juuuubel im Rund. Sie sind da. Wieder da. Endlich
da.
Schwarze Kleidung tragen
die drei, aber himmelblau ist die Atmosphäre. "Jetzt stehst du hier
und du hörst nicht auf zu lachen, die Welt gehört dir - und der
Rest deines Lebens beginnt, yeah". YEAH! Farin Urlaub mit blond gefärbten
Haaren wie vor 25 Jahren bedient die Gitarre. In der Mitte steht Bela B.
am Schlagzeug, Rodrigo Gonzales am Bass platziert sich rechts. Im Anzug.
Sie sind zwischen 39 und 44 Jahre alt, im reifen Rock-Alter. Von den Klassikern
spielen sie die bekanntesten wie "Zu spät" und "Westerland", lassen
aber auch einige wie "Elke" weg. Rocken ohne Unterbrechung?
Jedes Ärzte-Konzert
besteht aus Verschnaufpausen. Zwölf der 16 Songs des aktuellen Albums
"Jazz ist anders" spielt das Trio, doch nicht alle sind konzerttauglich.
Die Klasse eines Ärzte-Konzertes lässt sich an der Länge
der Band-Unterhaltungen zwischen den Songs ablesen. Diesmal reden Farin,
Bela und Rod nicht viel. Vor "Nie wieder Krieg, nie wieder Las Vegas" sagt
Farin: "Dieses Lied hätte Blixa Bargeld gern geschrieben." Diese Anmerkung
hat noch Niveau. Nach einer Handy-La Ola - alle Fans halten ihre beleuchteten
Displays in die Höhe - flüstert Farin aber: "Vielen Dank für
die sinnlose Batterieverschwendung" und fügt hinzu: "Sollen wir noch
stumpfer werden?" Die Fans brüllen: "JAAAA!"
Doch nicht alles ist Nonsens.
In seltenen Momenten wird's politisch. Als Bela vor dem Song "Tu das nicht"
laut die "Todesstrafe für illegale Downloader" verlangt, klatschen
nur wenige aus der Generation Internet. Textsicher sind die Fans bei "Deine
Schuld", grölen "Geht mal wieder auf die Straße, geht mal wieder
demonstrieren!" Nach dem Anti-Nazi-Song "Schrei nach Liebe" fordert Farin
Demos gegen NPD-Aufmärsche.
Doch der Höhepunkt
ist das noch nicht. Nach fast zweieinhalb Stunden folgt Lied Nummer 30
auf der Setlist, "Junge", die aktuelle Single. Gänsehaut, laut, lauter,
am lautesten. "Junge, warum hast du nichts gelernt?" Das können alle.
Auch den Refrain: "Und wie du wieder aussiehst!" Das ist gut, fantastisch,
Schweißperlen tropfen - doch . . . die letzte Strophe beginnt Farin
mit dem falschen Text, bricht das Lied sofort ab und beginnt die Strophe
von vorn. Hoch, runter, laut, leise, hüpfen, still stehen. Ein typischer
Moment.
38 Songs in drei Stunden,
davon zwölf Zugaben. Drei Männer im Midlife-Crisis-Alter erklären
Dortmund für "rockbar". Die Fans schwitzen, gehen zufrieden heim.
Nicht nur am ersten Abend.
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Von Andreas Ernst
Es ist die kniffligste Aufgabe
des Vormittags. Am Obermeidericher Bahndamm, Höhe Dümpter Straße,
riecht's verbrannt. Auf einer Länge von 50 Metern werden die Schäden
des Schwelbrandes beseitigt. Und als Schutzmaßnahme Bäume gefällt.
Jetzt muss ein Prachtexemplar dran glauben. "Der Baum darf weder auf die
Oberleitung fallen - noch auf ein Haus", sagt der Brandschutzbeauftragte
Jörg Kayser. Der Holzfäller Bernhard Landers betätigt die
Motorsäge uuund. . . der Baum fällt zur Seite. "Peeerfekt", sagt
Kayser.
Perfekt lief in den vergangenen
drei Wochen wenig. Seit Anfang November brennt's am Bahndamm, durch den
Wind der letzten Tage immer heftiger. "Gestern", sagt ein Nachbar, "stiegen
die Rauchschwaden richtig hoch in die Luft." Qualm ist jetzt kaum noch
zu erkennen. Trotzdem trägt der Nachbar eine Digitalkamera bei sich.
Dieses Schauspiel will er sich nicht entgehen lassen. "Dass wir hier roden
müssen", erzählt Jörg Kayser, "wussten wir schon vor drei
Wochen. Nun müssen wir die Arbeiten eben vorziehen."
Solche Brand-Arbeiten bedeuten
Gefahr. Jörg Kayser und die Mitarbeiter der Bahn tragen ein handygroßes
Gerät. Dauernd piept es in kurzen Abständen. "Das bedeutet, dass
wir die zulässige Höchstgrenze für Kohlenmonoxid-Werte überschreiten",
sagt Jörg Kayser. Schnell fünf Meter zur Seite spazieren, schon
schweigt das Messgerät.
Auch Züge schweigen,
kommen hier an diesem Tag nicht vorbei. Der Güterverkehr wird über
den Meidericher Bahnhof umgeleitet. "Das ist eine stark frequentierte Strecke",
merkt ein Bahn-Mitarbeiter an. Die Männer mit dem roten "DB" auf ihren
Ordnungswesten beobachten aufmerksam, wie Landers einen Baum nach dem anderen
fällt. Zwischen 20 und 25 werden es. Keiner zählt die Bäume.
Die Motorsäge wirkt bei Bernhard Landers wie ein dritter Arm, so spielerisch
leicht zerlegt er das Holz.
Das wird morgen abgeholt,
und die gerodeten Stellen vorerst mit Erde abgedeckt und später mit
Baustoffinjektionen abgekühlt. Damit es nicht mehr stinkt - und der
Güterverkehr geregelt fahren kann.
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Von Andreas Ernst
Luftballons hängen an
den Fenstern. Direkt neben den gelben Aufklebern mit der Aufschrift "B8".
Dass die Straße hier so hieß, weiß jeder. Doch "B8" hat
an der Wiesenstraße, Ecke Weseler Straße, in Marxloh seit gestern
eine andere Bedeutung. Es ist der Name eines Übungskaufhauses der
katholischen Jugendberufshilfe "Werkkiste", gedacht zur Berufsvorbereitung.
Freundlich ist die Begrüßung
der junge Übungsverkäufer an der Tür. Alles sieht noch so
neu aus. Ein kleines Regal trägt die Aufschrift "Kinder". Jacken kosten
sechs Euro. Frauen-Oberbekleidung in allen Größen gibt es zwei
Meter dahinter. An der Wand liegen in einem Riesenschrank blaue Jeans in
allen Schnittmustern. Auf den Stehtischen: Plätzchen, Kekse.
Gebacken vom Hauswirtschaftskurs
der Werkkiste, der am Eröffnungstag das Catering übernimmt. Wolfgang
Hecht, pädagogischer Mitarbeiter der Werkkiste, schaut stolz auf das
neueste Projekt seiner Gesellschaft. "Das hier ist eine außerbetriebliche
Ausbildung für Jugendliche im Übergang von der Schule ins Berufsleben",
sagt Hecht. Vor allem für Haupt- und Gesamtschulabsolventen. Gymnasiasten
kommen nur selten. Wenn die Jugendlichen nicht wissen, welchen Beruf sie
erlernen wollen, werden sie von der Arbeitsagentur in Qualifizierungsmaßnahmen
geschickt - zum Beispiel bei der Duisburger Werkkiste.
Die achtet dann darauf,
dass die Jugendlichen Ausbildung so viel wie möglich über das
Berufsleben lernen - nicht nur praktisch, sondern auch theoretisch, denn
in der ersten Etage liegen Schulungsräume. Viele Gruppen mit unterschiedlichen
Themen sind beteiligt. Es gibt eine Dekorationsgruppe, die das "B8" einrichtete.
Die nächste Gruppe beschäftigt sich mit dem Zukauf der Waren,
eine weitere ist für den Verkauf zuständig. Die Ziele sind erst
einmal klein. "Wenn die Jugendlichen wissen, wie ihr nächster Schritt
aussieht, ist unser Ziel erreicht. Am Ende soll dann natürlich ein
fester Job stehen", sagt Hecht und ergänzt: "Wenn ich einen auf der
Straße treffe und der sagt: Hömma Wolfgang, ich hab' einen Job,
dann freue ich mich tierisch."
In diesem Job muss es dann
nicht um Jeans gehen. "Jeans und Arbeitskleidung" ist nur der erste Oberbegriff.
In Zukunft sind auch Ausstellungen geplant - dann können neue Gruppen
das "B8" wieder umgestalten. Zurzeit sind 60 Jugendliche am Übungskaufhaus
beteiligt - viele mit Migrationshintergrund. "Der Duisburger Norden bietet
viel Zündstoff - aber ich mag die Leute hier", sagt Hecht. "Das hier
ist ein tolles Miteinander der Kulturen." Noch so ein Vorteil des "B8".
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Von Andreas Ernst
Düsseldorf. What
a feeling to get on your feet and dance with wild boys. Es glitzert grün
und rot, es zappeln im hautengen Diskokostüm gekleidete Menschen mit
Föhnfrisur. Wen interessieren Reagan und Kohl? Die 80er Jahre brachten
auch Tanzfilme hervor. Das Düsseldorfer Capitol Theater hat das Musical
"Miami Nights" aufgemotzt und neu aufgelegt. Bis zum 13. Januar feiert
das Ensemble ein Heimspiel.
Doch aus Düsseldorf
werden die Zuschauer schnell nach Florida entführt. Die juckt es gar
nicht, dass die Story nach zwei Minuten vorhersehbar ist. Der Tänzer
Jimmy (Felix Maximilian) verkracht sich mit seiner Partnerin Jessica (Matacza
Soozie Boon). Für den "Miami Nights Dance Contest" braucht er eine
Neue. Er findet sie - American Dream lässt grüßen - in
Laura (Patricia Meeden), der kubanischen Popcorn-Verkäuferin.
Die Popkultur der 80er für
die Ü30-Party-Generation. Es fällt nicht schwer, Elemente aus
"Saturday Night Fever". "Flashdance" und "Dirty Dancing" zu erkennen. Die
Choreographie ist - in einem Hip-Wort der 80er - "geil", die Tänze
von Salsa bis Rumba oft zum Niederknien. Sogar einige Dialoge überraschen
mit Zitaten aus 80er-Filmen.
Doch wen interessieren Gespräche?
Wenn eine kubanische Gang zu "Wild Boys" über die Bühne fegt,
Laura und Jimmy sich bei "Time after Time" näherkommen und sich Jessica
zum "Material Girl" erklärt, ist das himmlisch. Doch Sprachästheten
werden sich am deutschen Akzent von Felix Maximilian in seinen englischen
Passagen stoßen. Und Ava Brennan, die Lauras Schwägerin Mercedes
gibt, wäre die bessere Laura - mehr Feuer, mehr Erotik. Es knissssstert
und das "Rhythm is gonna get you" aus ihrem Mund lässt das Publikum
doppelt so heftig mitwippen.
Die Düsseldorfer Society
belohnte das Ensemble um Regisseur Alex Balga trotzdem mit Standing Ovation.
Selbst Hans Meiser und Harry Wijnvoord erhoben sich. What a Premierenfeeling!
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Von Andreas Ernst
Sieht die nicht schön
aus, die Von-der-Mark-Straße in Meiderich? Eine aufpolierte Fußgängerzone,
ein Citymanager kümmert sich um den Branchenmix, das ist schick, es
herrscht eitel Sonnenschein. ...
... Doch am Horizont türmen
sich dunkle Wolken: In Hagenshof - auch das gehört zu Meiderich -
fühlen sich nach einer Umfrage 72,9 Prozent der Einwohner nicht sicher.
Der Hagenshof: Eine vergessene Siedlung, die Probleme hat und Lösungen
braucht.
Wie Meiderichs zwei Gesichter
in der Politik behandelt werden, zeigte sich in der Sitzung der Bezirksvertretung
am vergangenen Dienstag. Citymanager Jörg Frost legte seine Jahresbilanz
vor, präsentierte per Powerpoint-Vortrag und Internet-Vorführung
Ergebnisse und Ausblicke seiner Arbeit. Über eine Stunde dauerten
Referat und Diskussion, am Ende klopften sich alle artig auf die Schulter.
Einen Tagesordnungspunkt
später ging es um den Hagenshof. Um die Umfrage. Viele Bewohner fühlen
sich dort nicht sicher, finden zudem die Siedlung dreckig. 30 Prozent würden
am liebsten möglichst schnell wieder wegziehen. Horst Salmagne, Mitarbeiter
des 2007 eingerichteten Stadtteilbüros, hörte sich die Redebeiträge
der Bezirksvertreter an. Doch die dauerten nur fünf Minuten! Keine
weiteren Ideen zu den in der Umfrage vorstellten Lösungsansätzen,
keine Diskussion über die Zahlen.
Wozu über den Hagenshof
reden, wenn's auch die Von-der-Mark-Straße gibt. Die Bezirksvertretung
muss ihre Prioritäten überdenken.
Copyright liegt bei der WAZ Mediengruppe
Von Andreas Ernst
Unter dem Abfall von Thyssen
liegt das Grab des kleinen Ortes Alsum, an das nicht mehr viel erinnert.Der
"Alsumer Berg" ist dafür jetzt einen Ausflug wert. Tolle Aussicht
auf die Rheinschiene und die neue Kokerei
Es ist verdammt diesig an
diesem Vormittag. Ein Schild am Alsumer Steig weist den Weg. "1,3 Kilometer
bis zur Aussichtsplattform" steht darauf. Links liegt der Alsumer Berg,
rechts der Rhein. Geradeaus und im Rücken: Industrie. Rauchwolken,
Hochöfen, es stinkt etwas. Nach was? Schwer zu sagen. Nach Arbeit.
Alsum. Hier wohnten bis vor 43 Jahren Menschen?
Der Alsumer Berg ist ein
Teil der "Route der Industriekultur" im Duisburger Norden. Der Landschaftspark
Nord, das Museum der Binnenschifffahrt: klar! Aber Alsum. . . Und vor allem:
Alsum, n i c h t Walsum! Was war denn hier? Eine Siedlung, so heißt
es. Hoffentlich gibt es hier bald ein Schild.
Noch ist keins in Sicht.
Ein langer, schier endloser Weg führt am Rhein entlang. An diesem
grauen, kalten Wintertag traut sich kein Radfahrer den Schotterweg entlang,
kein Fußgänger schaut sich die rauchenden Öfen an, niemand
liegt auf den Wiesen. Augen schließen, an den Sommer denken: Dann
ist es ein Paradies für Frischverliebte, Sportler, Fotografen.
Doch diesmal: Kapuze auf,
Regenschirm. Nach 800 Metern folgt endlich das lang erwartete Schild mit
den historischen Informationen. Einst stand an dieser Stelle das Schiffer-
und Fischerdörfchen Alsum, das 1892 zu einem Kohlenverladeplatz wurde.
Der Hafen versank jedoch 1925/26 im Rhein. Im Erdreich unter Alsum wurde
Kohle abgebaut, deshalb sank der Stadtteil immer tiefer. Irgendwann zog
man die Notbremse.
An diesem kalten Wintertag
ist kein Hochwasser zu sehen. Noch 500 Meter sind es zum Gipfel. Es geht
nun steil bergauf. Eigentlich wäre das perfekt für einen Berglauf
von Fußballmannschaften. Zu Fuß wird's anstrengend. Schnell
noch über die Fakten auf der Tafel nachdenken: 1965 verließen
die letzten 155 Einwohner den Stadtteil. Die Stadt füllte das Gelände
zu einer Schutthalde auf - und gestaltete sie schließlich zu einer
Grünfläche um. Alsum, 1933 die Heimat von 3360 Menschen, ist
nun als "Alsumer Berg" ein Teil der Industriekultur und Landschaftsschutzgebiet.
Angekommen auf dem Gipfel.
Es ist kein besonders schöner Tag für eine tolle Aussicht. Aber
doch schon beeindruckend genug. Thyssen-Krupp-Stahl liegt ganz, ganz nah,
am Horizont sind schemenhaft Fabriken und Kraftwerke in Rheinberg, Walsum
und Voerde zu erkennen. Ringsum Industrie. Hinsetzen, verweilen, nachdenken,
das Ruhrgebiet genießen, einatmen.
Der Abstieg beginnt. Der
Landschaftspark Nord ist schön. Aber der Ausblick vom Alsumer Berg
auch.
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Von Andreas Ernst
Essen. Ein Konzert
in Hamburg, Mitte der 90er. Rio Reiser spielt. Unter den Zuschauern: Jan
Plewka. Mit seiner Band Selig rockt er gerade kreuz und quer durch die
Republik. Plewka ist ganz oben. Nun bekommt er die Chance, sein Idol zu
treffen. "Selig ist geil. Such dir was aus", sagt der Verkäufer am
Merchandising-Stand. "Und jetzt gehen wir zu Rio, einen saufen." Plewka
folgt dem Verkäufer, sieht Reiser an einem Tisch sitzen. Und läuft
weg. "Das war zu viel für mich. Never meet your idols." Treffe niemals
deine Idole. Rio Reiser ist tot, Selig gibt es nicht mehr, Jan Plewka ist
von der großen Popkulturbühne verschwunden. Er tourt stattdessen
mit seinem Programm "Plewka singt Reiser" durch Deutschland. Am 28. Februar
ist er in Essen.
Er tritt nicht mehr in verrauchten
Clubs und Hallen auf. Theater sind nun sein bevorzugtes Metier, in Essen
das "Grillo". Mit einem Schifferklavier setzt er sich dann allein auf eine
rote Couch und singt mit seiner intensiven, kratzigen, kräftigen und
doch zärtlichen Stimme "Unten am Hafen". Spaziert mit seiner Band
bei "Der Turm stürzt ein" unplugged durch die Sitzreihen, sammelt
für ein Bier nach dem Konzert.
"Ich war ein glühender
Fan", sagt er. "Durch Rio habe ich singen gelernt, der war authentisch
und cool. Nicht die ganzen Schlagerheinis." Singen gelernt. Früher,
in den 80ern, als er in Ahrensburg in Schleswig-Holstein aufwuchs. Mit
seinen Freunden saß er am See, mit Gitarre in der Hand und Rio-Reiser-Titeln
auf den Lippen. Wundervolle Songs wie "Übers Meer". Der beginnt mit
der Zeile "Tag für Tag weht an uns vorbei".
Ab 1994 wehten die Tage
nicht an Jan Plewka vorbei. Sie flogen. Mit 24 stürmten Plewka und
seine Band Selig die Charts, veröffentlichten in kurzer Zeit drei
Alben, zwei kamen bis auf Platz 15. Plewka schrieb Hits wie "Sie hat geschrien",
"Wenn ich wollte", "Ist es wichtig" oder die Ballade "Ohne Dich". Kleine
Klassiker. "Wir waren jung und haben vier Jahre einen Riesenkrawall gemacht.
Wir haben so viel erlebt wie andere in 100 Jahren nicht."
Die jungen Rocker tauchten
in Kurt Cobains Selbstmordjahr auf, in einer Zeit auf der Suche nach neuen
Idolen. "Wir haben uns mehr in der Tradition von Jimi Hendrix und Led Zeppelin
gesehen. Aber der Zeitgeist trällert mit - und dann waren wir eben
German Grunge." Grunge, die Musikrichtung, die Cobains Band Nirvana groß
machte. "Am Abend von Cobains Selbstmord hatten wir ein Konzert. Wir haben
eine Ansprache gehalten. Einer im Publikum ist komplett ausgerastet, musste
rausgetragen werden", sagt Plewka.
Cobain kam nicht mehr klar.
Mit sich, seinem Leben, seiner Berühmtheit. Ein Leben, in das Plewka
mit Anlauf hineinschlitterte. In Hoch-Zeiten von Viva und MTV produzierten
Selig etliche tolle Musikvideos, zogen von Show zu Show, liefen im Radio
rauf und runter. Doch nach vier Jahren auf der Überholspur stellten
Plewka und seine Bandkollegen fest: Jetzt ist gut. "Als der Erfolg zum
Alltag wurde, wurde es langweilig. Da kriegst du einige Macken mit. Wir
waren kaputt, zerspielt. Ich war 24 Stunden Selig. Du weißt nicht
mehr, ob du noch einen Freund hast. Das war Burn-out. Wir mussten einfach
aufhören." Deutschlands Grunge-Hoffnung: Das Aus nach nur vier Jahren.
Aus und raus. Weg. Plewka
ging 1998 nach Schweden, zog ein Jahr in eine Holzhütte, mit regelmäßigen
Ausflügen in die Hauptstadt. "Stockholm wurde zu meiner Therapiestadt."
Vom mit Selig verdienten Geld blieb nichts mehr übrig. "Das habe ich
in Stockholm in Bier investiert", sagt Plewka und lacht. Er streifte sein
Selig-Ich ab und wurde wieder zum kleinen Künstler aus Schleswig-Holstein,
der am See mit seinen Freunden Rio-Reiser-Lieder singt.
Nach genau einem Jahr kehrte
er aus Skandinavien zurück. Er nahm ein Solo-Album auf, eins mit seiner
zweiten Band Zinoba und gründete 2004 Tempeau. Mit Freunden aus alten
Ahrensburger Musik-am-See-Zeiten wie dem Schauspieler Marek Harloff. Die
Freunde wohnen inzwischen wieder im Norden, Plewka hat drei Kinder zwischen
zwei und zehn Jahren. Dass er immer noch als der "Ex von Selig" bezeichnet,
geht ihm etwas auf den Zeiger. "Aber ich schäme mich nicht. Ich habe
ja nicht bei ,Gute Zeiten, schlechte Zeiten' mitgespielt."
Jan Plewka, heute 37, hat
zum Leben als Idol "Nein" gesagt. "Die Teenager standen in Selig-Zeiten
vor unserer Wohnung, wollten uns Tagebücher schenken. Man selbst weiß,
dass das verglüht." Bei MTV taucht er nicht mehr auf. Er singt Rio-Reiser-Lieder.
"Die Leute haben ein irres Bedürfnis nach naiven Utopien." Bei "Keine
Macht für niemand" und "Die letzte Schlacht gewinnen wir" brüllen
die Zuschauer laut mit. Leise Gitarrenmusik vor ein paar hundert Zuschauern.
Das reicht Jan Plewka. Heute.
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